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Spurensuche zur Option

Die Qual der Wahl

1939 hatten die Südtiroler die Wahl: auszuwandern oder sich vollends zu italianisieren. Die Großmutter des Autors, die damals noch ein Schulkind war, erinnert sich zurück.

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Auswandererfamilie vor dem Hotel Victoria, der Empfangsstelle der DUS (Dienststelle Umsiedlung Südtirol) in Innsbruck.

Bild: Annemarie Molling, Innsbruck

Theresia mit ihren zwei Enkeln.

Bild: Teseo La Marca
Theresia hat es nicht nur zu einem stattlichen Alter gebracht. Die Stube, in der die Neunzigjährige tagsüber sitzt, ist im Winter gut beheizt. Die Pflegerin aus Serbien kümmert sich um den Haushalt und auch um Unterhaltung ist gesorgt, gerne neckt sie die alte Frau. Alleine ist Theresia selten. Durch jahrzehntelanges Arbeiten und Sparen war es ihr und ihrem verstorbenen Ehemann Johann gelungen, zwei Häuser zu errichten. Dort wohnen heute auch zwei ihrer Kinder mitsamt den Enkeln. Einer von den Enkeln bin ich. Doch weder die freie Sicht auf den Bozner Talkessel, noch die ruhige Naturidylle waren es, die das Glücksgefühl meiner Großmutter begründeten, als sie das erste Haus hier bauen ließ. Es war allein die Gewissheit, dass diese vier Mauern ihr und ihrem Mann gehörten, ihnen allein, und dass keiner sie ihnen nehmen konnte.

Im Jahr 1939, vierzehn Jahre, bevor sie Johann kennenlernte, war das anders. Das Bett, auf dem sich das damals 12-jährige Mädchen nach einem langen Arbeitstag auf den Feldern ausruhen konnte, war ein Sack Stroh. Zum Nachtmahl gab es dann Brot und dazu etwas Milch. Wenn Theresia und ihre beiden Brüder Glück hatten, schwamm sogar noch etwas Rahm darin. In der Regel waren die Pachtherren beim Abrahmen der Milch aber sorgfältig. Zurück blieb milchiges Wasser. „Das Beste haben immer die Herrschaften behalten“, erinnert sich Theresia mit Grimm. Und während die Pachtherren auf ihrem Hof Tanzabende veranstalteten, hielten sich die Besitzlosen an den einzigen Reichtum, der ihr übrig blieb, nämlich an die Worte des Pfarrers; der behauptete übrigens, dass Tanzen eine Sünde sei.

Die Lehrerin war eine „Deutschenhasserin” aus Cremona.

Das Pächterleben war geprägt von Unsicherheit und Armut. Der Frust darüber entlud sich beim Vater oft in jähzornigen Anfällen. Bei der Mutter äußerte er sich in Schwermut. Trost fanden die Notleidenden damals im Glauben und, wenn es ein guter Tag war, im schwarzen Humor: „Überall ist etwas, nur in meiner Mehlschublade ist nichts“, pflegte Theresias Nachbarin zu sagen. Zur Unterdrückung durch die Pachtherren kam in jenen Jahren noch die politische Unterdrückung hinzu. Das faschistische Regime unter Mussolini hatte ein Ziel: die Italianisierung des gesamten Staatsgebiets. Schläge auf den Kopf mit dem Meterstab und minutenlanges Knien auf Holzscheitern gehörten für Theresia damals zum Schulalltag. Die Lehrerin war eine „Deutschenhasserin” aus Cremona.

Oktober 1939: Plötzlich schulfrei

Die kleine Theresia (Mitte) mit ihrer Familie

Bild: Teseo La Marca
Der Herbst 1939 hielt für Theresia und ihre Schulfreunde eine große Überraschung bereit. Keine Schulpflicht mehr, Ferien auf unbestimmte Zeit. Denkbar groß war die Freude unter den Kindern. Ein einziges Mädchen, die Zilla, musste weiterhin in die Schule. Denn ihre Eltern waren die Einzigen im ganzen Dorf, die fürs Dableiben optiert hatten. Was es mit dieser Option auf sich hatte, verstanden die Dorfkinder noch nicht genau. Sie wussten nur: Es ist der Grund, warum alle schulfrei haben - außer dieses eine Mädchen. Oft rätselten die Kinder darüber, wenn sie vormittags um das Schulgebäude schlichen und aus den Fenstern das Gebrüll der Italienischlehrerin drang, dazwischen manchmal auch ein kaum hörbares Wimmern der kleinen Zilla.

Einer, der den Kindern einiges hätte erklären können, ist Leopold Steurer. In seinem Arbeitszimmer in Meran stapeln sich die Bücher auf Tischen und Stühlen, teilweise auch auf dem Boden. Einige davon stammen von ihm, es sind Bücher über die Option. Der Historiker weiß, dass die Schulferien, worüber die Dorfkinder sich freuten, nur eine der vielen Folgen eines Ereignisses waren, das die Südtiroler Gesellschaft noch jahrelang spalten sollte. Diese anderen Folgen sollten den Südtirolern weniger Freude bereiten.

Es fing noch vor Kriegsbeginn an. Als am 29. Juni 1939 der deutsche Generalkonsul Otto Bene eine Versammlung reichsdeutscher Bürger in Meran einberief, ahnte noch niemand, worum es da gehen sollte. Nach Ende der Versammlung dauerte es aber nur wenige Stunden, bis auch das restliche Südtirol erfuhr, was in Meran bekanntgegeben wurde, zu groß war die Tragweite der Meldung von der Optionspflicht. Jeder volljährige volksdeutsche Südtiroler – „volksdeutsch“ nannten die Nazis alle ethnischen Deutschen außerhalb des Deutschen Reichs – musste sich entscheiden. Entweder für die deutsche Staatsbürgerschaft und damit fürs Auswandern ins Deutsche Reich. Oder für die italienische Staatsbürgerschaft und damit für den Verbleib in Südtirol. Damit wäre aber die völlige Aufgabe der eigenen deutschen Identität verbunden gewesen.

Die Gesellschaft spaltet sich, der Terror beginnt

Was folgte, war Verzweiflung, Bestürzung, Aufruhr. Innerhalb weniger Tage und Wochen spaltete sich die Gesellschaft vollkommen. Es entstanden zwei einander bekämpfende Lager: Optanten und Dableiber. Auf der einen Seite der Völkische Kampfring, Südtirols illegale Nazis: Sie wollten die Aussiedlung ins Deutsche Reich. Auf der andern Seite die Vertreter des ehemaligen Deutschen Verbandes und die Kirche: Sie vertraten die Dableiber.

Während des ganzen Sommers 1939 gab es keinerlei offizielle Informationen, wann und wie die Option genau ablaufen sollte. Auf diesem Boden der Ungewissheit grassierten die wildesten Gerüchte. Zum Beispiel, dass diejenigen, die nicht zur Umsiedlung bereit seien, gar nicht in Südtirol bleiben dürften, sondern anschließend nach Sizilien deportiert würden. Erst am 31. Oktober kam etwas Licht ins Dunkel; doch der Umsiedlungsvertrag zwischen Hitler und Mussolini, worin die rechtlichen Bedingungen der Option endlich geregelt wurden, brachte keine guten Neuigkeiten. Bereits bis zum 31. Dezember 1939 musste sich jeder Südtiroler entschieden haben, ob er aussiedeln oder bleiben will.

Für Südtirol bedeutete das: Propaganda bis ins Maßlose. Zwischen Dableibern und Optanten gab es inzwischen keinerlei Kommunikation mehr. Schon bald aber wurde klar, dass die Optanten die große Mehrheit bildeten. Der Druck auf abweichende Meinungen stieg von Tag zu Tag. Und schon bald habe der Druck physische Form angenommen, sagt Leopold Steurer, bis hin zu regelrechtem Terror: niedergebrannte Scheunen, eingeschlagene Fensterscheiben, Schlägereien. Steurer zeigt auf das Buch „Schöne Welt, böse Leut“ von Claus Gatterer, das auf einem Stuhl liegt. Auch Gatterer und seine Familie seien als Dableiber schikaniert worden. Gatterers Hofhund wurde vergiftet, am Zaun vor dem Grundstück stand plötzlich die Aufschrift: „Volksverräter“. Ab dem Januar 1940 war es dann offiziell: 86 Prozent der Wahlberechtigten optieren für Deutschland. Der Völkische Kampfring hatte gewonnen.

Der Weltkrieg rettet Südtirol

Zwar sei es eine mildere Variante davon gewesen, aber im Endeffekt war die Option der Versuch einer ethnischen Säuberung, sagt Steurer. Das bedeute, die ethnisch-sprachlichen Grenzen werden so verschoben, dass sie mit den nationalen Grenzen übereinstimmen. Letztlich kam es aber doch nie ganz dazu. Wie meine Großmutter Theresia leben heute noch weitere 300.000 deutsche und ladinische Bürger unbehelligt in Südtirol. Warum?

Als Hauptgrund nennt Leopold Steurer den Verlauf des Krieges, der für die Achsenmächte ab 1941 immer ungünstiger ausfiel. Wer zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgewandert war, der versuchte, durch bürokratische Schleichwege die tatsächliche Umsiedlung so lange als möglich hinauszuzögern. Die Ungewissheit, die dabei auf dem Leben der Menschen lastete, war enorm.

Nach und nach drang aber etwas Neues in den Alltag der Menschen ein. Etwas, das sogar von der Sorge um die Zukunft abzulenken vermochte. Es waren die Fliegerangriffe der Alliierten. Nun erwies es sich als Vorteil, verlassen am Berg zu wohnen. Sobald die Sirene losging, die die feindlichen Flieger ankündigte, versteckte sich Theresias Familie unter dem Heu in der Scheune. Es war kein idealer Schutz, aber Einschläge am Berg waren selten. Die Ziele der Alliierten waren Städte wie Bozen, Meran oder Innsbruck.

Für Theresia waren die Kriegsjahre eine zwiespältige Zeit. Auf der einen Seite der Deutsch-Unterricht: Ab dem Frühjahr 1940 durften die Optantenkinder deutsche Sprachkurse besuchen, 1943 wurde schließlich für alle die nationalsozialistische deutsche Schule eingerichtet. Theresia war vom Unterricht begeistert. Wenn die Not zu Hause sie nicht zur Feldarbeit zurückgerufen hätte, wäre sie am liebsten noch jahrelang zur Schule gegangen. Auf der anderen Seite war da aber der Seppl, der an die Front nach Lettland gerufen wurde: Als Theresias älterer Bruder auf seinen ersten Heimaturlaub kam, war er dermaßen gewachsen, dass ihm keine Kleider mehr passten. Den ganzen Urlaub über musste er in seiner Uniform bleiben. Dass man neue Kleider kaufen musste, dazu kam es allerdings nicht mehr. Von seinem nächsten Dienst an der Front kam Seppl nicht mehr zurück.

Die ungeliebten Wirtschaftsmigranten aus Südtirol

Schließlich kam das Jahr 1945 dann doch. Der Krieg war zu Ende. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 75.000 Südtiroler dennoch außerhalb ihrer Heimat. Sie waren aufgebrochen in der Hoffnung auf ein neues, besseres Leben. Das Versprechen eines geschlossenen Südtiroler Siedlungsgebietes, die Aussichten auf Jobs, Wohlstand und Besitz hatten sie in die Fremde gelockt. „Wer umsiedelte, stammte aus den sozial niedrigsten Schichten“, erklärt Steurer: „Sie sind durchaus mit den heutigen Wirtschaftsmigranten vergleichbar.“ Die Aussiedler waren hauptsächlich Tagelöhner, Mägde, Knechte, kleine Ladenbesitzer. Noch heute leben die Nachfahren der Aussiedler in Teilen Österreichs, Luxemburgs, Baden-Württembergs.

„Die wollten doch auch nur ein besseres Leben.“

Was Leopold Steurer sagt, hat politische Brisanz. Denn die Freiheitlichen wehren sich vehement gegen den Vergleich der Südtiroler Optanten mit heutigen Migranten. Die Südtiroler seien nur aus Treue zu ihrer deutschen Kultur ausgewandert, sie hätten ihr Schicksal „in die eigene Hand genommen und legten es nicht in die Hand eines Sozialstaates“, wie der Freiheitliche Michael Demanega behauptet. Als Historiker, der diesen Gegenstand jahrzehntelang erforscht hat, weiß Steurer aber, dass die Realität der Umsiedler weniger rühmlich aussah. „Die Südtiroler waren für die Ansässigen unwillkommen, in ihren Augen waren sie Schmarotzer, die einem die besten Wohnungen und Arbeitsstellen wegnahmen“, sagt Steurer. Er steht mit dieser Sicht der Dinge keineswegs alleine da. Auch Historiker wie Kurt Gritsch und Eva Pfanzelter bestätigen seine Kritik. Pfanzelter berichtet sogar von Klagen der Einheimischen über die „kriminellen“ Einwanderer aus Südtirol.

Auch Theresias Gedanken wurden vom Thema der Migration im fortgeschrittenen Alter wieder eingeholt. Dass ihre eigene Familie trotz des elenden Pächter-Daseins nicht auswanderte, darüber ist sie heute noch froh. Wenn sie dann aber im Radio von Flüchtlingen sprechen hört, die im Mittelmeer ertrinken, schüttelt sie nachdenklich den Kopf. „Was denkst du gerade?“, habe ich meine Großmutter einmal gefragt. „Die wollten doch auch nur ein besseres Leben“, antwortete sie.

Dieser Beitrag erschien erstmals in der diesjährigen Ausgabe von 39Null.

Teseo La Marca

studiert in München und perfektioniert dort die Kunst der Prokrastination. Liebt die Freiheit, in anderen Worten: hat Bindungsängste gegen alles, außer gegen Südtirol, wohin er immer wieder gerne zurückkehrt.
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