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Mit Glyphosat vertrieben

In Kolumbien setzt die Regierung Pestizide zur Vertreibung von indigenen Völker ein.

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Lizenz: CC0
Bild: Jeff Vanuga

In den USA prozessieren Bürgerinnen und Bürger gegen den Chemie-Riesen Bayer. Dessen Produkt, das Glyphosat, soll bei diesen klagenden US-Amerikanern Krebserkrankungen verursacht haben. Sie verwendeten dieses „Unkrautvernichtungsmittel“ bei ihrer Arbeit.

Laut der Tageszeitung TAZ akzeptiert der Chemie-Konzern nach jahrelangem Rechtsstreit das erste US-Gerichtsurteil, wonach das weltweit meistverkaufte Pestizid Krebs verursacht. Auch ein zweiter Prozess ging negativ für Bayer aus.

Der Konzern lehnt aber die inhaltliche Begründung ab. Trotz aller siegesgewissen Glyphosat-Statements des Konzerns, berichtet die TAZ, bot Bayer Zehntausenden Klägern einen Vergleich an, der 10 Milliarden Dollar kosten soll. Auch diese Klagenden führen ihre Krebserkrankungen auf Glyphosat zurück, zitiert die TAZ aus den Anklageschriften. Bayer kündigte an, mit zwei Milliarden Dorfen noch weitere nicht eingereichte Klagen beilegen zu wollen.

Trotz dieser Klagen in den USA verlängerte die EU den weiteren Einsatz von Glyphosat in der Landwirtschaft bis zum Dezember 2022. Die Verantwortlichen können keine menschengefährdende Gefährlichkeit entdecken. Landwirtschaftspolitiker und Bauernvertreter in Europa schwärmen nachgerade, man könne das Mittel sogar bedenkenlos trinken – das sagte beispielsweise Landesrat Arnold Schuler im Brustton der Überzeugung – ohne einen gesundheitlichen Schaden zu erleiden.

Wie auch immer, das Glyphosat trägt zum Insektensterben bei, warnen Umweltschützer. Verbraucher- und Umweltschützer liefen aber bisher erfolglos Sturm, sie forderten ein Glyphosat-Verbot, sie verlangten einen Verwendungsstopp. Sie verweisen auf die in den USA angestrengten Prozesse gegen Bayer und sie zitieren die Internationale Agentur für Krebsforschung. Diese stellte 2015 im Widerspruch zu den EU-Behörden fest, dass das Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ ist.

Glyphosat-Besprühungen in Kolumbien: die effektivste Methode für Vertreibungen

Weniger zimperlich ist der kolumbianische Staat, wenn es um den massiven Einsatz von Glyphosat geht. Die kolumbianische Juristin Diana Carolina Ibanez untersuchte das großflächige „Ausbringen“ des Herbizids auf den Feldern der vielen Klein-Bauern in den Bergen und im Regenwald des Landes. Dieses Herbizid beschäftigt die Juristin seit langer Zeit, es wurde zu ihrem Forschungsgegenstand, sie ging den Spuren des Glyphosats in ihrer Heimat nach. Ihr Fazit:  Die Landbevölkerung wird mit dem Versprühen von Glyphosat aus ihren Gebieten vertrieben. Gewaltsam effektiv, schreibt Ibanez.

Die Opfer sind Angehörige traditioneller Gemeinschaften – indigene, schwarze und bäuerliche, sagt Ibanez. Menschen also, die von der herrschenden Elite politisch, sozial und ökonomisch ausgegrenzt werden. Menschen der sogenannten Peripherie, weit entfernt von den Metropolen. In diese Regionen kommt der Staat nie hin, so wirft Ibanez der Regierung gezielte Vernachlässigung vor. Der Staatsapparat ist aber besonders erfolgreich, wenn es darum geht, die bäuerlichen Regionen mit Glyphosat zu vergiften, kritisiert die Juristin die Regierung in Bogotá.

Die bäuerlichen Regionen waren in den vergangenen Jahrzehnten Schauplätze des Krieges zwischen linker Drogen-Guerilla und dem kolumbianischen Militär.

Die Peripherie ist das Gegenstück zur Welt der Städte und der Elite. Im Abseits konnte eine bäuerliche Gesellschaft überleben, die auf gemeinschaftlichen Grundbesitz setzt und für die Land das Überleben bedeutet. Ein Gegenentwurf zur Gesellschaft der Großgrundbesitzer, der Nachfahren der spanischen Eroberer. In diesem Schatten agieren die Drogenkartelle, die Machtbasis der konservativen Regierung.

Die bäuerlichen Regionen waren in den vergangenen Jahrzehnten Schauplätze des Krieges zwischen linker Drogen-Guerilla und dem kolumbianischen Militär und Rückzugsgebiet der Drogenkartelle. Die indigenen und schwarzen Gemeinschaften wurden von den verschiedenen Seiten terrorisiert. Sie waren ein leichtes Opfer der verschiedenen bewaffneten Gruppen. Diana Carolina Ibanez: „Ein Leben zwischen Armut, Kugeln und handfesten Bedrohungen.“ Es wurde aber noch schlimmer. Mit militärischer Präzision wird Glyphosat gegen die indigenen und schwarzen Kleinbauern eingesetzt. Diese flüchten aus ihren Regionen. Ibanez spricht deshalb von einer massiven Vertreibung.

Ibanez, das Kollektiv Orlando Fals Borda und das Menschenrechtsnetzwerk des Pazifik von Nariño (Red de Derechos Humanos del Pacífico Nariñense, REDHPNA) wollen den Einsatz von Glyphosat stoppen. Die Regierung begründet den „Abwurf“ von Glyphosat aus Hubschraubern und Flugzeugen mit dem Argument, den Anbau von Koka zu unterbinden. Ibanez weist das Argument als Vorwand zurück. Die Vertreibung ist das Ziel, wirft sie der Regierung vor, weil Bogotá den selbstgenügsamen indigenen und schwarzen Bauern misstraut. Die Regierung verletzt mit ihrer „Glyphosat-Politik“ die individuellen und kollektiven Rechte der Besprühten.

Seit 40 Jahren setzt der kolumbianische Staat Glyphosat gegen den illegalen Drogenanbau ein, erfolglos. 

Der Glyphosat-Einsatz muss aus humanitären Gründen unterbunden werden, werben Menschenrechtsgruppen in Kolumbien. Sie appellieren an die StädterInnen, die Kampagne für das Verbot zu unterstützen. Die BürgerInnen sollen sich in die Lage der Besprühten versetzen, bittet Ibanez um Unterstützung. „Was würde passieren, wenn eines Tages ein Kleinflugzeug über unsere Häuser fliegt und alles mit Gift besprüht? Was ist, wenn wir nach einer Weile entdecken, dass auch unser Trinkwasser mit Glyphosat kontaminiert ist? Und wenn unsere Kinder krank werden und Hautausschläge bekommen, nachdem sie dem Herbizid ausgesetzt waren?“ fragt die Juristen. „Wenn das Ihnen und mir passieren würde, würden wir alle unsere Kräfte einsetzen, um das zu verhindern. Also warum ist es dann nicht genauso besorgniserregend, wenn dies unseren indigenen, afrokolumbianischen oder kleinbäuerlichen Gemeinschaften passiert?“

Glyphosat nistet sich ein, im Land, warnt Ibanez, setzt sich auf dem Tisch fest, auf der Kleidung, in jeder Ecke des Hauses und schädigt den Boden, den Körper und das Leben. Deshalb müssen die Gemeinden fliehen, beschreibt Ibanez die Folgen, weil dieses Gebiet kontaminiert ist.

Seit 40 Jahren setzt der kolumbianische Staat Glyphosat gegen den illegalen Drogenanbau ein, erfolglos. Erfolgreich hingegen ist aber die Vertreibung der Menschen von ihrem Land. Die Menschen haben es sich verdient, in Frieden zu leben, ist Ibanez überzeugt. Nach Jahrzehnten des Krieges im eigenen Land.

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In der kanadischen Provinz British Columbia wird auf dem Gelände einer ehemaligen katholischen Internat-Schule ein Massengrab entdeckt. Indigene Kinder wurden dort vergraben. Im Amazonas-Regenwald in Brasilien töten Covid und Goldsucher indigene Menschen. In Rojava in Nord-Syrien wehren sich Kurden gemeinsam mit Arabern und Aramäern gegen türkische und syrische Islamisten. Die Sami in Skandinavien, politisch unkorrekt Lappen, halten stur an ihrer Rentierhaltung fest. Es gibt eine andere Welt hinter den globalen Glitzer-Fassaden, die sich gegen das Plattmachen sträubt, Menschen die darauf beharren, eine eigenständige Existenz zu haben.

Ihre Geschichten tauchen nicht oder nur selten in den großen Medien auf.  Über diese Menschen spricht niemand oder kaum jemand. In der Reihe „The Others“ kommen jene zu Wort, die nicht gehört werden, die keine Stimme haben.

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