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Selbstversuch Mikroabenteuer

Kurz mal lebendig

Die Idee des Mikroabenteuers verspricht Abwechslung und Freiheitskick – trotz geregelten Alltags. Kann das funktionieren? Unser Autor hat es getestet.

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Bild: Juan Goyache/unsplash

Berlin klingt manchen vielleicht schon nach Abenteuer, nach Rausch und Dekadenz. Aber wenn man da wohnt, so wie ich, insbesondere während einer Pandemie, wird die Stadt nach einer Weile so langweilig und schmucklos wie das Bozner Don Bosco-Viertel. Sogar die Plattenbauten verlieren ihren Ostblock-Charme. Was übrigbleibt, ist ein trostloses Grau, das der Durchschnittsfarbe des norddeutschen Winterhimmels in nichts nachsteht.

Die Vorstellung, dass das Abenteuer, die Reise, dann einfach im Kopf stattfinden kann, war mir schon immer suspekt. Vielleicht ist es nur ein Mangel an Fantasie. Aber ich kann nicht bei Rot den Zebrastreifen überqueren, angehupt werden und mir ausmalen, ich wäre in Mumbai. Das liegt weniger an den Sinneseindrücken des Augenblicks als am Freiheitsgefühl, das sich erst durch die Rahmenbedingungen der Reise ergibt. Ob man in Indien ohne festes Ziel unterwegs ist, auf unbestimmte Zeit, mit einem Rucksack als ganzen Besitz, oder ob man in einer europäischen Großstadt nach Schichtende in die U-Bahn eilt, um einen Termin beim Physiotherapeuten wahrzunehmen, macht doch einen erheblichen Unterschied. Das sind Gegensätze, die sich durch keine Vorstellungskraft und Achtsamkeitstechnik überbrücken lassen.

Die radikale Wiederentdeckung der Gegenwart und die Aufhebung der eigenen Begrenztheit sind daher die Gefühle, die einen immer wieder zu abenteuerlichen Reisen per Anhalter, zum planlosen Vagabundieren in fremden Großstädten oder zu Trekking-Touren durch Mittelitalien antreiben. Wenn man es einmal erlebt hat, macht der minutiös geplante, vom Reisebüro abgesegnete Pauschalurlaub einfach keinen Sinn mehr.

Das Problem ist nur: Wo bekomme ich diese Gefühle her, wenn ich im Jahr nur fünf Wochen Urlaub habe und nicht gerade als Reisereporter Karriere mache? Wenn ich mich nicht auf die Fantasie eines Karl May berufen kann? Wenn eine Familie mit Kindern sagt: Wir haben unseren Papa lieber gelangweilt zuhause als irgendwo freudejauchzend oder krisengeschüttelt in der Welt draußen?

Abenteuer vor der Haustür

Der britische Abenteurer und Autor Alastair Humphreys, ein Typ, der innerhalb von vier Jahren auf 74.000 Kilometern um die Welt geradelt ist, fand sich genau in dieser Lage wieder. Bis er eine recht simple und unspektakuläre Idee hatte: Warum nicht einfach mal den Autobahnring M25, der London umrundet, entlangwandern? Gesagt, getan: Es wurde kalt, laut und hässlich, ganz wie befürchtet. Aber auch ungeheuer aufregend, sagt Humphreys. Seitdem tourt der Brite mit dem Konzept der „microadventure“ – des Mikroabenteuers – um die Welt. Seine Botschaft: Es muss nichts Großes sein, um uns zu bewegen. Es ist alles schon da, vor unserer Haustür. Die Komfortzone ist kein unabwendbares Schicksal. Sie zu verlassen, ist überall und jederzeit möglich.

Die Regeln sind klar: Kein Auto, der Schauplatz des Abenteuers soll zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden. Begrenzter Zeitrahmen, irgendetwas zwischen sechs Stunden und drei Tagen. Keine Planung, nur eine unkonventionelle Idee: nachts die Stadt von Ost bis West durchqueren; in einem Industriegebiet zwischen Containern unter freiem Himmel übernachten; oder einfach in eine Richtung loslaufen und schauen, wie weit man kommt.

Für Ausreden bleibt wenig Platz. Entweder man will es oder man will es nicht.

Während ich schon meinen Rucksack packe und die Trekkingschuhe für meinen Selbstversuch schnüre, frage ich mich, was ein Mikroabenteuer eigentlich von anderen Sonntagsunternehmungen und Ausflügen ohne Auto und Plan unterscheidet. In meiner Studienzeit in München bin ich einmal mit Zug und Bus ins Karwendelgebirge gefahren und habe dort zwei Nächte im Zelt verbracht, tagsüber irgendwelche Gipfel bestiegen. War das auch schon ein Mikroabenteuer? Zugegeben, damals hätte ich es wohl anders genannt, eine überstürzte Fluchtaktion aus Liebesfrust zum Beispiel. Auf jeden Fall hat es funktioniert: Mit freiem Kopf kehrte ich nach drei Tagen in die Stadt zurück und wusste wieder, dass das Leben mehr bereithält als den Kummer, einen bestimmten Menschen nicht neben sich zu haben.

So lautet auch das Versprechen des Mikroabenteuers: den Kopf frei kriegen, neue Perspektiven entdecken, einen Modus Vivendi mit dem eigenen Alltag finden. Die Idee an sich ist keineswegs neu, der hippe Begriff schon. Vielleicht geht es aber auch weniger um Semantik, sondern darum, dass es uns projektorientierten Menschen des 21. Jahrhunderts eben leichter fällt, etwas durchzuziehen, wenn wir es klar benennen und kategorisieren können. Und offenbar passt die Idee hervorragend in die Zeit, insbesondere seitdem die großen Reisen und Expeditionen ohnehin tabu sind: In deutschsprachigen Online-Foren geben sich bereits tausende „Mikroabenteurer“ gegenseitig Tipps und tauschen Erfahrungsberichte. Auch auf Instagram bringt es der Hashtag #microadventure auf beachtliche 185.000 Beiträge, das deutsche Pendant auf immerhin 20.000.

Schwieriger Aufbruch

Wie ich endlich loslege, trage ich die Idee dieses Selbstversuchs schon seit zwei Wochen mit mir herum. Dann war er aber da, der letzte einer Reihe milder und sonniger Februartage und weiteres Aufschieben wäre einer groben Fahrlässigkeit gleichgekommen. Das ist vielleicht das stärkste Argument für das Konzept des Mikroabenteuers: seine Niederschwelligkeit. Keine großen Vorbereitungen, keine Planung, sondern innerhalb von 20 Minuten ab Entschluss das Haus verlassen. Für Ausreden bleibt da wenig Platz. Entweder man will es oder man will es nicht.

Will jetzt mehr davon: der Autor auf seinem “Mikroabenteuer”.

Bild: Teseo La Marca
In Berlin Ostkreuz steige ich aus der S-Bahn und starte das Abenteuer dort, wo die Abenteuer normalerweise im Nachtleben stattfinden. An geschlossenen Clubs und überwucherten Rave-Flächen vorbei, bis die Monotonie des Trotts durch Berlins Peripherie mich in einen ebenfalls eintönigen Geisteszustand versetzt.


Der Aufbruch zu einer Reise amplifiziert in den ersten Stunden und Tagen meistens die Stimmung, in der man das eigene Heim verlassen hat. Auch in diesem Fall war es nicht anders. Und weil ich in den Wochen vor meinem Selbstversuch mit jener Art von Krisen beschäftigt war, die einen dazu zwingen, den eigenen Standort zwischen verschiedenen Lebensmodellen zu hinterfragen und neu zu denken, erschien mir auch diese ganze Unternehmung bald so fadenscheinig und inkonsistent wie mein restlicher Lebenslauf. Trotzdem gehe ich weiter, einfach deshalb, weil ich mich nicht drücken will. Aber heute Abend vor der Stadt zelten? Und morgen früh wieder alles schnell zusammenpacken, um gegen 10 Uhr gewaschen und frisiert den nächsten beruflichen Videocall entgegenzunehmen? Das war wahrscheinlich doch nur eine Schnapsidee. Ein aussichtsloser Eskapismus.

Eigentlich könnte es jetzt auf unbestimmte Zeit so weiter gehen, denke ich.

Ob der begrenzte Zeitraum eines Mikroabenteuers ausreicht, um solche Sackgassenstimmungen zu verlassen und das freie Lebensgefühl des Reisenden zu spüren? Immerhin finde ich nach fünf Stunden Marsch einen geeigneten Platz fürs Nachtlager. Eine schutzbietende Baumreihe mit Erlen und Heckenbüschen, darunter flacher, von ausgedorrtem Gras bedeckter Boden und vor mir eine weite Feuchtwiese – Brandenburgische Provinz, hier bin ich!

Zelten im Freien gilt in Deutschland wie auch in Italien als Ordnungswidrigkeit, aber die legale Variante – das Biwakieren ohne Zelt – ist im Winter nun mal schwer umzusetzen. Besser, mit dem Zelt nicht zu sehr aufzufallen und mit dem Aufstellen bis zum Anbruch der Dunkelheit zu warten.

Ich befolge die Vorsichtsmaßnahmen und sitze mit dem Aufblitzen der ersten Sterne endlich im Warmen, als ich vor dem Zelt doch noch näherkommende Stimmen höre. Durch einen Spalt im Reisverschluss der Zeltwand spähe ich hinaus: In der Dämmerung sind schemenhaft zwei Erwachsene mit einem Mädchen im Kita-Alter an der Hand zu erkennen. Eine Familie, offenbar auf dem Rückweg von einem Abendspaziergang. „Na, was kommt denn da für ein Tier heraus?“, scherzte die Mutter zum Kind. „Mama, was ist das?“ – „Da wohnt einer drin, Anna.“

Die Irrelevanz des Ichs

Die Gefahr, dass man als Obdachloser durchgeht, gehört zu einem Mikroabenteuer wohl dazu. Vielleicht zurecht. Man ist mit einem Mal schutzlos, auf sich selbst gestellt, verwundbar. Besonders im Schlaf. Auch der Witterung ist man in einem Ausmaß ausgesetzt, an das man sonst nicht gewohnt ist.

Um 3 Uhr nachts beginnt es, heftig auf das Zeltdach zu prasseln. Zuerst leise, ein sachtes Rieseln, dann immer entschiedener, bis der Nachthimmel einen regelrechten Angriff gegen das Zeltdach fährt. Mir wird bewusst, dass ich vor lauter beabsichtigter Planungslosigkeit den Wetterbericht nicht gecheckt habe und mich ohne Regenschutz ein unangenehmer Morgen erwarten wird. Doch erstaunlicherweise beschäftigt mich das nicht weiter. Jetzt bin ich im Trockenen, im Sicheren, und das ist alles, was im Augenblick zählt. Nach wenigen Minuten schlafe ich mit dem gleichförmigen Regentrommel im Hintergrund wieder ein.

Schlafen zwischen Äckern und Feldgehölz: schon kurz vor der Stadt sind der Himmel weit und die Farben intensiver.

Bild: Teseo La Marca

Egal wie die Nacht war, der beste Moment einer jeden Zeltnacht ist das Erwachen am Morgen. Manchmal, weil die Kälte und das Ausgesetzt-Sein endlich überstanden sind, meistens aber, weil man doch überraschend gut geschlafen hat und die Erfahrung, dass man für eine gute und erholsame Nacht gar nicht so viel braucht, ein Gefühl von Freiheit und Unverwundbarkeit vermittelt.

Dazu kam eine günstige Regenpause kurz nach halb sieben, ein Zeitfenster, das genutzt werden musste. Plane ausbreiten, einmal nach links falten, Stangen rein und das Zelt um deren Achse zusammenrollen. Jede Bewegung abgeklärt und zielgerichtet, kein Platz für Zögern und Denkpausen. Nach wenigen Minuten schultere ich schon den Rucksack und marschiere los. Gerade rechtzeitig. Der einsetzende Nieselregen verwischt vor mir die Morgenlandschaft. Abgesehen von zwei Stockenten, die aus einem Rinnsal aufflattern, und einem einsamen Jogger in der Ferne liegen die Felder still und menschenleer im Nebel. Eigentlich könnte es jetzt auf unbestimmte Zeit so weiter gehen, denke ich. Ein weiterer Tag des Vagabundierens, ein neues Nachtlager finden, sich noch weiter in der Welt auflösen und ein Teil davon werden.

Ausgerechnet in der Exponiertheit des Abenteuers liegt eine eigentümliche Sicherheit.

Wäre das ein Selbstverlust, wie viele glauben? Eine Flucht? Ich glaube nicht, dass solche Begriffe die Kernerfahrung des Abenteuers ausreichend beschreiben würden. Das Ich geht dabei nicht verloren, es wird auch nicht gewonnen, es wird schlicht irrelevant. Man wird aufgesogen von der umliegenden, sich ständig verändernden Landschaft, den Begegnungen, den simplen Fragen nach Witterung und Schlafplatz. Bis anstatt eines „Ichs“ mit all seinen Krisen nur noch eine geballte, auf den gegenwärtigen Augenblick geschärfte Aufmerksamkeit übrigbleibt.

So liegt ausgerechnet in der Exponiertheit des Abenteuers eine eigentümliche Sicherheit. Man kommt sich selbst nicht abhanden. Lauern die größeren Gefahren des Selbstverlusts möglicherweise im Alltag? Ein Job und eine Routine, die man für alternativlos hält; eine persönliche Krise, die man zu wichtig nimmt; ein bestimmter Mensch, in dem man ein bisschen zu viel Perfektion vermutet; eine Ablenkung, die schleichend zur Sucht wird…  Der Ausbruch nach Draußen, ein gelegentliches Mikroabenteuer – oder wie auch immer man es nennt – kann dafür ein wirksames Gegenmittel sein.  

Mit diesen Gedanken wasche ich, zuhause angekommen, mein Gesicht, trockne das regennasse Haar und setze mich um knapp vor 10 Uhr mit einem annehmbaren T-Shirt endlich vor den Laptop. Etwas trunken noch von den intensiven Erfahrungen, aber bereit für den nächsten Video-Call. Es ist eine ungewohnte Art, diesen Arbeitstag zu beginnen. Aber irgendetwas in mir will mehr davon.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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