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Heimatliebe heute

Die patriotischen Europäer

Im Lichte eines geeinten Europas hat sich das Verständnis von Heimatliebe geändert. Auch Südtiroler Patrioten machen diesen Wandel mit.

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Bild: Thomas Hanifle

In der Regel sieht man sich in Südtirol nicht durch die Farben Schwarz-Rot-Gold repräsentiert. Das kann sich aber schnell ändern, wenn gerade eine Fußball-Welt- oder Euopameisterschaft stattfindet: Dann werden auch hier vielerorts die Deutschland-Fahnen aus den Eichenholz-Schränken ausgepackt.

Siegt die deutsche Mannschaft, so fluten einheimische Fans des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) scharenweise die Meraner Innenstadt oder veranstalten einen Autokorso zum Sinicher Dorfplatz, wo bekanntlich viele Italienischsprachige wohnen. Nicht wenig Aufsehen erregte in diesem Jahr auch das EM-Motto des Heimatbundes: „Möge der Bessere gewinnen – nur Italien nicht“. Solche Sprüche stellen die plötzliche Verbundenheit mit Deutschland in ein etwas anderes Licht. Man könnte sich fragen: Ist die Sympathie für deutschen Fußball nur ein Vorwand, um umso deutlicher gegen Italien sein zu können?

Matthias Hofer sieht das anders. Als Jungpolitiker der Süd-Tiroler Freiheit und Oberleutnant bei den Schützen engagiert er sich schon seit Jahren für das Selbstbestimmungsrecht Südtirols und ganz allgemein für die Anliegen der deutschen und ladinischen Minderheit. Bis zum eindeutigen Aus gegen Frankreich drückte auch er der deutschen Mannschaft die Daumen. Für Hofer ist die Sympathie für die Deutschen keineswegs nur ein Produkt der Antipathie gegen die Italiener.

„Ich finde es nur logisch und richtig, wenn Südtiroler bei Großereignissen zu Österreich oder Deutschland halten“, sagt Matthias Hofer.

Abgesehen von kulturellen und sprachlichen Gemeinsamkeiten gebe es nämlich noch weitere, ganz konkrete Gründe für ein Gefühl der Verbundenheit mit Deutschland, so Hofer: „Viele von denen, die gedankenlos die Trikolore schwenken, wissen heute gar nicht, wie sich Österreich, aber auch Deutschland für Südtirol eingesetzt haben, vor allem in den Zeiten vor der Autonomie.“ Hofer verweist auch auf die massive Werbung, die man in Deutschland für Südtirol als Urlaubsziel gemacht hat – was letztlich binnen weniger Jahrzehnte dazu geführt hat, dass aus dem ehemaligen Armenhaus eine der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen Europas wurde. „Ich finde es deshalb nur logisch und richtig, wenn Südtiroler bei Großereignissen zu Österreich oder Deutschland halten“, sagt Hofer.

Matthias Hofer im Deutschland-Trikot

Bild: Matthias Hofer

Freunde – aber nur aus der Ferne

Ein patriotisches Gefühl der Solidarität, das über nationale Grenzen hinausgeht – so wie beim Fußball – ist im europäischen Geflecht aus Vielvölkerstaaten nichts Neues. Neu ist aber eine andere Form der Solidarität, die man beobachten kann: Der Zusammenhalt zwischen Patrioten verschiedener Heimatländer, die aber jeweils ganz eigene Ziele und Träume verfolgen. Die Rede ist von Völkern wie den Katalanen, Flamen, Basken und Schotten. Das, was sie verbindet, ist ihre Existenz als Minderheit in einem Staat, durch den sie ihre kulturelle Identität und politische Unabhängigkeit unterdrückt oder zumindest gefährdet sehen. Auch bei der Süd-Tiroler Freiheit rühmt man sich gerne der Verbindungen zu anderen Minderheiten in Europa, die um ihre Unabhängigkeit kämpfen. „Und nicht nur mit Leuten aus Europa, auch beispielsweise mit Tibetern oder den Menschen in Quebec/Kanada tauschen wir uns aus“, bestätigt Matthias Hofer.

„Meine Liebe zu Südtirol gründet nicht auf Tradition, Sprachgruppenzugehörigkeit oder dem Volksbegriff, sondern auf meinem Engagement für die Gemeinschaft aller Menschen, die sich in Südtirol zuhause fühlen“, sagt Anna Gius.

Diese internationale Zusammenarbeit eignet sich gut, um den Vorwurf der lokalen Borniertheit zu entkräften. Die Solidarität mit anderen (patriotisch gesinnten) Minderheiten soll aussagen: Wir können sehr wohl auch über den Tellerrand blicken. Auf diese Strategie weist Anna Gius hin. Sie studiert Politikwissenschaften in Wien, ist Mitgründerin des Brunecker Kulturvereins „Diverkstatt“ und beschäftigt sich schon lange mit den Themen kulturelle Identität, Heimat und Patriotismus.

Ihr Interesse speist sich dabei sowohl aus der wissenschaftlichen Diskussion als auch aus ihrer gesellschaftspolitischen Arbeit im Verein. Sie würde sich selbst als Patriotin bezeichnen, sich jedoch damit nicht in eine Reihe mit den Schützen oder der Süd-Tiroler Freiheit stellen. „Meine Liebe zu Südtirol gründet nicht auf Tradition, Sprachgruppenzugehörigkeit oder dem Volksbegriff, sondern auf meinem Engagement für die Gemeinschaft aller Menschen, die sich in Südtirol zuhause fühlen“, sagt sie.

Politikwissenschaft-Studentin Anna Gius

Bild: Anna Gius

Am 14. Mai fand in Bruneck der Unabhängigkeitstag der Südtiroler Schützen statt. Eine Menge von ungefähr 10.000 Menschen, die meisten in traditionelle Tracht gekleidet und begleitet von Schuhplattlern, Goaβlschnöllern und Alphornbläsern, zog dann durch die Rienzstadt. Auch hier hätte man sich schwer getäuscht, wenn man geglaubt hätte, nur auf schurztragende Südtiroler zu treffen, die von der Welt sonst wenig gesehen haben. Am Rednerpult standen auch Basken, Schotten, Katalonen und Flamen.

Möglich wurde eine solche supranationale Solidarität der Lokalpatrioten erst durch den Prozess der europäischen Einigung, der seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges stattgefunden hat. Der gemeinsame Nenner sei letztlich doch die Abgrenzung von dem, was als anders definiert wird, findet Anna Gius. „Das konnte man auch auf diesem Unabhängigkeitstag gut beobachten“, berichtet sie. „Man redet jetzt nicht nur mehr von Südtirol, sondern von den Ansprüchen und Belangen aller Minderheiten in Europa. Bei genauerem Hinsehen merkt man aber, dass es immer noch um dasselbe geht: Mir sein mir und net die Walschen und net die Ausländer.“

Ob sich die Schützen plötzlich auch mit einer bedrohten Minderheit aus Schwarzafrika solidarisieren? Unwahrscheinlich, meint Anna Gius: „Man hat den Begriff der ‚Rasse‘ nun einfach mit ‚Kultur‘ ersetzt.“ Solange die Menschen aus dem selben Kulturraum stammen, sei alles gut. Und gelegentlich gebe es ja auch Austausch mit einem fernen Volk wie den Tibetern – aber nur, solange sie bleiben, wo sie sind.

Der vermeintliche europäische Patriotismus

Dass das (heimatliche) Gemeinschaftsgefühl inzwischen weniger auf Rasse oder Nation, sondern auf der gemeinsamen Kultur beruht, ist wohl auch jenem hintergründigen Bewusstsein einer größeren, europäischen Zusammengehörigkeit geschuldet. Diese europäische Kultur – von Idealen wie Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung geprägt – ist es, welche die meisten Europäer verbindet. Ist es nun also Zeit für einen europäischen Patriotismus?

„Die Anrufung europäischer Werte ist ein Vorwand, um sich gegen andere abzugrenzen“, sagt Martin Sökefeld.

Bei einem solchen europäischen Patriotismus wird die Sache verzwickt. War ein geeintes Europa nicht seit jeher die fortschrittliche, im Anfang geradezu utopische Idee von einigen wenigen Intellektuellen, Weltbürgern und Multikulturalisten? Martin Sökefeld, Professor für Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, macht darauf aufmerksam, dass es heute ein ganz anderer Menschenschlag ist, der die Worte „Europa“ und „Patriotismus“ in einem Zuge nennt. Größere Städte in Deutschland können das jeden Montag aufs Neue erfahren: Dann ziehen oft tausende Menschen mit Deutschlandfahnen durch die Straßen, skandieren Sprüche gegen Einwanderer und reden ungern mit Journalisten. PEGIDA nennen sich diese Leute: Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Sie protestieren besonders gegen zu viele Moslems im eigenen Land, aber auch ganz allgemein gegen Einwanderung.

Ethnologie-Professor Martin Sökefeld

Bild: LMU/Martin Sökefeld

Für Professor Sökefeld ist es ein Rätsel, wie sich das „E“ in das Akronym „PEGIDA“ eingeschlichen hat. Schließlich werden auf den Veranstaltungen schwarzrotgoldene Deutschland-Fahnen und keine zwölf Sterne auf blauem Hintergrund geschwenkt. „Es geht hier nicht darum, ein gemeinsames Europa zu schaffen“, erklärt Sökefeld: „Die Anrufung europäischer Werte ist ein Vorwand, um sich gegen andere abzugrenzen“.

Verständnis für die „Patriotischen Europäer“ zeigt hingegen Matthias Hofer: „Diese Menschen haben berechtigte Angst, sorgen sich um die Zukunft ihres Landes, um die Zukunft ihrer Kinder“. Gerade in Südtirol sieht er diese Angst besonders begründet. Es sind ungefähr 350.000 Angehörige der deutschen und ladinischen Minderheit, die hier innerhalb der Grenzen eines Staates leben, in dem man eine andere Sprache spricht und zum Teil auch eine andere Kultur lebt. Wer patriotisch denkt, der müsse diese 350.000 Menschen auch in eine sichere Zukunft führen wollen: „Dabei wäre multikulturelles Zusammenleben aber eine weitere Gefahr, dass wir als Minderheit irgendwann verschwinden“, sagt Hofer. Gleichzeitig stellt er klar, dass die Liebe zum Eigenen nichts mit Hass gegen Fremde zu tun hat.

Heimat mit anderen teilen

Natürlich stellt sich hierbei auch wieder die alte Frage, ob Patriotismus und Weltoffenheit sich a priori ausschließen. Als praktisches Beispiel für eine weltoffene Heimatliebe wird immer wieder Katalonien genannt. Dort will man sich gerade dadurch, dass man sich tolerant und multikulturell gibt, von der politischen Grundlinie des spanischen Staates abheben, der eine sehr restriktive Asylpolitik betreibt. Das bringt den Katalanen allseits viel Sympathie ein, doch Matthias Hofer, der als Mitglied der Süd-Tiroler Freiheit selbst ein Freund der Katalanen ist, relativiert die Weltoffenheit der iberischen Verbündeten: „Spanien hat letztes Jahr satte 17 (!) Flüchtlinge aufgenommen“, stellt er klar: „Katalonien schlägt zwar einen freundlicheren Kurs ein, aber selbst wenn sie zehn Mal so viele aufnehmen wollen wie Spanien, sind es doch noch immer sehr, sehr wenige.“

Soll also Heimatliebe tatsächlich ohne eine Abgrenzung oder zumindest eine gewisse Skepsis gegen das Fremde nicht praktikabel sein? „Im Grunde grenzen wir uns immer gegen andere ab, ob wir uns als Patrioten sehen oder nicht“, sagt Professor Sökefeld. Die Frage dabei sei aber, wie wir diese Grenzen setzen: Ist es nur eine Grenze des eigenen Gefühls oder reicht sie bis hinein in die Möglichkeiten der gesellschaftlichen und politischen Beteiligung? Und wie durchlässig sind diese Grenzen? „Ich zum Beispiel komme aus dem Norden Deutschlands und lebe nun in München“, berichtet Sökefeld: „Ich werde nie ein richtiger Bayer sein und werde auch nie als solcher gesehen werden. Und doch darf ich am sozialen, kulturellen und politischen Leben hier partizipieren. Das ist das Entscheidende.“

Sobald es um europäische Werte geht, nennt Professor Sökefeld an vorderster Stelle auch den Minderheitenschutz. Er ist nicht der einzige, der das so sieht. Auch deshalb berufen sich Lokalpatrioten gerne auf Europa: Minderheiten – seien es nun die Ladiner, die Katalanen, die Schotten oder die Basken – dürfen sich in einem geeinten Europa und in einer starken EU besser aufgehoben wissen als in einem kleinkarierten Nationalstaat. Dabei bleibt die Frage offen, ob dieses Europa eine Festung mit undurchlässigen Grenzen oder lieber tolerant und aufnehmend sein soll. Auch die Rolle, die heimatliebende Menschen dabei einnehmen, ist bislang noch nicht ganz geklärt. „Häufig werden jene, die ihre Heimat lieben, als rückständig betrachtet“, klagt Matthias Hofer. Es hängt wohl ganz davon ab, wie sich diese Heimatliebe äußert. 

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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