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Generation ohne Zukunft

Sie sind jung, motiviert und ohne Arbeit. Die Jugendarbeitslosigkeit ist ein großes Problem, auch in Südtirol. Zwei Betroffene erzählen.

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Bild: morgueFile, hotblack
Als Generation ohne Zukunft werden sie oft bezeichnet. Jene jungen Menschen, die derzeit auf den Arbeitsmarkt drängen. Sie sind verhältnismäßig gut ausgebildet, motiviert und geben sich sogar mit weniger Gehalt zufrieden. Dennoch sind immer mehr junge Menschen ohne Job. Rund 5,6 Millionen Jugendliche unter 25 Jahren sind in den EU-Ländern derzeit arbeitslos, das sind knapp 24 Prozent. Besonders betroffen sind die südeuropäischen Staaten: In Spanien sind es 55 Prozent, in Griechenland mehr als 60 Prozent, in Italien fast 40 Prozent. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat ihre Spuren hinterlassen, die jetzt vor allem die jungen Menschen zu spüren bekommen. 
 
Die Entwicklung macht auch vor Südtirol nicht Halt. Seit mehreren Jahren steigt die Jugendarbeitslosigkeit an. Das zeigen die Zahlen des Landesinstituts für Statistik (ASTAT): Waren im Jahr 2010 rund sechs Prozent der 15 bis 24-jährigen Südtiroler ohne Job, sind es derzeit fast zwölf Prozent. Deutlich mehr als in Tirol (rund sechs Prozent) und Bayern (rund vier Prozent). Die gesamte Arbeitslosenquote liegt in Südtirol im Vergleich dazu bei knapp vier Prozent. 
 
Bild: Liane Staffler
Unter den rund 3.000 arbeitslosen Jugendlichen in Südtirol, war bis vor kurzem auch die Ultnerin Liane Staffler. Mehr als acht Monate lang suchte sie eine Stelle als Schönheitspflegerin, ihr Traumberuf. Nur mit Gelegenheitsjobs konnte sie sich über Wasser halten. Dabei ist die 21-Jährige keine, die sich faul zurücklehnt. Sie bemühte sich einen Job zu finden, durchforstete Stellenangebote im Internet und in Zeitungen und fragte direkt in den Betrieben nach freien Stellen. „Nach meiner Ausbildung zur Schönheitspflegerin ging ich sofort auf Arbeitssuche“, sagt die Ultnerin. Unzählige Bewerbungen schickte sie an Kosmetiksalons und Hotels. Ohne Erfolg. Warum es nicht geklappt hat? „Es ist sehr schwer etwas in der Nähe im Bereich Schönheitspflege zu finden“, sagt sie. Doch sie gab nicht auf. Vor knapp zwei Monaten kam dann schließlich die ersehnte Zusage.  Weil sie flexibel gewesen sei habe sie den Job bekommen, sagt ihre Chefin. Seit April arbeitet die 21-Jährige in einem Kosmetiksalon in Meran und ist „volle happy“. Viele ihrer Freunde hatten nicht so viel Glück und sind immer noch auf der Suche. Ihr Rat: „Durchhalten und einfach nicht aufgeben.“
 
Doch großes Durchaltevermögen allein, hilft den meisten jungen Arbeitslosen nicht. Es braucht geeignete Maßnahmen, wie eine aktuelle Studie des Arbeitsförderungsinstituts (Afi) deutlich macht. Die Chancen auf Beschäftigung werden von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Demnach gebe es häufig, etwa in Oberschulen, zu wenig Praxisbezug, außerdem erfolge die Berufswahl immer noch stark getrennt nach Geschlechtern und Sprachgruppen. Ein weiteres Problem sind der Studie zufolge die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen. Dadurch würden weniger Ausbildungsplätze ausgeschrieben und in manchen Bereichen, wie dem öffentlichen Dienst, gelte ein Einstellungsstopp. Dazu kommen die schlechten Arbeitsbedingungen: unbezahlte Praktika, befristete Verträge oder Leiharbeit ohne Aussicht auf Festanstellung und geringe Bezahlung bei mehr als 40 Wochenstunden. Die Angst, im nächsten Monat auf der Straße zu stehen, ist bei vielen jungen Menschen allgegenwärtig.
 
Bild: Nicolò
Auch bei Nicolò. Er ist 24 Jahre alt und lebt in Paderno d´Adda, einem Dorf in der Nähe von Mailand. Er hat zwar einen Job, kann aber nicht so viel arbeiten wie er möchte, verdient dementsprechend wenig und weiß nicht, wie lange er überhaupt noch Arbeit hat. Seit einem halben Jahr ist er in Kurzarbeit, weil sein Arbeitgeber zu wenig Aufträge an Land ziehen kann. „La situazione è semplice“, sagt der 24-Jährige. „C'è chi cerca lavoro e difficilmente lo trova, neolaureati in particolare. E chi ce l'ha, ma non è un lavoro sicuro.“ Zum Beispiel Zeitarbeiter bei Firmen wie Adecco oder Man Power". Sie bekommen Verträge, die nur einen Monat gültig sind, ohne Garantie auf Verlängerung. Andere müssen sich mit befristeten Projektverträgen zufrieden geben. Nicolò hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag, der ihm allerdings wenig nützt, solange sein Arbeitgeber in wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist: „La mia precarietà, come quella di molti come me, è dovuta all'incertezza che l'azienda in cui si lavora continui ad esistere.“ Und mit der vielen Freizeit, die er unfreiwillig zur Verfügung hat, kann er auch nicht viel anfangen. Denn Zum Reisen oder anderen Dingen fehle ihm einfach das Geld.  „Molti giovani non hanno futuro“, fügt er resigniert hinzu.
 
Auf diese Perspektivlosigkeit vieler junger Italiener will Arbeitsminister Enrico Giovannini jetzt reagieren und setzte die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit ganz oben auf die Prioritätenliste, auch auf Druck der EU. Rund zwölf Milliarden Euro stellt die Regierung zur Verfügung. Damit soll die Arbeitslosenquote bei den unter 25-Jährigen auf 30 Prozent gesenkt werden, wie die Zeitung "La Repubblica" berichtete.
 
Auch die Südtiroler Landesregierung hat das Problem erkannt und kündigte ein ganzes Maßnahmenpaket an. So sollen unter anderem Sommerpraktika und Ferialverträge ausgebaut und mehr Ausbildungspraktika für arbeitslose Jugendliche angeboten, sowie technische und praktische Berufe aufgewertet werden. Ganz konkrete Programme, die den Einstieg in die Arbeitswelt erleichtern sollen, genehmigte die Landesregierung vergangene Woche. So werden im Landeszivildienst 92 Stellen für 18- bis 28-Jährige geschaffen. Pro Monat bekommen die freiwilligen Zivildiener 450 Euro. Das zweite Programm ist auf die Sommermonate befristet. Bei freiwilligen Ferieneinsätzen können 75 Jugendliche zwischen sechs und acht Wochen Arbeitserfahrung sammeln und bekommen dafür 80 Euro pro Woche. Es sind erste Versuche, um das Problem der Jugendarbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen und der jungen Generation eine Zukunft zu ermöglichen.
                                                                                                                                                                                                                    
Mitarbeit: Vera Mair am Tinkhof, Petra Schwienbacher
 
Weitere Informationen: 

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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