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Corona-Vorsätze

Ein anderes Leben

Die Quarantäne bringt uns dazu, Gewohnheiten des Alltags zu überdenken. Wir haben Menschen gefragt, was sie nach Corona anders machen wollen.

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Was tun, wenn die Maske endlich ab ist?
Bild: Nick Bolton - unsplash

Je unsicherer die Gegenwart, desto interessanter die Frage nach der Zukunft. Wenn man heute in der Google-Suchmaske „Das Leben nach...“ eingibt, dann folgen als automatische Vervollständigungen nicht mehr allein der „Tod“ oder eine „Beziehung mit einem Narzissten”, sondern auch „Corona”. Die Frage, wie unser Leben nach dem Ende der aktuellen Einschränkungen aussehen wird, scheint uns also mindestens genauso stark zu beschäftigen, wie unsere eigene Vergänglichkeit und egomanische Ex-Partner und -Partnerinnen. 

Dementsprechend gefragt sind sogenannte Zukunfts- und Trendforscher, Menschen, die sich mit der Frage nach der Zukunft beruflich auseinandersetzen und mit ihren Prognosen Unternehmen beraten, Bücher schreiben und in letzter Zeit häufig in Talkshows zu sehen sind. BARFUSS hat selbst einen solchen Trendforscher per E-Mail für ein Interview angefragt; darauf folgte eine automatische Antwort mit einem Dankeschön für das „überwältigende Interesse” und dem Hinweis, dass sich eine persönliche Antwort „wegen der zahlreichen spannenden Anfragen” verzögern wird.

Das zeigt, wie sehr uns die Zukunft gerade umtreibt. Die bleibt aber glücklicherweise nicht allein dem Zufall und unsicheren Prognosen überlassen. Einen guten Teil haben wir selbst in der Hand. Die Ausgangssperre bietet vielen von uns die Gelegenheit zu überlegen, was wir an unserem Leben besonders schätzen – und was wir lieber anders machen würden. BARFUSS hat sich deswegen in Südtirol umgehört und Menschen gefragt, was sie nach Corona in ihrem Leben ändern wollen. Lasst euch inspirieren.
 

Bild: Maria Stofner
Maria (Lehrerin): Ich habe mir vorgenommen, meine Reisefreiheiten bewusster zu genießen, weniger Zeit am Laptop zu verbringen und mir wieder öfter Zeit für Treffen und Besuche zu nehmen. Vielleicht suche ich mir auch eine größere Wohnung als 36 Quadratmeter … nur für alle Fälle.
 

Bild: Martina Oberrauch
Martina (Hypnosetherapeutin und Yogalehrerin): Ich werde mir Freunde suchen. Durch die Quarantäne habe ich erst gemerkt, dass ich ein einsamer Mensch bin, weil ich mir in der Vergangenheit zu wenig Zeit für Freundschaften genommen habe. 
 

Bild: Carlis Mutter
Carli (angehender Künstler): Ich habe inzwischen schon fast alle Wände und sämtliches erreichbares Mobiliar vollgekritzelt und werde, wenn ich endlich wieder meinem natürlichen Spiel- und Bewegungstrieb nachkommen darf, wie eine Rakete aus dem 200m-Radius-Käfig schießen! Neulich bin ich mit Mama auf dem Rad durch die Stadt gefahren, um „Wir-winken-der-Oma-von-Weitem-und-legen-ihr-Einkäufe-vor-die-Tür“ zu spielen (ein blödes Spiel übrigens!) und in der ganzen Stadt war niemand. Nur drei Menschen mit Masken sind uns entgegengekommen, und das kam mir, gelinde gesagt, schon ein bisschen gruselig vor. Wo sind denn alle Leute hin und warum gucken die, die noch übrig sind, so komisch und machen einen Bogen um uns? Und wo sind all die Kinder? Ich bin ja noch zu klein, um zu begreifen, was da vor sich geht, aber eines weiß ich: Wenn das alles vorbei ist, spielen wir Kinder alle zusammen wieder laut, lustig und lachend in den Straßen und auf den Spielplätzen – und ganz bestimmt nicht das blöde „Wir-fassen-nichts-und-niemanden-an“-Spiel! Ansonsten plane ich, zwar noch weiter an meiner Trotzphase festzuhalten, aber nicht mehr ganz so häufig zu brüllen und mich vor Wut auf den Boden zu schmeißen, weil ich dann ja  endlich wieder raus und mich bewegen kann! (Anm. d. Red.: Carli bediente sich beim Verfassen dieses Textes einer Ghostwriterin)


Bild: Daniela Klotz
Daniela (pädagogische Leiterin): Ich werde mehr Energie darin investieren, was mir wirklich wichtig erscheint! Ich werde mich einmal mehr fragen, wofür ich hier bin und was der Sinn in meinem Leben ist.
 

Bild: Sebastian
Sebastian (Doktorand): Bestimmt werde ich die Natur und den Ausgleich, die sie uns bietet, noch viel mehr schätzen als zuvor. Ich möchte von mir behaupten können, dass ich ein umweltbewusster Mensch bin und war schon vorher auf mein Handeln und dessen Folgen auf die Umwelt bedacht. In Anbetracht dessen, was die Entschleunigung der Gesellschaft für Folgen auf die Umwelt in diesen Wochen hatte, werde ich in Zukunft versuchen, noch mehr darauf zu achten.
 

Bild: Ulrike Tschugguel
Ulrike (Englischlehrerin): Die Natur und das Spazieren-Gehen werde ich noch viel mehr genießen als bisher. Die Bewegungsfreiheit allgemein werde ich nach dem Ausnahmezustand wertschätzen. Nach dem Ausnahmezustand werde ich als erstes in meinen Schrebergarten fahren und dort nach dem Rechten sehen.
 

Bild: Gerhard
Gerhard (Bankangestellter): Ich werde mich zurückerinnern, wie anpassungsfähig wir Menschen sind und wie wir gemeinsam, oder auch jeder für sich, diese Situation gemeistert haben. Vor allem aber werden wir uns mit Freunden, wenn auch mit Schutzmasken verhüllt, unterhalten und viel zu erzählen haben. Vor dem Ausnahmezustand war mir nicht bewusst, dass es ein Privileg ist, frei zu entscheiden, wen ich besuche, wo ich meinen Kaffee trinken gehe oder welches Restaurant ich mit meiner Familie besuche; daran werde ich mich von nun an stets erinnern.
 

Bild: Samantha Dorfmann
Samantha (Verkäuferin und Mutter): So viel würde ich gar nicht anders machen. Den Müll im Haushalt zu reduzieren und zu recyceln, versuchen wir jetzt schon und sonst fällt mir nicht viel ein. Auf jeden Fall werde ich als erstes, wenn das alles vorbei ist, einen sehr langen Spaziergang im Wald mit meiner Tochter machen und Wildkräuter sammeln.


Bild: Annemarie Kurmann
Annemarie (Hüttenwirtin): Ich will soviel wie nur möglich draußen sein und dem Vogelgezwitscher zuhören. Außerdem werde ich versuchen, die Ruhe und Gelassenheit, die gerade einkehren, mit in den „normalen” (What the heck ist eigentlich normal?) Alltag zu nehmen.


Bild: Thomas Marth
Thomas (Sozialarbeiter): Ich werde mich mehr aufs Wesentliche konzentrieren, viel Zeit mit Freunden verbringen, das Leben noch mehr genießen und den oft stressigen Alltag lockerer nehmen. Um gut zu starten, werde ich als erstes eine riesige Grigliata mit all denen machen, die ich gern habe und die ich lange nicht mehr gesehen habe.


Bild: Greta Klotz
Greta (Politikwissenschaftlerin): Die Krise hat uns klar gemacht, dass nichts im Leben selbstverständlich ist und unsere Gesellschaft an Grenzen stoßen kann. Daher möchte ich daraus mitnehmen, stressfreier zu leben, meine Energie bewusster einzusetzen und noch mehr unsere lokalen Kreisläufe zu stärken.


Bild: Judith Hilber
Judith (Englischlehrerin): Den Kontakt mit Menschen in der analogen Welt werde ich intensiver wahrnehmen – mit erhöhter emotionaler Aufmerksamkeit und mit den Erfahrungen der physischen Distanz während des Ausnahmezustandes im Kopf. Um die Freiheit, unterwegs zu sein, zu genießen, werde ich wahrscheinlich als Erstes eine Wanderung in den Südtiroler Bergen machen.

Bild: Matthias Mair
Matthias (Maturant): Wir können und sollten durchaus unsere Lehren aus dieser Krisenzeit ziehen. Ich persönlich werde meinen gewohnten Alltag nicht mehr als reines Selbstverständnis empfinden und Begegnungen mit Freunden und Bekannten bewusster genießen als früher. Die Gesundheit ist mit Abstand unser höchstes Gut. Sie zu schützen, auch und vor allem nach dieser turbulenten Zeit, werde ich noch sehr viel ernster nehmen.

 

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