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Interview mit Martha Verdorfer

Frauenpower gegen Krieg

Die Historikerin Martha Verdorfer berichtet von einer pazifistischen Frauenbewegung in Südtirol während des Kalten Krieges. Wer waren sie und was haben sie erreicht?

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Bild: Frauenarchiv Bozen

Kohlern oberhalb Bozen am 31. Mai 1981: Auf einer Wiese singt eine Gruppe Frauen unterschiedlichen Alters das Partisanenlied „Bella ciao“, das als Remix 2018 ein Sommerhit wurde. „Oh bella ciao, oh bella ciao, oh bella ciao, ciao, ciao. E questo è il fiore del partigiano morto per la libertà!“ Die Frauen sind aber nicht zum Vergnügen hier, es geht ihnen um Widerstand und um den Frieden, den sie in Gefahr sehen. Der Kalte Krieg, das Wettrüsten vor allem der Supermächte USA und Sowjetunion, hält die Welt in Atem – und es gibt Berichte, dass die NATO auch in Südtirol, hier auf Kohlern, eine Radaranlage bauen wolle. Deshalb ist auch der Südtiroler Ableger der “Frauen für den Frieden”, so der Name der internationalen Bewegung, oberhalb von Bozen zusammengekommen.

Eine, die damals dabei war, ist Martha Verdorfer. „Wir vertraten alle dieselben Ideale“, sagt die heutige Oberschullehrerin über die damalige Bewegung. Die kritische Ader ist der Boznerin bis heute erhalten geblieben. Als Historikerin beschäftigte sie sich immer wieder mit dunklen und vergessenen Kapiteln der Südtiroler Zeitgeschichte, so etwa mit der Rolle der Südtiroler*innen während der Option oder mit dem Umgang mit den Südtiroler Deserteuren während des Zweiten Weltkriegs. 2017 erhielt  Verdorfer von der damaligen Mitstreiterin Irmtraud Mair das Archiv der Südtiroler Friedensbewegung mit der Bitte in die Hand gedrückt, etwas aus dem Material zum weiblichen politischen Engagement in Südtirol zu machen. Verdorfer folgte dem Wunsch, entstanden ist daraus das Buch: „Die Frauen für Frieden. Gegen Aufrüstung und Krieg. Südtirol 1980-1986“ (erschienen im Alpha Beta Verlag in Meran).

Martha Verdorfer

Bild: Alpha Beta Verlag

Wer waren die Frauen für Frieden und welches Verhältnis hatten sie zu dieser Bewegung?
Das ist schwer zu beantworten (lacht)… und das trotz der ganzen Arbeit. Ich bin auf eine Kerngruppe von sechs bis sieben Frauen gestoßen. Diese haben mehr oder weniger konstant die Gruppe gebildet, aber sich nie als Verein konstituiert. Viele Frauen haben nur fallweise für eine bestimmte Zeit mitgemacht. Die Kerngruppe war klein, während sich die Gruppe nach außen hin groß und vielfältig präsentierte. Zu dieser Zeit habe ich mit dem Studium begonnen und mich in der Student*innen- und Frauenbewegung engagiert. Ich unterstützte die Forderungen und Initiativen der Frauen für Frieden wie viele junge Menschen damals. Obwohl meine Generation keine realen Erfahrungen mit Krieg verbindet,  haben wir und auch ich das Klima des Kalten Krieges als bedrohlich empfunden: das Wettrüsten und das Aufbauen von Feindbildern, das hat schon eine Stimmung der Bedrohung erzeugt, gegen die man etwas unternehmen wollte.

Warum wurden diese Frauen aktiv?
Der unmittelbare Gründungsanlass war der Nato-Doppelbeschluss 1979. Dort wurde beschlossen, der Sowjetunion ein Ultimatum von drei Jahren zu stellen, um über eine Reduktion der Nuklearwaffen zu verhandeln. Sollten diese Verhandlungen zu keinem Ergebnis führen, würde die Nato ab Herbst 1983 mit der Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa beginnen, was dann auch geschah. Dadurch entstand erstmals die Angstvision eines begrenzten Atomkrieges in Europa. So entstanden in ganz Europa Friedensbewegungen, in denen Frauen überall eine große Rolle spielten. Auch in Bozen gründete sich um die Jahreswende 1979/80 eine Gruppe, die sich “Frauen für Frieden” nannte. Gründe für das politische Engagement der Frauen waren die fortgesetzte Aufrüstungspolitik im Kalten Krieg und die mit dem Wettrüsten verbundenen sozialen und ökonomischen Kosten.

Welche Ziele hatten die Frauen?
Zum einen gab es globale Ziele, wie das Stoppen des internationalen Wettrüstens und der Protest gegen militärische Konflikte. Zum Anderen vertraten sie konkrete Ziele und Forderungen in Südtirol, wie die Schließung der Natobasis in Natz-Schabs, der Schutz vor militärischen Eingriffen in Kohlern und die Errichtung einer atomwaffenfreien Zone in Südtirol. Das Ziel war vor allem die Bevölkerung gegen die menschenfeindliche Logik des Kalten Krieges zu sensibilisieren.

Nicht in Städten auf großen Plätzen zu demonstrieren, sondern im Nirgendwo in der Kälte gemeinsam für etwas einzustehen, verbindet auf einer anderen Ebene.

Wie sahen die Aktionen dafür aus?
Im April 1983 kam es zu einem großen Ostermarsch nach Natz-Schabs, um der Bevölkerung zu zeigen, dass die Natobasis Südtirol zum atomaren Angriffsziel machen könnte. Ich kann mich gut erinnern, dass es in Natz-Schabs damals sehr kalt, ungemütlich und trotzdem irgendwie besonders war. Nicht in Städten auf großen Plätzen zu demonstrieren, sondern durch den Wald zu stapfen und im Nirgendwo in der Kälte gemeinsam für etwas einzustehen, verbindet auf einer anderen, auf einer emotionalen Ebene. Die Idee einer solchen Aktion war neu und attraktiv: Man steht für etwas Neues auf eine neue Art und Weise ein. Die Bewohner von Natz-Schabs standen der Aktion eher indifferent gegenüber. Aufgrund der Kälte waren sie aber sowieso zu Hause geblieben (lacht).

Und wie war das in Kohlern?
Die Frauen für Frieden wanderten einmal jährlich – von 1980 bis 1984 insgesamt fünf Mal – nach Kohlern, um den Berg vor militärischen Interventionen zu schützen. Nach Kohlern ging man immer Anfang Juni. Die Kundgebung fand auf einer grünen Wiese statt und alle, die dort hinkamen, vertraten dieselben Ideale. Wir alle waren im pazifistischen Gedanken vereint. Das hatte fast etwas Familiäres. Dort wurde auch viel gesungen: bekannte Friedenslieder, Partisanenlieder wie Bella Ciao, umgedichtete Volkslieder und italienische Arbeiterlieder, aber auch Schlager. Über diese Veranstaltungen gab es auch eine breite Berichterstattung: ausführlicher in der oppositionellen Presse, etwas kürzer in den Dolomiten.

Protestkundgebung in Kohlern im Jahr 1982

Bild: Alpha Beta Verlag

Auf welche Hindernisse und Herausforderungen sind die Frauen für Frieden gestoßen?
In den 1980ern befanden sich auch in Südtirol die Frauen in politischem Aufbruch. Es gab eine aktive Frauenbewegung, die sich zu zahlreichen Themen äußerte, wie die Forderung nach einer selbstbestimmten Sexualität und leichter Zugang zu nicht gesundheitsschädigenden Verhütungsmitteln und nicht zuletzt die Forderung nach der Legalisierung und angstfreien Durchführung eines Schwangerschaftsabbruches. Die Friedensbewegung  war in diesen Jahren wohl jene Bewegung, die auf den größten Konsens in der Bevölkerung zählen konnte, obwohl natürlich auch da die Logik des Kalten Krieges sehr verbreitet war. Die Friedensbewegung war in gewisser Weise auch ein Sammelbecken für viele kritische und oppositionelle Stimmen in Südtirol. Gerade weil die SVP und die Dolomiten ideologisch eindeutig auf der Seite der Nato standen, und das auch immer wieder betonten. Von dieser Seite wurden die Frauen für Frieden gerne als Verräterinnen, verkappte Kommunistinnen und als „Moskaus nützliche Idiotinnen“ bezeichnet.

Natürlich hat eine Friedensbewegung noch nie einen Krieg verhindert. Sie zeigt aber, dass es eine Alternative gibt.

Waren die SVP und die Tageszeitung „Dolomiten“ Feindbilder der Frauen für Frieden?
Das war eher umgekehrt (lacht). Die Frauen für Frieden waren das Feindbild von SVP und Dolomiten, wobei es gerade innerhalb der Südtiroler Volkspartei durchaus Politiker gab, die den Frauen für Frieden durchaus positiv gegenüberstanden. Auf Grund der pazifistischen Prinzipien der Bewegung haben sich die Frauen bemüht, ohne Feindbilder zu leben. Josef Rampold, berüchtigter Schriftleiter der „Dolomiten“, stellte in seiner aggressiven Sprache die Bewegung öfters als Feindbild dar. Die Frauen für Frieden reagierten darauf mit Leserbriefen, in denen sie spöttisch, erklärend und humorvoll antworteten, aber nie aggressiv. 

Hat das Engagement der Frauen etwas gebracht?
Interessanterweise schätzen die Frauen im Rückblick ihren Erfolg sehr unterschiedlich ein. Einige sind der Meinung: „Genutzt hat es nichts, schau dir die Welt doch an!“ Sie meinen, dass es zwar keinen Kalten Krieg mehr gäbe, aber die Welt immer noch voller Kriege ist. Andere sagen, dass sie Spaß hatten, viel gelernt haben und es eine gute Zeit war, trotz skeptischer Einstellung bezüglich der Wirksamkeit ihrer Aktionen. Wieder andere sind vom Erfolg der weiblichen Bewegung überzeugt, weil das politische Bewusstsein des Widerstands bis in die Gegenwart wirkt.

Wie sehen Sie es?
Das, was die Frauen für Frieden geleistet haben, geht weiter bis heute. Politisches Engagement von Frauen gab es in der Geschichte viel öfter als uns bewusst ist und wird es immer geben. Neue Bewegungen knüpfen vielleicht nicht unmittelbar an den Frauen für Frieden an, aber sie können zurückschauen und sagen „Wir sind nicht die ersten“. Natürlich hat eine Friedensbewegung noch nie einen Krieg verhindert. Trotzdem denke ich, dass solche unglaublich wichtig sind, um zu zeigen, dass eine Alternative existiert. Eine Demokratie braucht Gegenstimmen.

Über Frauengeschichte zu schreiben ist ein mühsamer Prozess des Aufholens.

Sind die Frauen für Frieden in Südtirol bekannt?
Nein. Leider sind sie total in Vergessenheit geraten. Das ist typisch für die Frauengeschichte. Gottseidank haben die Frauen für Frieden ihr Engagement dokumentiert und dem Frauenarchiv Bozen ihre Materialien überlassen. Ich glaube, wir leben in einer Zeit, deren historisches Gedächtnis nicht ausgeprägt ist, weil wir sehr gegenwarts- und zukunftsfixiert sind.  Trotzdem denke ich, dass das Buch viel Zuspruch von Frauen mit Veränderungsanspruch erhält, weil sie dadurch merken, wir sind nicht die ersten und werden nicht die letzten sein. 

Werden Frauen in der Geschichtsforschung vergessen?
Ja. Es ist bis heute so, dass Frauen in der Geschichte vergessen werden. Über Frauengeschichte zu schreiben ist ein sehr mühsamer Prozess des Aufholens, da Frauen in der Geschichtsschreibung lange nicht vorgekommen sind. Der Prozess einer Frauengeschichte zielt nicht nur darauf ab, das Wirken von Frauen ans Licht zu bringen, sondern auch eine eigene Sprache und Kategorien zu finden, um die neuen Erkenntnisse angemessen zu vermitteln. Schließlich sind alle Begrifflichkeiten der Geschichtswissenschaft männlich orientiert. Hier gibt es großen Nachholbedarf. Deshalb war ein weiterer Grund für mein Buch das Bewusstsein-schaffen für Frauen in der Geschichte.

Ihr Buch skizziert das politische Engagement im vor-digitalen Zeitalter. Was sind die Unterschiede zu heute?
In erster Linie die Vernetzungs- und Kommunikationsmöglichkeiten. In den 80er Jahren lief alles über das Festnetz-Telefon oder gar über Briefe. Die Frauen haben mir erzählt, dass man sich sehr früh anrufen musste, um einander zu erreichen, weil es klar war, dass man nur früh morgens zu Hause war. Es war also alles umständlicher und langsamer. So wurden seitenlange Briefe geschrieben und Flugblätter für Aktionen von Hand gestaltet. Allerdings glaube ich, dass nicht nur die Kommunikationsformen anders waren, sondern auch das Verständnis für Politik.

Petitionen: Man klickt einfach und beruhigt damit das politische Gewissen.

Inwiefern?
Das politische Engagement war unmittelbarer und direkter. Heute ist es möglich, sich digital politisch zu engagieren, indem man an einem Vormittag bis zu fünf Petitionen unterschreibt. Aber im Grunde genommen leistet man dabei nicht viel: Man klickt einfach und beruhigt damit das politische Gewissen. Man schafft also in kurzer Zeit viel, aber auf langer Sicht wenig. Das politische Engagement damals war viel stärker an persönliche Kommunikation gebunden und dadurch viel verbindlicher: Verbindlicher, weil Menschen mit ihren Gesichtern und Namen hinter einer Sache gestanden sind und Politik nichts Anonymes war. Eine Kontinuität heute aufrecht zu erhalten ist schwer. Das hat man auch bei Fridays for Future gesehen.

Was bleibt?
Für die ehemaligen Frauen für Frieden selbst bleibt wahnsinnig viel: politisches Bewusstsein, Erfahrung und Erinnerung.
Gesellschaftlich ist die Bewegung etwas in Vergessenheit geraten. Vielleicht hilft das vorliegende Buch, einigen die Augen für politisches weibliches Engagement in Südtirol zu öffnen. Es bleiben aber auch inhaltliche Kontinuitäten: Nach den Frauen für Frieden gab es auch in Südtirol die Frauen in Schwarz/Donne in nero und weltweit sind Frauen in den Friedensbewegungen immer noch von großer Bedeutung. Eine friedlichere Welt ohne mehr Beteiligung von Frauen wird es nicht geben.

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Anfang der 80-er war so fast alles in der BRD, in Südtirol weniger, für den Frieden unterwegs, von A, wie Autoren ... bis Z, wie Zivildienstleistendende. Ansonsten entsteht wohl ein historisches Zerrbild.
Die Friedensdemos gingen übrigens auf die Tradition der jährlichen Ostermärsche der 60-er in der BRD zurück. Männer und Frauen trugen lila Tücher.

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