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Interview mit Ulrich Seitz

"Eine gewaltige Genugtuung"

Ulrich Seitz lebt und arbeitet fürs Ehrenamt. Was ihn antreibt, warum das Ehrenamt in Südtirol so stark ist und ob das auch in Zukunft so bleibt, verrät er im Interview.

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Immer ein Lächeln im Gesicht: Ulrich Seitz.

Bild: Ulrich Seitz

Am 5. Dezember war der Tag des Ehrenamtes. Anlässlich dieses Termins wird die ehrenamtliche Tätigkeit vieler Menschen anerkannt, die zur Aufwertung und zum Wohle der Gemeinschaft beitragen. Einer von ihnen ist Ulrich Seitz, der wie kein anderer für das Ehrenamt lebt. Mit BARFUSS spricht er über seine Leidenschaft für das „Soziale“, die spezifische Situation des Ehrenamtes in Südtirol und dessen große Herausforderungen für die Zukunft.   

Funktioniert ein Sozialwesen nur, wenn die Zivilgesellschaft aktiv ist?
Das wird zu wenig sein. Die Zivilgesellschaft muss sowieso fit sein. Wir haben jetzt eine Generation, die Schwierigkeiten mit dem Ehrenamt hat. Die Leute sagen mir, dass sie gerne ein Ehrenamt ausüben würden, können aber keine verbindliche Zusage geben. Die Südtiroler sind allgemein immer noch fleißig als Zivilgesellschaft, denn von den 220.000 im Ehrenamt tätigen Südtirolern sind 150.000 zumindest in zwei Organisationen aktiv. Durchschnittlich sind sie 2,5 bis 3 Stunden wöchentlich aktiv, das ist immerhin noch eine Stunde mehr als in Deutschland. Vor allem auf dem Land geht der Trend hin in Richtung Gemeinschaftsleben, denken wir an die Feuerwehr oder die Sportvereine.

Ulrich Seitz ist Präsident des Seniorenwohnheims Pilsenhof in Terlan, der Alzheimervereinigung Südtirol und des Vereins „Kinderherz Südtirol“ (Verein für Kinder und Menschen mit einem angeborenen Herzfehler). Er ist zudem Referent im Ehrenamt der Gemeinde Bozen für Menschen mit Beeinträchtigung, wo er sich um neue Konzepte der Arbeitseingliederung und Abbau der architektonischen Barrieren kümmert. Weiters ist er im Vorstand des Nierenkrankenverbandes Südtirol.   

War das „Soziale“ immer schon deine Leidenschaft?
Ich bin durch meine Arbeit in der Landesverwaltung auf dieses Feld gestoßen. Mich faszinierte der Gedanke, die verwaltungstechnische Seite mit dem Ehrenamt zu kombinieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass der dritte Sektor in Südtirol ein Erfolgsmodell darstellt und großes Potential birgt.

Der dritte Sektor ist weder dem Staat noch der Privatwirtschaft zuzuordnen und deckt Organisationen ab, wie Sport-, Kultur- und Sozialvereine. Diese Non-Profit-Organisationen erbringen die wichtigsten Dienstleistungen, welche auch die Bereiche Ökologie und Selbsthilfe umfassen. Das wichtigste Kriterium des dritten Sektors ist, dass die Mitarbeit dort auf Freiwilligkeit beruht.     

Welche Bedeutung hat das Ehrenamt für unsere Gesellschaft?
Wenn wir das Ehrenamt nicht in Südtirol hätten, dann würde vieles nicht funktionieren. Auch die Wirtschaft, vor allem der Tourismus profitieren vom Ehrenamt. Gäste wollen den traditionellen Chor hören und bestimmte Sport- und Freizeitaktivitäten ausüben. Das Ehrenamt bringt in Südtirol 610 Mio. Euro Wertschöpfung, das sind 10 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes.

 Obwohl ich oft schnell eine Lösung parat hätte, muss ich Kompromisse eingehen. 

Was muss ein Mensch mitbringen, um gutes Ehrenamt zu leisten?
Im „Sozialen“ braucht es Kompetenz, nicht nur beruflicher Natur. Was immer mehr abhanden kommt, ist das Humankapital. Der Aufbau von Beziehungen zu anderen Menschen ist im Berufsleben zentral. Ohne dieses Humankapital ist alles für die Katz, auch das „Soziale“.

Was bedeutet das für deinen Alltag?
Ich habe sehr darunter gelitten, dass man mir lange Zeit vorgeworfen hat, dass ich keinen Teamgeist hätte. Ich muss den aber haben, und genau den habe ich im Ehrenamt erlernt. Obwohl ich oft schnell eine Lösung parat hätte, muss ich Kompromisse eingehen. Als ein eher ungeduldiger Mensch, der auch seinen Schwankungen ausgeliefert ist, ist das alles nicht so einfach. Vieles habe ich verbessert und bin ausgeglichener geworden. Ich habe viel bewegt, doch ich war und bin ständig in der Kritik. Jede Entscheidung, die mich erfreut, wird auch kritisiert. Mit Kritik umzugehen, musste ich auch erst lernen. In der Politik ist dieses „Fettabkriegen“ gang und gäbe. 

Das gehört wohl auch dazu, wenn man Entscheidungen treffen muss?
Ja, genau. Vor allem junge Leute, die neu im Ehrenamt sind, brauchen auch mal jemand vor ihnen, der Entscheidungsfreude zeigt. Die braucht es einfach, sonst kann man nicht überleben.

Ulrich Seitz, Jahrgang 1972, hat Rechtswissenschaften studiert. Er arbeitete 20 Jahre in der Landesverwaltung, Abteilung Gesundheit, die letzten neun Jahre als stellvertretender Amtsdirektor. Er hat 2016 fristlos gekündigt, weil gewisse Dinge dort nicht mehr in sein Weltbild passten und einige politische Entscheidungen wie die klinische Reform, die seiner Meinung nach gegen die Interessen der Bevölkerung getroffen wurden, nicht mehr mittragen wollte. Nach dieser Erfahrung war er drei Jahre lang in einer Genossenschaft für Kinder und Jugendlichen mit Auffälligkeiten (EOS) tätig. Seit 2019 ist er Direktor des Dienstleistungszentrums für das Ehrenamt (DZE) und ist zuständig für die juridische Beratung des Vereinswesens.

Es gibt in unserem Lande noch immer die Tendenz wegzuschauen, eine Scheu, sich in der Öffentlichkeit mit „diesen“ Menschen zu zeigen. 

Du arbeitest mit Jung und Alt. Konntest du dich nicht entscheiden?
Ich brauche beides. In der Alzheimervereinigung gehe ich für gewisse Projekte in Begeisterung auf. Aber am nächsten Tag fehlt mir der Bereich mit Kindern und Jugendlichen. Mein großes Ziel ist es gerade bei erkrankten jungen Menschen, dass sie einen Beruf erlernen und wir sie so begleiten, dass sie ihren Lebensunterhalt verdienen können und nicht nur von den Eltern abhängig sind. Ich will, dass sich niemand in Südtirol verstecken muss, weil er oder sie eine Krankheit hat. Es gibt in unserem Lande noch immer die Tendenz wegzuschauen, es gibt eine Scheu, sich in der Öffentlichkeit mit „diesen“ Menschen zu zeigen. Ein kulturelles Problem.

Was mich auch betroffen macht, ist die Altersarmut. Es ist eine Schande, wenn ein Mensch, der ein ganzes Leben gearbeitet hat, nicht ans Monatsende kommt. Und das in unserem heiligen Land Südtirol. Das ist eine neue Form der Armut. Es gibt sehr viele, die in Arbeitsverhältnissen waren, wo sie nicht ordentlich versichert waren. Man denke an die Landwirtschaft oder das Gastgewerbe. 

Ulrich Seitz in Aktion.

Bild: Ulrich Seitz

Bekommst du für deine Tätigkeit von der Gesellschaft auch etwas zurück?
Nichts ist besser als wenn ein Projekt gut ausgeht. Bei einem Senioren oder einem Kind, wenn wir da im Stande waren, ein Problem zu lösen, das ist eine gewaltige Genugtuung. Oder wenn wir was in der öffentlichen Verwaltung bewegen oder einen Rekurs gewinnen und zum Beispiel erkannt wird, dass ein Mensch die zweite Pflegestufe wirklich benötigt. Oder bei Arbeitgebern, die zuerst einen jungen Menschen nicht einstellen wollten, weil er aus irgendeinem Grund anders ist, und ich nach Monaten die Rückmeldung bekomme: „Wissen Sie, dass er die beste Investition war! Er bereichert uns.“ Da kriege ich Gänsehaut.

Südtirol ist mit dem Ehrenamt gut aufgestellt. Was kann noch besser werden?
Besser werden muss der Konkurrenzkampf im „Sozialen“, auch unter den ehrenamtlichen Organisationen. Unter sogenannten Partnern belebt dies zwar das Geschäft, mit neuen Ideen, Projekten und Mitarbeitern. Aber mehr Gesprächskultur würde guttun. Wer den schnelleren Weg zur Politik hat, versucht oft, andere zu übergehen.
Was mir auch fehlt: Arbeitserfahrungen im Ehrenamt sollten für die berufliche Karriere besser anerkannt werden. Nicht jeder braucht ein Doktorat, wenn er nachweisen kann, dass er in einer ehrenamtlichen Organisation Führungsaufgaben übernommen und sich gewisse Kompetenzen angeeignet hat. 

Ich würde auch jeden tüchtigen und motivierten Pensionisten in die Pflicht nehmen, denn mit ihrer Erfahrung sind sie eine große Ressource. 

Was wünscht du dir für die Zukunft des „Sozialen“?
Dass wir junge Leute begeistern und sie dazu bewegen, ins „Soziale“ einzutauchen. Weiters haben wir ganz tolle Pensionisten, die möchte ich dazu verdonnern, Zeit zu opfern. Es gibt mehr als nur die Familie und auch wenn sie wenige Stunden im Monat aufbringen würden, wäre das toll. Es gibt wunderbare Handwerker, Wirtschaftstreibende oder verschiedene Berufsbilder, die alle gebraucht werden. Ich würde auch jeden tüchtigen und motivierten Pensionisten in die Pflicht nehmen, denn mit ihrer Erfahrung sind sie eine große Ressource. 

Wieviel deiner Freizeit widmest du deinen Tätigkeiten?
Ich habe praktisch keine Freizeit. Ich würde sagen, ich bin wie ein „Boaderliner“ (lacht). Momentan habe ich zum Glück meine Gesundheit und die Lust viel zu arbeiten. Doch die ganzen tollen Projekte animieren mich einfach immer weiter zu machen. Mein Herz und meine Seele würden es nicht zulassen, irgendetwas von meiner ehrenamtlichen Tätigkeit aufzugeben.   

Und falls du doch mal Zeit findest?
Ich bin ein theaterbegeisterter Mensch und großer Fan von Thomas Hochkofler. Ich liebe ihn vor allem in den ernsten Rollen. Oft schaue ich mir Theaterstücke wiederholt an, weil ich es spannend finde, wie die Tagesform des Ensembles und die unterschiedliche Zusammensetzung des Publikums Einfluss auf das Theaterstück nehmen. Da habe ich mittlerweile ein klinisches Auge entwickelt. Spannend finde ich auch die Dynamik, wenn sich das Publikum anders verhält als erwartet, beim Klatschen, Lachen oder Protestieren. Es zeigt mir, dass wir in keiner Schlafstätte leben und die Menschen verschieden sind, jeder mit einer Meinung.   

 

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