Anzeige

Fußball statt Liebeshöhle

Weg mit Vibratoren und Striptease-Stangen: Zur Fußball-WM rüsten Brasiliens Motelbesitzer um und schaffen Platz für den Touristenansturm.

motel.jpg

Bild: Barbara Bachmann

Das einfachste Zimmer der billigen Kategorie im Motel Hypnose könnte noch als gewöhnliches Hotelzimmer durchgehen. Wenn man die Lichter nicht einschaltet, die das Bett verdächtig rot leuchten lassen und wenn man von den Spiegeln am Oberboden und an den Wänden absähe. Aber spätestens die Suite mit Striptease-Stange und Dancefloor, Whirlpool, Schwimmbad und einer großen Auswahl an Erotikkanälen lässt unschwer erkennen, wofür Motels wie dieses in Brasilien gedacht sind: um miteinander intim zu werden.

In Europa oder den USA sind Motels Herbergen ohne großen Komfort, direkt an der Straße gelegen, und oft wird mit ihnen etwas Anrüchiges verbunden. Ganz anders in Brasilien. Dort findet man Motels in jeder Preislage, von einfach bis luxuriös. Sie sind ein fester Bestandteil der brasilianischen Kultur, an Wochenenden und besonders an Feiertagen sind sie oft ausgebucht. Denn, so lautet ein Gebot in Brasilien: Die Liebe darf nie langweilig werden.

Seit den 1960er Jahren gibt es in dem südamerikanischen Land Motels, damals wurde Pärchen in Hotels noch eine Heiratsbescheinigung abverlangt. Bis heute sind Motels eine willkommene Alternative geblieben für all jene, die einen Ort brauchen, um ungestört ihre Bedürfnisse auszuleben. Menschen mit Affären, die sich heimlich treffen. Jugendliche, die noch keine eigene Bleibe haben. Eheleute, die ihren Jahrestag feiern oder etwas Abwechslung in ihr Liebesleben bringen möchten. Laut brasilianischem Institut für Geographie und Statistik (IBGE) gibt es in Brasilien mehr Motels als Gasthäuser. Sie machen 24,8 Prozent der Übernachtungsmöglichkeiten aus, und die Branche wächst. 2013 hat die Zahl um zehn Prozent zugenommen. Ihr Umsatz in diesem Jahr: vier Milliarden Reais (1,25 Milliarden Euro).

Motels sind nach dem McDrive-System aufgebaut. Man wählt am Eingangsschalter das Zimmer aus, fährt mit dem Auto zur Garage vor, die direkt ins Zimmer führt und fährt nach Ablauf der Zeit gegen den Uhrzeigersinn im Kreis nach draußen. In einem Motel kann man 24 Stunden frühstücken, zu Mittag oder Abend essen. Die Speisekarte liegt auf dem Nachttisch gleich neben der Karte mit dem Sexspielzeug. Es steht zur Auswahl: Truthahnsalat, dazu eine Pasta mit Artischocken, als Nachtisch Mangoeis. Oder: Vibrator, dazu thailändische Bällchen und Massageöl. Man bestellt beides via Telefon an der Rezeption.

Bisher werden Motels vor allem von Brasilianern aufgesucht, ausländische Touristen checken kaum dort ein. Das soll sich während der Fußballweltmeisterschaft ändern. Motels möchten sich in dieser Zeit als Alternative zu überteuerten oder überfüllten Hotels etablieren und haben dafür im Vorfeld in die Umstellung investiert: Die Beleuchtung gewechselt, runde Betten in eckige umgetauscht, obszöne Bilder von den Wänden genommen. „30 Prozent der Motels haben im Vorfeld der WM umgestellt“, sagt Antonio Carlos Molinha, Präsident des Vereins der Motelbesitzer. Denn, so ist er wie viele andere überzeugt: Brasilien ist nicht vorbereitet, derart viele Menschen unterzubringen. Knapp vier Millionen einheimische und ausländische Touristen werden während der Fußballweltmeisterschaft erwartet.

Am 12. Juni wird der Andrang auf die Motels in diesem Jahr besonders groß sein. Der Tag, an dem die brasilianische Nationalmannschaft mit dem Spiel gegen Kroatien im Stadion von São Paulo die Weltmeisterschaft eröffnet, fällt in Brasilien auch mit dem Tag der Liebenden zusammen. Kaum ein Motelzimmer bleibt an diesem Datum für gewöhnlich frei.

Barbara Bachmann

ist freie Journalistin und in der Welt zu Hause. Als Reporterin sucht und findet sie gute Geschichten wie das Schwein den Trüffel.
Anzeige

Im Land der Fußball-WM

Brasilien ist der fünftgrößte Staat der Erde, er umfasst fast die Hälfte Lateinamerikas, ist im Grunde aber ein Kontinent für sich. Wie bereitet sich das 192 Millionen Einwohner zählende Land auf die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft im Juni vor? Wie erleben die Menschen den Aufstieg vom Schwellenland zur Supermacht? Das Land ist im Aufbruch, sozial und wirtschaftlich, und erlebt eine der ereignisreichsten Zeiten seit der Eroberung durch die portugiesischen Kolonisatoren und der Ankunft afrikanischer Sklaven. Drei Monate lang wird unsere Autorin für BARFUSS aus dem Süden berichten. Und das Land von der Atlantikküste über den Amazonas bis in das Landesinnere bereisen.

Mehr Artikel
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

Gastbeitrag von Elide Mussner Pizzinini

Ein Flügelschlag entfernt

Die Corona-Krise hat zu einem lokalen Tunnelblick, beschränkt auf Nation und Region, geführt. Es ist Zeit, dass wir wieder über den Tellerrand hinausschauen.
0    
 | 
Isch Gleich

Warum Frauen anders krank sind

Welche Wirkung hat das Gendern? Und wie macht man es richtig? Die Linguistin Karoline Irschara erforscht den Einfluss des Sprachgebrauchs auf unsere Wahrnehmung.
0    
 | 
Interview mit Maddalena Fingerle

„Ex oder Walscher?“

Die Autorin Maddalena Fingerle erhielt für „Lingua Madre“ den renommierten Italo Calvino-Preis. Der Roman entblößt die Zweideutigkeit und Heuchelei von Sprache.
0    
Max von Milland feat. LaBrassBanda

Über’n Berg

Für seinen neuen Song „Über’n Berg“ holte sich Liedermacher Max von Milland musikalische Unterstützung von der Chiemgauer Blasmusikgruppe „LaBrassBanda“.

Alles außer altbacken

Im deutschsprachigen Raum floriert sie seit Jahren, nun erhält auch Südtirol einen zweiten Ableger: Auf dem Bühlerhof bei Neustift entsteht eine solidarische Landwirtschaft.
0    
Anzeige
Anzeige