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Interview zum Kolonialismus

Die Lücken der Geschichte

Kolonialismus muss neu erzählt werden, sagt Andrea Di Michele. Was in der Geschichte fehlt und warum Südtirol es sich zu leicht macht, erklärt der Historiker im Interview.

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Die Italiener in ihrer Selbstinszenierung als siegreiche und beliebte Eroberer. Welche Rolle spielten die Südtiroler?

Lizenz: CC0
Bild: Achille Beltrami

Andrea Di Michele ist Historiker und forscht regelmäßig zu Zeitgeschichte. Der Experte zur italienischen Geschichte forscht unter anderem zu materiellen Spuren des Kolonialismus in Italien und dem „geteilten Gedächtnis“ in Südtirol. Seine These, dass der Kolonialismus neu erzählt werden muss, bezieht sich auch auf Südtirol, eine Region, die meint, mit Kolonialismus nichts zu tun gehabt zu haben. 

Was ist falsch an unserem Bild vom Kolonialismus?
In Italien war lange Zeit ein Narrativ – also eine Erzählung – des “guten” Kolonialismus, der Arbeitsplätze geschaffen, Straßen gebaut und die Infrastruktur erschaffen hat, vorherrschend. Das Bewusstsein über die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, über Vernichtungskriege, über den Einsatz von giftigen und verbotenen Gasen ist in der Öffentlichkeit immer noch eingeschränkt. Zudem werden Narrative über den Kolonialismus nur hier im Westen erschaffen, vertieft, überarbeitet, kritisiert und reflektiert, was einfach nur bizarr ist., weil es im Kolonialismus um Beziehungen geht. Beziehungen zwischen denen, die kolonisiert haben, und denen, die kolonisiert wurden. Wer eine Beziehung zwischen zwei Subjekten verstehen will, benötigt beide Perspektiven, da sonst immer ein Teil der Geschichte fehlt.

Ist die Geschichte des Kolonialismus zwangsweise eine Geschichte von illiberalen Regimen und Diktaturen?
Nein. In Italien wird der italienische Kolonialismus in Afrika oft mit dem Faschismus gleichgesetzt. Der italienische Kolonialismus begann aber schon in der Zeit des liberalen Italiens und endete erst nach dem Faschismus. Wir müssen verstehen, dass der Kolonialismus nicht aus dem Fanatismus einer faschistischen Diktatur entstanden ist, sondern aus einer tiefgreifenden und langfristigen Vision, einer angeblich "natürlichen" Vorrangstellung des Westens, die in Wirklichkeit nur durch Unterordnung und Abhängigkeitsverhältnisse zu wirtschaftlich schwächeren Ländern wie in Afrika funktioniert hat. 

Historiker Andrea Di Michele

Bild: Uni Bozen
Gibt es Spuren des Kolonialismus auch in Südtirol?  
Zahlreiche, vor allem in Bozen. Die so genannte Römersäule hinter dem Siegesdenkmal gedenkt 32 Südtiroler, die in den Kriegen in Afrika und Spanien ums Leben gekommen sind. Dann gibt es viele Straßennamen, wie beispielsweise die Via Antonio Locatelli. Locatelli war Flieger im Ersten Weltkrieg, erhielt die Goldmedaille für militärische Tapferkeit und berichtet in enthusiastischen Briefen von seinen „Heldentaten“, wie der Bombardierung von Dörfern und Zivilisten in Äthiopien. Wir finden auch Inschriften, etwa auf dem Corso Libertà:
"Ihr werdet die Völker mit eurer Macht beherrschen, Römer, und gerechte Friedenssitten auferlegen, das werden eure Künste sein, um die Unterwürfigen zu schonen und die Stolzen zu besiegen".
Die Botschaft ist klar: Vergib denen, die sich unterwerfen, und vernichte die, die sich widersetzen. 

Ein Credo, das man auch auf anderen Reliefs und Darstellungen findet…
Ein krasses Beispiel sind die Reliefs unter den Bögen, die zur Via Padre Reginaldo Giuliani führen. Das eine zeigt den „fascio littorio“ (= Rutenbündel, Symbol des Faschismus), ein Bild eines unterworfenen Eingeborenen am Boden, einen siegreichen Soldaten mit Fahne und eine Familie von Kolonisatoren. Das andere zeigt eine Verkörperung Italiens mit Schwert und Schild, zwei auf dem Boden liegende nackte Afrikaner und das Bild des Obelisken von Axum, der 1937 als Zeichen der Eroberung aus Äthiopien nach Rom gebracht wurde. Und natürlich das berühmte Flachrelief mit dem Duce zu Pferd von Hans Piffrader. 

In Ihren Vorträgen sprechen Sie von einem geteilten Gedächtnis hinsichtlich des faschistischen Kolonialismus. Was meinen Sie damit?
Nicht nur im Kolonialismus, sondern während des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts wurden zwischen den verschiedenen Sprachgruppen in Südtirol unterschiedliche und oft gegensätzliche Narrative und Erinnerungen aufgebaut. Wir haben andere kulturelle Bezüge, andere historische Figuren, andere Erzählungen der Vergangenheit. Am Beispiel des Abessinienkrieges habe ich versucht herauszufinden, wie sich die Südtiroler an diesen erinnern. 

Die Südtiroler Veteranen wussten, dass sie gleich zweimal auf der falschen Seite gekämpft hatten: für einen faschistischen Kolonialkrieg und für den Ruhm eines Regimes, das als größter Feind der Südtiroler Identität galt. 

Wie erinnert man sich hier daran?
Wir bringen viel Sympathie und Solidarität gegenüber dem Volk Abessiniens auf, das wie die Südtiroler unter der italienischen Aggression zu leiden hatte. Das Volksempfinden zu diesem Angriffskrieg wird in dem autobiographischen Roman des Südtiroler Journalisten und Historikers Claus Gatterer „Schöne Welt, böse Leut“, der damals Schüler in Sexten im Pustertal war, anschaulich geschildert: 
"Für uns im Tal war das Urteil über den Abessinienkrieg klar und eindeutig. Wir waren auf der Seite des Negus, wir waren für die Abessinier, und der Name Ras Nasibu klang für uns wie das Klirren von Schwertern und eine stürmische See. […] Wir waren auf der Seite des Negus, weil wir hofften, dass die Abessinier uns durch ihre Rebellion gegen die Italiener zumindest teilweise erlösen würden, da wir dazu nicht in der Lage waren".

Der Feind meines Feindes ist mein Freund, nicht wahr?
Genau. Doch auch Südtiroler waren an den Afrikafeldzügen beteiligt. Der Unterschied war: Der Südtiroler Veteran konnte sich gegenüber seinen Landsleuten - im Gegensatz zu seinen Kameraden aus dem Rest Italiens - nicht damit brüsten, für die Größe des Regimes gekämpft zu haben, das ihnen jahrelang jegliche nationalen Rechte verweigert hatte.

Was hat das bewirkt? 
Die Veteranen konnten auch nach dem Faschismus nicht über ihre Erlebnisse berichten. Während ihre Kameraden im Rest von Italien die Distanz und das Desinteresse der demokratischen Gesellschaft für die Taten, an denen sie beteiligt waren, spürten, wussten die Südtiroler Veteranen, dass sie gleich zweimal auf der falschen Seite gekämpft hatten: für einen faschistischen Kolonialkrieg und für den Ruhm eines Regimes, das als größter Feind der Südtiroler Identität galt. Die Ehre, wenn überhaupt, gebührte anderen, sicherlich nicht denen, die die italienische Uniform getragen hatten. Ihr Gedächtnis fand lange Zeit keinen Platz, um sich auszudrücken. 

Wann hat sich das geändert?
Erst in den letzten zwanzig Jahren. Dank der Initiativen, die darauf abzielen, die Erinnerung an die ehemaligen Kämpfer wiederzuerlangen, war es möglich, die Stimme der Veteranen Afrikas zu hören. Im Rahmen eines Forschungsprojektes von 2004/05 des Bozner Landesarchivs unter der Leitung von Gerald Steinacher wurden Interviews mit Südtiroler Veteranen geführt. Bei dieser Gelegenheit war die Gesprächsbereitschaft bemerkenswert: 17 ehemalige Kämpfer, alle über 90 Jahre alt, erklärten sich zu einem Interview bereit, wobei viele von ihnen die Forscher kontaktierten, nachdem sie aus den lokalen Medien von dem Projekt erfahren hatten.

Fotografien von Südtirolern in Afrika offenbaren das gleiche rassistische Weltbild, wie es auch der Faschismus vertrat. 

Was zeichnet diese Kriegsberichte aus?
Ein Aspekt, der in den Berichten der Südtiroler Veteranen immer wieder auftaucht, ist ihre erklärte Fremdheit in diesem Konflikt. Ihr Interesse an einer klaren Distanzierung von der Armee, der sie angehörten. Eine Distanz, die eher national als politisch war. Viele Gesprächspartner meinten, dass es die Italiener waren, die diesen Krieg führten, während die Südtiroler, auch wenn sie die gleiche Uniform trugen, in diesem Krieg eigentlich fremd waren. 

Eine realistische Einschätzung? Oder nur der Versuch, im Nachhinein die eigenen Taten zu rechtfertigen?
Es ist schwer zu sagen, inwieweit diese Aussagen Ausdruck der Gegenwart sind, in der die Erinnerung Gestalt annimmt und spricht, oder ob sie tatsächlich Ausdruck der Zeit sind, auf die sie sich beziehen. Wenn man ihnen zuhört und die Fotos betrachtet, die sie uns hinterlassen haben, wird klar, dass die Südtiroler in Afrika so viel wie möglich beieinander waren: in der Kaserne, beim Weihnachtsfest, beim Posieren für die Kamera. Aber die Verbundenheit zwischen Landsleuten ist eine Konstante der Kriegserfahrung, ist nicht unüblich und deutet nicht unbedingt auf eine unüberbrückbare Distanz zwischen der kleinen regionalen Gemeinschaft und dem Rest der Expedition.

Verfolgten die Südtiroler Veteranen auch kolonialistische Ideale?
Ja. Fotografien von Südtirolern in Afrika offenbaren das gleiche rassistische Weltbild, wie es auch der Faschismus vertrat. Die Soldaten verraten in der Art und Weise, wie sie die natürliche und menschliche Umwelt Afrikas darstellen, die propagandistische Haltung des Eroberers. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem italienischen oder dem Südtiroler Soldatenfotografen: Es taucht genau derselbe Blick auf, nämlich der des jungen europäischen Mannes, der sich als Eroberer eines Landes und seiner Bevölkerung sieht.

Die Schwarzen wollten sich nur gegen Bezahlung fotografieren lassen, deshalb wurden sie festgehalten und gegen ihren Willen fotografiert. Eritrea, Dezember 1935.

Bild: Südtiroler Landesarchiv, Lascito Leiter, n. 140

Teresa Putzer

Träumerin, Crazy Cat Lady und Feministin. Schusselig, aber liebenswert. Liebt Konzerte, Horrorfilme und politische Diskussionen.
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