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Interview mit Florian Klenk

Ist das noch Landwirtschaft?

Der Journalist Florian Klenk über Unverständnis und Dialog zwischen Stadt und Land, die industrialisierte Landwirtschaft und wildgewordene Kühe.

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Wenn Bergbauer und Stadtler zusammenfinden: Christian Bachler und Florian Klenk (rechts).

Bild: Zsolnay Verlag

Erst beschimpften sie sich im Internet, dann lernten sie sich persönlich kennen: Wutbauer Christian Bachler und Falter-Chefredakteur Florian Klenk haben schnell gemerkt, dass Stadt und Land nicht zwingend entgegengesetzte Welten sind. Und dass diese Frontenbildung von den Problemen ablenkt, die beide betreffen: den, der die Lebensmittel erzeugt, und den, der sie im Supermarkt kauft.

Entstanden ist daraus ein Buch mit dem Titel „Bauer und Bobo. Wie aus Wut Freundschaft wurde“. Ein Gespräch mit dem Autor Florian Klenk über die Not der Landwirte, die Verwandlung von Bauernhöfen in Tierfabriken und realistische Auswege in die Nachhaltigkeit.

Gehen Sie gerne auf Almen wandern, Herr Klenk?
Wenn ich Zeit habe, ja. Was ist schöner als Wandern auf einer Hochalm?

Und fühlen Sie sich da sicher?
Nein. (lacht) Ich muss gestehen, ich habe Kühe immer als friedliche und harmlose Tiere wahrgenommen. Aber die Lektüre des Kuhurteils über das Angriffsverhalten von Kühen hat mich doch überrascht. Ich wusste nicht, dass Kühe auf die Anwesenheit von Hunden derart aggressiv reagieren können und dass man den Hund sofort loslassen muss, um sich selbst zu schützen.

Florian Klenk ist Chefredakteur beim Falter, einer österreichischen Wochenzeitung, die einem investigativen und rechercheintensiven Journalismus verpflichtet ist.

Bild: Christopher Mavric
Zur Erinnerung: Mit dem sogenannten Kuhurteil wurde 2019 ein Bauer in Nordtirol zu Schadensersatz verurteilt, nachdem seine Kuh eine deutsche Wanderin aufgespießt und zu Tode getrampelt hatte. Sie haben das umstrittene Urteil öffentlich verteidigt, womit Sie einen großen Teil der österreichischen Öffentlichkeit gegen sich aufgebracht haben. Woher kam der Shitstorm?
Die Bauernlobby hat dieses Urteil sehr verzerrt dargestellt: als wäre der Bauer strafrechtlich verurteilt worden, als hätte er seine Existenz verloren und als wäre fortan jeder Bauer für jede Kuh, die auf seiner Weide steht, haftbar. Das sagt das Urteil aber nicht. Es sagt: Die Kuh hat auf einem öffentlichen Weg geweidet, der zudem zu einem Ausflugsgasthaus geführt hat. Dieselbe Kuh war nach mehrfachen Angriffen auf Wanderer für ihr aggressives Verhalten schon bekannt. Und weil der Bauer darüber informiert war und es für ihn sehr leicht gewesen wäre, die Kuh durch einen Elektrozaun einzuhegen oder ihr zumindest eine Glocke umzuhängen, trägt er eine Teilschuld und wurde zivilrechtlich zu Schadensersatz für die Hinterbliebenen verurteilt. Gezahlt hat seine Versicherung.

In den Shitstorm miteingeschaltet hat sich damals auch der Bergbauer Christian Bachler. In einem Facebook-Video, das rund 250.000-mal angeklickt wurde, nennt er Florian Klenk einen ahnungslosen Bobo (= städtischer Ökospießer) und lädt ihn ein, auf seinem Hof ein „Praktikum“ zu machen, um sich ein richtiges Bild vom Leben der Bergbauern zu machen. Florian Klenk nimmt das Angebot an, und so kommen der Bauer und der Bobo ins Gespräch.

Im analogen Miteinander merken die verbalen Haudegen bald, dass sie so unterschiedlich gar nicht sind. Der eine versucht eine nachhaltige Landwirtschaft umzusetzen, die auf Qualität statt auf Masse setzt, mit Respekt vor den Tieren und der Umwelt. Der andere macht dasselbe im Journalismus als Chefredakteur eines Mediums, das der Flut von Eilmeldungen und Nachrichten sauber recherchierte Reportagen und Hintergründe entgegensetzt.

Die Geschichte, wie aus einem Streit Freundschaft wird, wäre an sich schon anrührend und erzählenswert gewesen. Dann haben Sie aber erfahren, dass Christian Bachlers Hof kurz vor der Pfändung stand.
Darauf hat mich ein Nachbar von Bachler aufmerksam gemacht. Bachler selbst hat darüber kein Wort verloren. Ein Blick auf eine Seite des österreichischen Justizministeriums hat dann gezeigt: Der Nachbar hat recht, sogar der Termin der Versteigerung steht schon fest.

Das, was Bachler erlebt hat, wirft eine Systemfrage auf. 

Der Bergbauer Christian Bachler, dem damals nach allen Abzügen gerademal 800 Euro zum Leben übrig blieben, konnte seine Schulden in Höhe von über 400.000 Euro nicht mehr bedienen. Wie haben Sie reagiert?
Ich habe ihn kontaktiert und gefragt, was da los ist. Er hat am Anfang die ganze Sache heruntergespielt und gemeint, er kriege das schon hin. Als studierter Jurist habe ich versucht, ihm die Tragweite der Exekution klarzumachen. Er hat das dann auch anerkannt und wir haben uns überlegt, was wir da tun können.

Dass die Bank – in diesem Fall die Raiffeisen – jemandes Gut versteigert, der seine Schulden nicht bedienen kann, ist an sich nichts Besonderes. Hat der Bauer Christian Bachler sich nicht einfach übernommen?
Er hat sich übernommen, ganz klar. Aber warum? Er hat auf ein System von Förderungen und Einnahmen vertraut, das sich letztlich nicht bewahrheitet hat. Er war der Meinung, dass bestimmte EU-Förderungen weiterhin fließen würden, dass der Milchpreis stabil bleiben würde, dass es auf dem Hof Arbeitskraft aus der Familie herausgeben würde. Das alles ist ausgeblieben. Die Förderungen wurden gestrichen oder reduziert, der Milchpreis ist eingebrochen und Christian Bachler ist nach wie vor alleinstehend. Die Überforderung hat bei Bachler schließlich zu einem Burnout geführt, wodurch er nicht mehr arbeitsfähig war. Das ist ein Schicksal, das er sich mit vielen Bauern teilt.

Christian Bachler ist kein Einzelfall?
Das, was Bachler erlebt hat, wirft eine Systemfrage auf. Bauern sind heute letztendlich Unternehmer mit prekären Einkommen, die mit Weltmarktpreisen auf Dumping-Niveau mithalten müssen – aber mit viel Kapital im Sinne von Grund und Boden. Sie sind deshalb mit Banken konfrontiert, die ihnen für Modernisierung und Ausbau des Betriebes gewaltige Kredite zur Verfügung stellen, weil diese Kredite eben durch Grund und Boden abgesichert sind.

Das Risiko trägt also der Bauer ganz allein.
Genau. Die Bank gewinnt bei diesem Spiel fast immer. Im Fall von Bachler waren rund 100.000 Euro von insgesamt 400.000 fällig. Um diesen Betrag einzutreiben, hätte ein Hof im Wert von 1,2 Millionen Euro versteigert werden sollen.

Die Industrialisierung der Landwirtschaft hat ein Maß erreicht, das nicht nur die Böden zerstört, sondern auch die Bauern zum Verschwinden bringt.

Christian Bachler ist in den Jahren vor der Pfändung teilweise schwer depressiv, erleidet ein Burnout. Im Gespräch mit Florian Klenk nennt er psychische Erkrankungen die neue Berufskrankheit der Bauern, insbesondere der Bergbauern. Früher war es ein „krummer Buckl“ von der schweren Arbeit, heute sind es Depressionen und Burnouts.

Steil gelegene und vergleichsweise kleine Bauernhöfe, wie der von Christian Bachler, sind kaum geeignet, in hocheffiziente Tierfabriken verwandelt zu werden, wie es der aktuelle Agrarmarkt erfordert. Beim Versuch, dennoch wettbewerbsfähig zu bleiben, geraten viele Landwirte bis über den Kopf in Schulden, ihr Hab und Gut wird zu Spottpreisen versteigert. Die Bank behält den Erlös zur Tilgung der Schulden, der Hof wird von Investoren in Ferienapartments oder Golfanlagen umgewandelt.

So hätte es auch im Fall von Christian Bachler kommen sollen. Wenn der findige Bauer und der engagierte “Falter”-Chefredakteur nicht in letzter Sekunde eine gemeinsame Rettungsaktion gestartet hätten: Über ein Crowdfunding-Projekt hofften sie, mit prominenter Unterstützung – unter anderem vom umstrittenen Volksrocker Andreas Gabalier – Gelder in Höhe von 100.000 Euro aufzutreiben. Dann wäre der Hof vor der Pfändung gerettet gewesen. Es kam vier Mal so viel zusammen, in nur zwei Tagen.

Für Christian Bachler war es ein Befreiungsschlag. Die anderen Bauern kommt aber kein Chefredakteur aus Wien besuchen, mit allen Chancen, die sich daraus ergeben. Die meisten gehen also weiterhin mit der Zeit, verschulden sich und expandieren.
Wir haben es heute mit einer industrialisierten Landwirtschaft zu tun, auch wenn viele Prospekte noch etwas anderes zeigen. So wie die Handwerker im 19. Jahrhundert verschwunden sind, haben auch die Bauern in den 60er- und 70er-Jahren zu verschwinden begonnen. Die Folgen sind man vor allem im Flachland. An der Stelle von Bauernhöfen stehen jetzt regelrechte Fabrikhallen in der Landschaft, in denen Hühner oder Schweine auf Vollspaltenboden gehalten werden. Es ist ja gut, dass ein Bauer nicht nur Selbstversorger ist; aber die Industrialisierung der Landwirtschaft hat inzwischen ein Maß erreicht, das nicht nur die Böden und die Natur zerstört, sondern auch die Bauern zum Verschwinden bringt. Und wenn die Bauern verschwinden, verschwinden ganze Dörfer und Kulturregionen.

“Vom Gerede über die Konsumentenverantwortung halte ich wenig, der Konsument kauft immer das, was billiger ist.”

Wer profitiert von dieser Entwicklung? Es können doch nicht nur die Banken sein.
Es profitieren die Betriebe, die ihre Margen aus der Masse holen, die Handelsketten, die großen Schlachtbetriebe à la Tönnies. Wer draufzahlt, sind dagegen die, die mit schmutzigen Händen auf dem Feld stehen, die vielen Bachlers in diesem Land.

Was ist mit den Konsumenten, die ihr Schnitzel um zwei Euro bekommen? Profitieren sie nicht auch?
Auf den ersten Blick, ja. Aber auch die Konsumenten zahlen drauf, zunächst in Form von Steuern, die danach als Subventionen wieder ausgeschüttet werden, und in Form der zerstörten Landschaft und Artenvielfalt. Die allergrößten Verlierer sind aber die Tiere: die Schweine auf dem Vollspaltenboden und in den Kastenständen, die geschredderten Küken, die entsorgten männlichen Kälber, die Ferkel, die bei vollem Bewusstsein kastriert werden. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten – von der Öffentlichkeit beinahe unbemerkt – eine Form der Landwirtschaft breitgemacht, die Tiere systematisch und millionenfach quält und ausbeutet.

Selbst als informierter Mensch, der regelmäßig Nachrichten konsumiert, bekommt man von all dem wenig mit. Man möchte stattdessen meinen, die großen Probleme der Bauern wären der Wolf, Ärgernisse wie das Kuhurteil oder die Grünen mit ihren anstrengenden Umweltauflagen…
Das hat zwei Ursachen. Zum einen schauen wir Medienleute in der Stadt wohl zu selten hin, was sich auf dem Land tut. Selbst die Medien, die die Bauern mit Informationen versorgen, sind in den Händen von bestimmten Parteien und der Agrarindustrie. Es gibt also kaum kritische und unabhängige Berichterstattung im Sinne der Bauern.
Zum anderen sind die Bauernvertreter, die Genossenschaften und Landwirtschaftskammern nicht interessiert, über solche Themen zu sprechen. Ich bin erst kürzlich wieder mit meiner Buchbesprechung von einer Landwirtschaftskammer ausgeladen worden. Stattdessen bringt man die Bauern gegen die Städter in Stellung. So wird eine kritische Auseinandersetzung mit den Problemen der Bauern verhindert, wobei einige, wie Christian Bachler, sich mithilfe neuer Kommunikationskanäle selbst Gehör verschaffen.

Christian Bachler findet auf alternativen Kanälen auch zu seinen Kunden – über Facebook, Chatgruppen und seine Webseite.
Wenn Christian Bachler auf seiner Whatsapp-Gruppe postet, dass eines seiner Mangalica-Schweine gerade geschlachtet wurde, ist das Fleisch innerhalb weniger Minuten weg. Das funktioniert nicht nur für ihn gut. Viele Bauern haben in der Direktvermarktung neue Wege gefunden, um sich von der Agrarindustrie unabhängiger zu machen. Ich glaube schon, dass hier gerade ein Wandel stattfindet, der sich auch durchsetzen kann.

Wer ist gefragt, wenn es ums Durchsetzen geht?
Der Gesetzgeber. Vom Gerede über die Konsumentenverantwortung halte ich wenig, der Konsument kauft immer das, was billiger ist. Der Gesetzgeber muss den Rahmen abstecken, das war bei den Legebatterien, die verboten worden sind, nicht anders. Die Eier sind danach um Einiges teurer geworden, und? Das stört heute niemanden mehr. Genauso hoffe ich, dass die Vollspaltenböden in der Schweinehaltung bald verboten werden und dass eine strenge Kennzeichnungspflicht für Haltungsmethoden eingeführt wird. Gegebenenfalls auch mit Bildern, wie das in der Tabakindustrie schon längst bewährt ist.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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