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Interview mit Christoph Franceschini

Jenseits der Gesetze

Südtirol als Hotspot der Spione, Agenten und Geheimdienste? Christoph Franceschini über eine Welt, von der man wenig weiß, und die doch allgegenwärtig ist.

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Wie Geheimdienste sind auch investigative Journalisten auf ihre Informanten angewiesen: Christoph Franceschini unterwegs.

Bild: Alex Bonsec

Ob es um staatliche Auftragsmorde oder um Spione in den innersten Kreisen der SVP geht: Die Geschichte der Geheimdienste in Südtirol birgt ungeahnte Verwicklungen und filmreife Lebensgeschichten. In jahrelanger Recherchearbeit hat Christoph Franceschini sie ausgegraben und im Buch „Geheimdienste, Agenten, Spione: Südtirol im Fadenkreuz fremder Mächte“ zu einem Bericht verarbeitet, der in Sachen Spannung einem Thriller in nichts nachsteht.

Die Machenschaften von Geheimdiensten aufdecken: Ist das so etwas wie die Königsklasse für einen investigativen Journalisten?
Ich bin studierter Historiker, es war mir deshalb wichtig, alle Geschichten anhand von Dokumenten und Akten zu rekonstruieren und auf Gerüchte zu verzichten. Aber gerade bei diesem Thema war auch die journalistische Grundhaltung ein großer Vorteil: Als Journalist bringt man mehr Mut mit, mehr Kenntnisse, wie man mit sensiblen Daten umgeht.

Südtirol als Hotspot geheimdienstlicher Tätigkeit – für viele Leser wird dieses Kapitel der Südtiroler Geschichte neu sein. Tatsächlich waren mehr als zwei Dutzend Geheimdienste in Südtirol tätig. Was hatten die hier zu suchen?
Man muss die Frage vor dem Hintergrund des anbrechenden Kalten Krieges sehen. Da Österreich seit seiner Unabhängigkeit 1955 neutral war, war Südtirol einer der vordersten Grenzregionen der sogenannten „freien Welt“. Die westlichen Geheimdienste versuchten, den östlichen Einfluss abzuwehren, der Ostblock wiederum versuchte, im gerade entstandenen NATO-Block Militärspionage zu betreiben und Zwietracht zu säen. Südtirol als Grenz- und Transitregion eignete sich für solche Aktivitäten hervorragend.

Wann fanden sie ihren Höhepunkt?
Geheimdienste haben immer Saison. Besonders aktiv waren die Geheimdienste in den 60er-Jahren, als Südtirol durch die separatistischen Attentate ein Krisenherd wurde, und verschiedene Geheimdienste sich über die Entwicklungen informierten oder sogar aktiv mitmischten.

Es hat aber auch zahlreiche Südtiroler gegeben, die für diverse Geheimdienste tätig waren. Wie kommt man überhaupt dazu? Wird man von den Geheimdiensten kontaktiert, wenn man ins Profil passt, oder muss man sich da ganz banal bewerben?
Die Bewerbungsmodalitäten bei den Geheimdiensten haben sich vom Mittelalter bis heute nicht verändert. Wer Interesse hat, bietet sich schriftlich an und erklärt, welche Informationen er oder sie liefern kann. Es gibt viele Luftverkäufer, aber auch Leute, die wirklich etwas in der Hand haben. Mit denen arbeitet der Geheimdienst zusammen.

Die Amerikaner ließen nützliche Nazis in Frieden und bezahlten sie sogar sehr gut. Man hatte einen gemeinsamen Feind.

Welche Motive hatten die Südtiroler, die sich anheuern ließen?
Der Antrieb war oft finanzieller Natur, weil diese Dienste relativ gut bezahlt werden. Manchmal waren es aber auch ideologische Motive. Einige Südtiroler arbeiteten zum Beispiel für den tschechischen Geheimdienst StB. Gerade Südtiroler, die dem italienischen Staat feindlich gegenüberstanden, hatten kein Problem damit, mit ausländischen Geheimdiensten zusammenzuarbeiten. In manchen Fällen spielten auch persönliche Rachemotive und natürlich Abenteuerlust eine Rolle. Meistens hat die Arbeit des Agenten aber mehr mit bürokratischer Kleinarbeit als mit Action und speziell angefertigten Waffen zu tun.

Die Gefahr droht meistens, wenn man auffliegt.
Das geschah im Falle eines Südtirolers, der für den tschechoslowakischen StB und gleichzeitig für den italienischen Geheimdienst SIFAR arbeitete. Er wurde in Prag zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt, kam aber nach acht Jahren wieder frei und wurde abgeschoben. Manchmal erpresst man enttarnte Spione aber auch dazu, Informationen über den anderen Geheimdienst preiszugeben – also als Doppelagent zu arbeiten.

Woher weiß man, dass der Doppelagent nicht auch Informationen über den eigenen Geheimdienst anderen preisgibt?
Sehr oft lässt man Agenten zusammenarbeiten, ohne dass sie wissen, dass der andere auch ein Agent ist. So kontrollieren sich die Agenten gegenseitig und Unstimmigkeiten würden schnell auffallen.

In bestimmten Fällen war Erpressung das ausschlaggebende Motiv, sich für einen bestimmten Geheimdienst zu verdingen. War das auch bei den Nazis, die später für westliche Geheimdienste arbeiteten, der Fall?
Es ist wirklich auffallend, dass manche NS-Verbrecher für ihre Taten verurteilt wurden, andere Nazis aber, die noch schlimmere Verbrechen verübt haben, dafür nie belangt wurden und große Karrieren als Agenten hingelegt haben. Es war ein schweigendes Übereinkommen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind, die Kommunisten. Die Amerikaner ließen nützliche Nazis in Frieden, bezahlten sie sogar sehr gut und diese stellten im Gegenzug ihre Fähigkeiten und Kenntnisse zur Verfügung.

Geheimdienste sind also nicht an den Rechtsstaat gebunden?
Geheimdienste bewegen sich außerhalb der Gesetze. Wenn ein Mitglied der Sicherheitsbehörden von einer Straftat erfährt, ist es verpflichtet, dies der Staatsanwaltschaft zu melden. Ein Agent hat nur die Pflicht, es seinem Vorgesetzten zu melden.

Gegen die Südtiroler Freiheitskämpfer konnte man in Echtzeit neue Anti-Guerilla- und Anti-Terrorismus-Methoden testen.

Dieses rechtslose Vorgehen zeigte sich auch im Vorgehen gegen den Befreiungsausschuss Südtirol (BAS).
Der eklatanteste Fall ist der von Luis Amplatz. Die Brüder Christian und Franz Kerbler genossen das Vertrauen des BAS, sie waren aber Informanten der Quästur und des italienischen Nachrichtendienstes SIFAR. Christian Kerbler hat dann eine Carabinieri-Pistole bekommen, mit der er Luis Amplatz und Georg Klotz erschießen hätte sollen. Danach hätte es so aussehen sollen, als hätten sich die beiden eine Schießerei mit den Carabinieri geliefert.

Ein Mord im Staatsauftrag also ...
Ja, und es wäre wahrscheinlich alles nach Plan gelaufen, wenn nicht Klotz überlebt hätte. Dadurch ist die ganze Aktion aufgeflogen. Kerbler wurde in die Schweiz geschleust und dort mit Geldern ausgestattet, wo er bis heute unbehelligt weiterlebt. Es gab Dutzende solche Anschläge, die von Agents provocateurs verübt und dem BAS in die Schuhe geschoben wurden.

Die italienischen Geheimdienste wussten viel mehr über den BAS, als den Südtiroler Freiheitskämpfern bewusst war. Warum hat so etwas wie die Feuernacht trotzdem passieren können?
Auf diese Frage gibt es keine sichere Antwort. Wie viel italienisches Innenministerium, SIFAR und CIA über die Vorbereitungen zur Feuernacht wussten, hat mich auch überrascht. Warum wurde da nicht eingegriffen? Man kann es auf den Konkurrenzkampf der verschiedenen Dienste, die sich teilweise auch gegenseitig behindert haben, zurückführen. Möglicherweise war aber auch der Wissensverlust durch einen markanten Generationswechsel , der sich damals innerhalb der italienischen Geheimdienste vollzog, dafür verantwortlich.

Wäre auch die Hypothese realistisch, dass man aus so einem größeren Anschlag wie der Feuernacht politisches Kapital schlagen konnte und man deshalb nichts unternahm?
Solche Überlegungen haben auch eine große Rolle gespielt. Ein Anschlag von Separatisten entfesselt jedenfalls eher nationalistische als kommunistische Kräfte. Außerdem hieß es damals: „L‘Alto Adige è la palestra della strategia della tensione”. In anderen Worten: Gegen die Südtiroler Freiheitskämpfer konnte man in Echtzeit neue Anti-Guerilla- und Anti-Terrorismus-Methoden testen. Südtirol war eine Trainingshalle für Geheimdienste. Zeitweise hat sogar die CIA den BAS finanziert. Man erhoffte sich, dass diese Kämpfer im Falle einer kommunistischen Machtübernahme für sich zu mobilisieren seien. Die Aktivisten des BAS haben also in einem Spiel mitgespielt, das weit größer war als sie.

Man weiß nie, welches politische Ereignis wirklich Schicksal oder Zufall war und was von einem Geheimdienst eingefädelt wurde.

Nicht nur der BAS stand im Visier der italienischen Geheimdienste, sondern auch die SVP. Wer war der Informant?
Der Mann hieß Carlo Bernardo Zanetti. Mit einer Lebensgeschichte wie aus einem Film: Er wurde in Deutschland von den Nazis als kommunistischer Spion enttarnt und interniert, dann nach Italien abgeschoben. Dort engagierte er sich im kommunistischen Widerstand. Nach dem Krieg wurde er Sekretär der kommunistischen Partei in Südtirol. Er brach dann mit den Kommunisten und näherte sich der bürgerlichen Mitte. Als Übersetzer baute Zanetti den Übersetzungsdienst des Regionalrates auf und war dort zwei Jahrzehnte lang Chefübersetzer. Ich habe mit vielen SVP-Leuten, die ihn kannten, gesprochen – erst vor ein paar Tagen wieder. Er wurde dort von allen sehr geschätzt, niemand hätte ihm das zugetraut. In Wirklichkeit hat er aber 40 Jahre lang für das Innenministerium gearbeitet und Insider-Berichte über die SVP geliefert. Er war das Ohr des Staates in der Volkspartei.

Übersetzer sind generell sehr beliebt bei Geheimdiensten. Warum?
Übersetzern liegen Dokumente meistens schon vor, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen. Dadurch haben sie einen Informationsvorsprung, der auch für Geheimdienste attraktiv ist. Außerdem sind Übersetzer oft in Besitz der Originaldokumente.

Sollten Geheimdienste in einer Demokratie nicht schon längst obsolet sein – vor allem angesichts ihrer Methoden?
Das ist eine Grundsatzfrage. Es gibt zwar demokratische Institutionen, von der Justiz zu den Untersuchungsausschüssen der Parlamente, mit denen man die Geheimdienste domestizieren möchte, aber man kann natürlich nur so viel kontrollieren, wie man erfährt.

Bestimmen Agenten und Spione den Lauf der Geschichte sogar noch viel stärker, als es öffentlich bekannt ist?
Ich glaube, ja. Der größte Teil der Aktionen fliegt nicht auf und man weiß nie, welches politische Ereignis wirklich Schicksal oder Zufall war und was von einem Geheimdienst eingefädelt wurde. Die Geschichte wird vor allem dann beeinflusst, wenn wichtige Leute ausgeschaltet werden, Mossad docet.

Ist Südtirol immer noch so ein Schauplatz geheimer Aktivitäten?
Dazu ist Südtirol allein als Transitland schon prädestiniert. Es ist auch Durchgangsland der organisierten Kriminalität zwischen Nord und Süd. Wo Drogen und Waffen bewegt werden, sind auch die Geheimdienste nicht weit.

Worüber wird heute spioniert?
Die Wirtschaftsspionage ist ein großes Thema geworden. Meinen Informationen zufolge sind wir aber auch ein Zielland für die Kapitalflucht aus instabilen Regimes. Agenten vor allem aus Nahostländern engagieren sich im Südtiroler Immobiliensektor, um das Geld ihrer hochrangigen Auftraggeber in Sicherheit zu bringen. In Bozen lebt übrigens auch ein Koch von Saddam Hussein, der gleichzeitig Informant der CIA war. Es gibt hier Geschichten, die man niemals vermuten würde.

Das Buch „Geheimdienste, Agenten, Spione: Südtirol im Fadenkreuz fremder Mächte“ ist bei Edition Raetia erschienen und ist im Buchhandel erhältlich.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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