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Kommentar zum Coronavirus

Pandemie der Panik

Ruhig zu bleiben fällt in Zeiten der Panikmache angesichts des Coronavirus schwer. Warum wir es trotzdem tun sollten, erklärt unsere Autorin, Dozentin für Hygiene, Prävention und Sozialmedizin an der Uni Bozen.

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Lizenz: CC0
Bild: Claudio Schwarz, Unsplash

Die gute Nachricht vorneweg: Mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie nicht an Corona sterben. Die schlechte hinterher: Sterben werden Sie trotzdem. Ich kann Ihnen sogar sagen, woran: Vermutlich an einer kardiovaskulären Erkrankung – zumindest statistisch gesehen. An Viren zu sterben ist voll Achtziger, der moderne Mitteleuropäer stirbt vorwiegend an seinen schlechten Gewohnheiten, die ihm irgendwann die Gefäße dichtmachen. Und jetzt kommt Corona und trifft uns da, wo es am meisten weh tut: In unserem bedingungslosen Fortschrittsglauben, dass wir alles im Griff und für jedes Problem eine Lösung haben.

Tatsächlich haben wir aber bemerkenswert wenig im Griff, den Tod zum Beispiel nicht und Krankheiten leider auch nur begrenzt. Und die Verbreitung von COVID-19 auch nicht (mehr) – denn dafür sind inzwischen zu viele betroffen und unsere Welt zu sehr globalisiert. Damit macht uns Corona weniger wegen seiner vermuteten Letalität*, sondern wegen des gefühlten Kontrollverlustes Angst: Da kommt etwas, worauf wir nicht vorbereitet sind. Da kommt etwas, das wir noch nicht kennen und wogegen wir (noch) kein Mittel haben. Da kommt etwas, von dem wir nicht wissen, wann es endlich wieder gehen wird und wie viele es tatsächlich mitnehmen wird.

Denn auch wenn das Gerücht diesbezüglich nicht totzukriegen ist: Corona ist tödlicher als die Influenza. Die genaue Letalität von COVID-19 werden wir aber erst in einiger Zeit wissen, nämlich dann, wenn alles vorbei ist. Im Moment – aber diese Zahl wird sich wie gesagt verändern – beträgt sie außerhalb von Wuhan vermutlich irgendetwas zwischen ein und vier Prozent mit starken regionalen Schwankungen. Übersetzt bedeutet das: Es wird nicht die Apokalypse, ernst nehmen muss man es aber schon. Denn es wird zwar der größte Teil der Infizierten schadlos davonkommen, aber ein kleiner Prozentsatz wird nicht überleben. Bei der spanischen Grippe, mit der sich unsere Vorfahren um 1918 herumschlagen mussten, vermutet man beispielsweise eine Letalität zwischen zwei und drei Prozent. Und wie bei der spanischen Grippe liegt die Gefährlichkeit von COVID-19 nicht darin, dass es einen Einzelnen umhaut, sondern dass es viele gleichzeitig trifft – und dass deswegen unsere Gesellschaft erst ins Wanken und dann ins Chaos gerät, weil zum Beispiel Versorgungskapazitäten nicht ausreichen, Krankenhausbetten ausgelastet und Handelswege blockiert sind. 

Realitätscheck gegen Hysterie

Epi- und Pandemien sind weniger eine Herausforderung für den Einzelnen, als für uns als Gesellschaft: Wie gehen wir mit einer plötzlichen Bedrohung um? Oszillieren wir zwischen Panik und Bagatellisieren? Gehen wir noch zur Arbeit oder bleiben wir schon zuhause, um literweise Desinfektionsmittel herzustellen? Hamstern wir Haltbares und wechseln wir die Straßenseite, wenn unser asiatischer Nachbar kommt? Halten wir uns an sachliche Hygieneregeln oder alles für chinesische Propaganda?

Nun will nachvollziehbarerweise keiner an einem Virus sterben. Aber die Wahrheit ist: Menschen sterben aus den blödesten Gründen. Sie werden überfahren, fallen angeschnallt vom Himmel oder ungesichert von den Bergen und werden mit dem Küchenmesser vom Ex-Mann erstochen. Verzeihen Sie bitte diese unschöne Aufzählung, aber tatsächlich ist etwa das Risiko, dass ich oder meine Freundinnen in meinem Alter in Italien an Corona sterben viel geringer als das Risiko, an unserem Geschlecht zu sterben: Frauen werden hierzulande ja alle 72 Stunden ermordet, deswegen wurde allerdings noch nie ein Fussballspiel abgesagt. Und: Ich halte eigentlich nicht viel von Es-gibt-immer-noch-Schlimmeres-Vergleichen, aber ein kleiner Realitätscheck hilft gegen kollektive Hysterie. Deswegen lassen Sie mich fortfahren mit Gevatter Tod’s grotesken Gepflogenheiten: Menschen ertrinken im Mittelmeer, erfrieren in Flüchtingscamps in Griechenland, oder verhungern in der zentralafrikanischen Republik. Sie werden erschossen, zerbombt und zermetzelt weil sie das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort Mensch zu sein. Die Sadisten und die Nekrophilen brachten und bringen unserer Welt so viel Tod, wie es die spanische Grippe, Corona und HIV zusammen nie schaffen werden. An Viren wollen wir zwar keinesfalls sterben, wegen Religion, Staat, Überzeugungen, Rohstoffen, Ehre, Geschlecht und Hautfarbe wird aber weiterhin fleißig gestorben. Und vor allem wegen Hunger, der aufgrund des Klimawandels erstmals seit 2000 wieder schlimmer wird: An Corona sind bisher 2.933 (Stand 29.02.2020 und es liegt leider in der Natur dieser Sache, dass es noch mehr werden) Menschen gestorben, an Hunger sterben jedes Jahr geschätzte neun Millionen Menschen, davon rund 3,1 Millionen Kinder. 

Corona macht die Panik, die uns Mikroplastik in der Luft, der Hunger in der Welt und die Kriege nebenan schon längst hätten machen sollen.

Aber keiner stampft deswegen Krankenhäuser über Nacht aus dem Boden, sperrt Städte ab, schließt Schulen, stoppt Züge und schickt das Militär in die Provinz. Was ja insgesamt auch Maßnahmen sind, über die man bei einer potenziellen Pandemie schon mal reden kann. Die Frage ist: Warum redet man sonst nicht darüber? Corona hat uns vor allem eines gezeigt: Wie schief die kollektive, mediale und politische Wahrnehmung von Bedrohungen tatsächlich hängt. 

Während die WHO aktuell diskutiert, ob man COVID-19 noch als Epidemie oder doch schon als Pandemie einstuft, hat die Hysterie auf jeden Fall schon pandemische Ausmaße angenommen: Corona macht die Panik, die uns Mikroplastik in der Luft, der Hunger in der Welt und die Kriege nebenan schon längst hätten machen sollen. Corona lässt innerhalb weniger Tage sanitäre Versorgungsstrukturen entstehen, die auf Lesbos seit Monaten dringend gebraucht würden. Corona zwingt Politiker*innen zu Entscheidungen und Stellungnahmen, die ihnen alle Femizid-Opfer zusammen in den letzten hundert Jahren nicht entlocken konnten.

Es ginge, wenn wir wollten

Corona versetzt das Volk in eine kollektive Habachthaltung, die die Luftverschmutzung mit ihren 4,6 Millionen Toten pro Jahr mindestens genauso rechtfertigen würde. Wenn, sagen wir, nur halb so viele Südtiroler*innen, die jetzt Hamsterkäufe machen, die Brennerautobahn blockieren würden, dann gäbe es beispielsweise sehr schnell raschere und mutigere Entscheidungen in einer Transitpolitik, die im Moment nur der Wirtschaft, aber sicher nicht der Gesundheit der Südtiroler*innen zuträglich ist. Und apropos Zukunft: Wer sich heute vor Corona in die Hosen macht, der darf sich morgen auf neue Erreger wie das Dengue-Fieber, Zika, Chikungunya oder das West-Nil-Virus freuen – denn bei steigenden Temperaturen breiten die sich auch dort aus, wo sie bisher nie waren. 

Corona zeigt uns, dass es ginge, wenn wir wollten. Dass Staaten schnell, unbürokratisch und transnational helfen und kommunizieren können, dass sie Ausnahmeregelungen rasch umsetzen, Geld locker machen und Humanressourcen bereitstellen können, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen – wenn sie denn wollten. Man muss aber wohl davon ausgehen, dass sie bei den Kindern, die an der türkischen Grenze erfrieren oder denen sie auf der Insel Lesbos bei Krankheiten mit einer wirklich hohen Letalität wie Diabetes, Epilepsie oder Herzkrankheiten die medizinische Versorgung verwehren, einfach nicht wollen. Und auch vor der eigenen Haustür in der Euregio scheinen die Länder im Kampf gegen den Feinstaub, der nicht nur bis in unsere Lungenbläschen, sondern übers Blut in verschiedene Organe transportiert wird, im Vergleich zu Corona in einer legislativen Lethargie. Dabei sind das – verglichen mit dem Coronavirus – Probleme, gegen die wir Mittel und Möglichkeiten hätten und für deren akute Lösung es keine Raketenwissenschaft, aber Ressourcen und mutige Politik bräuchte. Eine Menschheit, die zwar Krankenhäuser in einer Woche auf-, aber den Pflegenotstand jahrelang nicht abbauen kann, sollte vor allem eines: ihre Prioritäten überdenken. 

Das Psychogramm der Pandemie zeigt uns außerdem, wie dünn das Eis der Zivilisation ist, wenn Menschen und Medien kopflos werden. Die Leute, so scheint es, entwickeln bemerkenswerte Schwierigkeiten mit dem abstrakten Denken und können nur noch in simplen Mustern denken: Weil das Virus von China ausging, waren weltweit alle auch nur annähernd asiatisch aussehenden Personen plötzlich in Sippenhaft. Das war natürlich nicht schlimm, solange es „nur“ die Asiaten waren: Jetzt ist man aber im Ausland selbst die/der stigmatisierte Italiener*in und stinkbeleidigt, dass niemand mehr bei uns Urlaub machen will. Fühlt sich irgendwie unfair an, was?

Sie können Ihre asiatischen Nachbarn auch weiterhin ohne Mundschutz grüßen und Sie können insgesamt Ihr Leben ganz normal weiterleben.

Stigma ist wie eine zweite Krankheit: Es breitet sich aus, isoliert die Betroffenen und tut ganz schön weh – fragen Sie mal eine/n Alzheimerpatient*in oder eine/n Aidskranke*n. Dabei wäre gerade jetzt wie bei allen sozialmedizinischen Herausforderungen ein wünschenswertes Krisenprotokoll: Zusammenhalten, ruhig und sachlich bleiben in der Diskussion und Umsetzung staatlicher Maßnahmen und auf Halbwissen in Sozial- und reißerischen Printmedien zu verzichten, damit die Krise nicht zur Katastrophe wird. 

Bleiben Sie ruhig!

Bleiben Sie deswegen bitte auch ruhig und hangeln Sie sich in Ihrer Pandemiepanik nicht entlang von Nationalitäten und Clichées – das tun Viren und Bakterien nämlich auch nicht. Sie können Ihre asiatischen Nachbarn auch weiterhin ohne Mundschutz grüßen. Und wenn Sie die klassischen Hygieneregeln und die staatlichen bzw. regionalen Präventionsempfehlungen und -maßnahmen einhalten, dann müssen Sie auch keine Zwiebelschalen bei Vollmond neben Ihre Vodoopuppe legen: Waschen Sie stets Ihre Hände und niesen Sie Ihrem/r Nachbar*in nicht in die Nudelsuppe. Fassen Sie sich nicht mit Ihren Händen in die Nase, an den Mund und in die Augen und – falls Sie das aus irgendwelchen Gründen reizt – auch nicht ihrem Gegenüber.

Und bitte bleiben Sie zu Hause, wenn Sie sich nicht gut fühlen, denn auch Sie sind, wirklich wahr, ersetzbar. Das gilt übrigens für jede Art von Infektion, ob mit Influenza oder Corona – chillen Sie bitte mit Netflix zuhause in Ihrer Poltrona. Denn wenn Sie einmal im Großraumbüro oder im Fahrstuhl ordentlich niesen, hat (fast) jeder was davon: Für jeden, der krank in die Arbeit geht und seine bakteriellen und viralen Duftmarken setzt, husten statistisch gesehen bald 40 Prozent der Kollege*innen mit. Lüften Sie die Räume regelmäßig und wenn sie zur vermuteten Risikogruppe der älteren oder immunsupprimierten Leuten gehören, dann seien Sie bitte besonders auf der Hut und reduzieren Sie etwa unnötige Sozialkontakte temporär. 

Wenn Sie das alles beachten, dann dürfen Sie sich beruhigt über andere Dinge sorgen – Verkehrsunfälle, Feinstaub und Femizide etwa. Das haben wir nämlich alles genauso wenig im Griff wie das Virus. Denn so fortschrittlich wir auch sind, leider haben wir keinen Anspruch auf Unversehrtheit in unserer zerbrechlichen Menschlichkeit und das ist ebenso erschreckend wie tröstlich. Blöderweise hat das Leben selbst eine Letalität von genau 100 Prozent. Und zwar überall und jederzeit.

Wichtig ist, dass Sie trotzdem und genau deswegen immer dran denken: Das Wort „Pandemie“ kommt nicht von „Panik“ – aber gerade darin liegt des Virus’ gesamtgesellschaftliche Gefährlichkeit: Dass alle durchdrehen. Tun Sie es deswegen bitte nicht. Und falls Sie trotzdem zwanghaft die Fallzahlen kontrollieren und sich in der Apotheke um das letzte Lysoform prügeln müssen, denken Sie dran, dass Sie vermutlich nicht an Corona, sondern an koronaren Herzerkrankungen sterben werden und deswegen dringender als auf sterile Oberflächen auf etwas anderes achten sollten: auf Ihren Blutdruck.

*Letalität ist das Verhältnis der Todesfälle zur Anzahl der Erkrankten und gibt an, wie hoch die „Sterblichkeit“ einer Erkrankung ist.

 

Die Grüne „Covid-19“-Nummer 800 751 751 ist von 8 Uhr bis 20 Uhr aktiv, dort werden Auskünfte erteilt. Die Notrufnummer 112 steht wie immer für alle Notfälle zur Verfügung. Bei Corona-Verdacht soll sie nur gewählt werden, falls jemand an sehr hohem Fieber und schwerer Atemnot leidet. Wenn Sie grippeähnliche Symptomen bei sich oder einem Familienmitglied bemerken, setzen Sie sich mit dem Hausarzt telefonisch in Verbindung, gehen Sie NICHT direkt ins Ambulatorium oder in die Notaufnahme. Bitte halten Sie die Präventivmaßnahmen ein.

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Ich kann der Argumentation aus diesem Artikel wenig abgewinnen. Erstens wird gegen einen Strohmann argumentiert, denn wie hoch ist denn der Anteil der Bevölkerung, die sich wirklich im pathologischen Sinne panisch oder neurotisch verhält? Der Artikel thematisiert nämlich nur oberflächlich das Corona-Virus, viel mehr dient er als Aufhänger für eine Mischung aus einer persönlichen Weltsicht und sozialpolitischen Themen, die vielleicht in einem dedizierten Artikel besser aufgehoben wären. Die kompetenten Ratschläge zur persönlichen Hygiene würden damit weniger in den Hintergrund gerückt.

In der Grundaussage kann ich dem Artikel zustimmen, Panik ist nicht angebracht, denn sie ist immer ein schlechter Ratgeber. Manche Einschätzungen der Autorin teile ich jedoch in keinster Weise. Beispielsweise der Satz "Denn auch wenn das Gerücht diesbezüglich nicht totzukriegen ist: Corona ist tödlicher als die Influenza. ". Zirkulierende Influenza-Stämmen haben typischerweise eine Letalität von lediglich 0.1%. Wenn also selbst im Artikel für das Covid19 2-3% angegeben werden, so ist dieses per Definition um eine ganze Größenordnung tödlicher, auf Augenhöhe mit einer der schlimmsten Abwandlungen der Influenza, der spanischen Grippe, welche nun gewiss nicht zur Beschwichtigung geeignet ist. Die absoluten Todesfälle zum aktuellen Zeitpunkt mit anderen Todesursachen aufzurechnen ist schlichtweg unseriös, da wir erst am Anfang des Verlaufs stehen, sofern die Verbreitung nicht doch noch rechtzeitig eingedämmt werden kann, was allerdings mit jedem Tag unwahrscheinlicher wird.

Die Bedrohung des Virus entsteht nicht aus der aktuellen Situation, sondern aus seinem Pandemie-Potential. Anhand der derzeit geschätzten Basisreproduktionszahl r0 zwischen 2-3 (das bedeutet, dass im Mittel jeder Infizierte 2-3 weitere Personen ansteckt) und des daraus erfolgenden exponentiellen Wachstums der Infektionsraten wird wohl längerfristig ein Großteil der Bevölkerung (Schätzungen zwischen 40-60%) sich den Virus einfangen, sofern wir kein Gegenmittel finden. Noch gibt es keine Impfung und die vielen internationalen Fälle an unterschiedlichsten Standorten deuten darauf hin, dass es nun eine zu große Anzahl an unabhängigen Übertragungspersonen gibt, als dass man die Verbreitung noch im Keim ersticken könnte. Bei einer großflächigen Verbreitung des Virus sind auch 2% Tote kein Pappenstiel mehr. Und auch wenn für uns gesunde Jungspunde das persönliche Risiko minimal ist, sind dafür ältere Bekannte und Verwandte im entsprechend höherem Maße betroffen. Nur das eigene Risiko zu bewerten wäre eine etwas egoistische Haltung.

Was bleibt uns also übrig? Durch persönliche Hygiene und Präventionsmaßnahmen versuchen, die Übertragungschancen des Virus möglichst zu vermindern und sich an die Tipps der Autorin zu halten. Was auf persönlicher Ebene die Hygiene ist, sind auf kollektiver Ebene Maßnahmen, um unnötige Menschenansammlungen zu reduzieren, weil diese erst "Superspreader" ermöglichen. Nur um einem eventuellen temporären Nationalstigma zu entgehen, auf derartige Maßnahmen zu verzichten, wäre aus meiner Sicht unverantwortlich. Über den Verlauf im genannten Beispiel München, eventuell kommende Maßnahmen in Deutschland und deren Auswirkungen können wir dann gerne in den nächsten Wochen zurückblicken. Ich begrüße explizit jede Vorsichtsmaßnahme des Staates! Dass dabei Fehlentscheidungen getroffen werden, liegt in der Natur der Sache, denn wir haben schlichtweg kein Patentrezept im Umgang mit dem Virus. Die internationale Staatengemeinschaft hat noch keinerlei Erfahrung im Umgang mit einer drohenden Pandemie eines so hochansteckenden Erregers in einer dermaßen verflochtenen, globalisierten Welt, wie heute. Wenn wir den Verbreitungsverlauf verlangsamen können, dann gewinnen wir auch Zeit und Kapazitäten für die sanitären Strukturen, die bei einer hohen Anzahl an gleichzeitigen Fällen durchaus bald an ihre Grenzen stoßen könnten.

Deshalb sollte also jeder seinen Beitrag leisten und durch verantwortungsvolles Handeln, ganz ohne Panik seinen Beitrag zur kollektiven Sicherheit beitragen, egal ob alt oder jung. In unserer hyper-egoistischen Welt, ist das vielleicht auch ein geeigneter Zeitpunkt zur Reflexion zur eigenen Haltung gegenüber der Gesellschaft. Das Virus zeigt uns nämlich vor allem eines: Wir sind alle miteinander verbunden, über Familien, Gemeinschaften, Städte, Staaten, selbst Kontinente hinweg.

Empfehlung für Interessierte: Die Pocast-Reihe des NDR mit dem Virologe Christian Drosten:
https://www.ndr.de/nachrichten/info/Infektionen-werden-weiter-steigen,au...

Sehr gut geantwortet und auf dem Punkt gebracht! Ich bin ganz Ihrer Meinung, was ich alles hören musste in diesen Tagen ("vom Coronavirus heilt man mit einer warmen Suppe"), die Menschen haben diese Maßnahmen total nicht verstanden und meinen, dass der Grund dafür die Panik ist (statt sich gegenüber dieser zu bedanken). Schade. Aber danke, dass Sie sich Zeit genommen haben, eine rein wissenschaftliche Antwort dazu zu geben. Luisa Battain

Lieber Leser,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Wie im Beitrag wörtlich geschrieben handelt es sich bei COVID-19 um eine ernstzunehmende Erkrankung (wie es andere auch sind), deren Verbreitung aufgrund der Globalisierung schwer einzugrenzen ist, die ein bestimmter Prozentsatz nicht überleben wird und deren Letalität erst in Zukunft beschreibbar sein wird. Wenn Sie aus der Relation mit anderen, sozialmedizinisch relevanten Themen herauslesen, dass 2% Tote ein Pappenstiel sind, das Risiko für Ältere nicht wichtig für die „Jungen“ wäre oder staatliche Maßnahmen nicht umgesetzt werden sollten, ist das Ihre subjektive Zuschreibung und keine Aussage im Artikel. Vordergründig geht der Beitrag auf den gesellschaftlichen Umgang mit COVID-19 ein (und dieser ist kein "Strohmann" wie Sie an den Hamsterkäufen etc. sehen) und differenziert in Relation zu anderen sozialmedizinischen Problematiken. Dabei lasse ich selbstverständlich auch meine persönliche „Weltsicht“ und sozialpolitische Haltung einfließen - es handelt sich schließlich um das Genre eines Kommentares. Der ist, wie Sie richtigerweise erkannt haben „oberflächlicher“ als eine Dissertation über Virenstämme etwa und auch die Hygieneregeln, die natürlich ernst zu nehmen sind, wären weiter ausführbar: Man niest seinem Nachbarn beispielsweise nicht nur nicht in die Nudelsuppe, sondern auch nicht in den Bohneneintopf. LG

Vielen Dank für Ihre Antwort Frau Plagg. Ihr Artikel stößt derzeit auf eine sehr große Resonanz im ganzen Lande und durch ihre Stellung besitzt ihre Aussage auch Gewicht. Leider lesen viele den Artikel nur oberflächlich oder kaum mehr als die Überschrift. In meinen Gesprächen habe ich jedenfalls festgestellt, dass ein signifikanter Teil der Leser aus dem ausführlichen Artikel nur folgende simple Botschaft entnimmt: "Die Dozentin für Hygiene und Prävention sagt keine Panik, also wird nun von der Expertin bestätigt, was wir immer schon wussten: alles Getue rund um das Virus ist übertrieben, eigentlich bräucht man gar nichts zu tun". Kommunikation ist nun leider zu einem Großteil was ankommt. Und die Verbreitung dieser Haltung sehe ich kritisch und kontraproduktiv im Umgang mit der Pandemie.
Natürlich können Sie einen Kommentar inhaltlich und stilistisch nach Belieben gestalten und ich verstehe, dass ein trockener Kommentar mit Tipps zur persönlichen Hygiene intellektuell anspruchlos und wenig reizvoll sein mag. Ich möchte Ihnen zu bedenken geben, dass es sich hier mittlerweile wohl um den meistgelesenen Kommentar zur Corona-Epidemie in unserere lokalen Medienlandschaft handelt. Deshalb wünschte mir vielmehr, die gängige Lesart wäre eher Richtung "Es ist keine Panik angebracht, aber mit diesen paar Maßnahmen kann und sollte jeder seinen kleinen Beitrag zur kollektiven Gesundheit beitragen, weil man den Virus trotzdem ernst nehmen sollte."
N.B.: Ich setze bei Ihrem Kommentar hier einen besonderen Maßstab an, weil sie als Autorin mit Ihrer beruflichen Qualifikation auftreten und Sie in der Funktion als Dozentin für Hygiene und Prävention auch eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung für Ihre Aussagen haben. Und meine Meinung ist: So interessant der Artikel auch geschrieben ist, er motiviert niemanden zu einem verantwortungsvolleren Handeln, sondern unterstützt in seinem Grundton durch Vermischung mit anderen Themen, Abwiegelung bzgl. der Quarantänemaßnahmen und Übertreibung (ein paar leere Regale = Panik?) durchaus bis zu einem gewissen Grad die gängige Leseart.
Auch ich befürworte, wenn wir in stoischer Ruhe gelassen der Zukunft entgegensehen, aber das gilt nur für das, was außerhalb unserer Einflusses liegt. Und hier liegt möglicherweise der Knackpunkt im Unterschied unserer Sichtweise. Ich bin absolut überzeugt, dass wir durch rationale Hygiene- und Präventionsmaßnahmen einen Teil an Übertragungen verhindern können und jeder dazu seinen Teil beitragen kann, die Ausbreitung zumindest zu verlangsamen. Jede Kleinigkeit kann hier durchaus einen großen Unterschied machen (exponentielles Wachstum). Das empfinde ich als wesentlich rationaleren Zugang als die Haltung der Schulterzuckfraktion. Und eine Kernaussage in diese Richtung hätte ich mir persönlich von jemandem in Ihrer Position gewünscht.

Als Gesellschaft kann man an Krisensituationen wachsen wenn man zusammenhält. Die erlernten Fähigkeiten können dann auch auf andere Probleme angewendet werden. Wer sich bei einfachsten Maßnahmen gleich schon anfangs ausklinkt, weil er kein signifikantes Risiko für sich persönlich sieht, wird auch kaum zu motivieren sein sich bei der Lösung für ihn abstrakteren, globalen Herausforderungen (Hunger, Flüchtlinge) einzusetzen.

Ich muß sagen, ich kann beidem sehr viel abgewinnen. Die betrifft sowohl den Beitrag von Frau Plass, als auch von Ihnen Stevju G. Ich meine Sie beide im Ergebnis dessen, was nun bezogen auf die aktuelle Pandemie - darum ging es ja im Artikel - zu unternehmen wäre, gar nicht so weit auseinander zu sehen.
Vielleicht sehen Sie, Stevju G., den Anspruch mit einem einzigen Beitrag Ihre Erwartungshaltung erschöpfend beschrieben sehen zu wollen, etwas zu hoch. Die von Ihnen empfohlene Podcast-Reihe umfaßt mittlerweile 18 Folgen. Ich finde sie übrigens sehr interessant! Vor allem war da für mich sehr spannend, wie sich Empfehlungen doch über die Entwicklung eben drastisch veränderten. Eines ist dieser Podcast-Folge aber eben auch zu entnehmen. Herr Drosten meint hier immer wieder, dass dies nicht die Zeit für Vorwürfe oder Schuldzuweisungen sei. Die Energie und Zeit der Verfassung entsprechender Antworten kann man zielführender einsetzten.
Entsprechend habe ich dem Beitrag und Ihrer Antwort doch interessantes entnehmen können, interpretiere Ihre Antwort einfach als inhaltliche Ergänzung zum Thema und entmehme für mich aus beidem bzogen auf das Thema einen Konsenz.
Was ich wirklich beeindruckend finde, ist die Kommunikationskultur! Vielen Dank dafür! Das ist wirklich erfrischend!

Ich finde auch, dass die Autorin gar nicht den Sinn der Maßnahmen erfasst hat. Ich sehe keine Panik um mich herum, und die Komplimente, wie München das Thema gehandhabt hat, würde ich mir ersparen, da anscheinend genau von dort aus Patient 1 kam und Nordrhein Westfalen jetzt ziemlich beschäftigt ist, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Sterben müssen wir alle für irgendeinen Grund, danke für die Mitteilung, brauchen nicht einen Dozent um dies zu verstehen aber, soweit ich verstanden habe, dienen diese Maßnahmen dazu, um die Intensivstationen nicht zu überfordern.

Sehr guter Artikel! Ich kann mich der Argumentation von Frau Plagg voll anschließen. Eine der Kernaussagen ist doch, dass wir neben diesem Virus, das durchaus unser Gesundheitssystem zum Kippen bringen kann, noch andere, wichtigere Probleme und Sorgen hätten, die wir nicht aus den Augen verlieren sollten. Feinstaub, Fauenmorde und Plastik sind nur einige davon. Wir sind dabei den ganzen globalen Karren in den Ofen zu schieben und jammern, wenn die Touristen ausbleiben?
Dabei wäre es warscheinlich wirklich besser, wir würden die Autobahn besetzen um den Feinstaub zu reduzieren, als uns in Hamsterkäufe zu ergehen. Natürlich mit gewaschenen Händen und ohne anderen in die Nudelsuppe zu nießen.
Also Prioritäten überdenken? Die Antwort darauf ist leider, dass wir in einer Turbo-Gesellschaft leben, in der wir uns mit unserer Turbo-Mobilität dem Turbo-Kapitalismus verschrieben haben. Daher ist es "angenehmer" über das böse Virus zu sinnieren, als unser Turbo-Leben zu überdenken und uns auf einen nachhaltigen Weg zu bringen.
Grüße

Die Sachlichkeit, die hier in diesem Artikel kommuniziert wird, ist sicherlich eine größere Hilfe als der propagierte Katastrophennotstand durch Medien und Regierungsbeauftragte etc. Hier werden die Dinge in Relation gesetzt, um klar die Fakten zu beurteilen. Ich möchte hier noch auf einen weiteren Aspekt hinweisen: Was ist denn eigentlich eine breit erlebte Realität? Es ist eine Sicht auf etwas, die viele als Faktum betrachten. Hier stellt sich nun die Frage, ob gedankliche Übereinstimmung tatsächlich Erleben kreieren kann? Kann die Anfälligkeit zu einem ansteckenden Virus durch Angst und der Übereinstimmung zu einer weltweit auf uns zukommenden Pandemie gefördert werden? Kann eine Schnupfennase so zu einem Drama werden?
Ich denke ja – ich meine unser Gedanken sind die Basis unseres Erlebens. Ein gesellschaftliches dramatisches Erleben wird erst durch die geschürten Ängste wirklich zu solch einem. Mit diesen Emotionen trägt jeder Einzelne zu so einem Szenario bei. Mit dieser erzeugten gedanklichen Energie werden die Dinge „gefüttert“ und wachsen in ihrer Größe.
Man kann seine eigenen Gedanken und Gefühle zur Kenntnis nehmen und sie nicht unbesehen glauben, sondern sie als das, was sie sind, erkennen – Gedanken, Betrachtungen mögliche Realität, aber kein Faktum.
Claudia Moser, MGT Institut für Bewusstseinserforschung

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