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Portrait eines binationalen Paares

Nur der Dialekt zählt

Wenn die Liebe groß ist, sprengt sie Landesgrenzen. Doch das gemeinsame Leben in Südtirol kann schwer sein, vor allem für den Partner aus dem Ausland.

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Lizenz: CC by-nd
Bild: Herz-Jesu-Feuer, rjasmin

Trotz ihres italienisch klingenden Namens ist Maria Lotti* eine waschechte, alteingesessene Südtirolerin. Der italienische Einfluss ist irgendwo ganz hinten, in den letzten Verzweigungen ihres Familienstammbaums zu finden. Doch seitdem haben ihre Vorfahren – mütterlicher- wie väterlicherseits – jahrhundertelang immer nur Deutsch gesprochen, Südtiroler Dialekt, um genau zu sein. Auch sonst ist Lottis Leben geordnet: Sie ist Sportlehrerin an einer Oberschule in Bozen, hat dort bereits vor vielen Jahren eine Stammrolle erhalten, ist außerdem zweifache Mutter und verheiratet.

Doch während die exotischste Wahl der meisten Südtirolerinnen höchstens noch auf einen Italiener fällt, stammt Maria Lottis Ehemann aus Polen. Die Begegnung zwischen ihr und Mirek Nowak*, vor 25 Jahren auf einem Tennisplatz, hat das Leben dieser beiden Menschen ganz schön durcheinandergebracht. Mit enormen Auswirkungen bis heute. Nowak und Lotti leben zwischen zwei Kulturen bzw. zwischen drei, weil Südtirol ja an sich schon ein Spezialfall ist: der deutschen, der italienischen und der polnischen Kultur. Diese Partnerwahl bedeutete nicht nur, wie in der Liebe üblich, sich auf ein anderes Individuum, sondern gleich auf die ganz andere Welt, aus welcher der Partner kommt, einzulassen. Lotti ist inzwischen in die polnische Sprache und Kultur hineingewachsen, über die Verlogenheit der polnischen Politik zu schimpfen, ist ihr genauso eine Selbstverständlichkeit wie das Wettern gegen die Korruption in Italien. Und auch ihre zwei Buben – einer noch in der Schule, der andere in der Ausbildung – sehen sich heute zuweilen eher als Polen anstatt als Italiener oder als Südtiroler. 

Das Leben zwischen zwei Welten, das ist Bereicherung und Herausforderung zugleich. „Wer in einer zweisprachigen Familie aufgewachsen ist, weiß das”, sagt Lotti. Doch auch in diesem Punkt ist Südtirol ein Spezialfall. Denn die Herausforderungen sind oft ungleich größer als die Bereicherung, vor allem für den Partner, der aus dem Ausland kommt. Für Mirek Nowak.

„Manche Leute denken hier gerne, Ausländer seien faul bzw. sie seien bei der Arbeitssuche zu wählerisch.“

Seit ein paar Wochen ist Nowak wieder auf Arbeitssuche, in ausgezeichnetem Hochdeutsch und einem leichten polnischen Akzent ruft er bei verschiedenen Arbeitgebern an, um sich um freie Stellen zu bewerben. Bisher noch vergeblich. Nowak ist ein gebildeter, großgewachsener Mann, der die Gelassenheit und Ruhe jener Menschen hat, die ans Gute im Menschen zwar glauben, aber die verbissene Erwartung aufgegeben haben, dieses Gute auch sehen zu müssen. Vielleicht versteckt es sich nur. Zum Beispiel hinter all den bürokratischen Zetteln, den Unmengen an Formularen, die Nowak in den letzten 25 Jahren, seit er in Südtirol lebt, ausfüllen hat müssen. Beim Schulamt, sowohl beim deutschen als auch beim italienischen, als er mehrmals vergeblich versucht hatte, seine polnische Matura hier anerkennen zu lassen und überrascht feststellen musste, dass es im Grunde bis heute keinen verbindlichen Leitfaden gibt, wie das Reifezeugnis aus einem anderen EU-Land anerkannt werden kann. Oder beim Arbeitsamt, um wieder einmal seine Arbeitslosigkeit zu melden. Seit er hier lebt, hat Nowak fast immer gearbeitet, aber es waren vor allem in letzter Zeit nur Gelegenheitsjobs. Dazwischen immer wieder Wartezeiten mit der aufreibenden Ungewissheit darüber, wie lange die Familie nur mit dem Lehrergehalt auskommen muss.

Inzwischen ist es schon ein paar Wochen her, seit der letzte Arbeitsvertrag ausgelaufen ist. In der Regel nutzt Nowak seinen Überschuss an Zeit, um die Wohnung aufzuräumen oder etwas Gutes zu kochen. Für seine Frau ist das praktisch. Wenn sie nach einem langen Tag in der Schule erschöpft heimkommt, ist es angenehm zu wissen, dass der Haushalt schon erledigt ist. „Über die traditionelle Verteilung der Geschlechterrollen sind wir ohnehin hinausgewachsen“, sagt Lotti. Aber auch das täuscht nicht über die traurige Tatsache hinweg, warum die Familie überhaupt immer wieder in diese Situation kommt. „Manche Leute denken hier gerne, Ausländer seien faul bzw. sie seien bei der Arbeitssuche zu wählerisch“, hat Nowak beobachtet. Doch in Wirklichkeit ist es der Südtiroler Arbeitsmarkt, der für Ausländer kaum zugänglich ist. In anderen Worten: Es wird diskriminiert. Wie krass die Diskriminierung ist, musste das Ehepaar feststellen, als die x-te Stelle, für die sich Mirek Nowak beworben hatte, schon vergeben war und er daraufhin auf eine Idee kam.

Sie riefen bei weiteren Arbeitgebern an, zuerst Mirek Nowak auf Hochdeutsch und mit polnischem Akzent, dann Maria Lotti in makellosem Südtiroler Dialekt. Für ihn war die Stelle „schon vergeben“, für sie hingegen „noch frei“. 

Nachdem seine Matura nicht anerkannt worden war, hatte Nowak sich zum Masseur ausbilden lassen. Damit hätte er im Land der Hoteliers nicht allzu falsch liegen sollen. Auch eine Ausbildung zum interkulturellen Vermittler der Provinz war hinzugekommen, aber die hatte man sich ausgedacht, ohne einen entsprechenden Job zu schaffen, musste Nowak später feststellen. Also konzentrierte sich Nowak auf Jobangebote für Masseure. Auch dieses Mal rief er an, ein Hotel suchte eine/n Masseur/in, Nowak stellte sich auf Hochdeutsch höflich vor, verwies auf seine Qualifikation. Dass ihm daraufhin mitgeteilt wurde, die Stelle sei schon vergeben, war inzwischen schon der Regelfall. Diesmal aber wollte das Ehepaar der Sache auf den Grund gehen: Sind die Stellen wirklich jedes Mal schon vergeben? Also rief statt Mirek Nowak nun Maria Lotti an, stellte sich auf Dialekt vor, nannte dieselbe Qualifikation, die auch ihr Mann hatte – und da war die Stelle plötzlich frei.

Ein rassistischer Arbeitgeber? Ein Skandal, dachten sich Maria Lotti und ihr Ehemann zunächst. Doch der Verdacht, dass dies kein Einzelfall, vielmehr die Norm ist, bestätigte sich bald. Sie riefen bei weiteren Arbeitgebern an, zuerst Mirek Nowak auf Hochdeutsch und mit polnischem Akzent, dann Maria Lotti in makellosem Südtiroler Dialekt. Für ihn war die Stelle „schon vergeben“, für sie hingegen „noch frei“. „Am Anfang wollte es uns keiner glauben“, erzählt Nowak. „Aber auch die Beamtin im Arbeitsamt musste feststellen, dass es wirklich so ist. Als ich einmal dort war, rief sie bei derselben Nummer noch einmal an, wo mir eben gesagt wurde, die Stelle sei schon besetzt. Ich hatte aber Zweifel und sie rief an, um sich zu vergewissern. Wieder dasselbe Ergebnis: Für sie war die Stelle frei“. Dabei wäre das Massieren nicht unbedingt eine Arbeit, bei der es auf linguistische Fertigkeiten ankäme. Doch Einheimische stellt man offensichtlich lieber ein – es sei denn, am Ausländer lässt sich Geld sparen.

„Wenn dem Land Südtirol die gelungene Integration von Migranten wichtig ist, dann sollte man Intensivkurse in Dialekt anbieten.“

Letztere Erfahrung musste Nowak gleich zu Beginn machen, als er in den Neunzigern als Erntehelfer nach Südtirol kam. Eigentlich war sein Plan damals ganz einfach gewesen: Bei ein paar Ernten in Südtirol mitzuarbeiten und mit dem Ersparten nach Polen zurückzukehren. Denn das Geld, das er hier verdiente, war in seiner Heimat aufgrund des Kaufkraftunterschiedes ein Vielfaches wert – ähnlich dem Gehalt, das Südtiroler Pendler und Gastarbeiter in der Schweiz verdienen und dann nach Südtirol zurückbringen. Das Geld kam allerdings regelmäßig mit zwei Monaten Verspätung auf seinem Konto an. Und die Arbeit an den Wochenenden wurde erst gar nicht bezahlt. Nowak dachte anfangs, das sei, obwohl nicht sehr korrekt, für alle so. Dann beging der Angestellte am Schalter in seiner Bank allerdings eine Indiskretion und verriet ihm, dass er als einziger ausländischer Erntehelfer seltsamerweise auch als einziger das Gehalt von diesem Landwirt mit zwei Monaten Verspätung erhielt und für die Wochenenden nicht bezahlt wurde. „Das hätte mich damals bereits warnen müssen“, meint Nowak heute. Seit jener Zeit, in den frühen 90er-Jahren, ist er in Südtirol immer nur Jobs nachgegangen, für die er eigentlich überqualifiziert war: Er war Erntehelfer, Aushilfe bei verschiedenen Tätigkeiten, Lagerarbeiter. Dort hat er einmal einen Bandscheibenvorfall erlitten und war lange Zeit bettlägrig.

„Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, wäre ich nicht in Südtirol geblieben“, weiß Nowak mit der Erfahrung, die er heute hat. Und wenn, dann hätte er von Anfang an nicht Hochdeutsch, sondern Dialekt gelernt. Nur damit kommt man in Südtirol weiter, ist er überzeugt: „Wenn dem Land Südtirol die gelungene Integration von Migranten wichtig ist, dann sollte man Intensivkurse in Dialekt anbieten,“ so lautet seine Forderung.

Andererseits hätten ihn die Strapazen der letzten 25 Jahre auch viel gelehrt. Zum Beispiel die Fähigkeit, auf die Akzeptanz der anderen verzichten zu können. Denn das müsse man hier als Ausländer leider lernen. Andererseits ist da auch die wichtige Fähigkeit, die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind. Das haben Mirek Nowak und Maria Lotti beide gelernt. Und außerdem haben sie ihre Söhne, ihre Freunde, ihre beiden kulturellen Welten. Und das lebensverändernde Hobby, wodurch sie sich damals, vor 25 Jahren, kennengelernt haben: Tennisspielen. Den Bandscheibenvorfall hat Nowak inzwischen überwunden. In regionalen Freizeitturnieren ist er inzwischen wieder dabei und gewinnt dort so manches Spiel.

*Auf Wunsch des Ehepaares wurden alle Namen geändert, um Herrn Nowak nicht weiteren Schwierigkeiten auszusetzen.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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