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Die „Termination“

"Eine brutale Politik des Ethnozids, die restlose Auflösung der Reservate ist die Fortsetzung der „Allotment“-Politik, des legal verbrämten Diebstahls des verbliebenen Landes" der Indianer, schreibt Wolfgang Mayr im dritten Teil dieser Reihe.

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In ihrem Roman „Der Nachtwächter“ erinnert Louise Erdrich an ein gern vergessenes Kapitel der US-amerikanischen Geschichte. Die Autorin, Ojibwe-stämmig, erzählt vom politischen Kampf ihres Großvaters gegen die Termination, gegen die „Auslöschung“ seiner übriggebliebenen Ojibwe-Welt.

Ihr Großvater, Vorsitzender des Rates der Ojibwe, erfährt von der „House Concurrent Resolution 108“. Ein Gesetzeswerk, dessen Umsetzung die Existenz des Reservats gefährdet und mit ihm die der Ojibwe, der Anishinaabe. Im Roman wird ihr Großvater zu Thomas Wazhashk.

Louise Erdrich schreibt: „Das ist es dann also, dachte Thomas, als er die nüchternen Satzgirlanden der Gesetzesvorlage vor sich sah. Wir haben die Pocken überlebt, die Winchester-Repetierbüchse, die Hotchkiss-Kanone, die Tuberkulose. Wir haben die Grippeepidemie von 1918 überlebt und in vier oder fünf Kriegen für die USA gekämpft. Und jetzt vernichtet uns diese Ansammlung knochentrockener Wörter.“

Mit den knochentrockenen Wörtern meint Thomas die House Concurrent Resolution 108. Hinter dieser harmlos klingenden Resolution, verabschiedet im August 1953, verbirgt sich die „Relocation“, die Umsiedlung der Ojibwe und aller anderen US-Reservatsbewohner in Großstädte. Eine brutale Politik des Ethnozids, die restlose Auflösung der Reservate ist die Fortsetzung der „Allotment“-Politik, des legal verbrämten Diebstahls des verbliebenen Landes.

Begründung, damit sollen die Angehörigen der verschiedenen Stammes-Nationen den übrigen US-BürgerInnen rechtlich gleichgestellt werden. Aber, im Gegenzug fallen die Garantien aus den Verträgen, wie das nicht verkäufliche Kollektiveigentum am Land in den Reservaten. Ein kolossaler Betrug an Land und Rechten der ersten Amerikaner.

Ojibwe-Häuptlinge im 19. Jahrhundert

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Wer sind die Macher?Es sind die konservativen Republikaner, ihre Wähler im „Wilden Westen“, die Bergbaugesellschaften, Erdölfirmen, die Bahngesellschaften, der geballte Kapitalismus, die Farmer, die Jäger, die Sportfischer. Die republikanischen Präsidenten Truman und Eisenhower, die Nachfolger des Sozialreformers Franklin Roosevelt, cancelten die sozialdemokratische Sozial- und Wirtschaftspolitik und besonders den doch emanzipatorischen Indian Reorganisation Act. Eine Art der Wiedergutmachung der demokratischen Roosevelt-Regierung für den „General Allotment Act“, ein Indian New Deal.

Vorbereitet wurde der nächste „Indianerkrieg“ von der 1946 eingerichteten Claims Commission. Darüber schreibt Claus Biegert in seinem „200 Jahre ohne Verfassung“: Die als Wiedergutmachung getarnte Rechtskommission war für Ansprüche von Seiten der Indianer, insbesondere die auf Land, zuständig. Mit blanken Dollars hofft man, dass die Entschädigten aus den Stammesverbänden ausscheiden und einzeln ihr Glück in den Städten versuchen würden. Die ‘mündelsicher’ Verwahrung übernahm das BIA. Die jederzeit einfrierbaren Gelder stellen neben der Androhung der Terminierung eines der wirksamsten Disziplinierungsmittel gegen aufsässige Anwandlungen dar.“

Wegen der sozialen und wirtschaftlichen Perspektivenlosigkeit nahmen viele junge ReservatsbewohnerInnen das Angebot an und zogen fort. Die Blaupause für die erklärten „Indianerfeinde“ in Washington, die auf eine entsprechende Vorlage zurückgreifen konnten. Bereits 1943 empfahl der Senat in seinem Senate Report 310 die Aufhebung des „Trust-Status“ der Reservate und letztendlich deren Auflösung. Ein Kulturkampf stand wieder auf der republikanischen Agenda.

Sie störten sich an der angeblichen Gefahr des Sozialismus, gar des Kommunismus. 

Der demokratische New Deal blähte in den Augen der Republikaner den Staat auf, er wurde zum „deep state“, zum „big government“, ein Horror für die Rechts-Konservativen. Sie störten sich an der angeblichen Gefahr des Sozialismus, gar des Kommunismus. Diese Republikaner agierten gegen Sozialhilfeempfänger, Ausländer, Nicht-Englisch-Sprechende, Liberale und Bürgerrechtsgruppen.

Der republikanisch dominierte Kongress startete 1947 die konservative Restauration. William Langer aus North Dakota forderte im Jahr 1947 dazu auf, den big government zu zerschlagen. Im Visier hatte er ausgerechnet das Bureau of Indian Affairs, das in der demokratischen Ära des New Deals zu einer Interessensvertretung der Reservate umgerüstet wurde. Die BIA-Gegner vermieden rassistische Untertöne, sondern sprachen von der Befreiung staatlicher Treuhand. Klingt emanzipatorisch. Das BIA, ein Symbol für den „deep state“, für das „big government“?

Nach einer zweitägigen Anhörung plädierte Langer für die Auflösung des BIA und meinte wohl damit auch die Auflösung der Reservate. Langer hatte ein Vorbild für sein Vorhaben, den Dawes Act von 1887. Die Reservate verloren damals aufgrund der Privatisierung zwei Drittel ihres Landes. Die von Langer vorgebrachte Idee griff überraschenderweise die liberale demokratische Kongress-Abgeordnete Reva Beck Bosone aus Utah 1950 auf. Sie verpackte ihre Termination in ein demokratisches Mäntelchen. Die Stämme hätten ihrer Auflösung zustimmen müssen. Wahrscheinlich ging diese Mitsprache der republikanischen Mehrheit in beiden Häusern einfach zu weit und der Bosone-Entwurf wurde abgelehnt.

Seine Familie als Modell für sein politisches Ziel, die Reservatsbevölkerungen restlos zu assimilieren.

Drei Jahre später brachte der republikanische Abgeordnete William Henry Harrison aus Wyoming seinen Vorschlag ein, die berüchtigte House Concurrent Resolution 108. Der Hinterbänkler erhielt Unterstützung durch den demokratischen Senator Henry Jackson aus Washington. Jackson präsentierte die gleiche Resolution wie Harrison. Jackson, Sohn norwegischer Einwanderer, wuchs in einer Familie auf, die mit ihrem Heimatland brach und auf die Assimilierung setzte. Seine Familie als Modell für sein politisches Ziel, die Reservatsbevölkerungen restlos zu assimilieren.

Der Unterausschuss für indianische Angelegenheiten und der Innenausschuss winkten die Resolution ohne große Diskussion durch, am 27. und 28. Juli 1953 stimmten die beiden Parlamentskammern der Resolution zu. Widerspruch gab es keinen, die „Indianerkrieger“ in Nadelstreif und Doppelreiher vermieden es, den National Congress of American Indians über ihre Vorhaben zu informieren.

Die House Concurrent Resolution 108 wurde am 1. August 1953 endgültig verabschiedet. Bereits zwei Wochen später wurde ein Gesetz verabschiedet, mit dem die Gerichtsbarkeit über die Reservate von der Bundesregierung auf die Bundesstaaten übertragen wurden. Die neuen Indianerkriege wurden ohne Waffen ausgetragen, mit Gesetzen. Besonders die Abgeordneten aus den westlichen Bundesstaaten legten erste Gesetze vor, die die Auflösung bestimmte Reservate vorsahen.

Lange war also das anti-indianische Projekt auf dem Weg, seit 1943. Zehn Jahre später wurde es Wirklichkeit, mit der House Concurrent Resolution 108. 1953 löste der stockkonservative Republikaner Eisenhower seinen nicht weniger reaktionären Vorgänger Truman ab, die Resolution setzte der neue BIA-Chef Dillon S. Myer kompromisslos um. Die House Concurrent Resolution 108 als zwangsweise und konsequente Fortführung des General Allotment Act. 

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The Others

Geschichten und Erzählungen aus der anderen Welt

In der kanadischen Provinz British Columbia wird auf dem Gelände einer ehemaligen katholischen Internat-Schule ein Massengrab entdeckt. Indigene Kinder wurden dort vergraben. Im Amazonas-Regenwald in Brasilien töten Covid und Goldsucher indigene Menschen. In Rojava in Nord-Syrien wehren sich Kurden gemeinsam mit Arabern und Aramäern gegen türkische und syrische Islamisten. Die Sami in Skandinavien, politisch unkorrekt Lappen, halten stur an ihrer Rentierhaltung fest. Es gibt eine andere Welt hinter den globalen Glitzer-Fassaden, die sich gegen das Plattmachen sträubt, Menschen die darauf beharren, eine eigenständige Existenz zu haben.

Ihre Geschichten tauchen nicht oder nur selten in den großen Medien auf.  Über diese Menschen spricht niemand oder kaum jemand. In der Reihe „The Others“ kommen jene zu Wort, die nicht gehört werden, die keine Stimme haben.

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