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Die Heimkehr

Jede Reise endet irgendwann. Die größte Herausforderung ist dann der gewohnte Alltag.

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Bild: Matthias Schwarz

Wann genau der entscheidende Moment kommt, ist für jeden Reisenden anders. Bei einigen dauert es nur ein paar Tage, bei anderen sind es Wochen, Monate und bei manchen sogar Jahre. Doch sofern man nicht zu den wenigen Menschen gehört, die zu ewigem Hippie-Leben und Draufgängertum bestimmt sind, ist der Augenblick irgendwann da, wo man spürt (auch schon, bevor der Kontostand auf Null steht): Ich muss zurück. Ich will wieder arbeiten, produktiv sein. Etwas planen, etwas aufbauen.

Der kleinbürgerliche Geist, der in fast jedem steckt, regt sich manchmal genau zu dem Zeitpunkt, in dem man es am wenigsten erwartet. Gerade erwacht man im Zelt, das man am Abend zuvor auf einem kargen Felsvorsprung errichtet hat, tritt in die Sonnenstrahlen des neuen Tages hinaus, sieht zum Gletscher hinüber, der die gegenüberliegende Bergflanke überzieht und sich ins Tal hinunterwälzt, grüßt die Yaks, von denen einer sich nachts über den Rucksack hergemacht und einige Socken weggefressen hat, und dann ist dieses Gefühl plötzlich da.

Irgendwie will man das nicht mehr. Der kleinbürgerliche Geist hat genug vom Abenteuer, vom ständigen Vagabundieren und der überfordernden Flut an immer neuen Eindrücken. Was jetzt viel wichtiger wäre: Trockene Socken – und möglichst nicht von einem Yak angefressen! Während viele Reisende dieses Gefühl als Anlass nehmen, sich irgendwo eine Weile niederzulassen, beispielsweise um für Kost und Unterkunft auf einer Farm zu arbeiten, bevor es nach ein, zwei Monaten wieder weitergeht, kann man dann auch getrost sagen: Jetzt geht’s wieder nach Hause.

So erhebend gewisse Zeltausblicke sein mögen – manchmal sind trockene Socken wichtiger.

Titel & Urheber des Bildes: 
Teseo La Marca

Schließlich ist da auch noch das Heimweh – auch wenn man in Südtirol zuweilen besser von Heimatweh spricht. Doch Heimkommen bedeutet weit mehr als die Ankunft des Busses in der Heimatstadt, das Wiedererkennen des Bozner Doms, der Altstadtgassen und des Gesichts des ehemaligen Mathe-Lehrers. Es bedeutet auch mehr als das Übertreten der Türschwelle ins Elternhaus, die vielen Umarmungen oder die Freude der Großmutter darüber, dass man doch nicht so viel abgenommen hat, wie zunächst befürchtet.

Heimkommen ist ein langer Prozess. Am Anfang steht die Euphorie, wieder dort zu sein, wo man sich zuhause fühlt. Die verschwindet nach und nach. In den darauffolgenden Tagen und am Ende steht – wenn man die Heimkehr nicht richtig angeht – die Depression, eine akute Entzugserscheinung.

Die ständige Anwesenheit im Jetzt – das macht den Menschen high. Der Alltag, in dem man sich plötzlich wieder befindet, wird dann zur Entzugsanstalt.

Warum? Weil das Reisen als Tramper eine Droge ist. Es ist eines der wirksamsten Mittel, das Heute vom Morgen reinzuwaschen. Das heißt: Es zählt nichts anderes mehr als die Gegenwart. Das Aufwachen an einem Strand oder auch nur am Straßenrand, gleichzeitig die Ungewissheit darüber, wo und mit wem man am selben Abend noch sein wird, die völlige Abwesenheit von Plänen und Verpflichtungen: das alles holt den Menschen zurück in die Gegenwart, in jenes verschwindend enge Zeitfenster, das nie stillsteht und in dem das Leben stattfindet, unmittelbares und absolutes Leben. Diese ständige Anwesenheit im Jetzt – das macht den Menschen high. Ich erlebte es als die effektivste Droge, die man sich gegen das Taedium Vitae, den Lebensüberdruss, vorstellen kann.

Doch damit ist es jetzt vorbei. Der Alltag, in dem man sich plötzlich wieder befindet, ist eine mächtige Entzugsanstalt. Neue Fragen beschäftigen das Denken. Nicht: Bekomme ich heute noch etwas zu essen? Wo soll ich das Zelt aufschlagen? An welcher Straßenstelle halten die Autofahrer am ehesten an, um einen mitzunehmen? Sondern: Mit welchem Studium soll es im Herbst weitergehen? Wie will ich mir anschließend meinen Lebensunterhalt verdienen? Sind am Samstagabend auch Leute dabei, die ich eher vermeiden will? Die neuen Fragen beschäftigen sich alle mit der nahen oder fernen Zukunft – aber nicht mehr mit der Gegenwart.

Als ich von meiner ersten größeren Reise durch den Balkan zurückkam, stürzte mich das in eine bedenkliche Krise. Ich hatte verlernt, über das Jetzt hinaus zu denken. Plötzlich war das aber wieder notwendig. Termine mussten festgelegt und vor allem wahrgenommen werden. Klausuren wollten bestanden und ein Studium abgeschlossen werden. Ich musste also wieder an morgen, übermorgen und auch ans nächste Jahr denken. Das machte ich zwar auch, aber das Problem war: Ich dachte nicht nur daran, sondern noch weit darüber hinaus, ich stellte mir auch die Frage, wohin das alles führen soll, wozu das gut ist, ein Studium und dann ein Beruf, vielleicht eine Familie – was bleibt davon übrig? Wird die Welt dadurch besser? Warum das alles?

Nach einer großen Reise ist es wichtig, sich zu beschäftigen, sich nicht allzu viel Zeit zum Grübeln und Hinterfragen zu überlassen.

Das letztgültige Warum können wir nicht beantworten. Solange man Drogen nimmt beziehungsweise reist und im Augenblick lebt, denkt man ja nicht darüber nach. Man genießt das Leben oder man leidet daran – man grübelt aber nicht darüber. Kommt man aber wieder zuhause an, im Alltag, steht man zuweilen vor dieser übergroßen Aufgabe: dem eigenen Leben (dem ganzen Leben, nicht nur dem Augenblick) eine große Bedeutung zu geben. Man hat verlernt, sich mit der Bedeutung der kleinen Dinge zufrieden zu geben. Arbeiten, um Geld zu verdienen, das ist nicht genug. Warum Geld verdienen? Um leben zu können. Aber was für ein Leben soll das sein?

Eine weitere Reise kam damals nicht infrage. Es fehlten mir die finanziellen Mittel, außerdem musste ich bald einige Klausuren für die Uni antreten. Und zum Therapeuten zu gehen hatte ich auch keine große Lust. Ich arbeitete also, bis die Klausuren begannen, als Kellner. Ausgerechnet in Gröden, diesem Urlaubsparadies der Wohlhabenden, bediente ich russische Oligarchen und niederländische Biedermänner. Woher gewisse russische Gäste ihr Geld hatten, blieb besser ein Geheimnis. Jedenfalls wusste ich, dass das nicht gerade die weltbewegende, humanistisch sinnerfüllte Tätigkeit war, nach der ich so verbissen gesucht hatte.

Aber das war jetzt egal, nach wenigen Tagen der harten, anspruchslosen Handarbeit freute ich mich wieder am Leben. Nach einer großen Reise ist es wichtig, sich zu beschäftigen, sich nicht allzu viel Zeit zum Grübeln und Hinterfragen der alltäglichen Kleinigkeiten zu überlassen. Warum ich diesen Abend wieder kellnern musste, zwischen Tischen und Küche umherlaufen? Weil der Abend für den Gast schön werden sollte. Und das zufriedene Lächeln auf seinem Gesicht, wenn ich die Speisen an den Tisch brachte, ließ  weitere Fragen gar nicht zu. Jetzt war ich endlich angekommen.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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