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Hinter der Absperrung

Eine Mauer, Stacheldraht, Absperrungen, Grenzen: Einer muss immer draußen bleiben in diesem kleinen Land am Mittelmeer.
Bild: Judith Dietl
Da stehe ich nun, vor der bunt bemalten Mauer mit Stacheldraht obendrauf. Im Schatten der Betonabsperrung steht ein kleines Haus, die Rollos sind heruntergelassen, es wirkt verlassen. Ein palästinensischer Taxifahrer hat uns hierher gebracht, etwas außerhalb von Bethlehem im Westjordanland. Er will uns zeigen, wie erbarmungslos die Israelis sind: Im Haus lebe eine palästinensische Familie. Gleich hinter der Mauer, auf israelischem Gebiet, befinden sich die Felder der Familie. Sie dürfe sie nicht mehr betreten, könne ihren Lebensunterhalt nicht mehr damit bestreiten. Den ganzen Tag müsse sie die Rollläden unten lassen, da sie von den israelischen Soldaten beobachtet werde, erzählt der Taxifahrer und zeigt auf die kleinen Kameras, die an der Mauer angebracht sind. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie direkt auf das Haus gerichtet sind. Was muss das für ein Gefühl sein, so zu leben? Ich will es mir lieber gar nicht vorstellen. 
 
Bild: Judith Dietl
Ortswechsel: Tel Aviv. Ich laufe an der Strandpromenade entlang, genieße den warmen Sommerabend. Ich begegne Joggern, Familien und ultraorthodoxen Juden mit schwarzen Kaftanen und langen Schläfenlocken. Alles bunt gemischt – ein seltsames Bild. Ein halbrundes Gebäude, direkt am Meer und ohne Fensterscheiben, sticht ins Auge. Die Außenmauern sind gräulich-schwarz, wie angekohlt. Dunkelgraue Vorhangreste wehen im Wind. Im Juni 2001 sprengte sich hier ein palästinensischer Selbstmordattentäter in die Luft, mitten in der Warteschlange vor der beliebten Stranddisco. 21 Menschen starben, mehr als 100 wurden verletzt. Wie ein Mahnmal steht das heruntergekommene Gebäude an der herausgeputzten Promenade. 
 

Bild: Judith Dietl
Wie tief der Hass auf beiden Seiten ist, kann man als Außenstehende nur erahnen. Die Fronten im Nahost-Konflikt sind so verhärtet, dass Frieden unmöglich erscheint. Das wird mir bei meinem Besuch in Israel und dem teilweise besetzten Westjordanland klar. Warum ich meinen Sommerurlaub in einem unsicheren Land verbringe und nicht an der italienischen Adriaküste? Vermutlich ist es eine Mischung aus Neugier, Abenteuer und Voyeurismus. 
Es ist ruhig als ich da bin, die Sicherheitslage stabil, keine Reisewarnung auf der Internetseite des italienischen Außenministeriums. Und ich habe mich selten so sicher gefühlt, wie in dem kleinen Land am Mittelmeer. Vor öffentlichen Gebäuden, auch vor den Busbahnhöfen, wird jeder Rucksack, jede Tasche und jeder Reisende durchleuchtet wie am Flughafen. Auf der Straße, vor Lokalen, in der Straßenbahn, in den Überlandbussen – überall sind Soldaten und Polizisten mit ihren Waffen unterwegs. Die Soldaten sind immer präsent, auch beim Eisschlecken in der schicken Einkaufspassage in Jerusalem hängt das Gewehr lässig über der Schulter. Ganz nach dem Motto: Frieden durch Abschreckung. Oft sind das die Wehrdienstleistenden,  ab 18 Jahren müssen alle israelischen Juden und Jüdinnen (bis auf die Ultraorthodoxen, doch das soll sich ändern) den Militärdienst ableisten. Gelebte Gleichberechtigung, zumindest wenn es um den Dienst an der Waffe geht. 
 
Bild: Judith Dietl
Während am Strand von Tel Aviv tagsüber die Leute in der Sonne brutzeln und nachts das Partyleben erwacht, fallen auf den Gazastreifen nur knapp 70 Kilometer weiter südlich israelische Raketen. Ganz normaler Alltag trotz ständiger Angst. Es gibt so viele Absperrungen und Grenzen in diesem Land, dass man oft nicht weiß, ob man sich gerade innerhalb eines abgeriegelten Bereichs befindet oder außerhalb. Hunderte Juden stehen vor der Klagemauer und beten. Der Zugang zum darüberliegenden heiligen Berg wird ihnen von den Palästinensern verwehrt. Während viele Palästinenser aus dem Westjordanland wiederum keine Einreisegenehmigung nach Israel erhalten. Einer muss immer draußen bleiben. Und diejenigen, die hinein dürfen, werden behandelt wie Schwerverbrecher. 
 
Zurück zu Hause bin ich froh, dass sich die Probleme zwischen Italienern und Südtirolern auf die Toponomastik beschränken. Was sonst noch von der Reise geblieben ist? Fragen, Verständnis für beide Seiten, verwirrende Bilder und der Gedanke, dass ich gerne noch ein paar Tage ans Meer fahre würde. An die italienische Adriaküste, wo die Liegestuhlarmada und der unangenehme Strandnachbar das größte Problem sind.
Bild: Judith Dietl

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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