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Obdachlose Menschen

Kein Erbarmen in Bozen

Die Bozner Stadtregierung zeigt – trotz linken Bürgermeisters – keine Rücksicht für Obdachlose. Ihr Besitz wird als Müll entsorgt, die einfachste Unterstützung verweigert.

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Kein Feingefühl im Umgang mit obdachlosen Menschen: Mit dem Bagger werden ihre persönlichen Besitztümer als Müll entsorgt. Im Bild die letzte Räumung am 28. April.

Bild: Ludwig Thalheimer

Immer wieder wurde Oumar* vertröstet. Er schlief unter Brücken am Eisackufer, bei Tag liefen ihm die Ratten zwischen die Füße hindurch, häufig erlebte er Gewalt unter anderen Obdachlosen. Doch dieses Mal würde er eine Unterkunft bekommen, dessen war er sich sicher. Eine Unterkunft, das bedeutete für Oumar nicht nur: Wärme, ein trockener Schlafplatz und die Möglichkeit, sich waschen zu können. Es bedeutete, wieder ein Mensch und halbwegs präsentabel zu sein, eine Arbeit zu finden, sich ein Leben aufzubauen.

Ob Oumar etwas missverstanden hatte, er sich das Versprechen einer Unterkunft nur eingebildet hatte oder er angelogen wurde, lässt sich im Nachhinein nicht feststellen. Jedenfalls wurde er im Büro der zuständigen Hilfsorganisation wieder abgewiesen, in einem Monat solle er wieder kommen, dann vielleicht… Den Rest bekam Oumar nicht mehr mit, irgendwo in seinem Kopf war es bereits zum Kurzschluss gekommen. Das nächste, woran er sich klar erinnern kann, ist, wie er von Polizisten abgeführt wird. Das Büro hatte er kurz und klein geschlagen, daraufhin auch die eintreffenden Polizisten angegriffen. Jetzt sitzt Oumar im Bozner Gefängnis. Kein guter Ort, um den Sprung in die neue Gesellschaft zu schaffen.

Man gibt ihnen kein Dach, aber auch unter der Brücke lässt man sie nicht bleiben: Obdachlose am Eisackufer.

Bild: Ludwig Thalheimer

Die Geschichte von Oumar erzählt mir Ludwig Thalheimer in seinem Atelier. Die runden Augen des bärtigen Mannes funkeln, wenn er solche Geschichten erzählt. Ob aus Zorn, Anteilnahme oder Freude. Denn Thalheimer hat auch viele gute und erfreuliche Geschichten zu erzählen. Er hat Oumar, seit er in Südtirol angekommen ist, begleitet – zuerst als Fotograf, dann aber auch als einheimische Ansprechperson, der mit Tipps und Kontakten einen wichtigen Anhaltspunkt im neuen und fremden Land bot.

Heute ist Thalheimer einer von jenen engagierten zivilen Helferinnen und Helfern, die dort einspringen, wo die Not bei Obdachlosen am größten ist. Gemeinsam mit anderen Bozner Bürgerinnen und Bürgern reicht er jenen Menschen die Hand, für die die öffentliche Hand nur Abweisung bereithält oder zur übermächtigen und feindlich geballten Faust geworden ist.

Kontakt mit Einheimischen ist entscheidend

Über Fotoprojekte, die Ludwig Thalheimer mit ihnen durchführte, erhielten Flüchtlinge wie Oumar, die seit 2015 in großen Zahlen nach Südtirol gekommen waren, eine öffentliche Sichtbarkeit. Sie waren nicht mehr nur Nummern oder eine andere Hautfarbe, nicht zweifelhafte Gestalten im Bahnhofspark, die Teil einer bedrohlichen „Flüchtlingswelle“ sind, sondern Menschen mit Namen und Gesicht, mit einzigartigen Geschichten und Ambitionen. „In dem Moment, wo der Mensch als Individuum wahrgenommen wird, passiert etwas“, sagt Thalheimer.

Zu Beginn sei es schwierig gewesen, jemanden aus Pakistan oder Gambia als Erntehelfer zu vermitteln. Die Südtiroler Landwirte blieben lieber bei den üblichen Herkunftsländern Polen oder Tschechien. Da kamen bekanntlich die verlässlichen Erntehelfer her, so hatte es bisher jahrzehntelang funktioniert. „Das ist gar nicht Rassismus, sondern Festhalten am Bewährten“, sagt Thalheimer.

Doch wenn einmal wirklich Not am Mann war, dann nahm man eben auch zum ersten Mal Ali aus Afghanistan oder Amadou aus Senegal. „Oft blieben die Landwirte dann bei ihren neuen Erntehelfern, weil sie von ihrer Verlässlichkeit und Tüchtigkeit positiv beeindruckt waren“, berichtet Thalheimer: „Es kommt eben immer auf die einzelne Person an, aber die muss man erst einmal kennenlernen.“

Warum schaffen es manche, sich kulturell und wirtschaftlich zu integrieren, warum driften andere ab?

Als Fotograf und freiwilliger Helfer erlebte Thalheimer viele solcher Geschichten, er begleitete Migranten und Migrantinnen, von der Ankunft in Südtirol bis zu ihrem ersten Job und zur ersten eigenen Wohnung: erfolgreiche Integrationsgeschichten. Andere aber schlitterten in die Obdachlosigkeit, so wie Oumar, und manchmal auch in die Kriminalität. Von der Straße ist der Schritt zum Drogendealen und Diebstahl nicht weit. Und zurzeit gibt es sehr viele Obdachlose in Bozen. Die Gefahr, dass sie den Schritt zu einem geregelten und integrierten Leben nicht schaffen, wird mit jedem weiteren Monat auf der Straße größer. Doch warum gelingt es manchen, sich kulturell und wirtschaftlich zu integrieren, warum driften andere ab?

Ob Integration funktioniert, hängt nach Thalheimers Erfahrung vor allem an einem Faktor: dem Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. Ein soziales Netz, das einem im Notfall mit Ratschlägen und Kontakten, aber auch mit einer warmen Mahlzeit und einer aufmunternden menschlichen Geste weiterhilft, macht den großen Unterschied. Eine Bindung zur lokalen Gesellschaft zu spüren ist oft der einzige Antrieb, trotz aller Schwierigkeiten weiterzumachen und es noch einmal zu versuchen. Besonders die Obdachlosen, die noch fremd hier sind, leiden darunter, wenn die Menschen einen weiten Bogen um sie machen, berichtet Thalheimer: „Sie spüren die Ablehnung.“

Kalkül der Ausgrenzung

Dem Fotografen war es deshalb wichtig, dass die Neuangekommenen sichtbar werden und unter die Menschen kommen. Für das Projekt „Here I am“ schickte er sie mit der Kamera los und ließ sie selbst Szenen festhalten, die sie in ihrer neuen Umgebung bemerkenswert fanden. Eine Frau fotografierte nur Regale in Supermärkten, ein anderer lichtete bevorzugt Straßenkehrer und Reinigungspersonal ab.

Ganz eine andere Strategie verfolgt die Bozner Stadtregierung. Hier gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Flüchtlinge und Obdachlose sollen sich möglichst weit vom Zentrum entfernt aufhalten, da, wo niemand hinschaut. Und selbst das ist den Stadtverwaltern nicht genug. Die Schlaflager entlang des Eisackufers werden von der SEAB und den Ordnungskräften regelmäßig geräumt, wobei „Räumung“ nichts anderes bedeutet als, dass die persönlichen Habseligkeiten der Obdachlosen weggeworfen werden: Überlebensnotwendige Schlafsäcke, Zelte und Rucksäcke werden als gewöhnlicher Müll entsorgt. Hier heißt die Verletzung von Eigentum plötzlich nicht mehr Diebstahl oder Enteignung, sondern wird als „Ordnungsmaßnahme“ verkauft.

Fahrräder, Zelte, Schlafsäcke: Was für einen Obdachlosen oft der einzige Besitz ist, wird von der Stadtverwaltung als Müll entsorgt.

Bild: Ludwig Thalheimer

Dass diese Maßnahmen der Ausgrenzung System haben, zeigt die Behandlung der Obdachlosen auch in der kältesten Jahreszeit. Seit Jahren ist es die Bozner Zivilgesellschaft, die anstelle der Behörden einspringen muss und den Obdachlosen auch in den Wintermonaten ein Dach über dem Kopf anbietet, beispielsweise in den beiden Winterhäusern, die die Unternehmer Heiner Oberrauch und Hellmuth Frasnelli vom 10. Dezember 2020 bis Ende März zur Verfügung gestellt haben.

In der kältesten Zeit, von 16. Jänner bis 14. März, betrieben insgesamt 47 Freiwillige eine Tagesstätte im Pfarrheim. „Schön zentral in Bozen, so waren die Menschen wieder mittendrin“, freute sich Thalheimer. Eine Notlösung für zwei Wochen hätte diese Unterkunft eigentlich sein sollen, lediglich so lange, bis die Stadtverwaltung eine angemessene Lösung bereitstellt. Doch wieder einmal stahl sich die Gemeinde aus der Verantwortung und aus den zwei Wochen wurden zwei Monate.

Lösungen werden meistens erst dann angeboten, wenn der Unmut der Betroffenen kurz davor ist, zu explodieren, und die Stadt riskiert, aufgrund der humanitären Notlage auch über die Landesgrenzen hinaus negative Schlagzeilen zu machen. Für diese Notlösungen werden dann Unmengen an Steuergeldern vergeudet, beispielsweise 35.000 Euro pro Monat für die Anmietung des Ex-Alimarkets, wo die Flüchtlinge weder warmes Wasser noch Wlan nutzen konnten. „30 Euro würde eine Wlan-Verbindung kosten und die Menschen brauchten es vor allem während Corona dringend für ihre Sprachkurse und Online-Ausbildungen“, regt sich Thalheimer auf, „aber nachdem man 35.000 Euro im Monat an Tosolini zahlt, da sind 30 Euro plötzlich zu viel.“

Zum Vergleich: Für ihre Tagesstätte im Pfarrheim mussten die Freiwilligen Helfer nur 3.000 Euro für zwei Monate Reinigungsspesen und Einkäufe aufbringen.

Obdachlose haben keine Lobby

Wie solche menschenunwürdigen Zustände überhaupt möglich sind, in einer reichen Stadt mit linker Stadtregierung? Der Bürgermeister Renzo Caramaschi und der zuständige Stadtrat Juri Andriollo gingen auf solche Fragen bisher gar nicht erst ein, weil sie die faktische Grundlage der Frage leugnen. Unmenschliche Behandlung gebe es gar nicht, es werde doch schon so viel für die Obdachlosen getan, und außerdem: Eigentlich müsse doch das Land für dieses Problem zuständig sein, die Last könne nicht allein Bozen tragen.

Das Problem ist aber, dass die Obdachlosen kaum auf das Land verteilt werden können. Die meisten Obdachlosen in Bozen sind Asylantragsteller, die daher immer wieder bei den Behörden vorsprechen müssen – und die verschiedenen Ämter befinden sich nun mal in der Landeshauptstadt. Warum wird hier keine Lösung gefunden? Auf unsere Nachfrage will sich Caramaschi mit Hinweis auf seinen engen Terminkalender nicht zum Thema äußern und verweist auf seinen Stadtrat für Soziales Andriollo. Der war für uns vor Redaktionsschluss wiederum nicht erreichbar.

Der Grund, weshalb mit den Obdachlosen noch immer so rücksichtslos umgegangen wird, liegt zum Teil aber auch daran, dass die Obdachlosen in Bozen keine starke Lobby haben. Es gibt zwar gleich mehrere zivile Hilfsorganisationen, von Binario 1 über SOS Bozen bis hin zu Bolzano Solidale. Doch oft ist zwischen den verschiedenen Organisationen ein gewisses Konkurrenzverhalten zu beobachten, beklagt Ludwig Thalheimer, der sich selbst zwischen den Stühlen bewegt und keiner Organisation angehört. In diesem Wettbewerbsklima passiert es dann, dass Informationen einander vorenthalten werden oder man nicht so geschlossen auftritt, wie es notwendig wäre, um für diejenigen, für die man eintreten will, etwas zu erreichen.

In einer Sache sind sich die zivilen Helfer und Helferinnen aber einig: Es darf keinen Winter mehr geben, in dem sich die Stadt Bozen und das Land Südtirol obdachlosen Menschen gegenüber so unverantwortlich verhalten.

Flüchtlingsbehausung in einem Bürgerkriegsgebiet? Nein, Bozen im Winter 2021.

Bild: Ludwig Thalheimer

*Alle Namen von obdachlosen Menschen in diesem Text wurden geändert

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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