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Trauerbewältigung

Das große Sterben

Es war ein einsames Sterben während des Corona-Notstandes. Den ausgebliebenen Abschied müssen wir uns verzeihen - so wie wir einander die Vergänglichkeit verzeihen.

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Bild: Ben White/unsplash.com

Es war kein gutes Jahr zu sterben. Es war auch kein besonders gutes Jahr zu leben, aber immerhin — Sie leben noch. Katastrophenmüde zwar und angeschossen von der andauernden Angst mit weniger Spaß im Büro und Geld aufm Konto, aber immerhin. Man muss es ja nehmen wie’s kommt und dieses Jahr kam’s dicke. Ohne viel Aufhebens ist der Sensenmann Anfang des Jahres aus einem mittelalterlichen Fresko in unsere knallbunte Instawelt gestiegen und sitzt uns seither im Nacken.

Das Unvorhergesehene ist die wahre Bewährungsprobe, das wusste schon Aristoteles und unvorbereitet sind wir meistens, wenn Gevatter Tod anklopft. So wie an jenem Samstag vor einigen Jahren im Klinikum München, als Henrik Dienst hatte und ich noch Daten auswerten musste und Henrik den Herrn Paul zum ersten Mal nach Monaten aus der geschlossenen Abteilung ins Wochenende entließ, „er scheint stabil“, damit er zu seinen zwei kleinen Kindern kann. Und während wir beim Kaffee in der Stationsküche saßen, ging Herr Paul nicht zu seinen Kindern, sondern in den Freitod. „Das werde ich mir nicht verzeihen können“, sagte Henrik. „Das wirst du dir verzeihen müssen“, sagte der Oberarzt und dasselbe sagte der deutsche Gesundheitsminister heuer am Beginn dieser Pandemie, in der es viele Meinungen, aber keine absolute Wahrheiten gibt: „Wir werden uns einiges zu verzeihen haben.“

Im Jahr des großen Sterbens fand der Tod in die Mitte unserer Gesellschaft zurück und schaut uns mit universellem Desinteresse zu, wie wir kopflos der alten Angst habhaft zu werden suchen. Wir verhandeln mit Maske, Propanol, Plexiglas und Antikörpercocktails, und er zeigt sich im Herbst immerhin väterlich zugeneigt von unserem löblichen Einsatz. Doch bleibt hinter jedem Räuspern ein kaltes Schaudern Endlichkeit, und das, obwohl wir gerade so schön dabei waren, uns dem Tod davon zu detoxen und nur noch eine vage Vermutung davon hatten, wo er sich so rumtreibt: In den Krankenhäusern und Seniorenwohnheimen dieses Landes — gut abgeschirmt für den Großteil der Gesellschaft. Und jetzt sitzt er neben uns an der Bar, fährt mit uns Zug, schüttelt uns auf der Straße die Hand und wir sind kollektiv wütend. Wütend und traurig, weil Freund Hein uns das schöne Leben versaut und zwar auf seine perfide Art gleich doppelt: Weil wir einerseits Menschen, die wir lieben, verlieren und weil wir andererseits auf so vieles verzichten müssen, damit wir nicht noch mehr verlieren.

Der Corona-Tod war ein einsamer Tod — und mit ihm viele anderen Tode.

Unerträglich und unverzeihlich scheint heuer vieles. Dass im Jahr des großen Sterbens Menschen alleine ihre letzte Reise antreten mussten, gehört zu den dunkelsten Kapitel der Pandemiegeschichte, in der die wirklich Mutigen nicht sinnlose Verschwörungstheorien, sondern in der Akzeptanz einer neuen Realität adäquate Wege der Werteerhaltung finden. Wege, die die Prinzipien der Würde und der palliativen Begleitung auch und gerade im Auge des Sturms hochhalten. Und das müssen wir als Gesellschaft schaffen, das können wir nicht den paar Pflegenden an der Front überlassen.

Der Corona-Tod war ein einsamer Tod — und mit ihm viele anderen Tode. 304 Menschen sind heuer bisher in Südtirol an Corona gestorben, etwa das Vierfache dürfte an Krebs (vgl. Zahlen von 2019: 1.252 Personen) und an Herzkreislauferkrankungen verstorben sein (vgl. 2019: 1.656 Personen; für 2020 und 2021 ist aufgrund der Unterversorgung mit einer leicht erhöhten Ziffer zu rechnen): Für Freund Hein bleibt das Coronavirus in Südtirol ein schneller, wenngleich mittelmäßig lukrativer Nebenjob, für uns jedoch ist Heins neues Hobby zur Vollzeitbeschäftigung geworden: Wir leben anders und wir sterben anders. Für sehr viele kam das Ende ihrer Lieben heuer so, wie sie es sich nie wünschten. Erst konnten sie sie nicht am Sterbebett begleiten und dann konnten sie ihre Toten nicht in tröstlicher und vertrauter Gemeinschaft beerdigen. Und das ist tragisch, denn am Ende gibt’s kein nächstes Mal, keinen zweiten Versuch.

Unverzeihlich scheint heuer vieles, der einsame Tod unserer Mitmenschen darf es aber für die Hinterbliebenen nicht bleiben. Denn in letzter Instanz braucht das Sterben die maximale Vergebung, das maximale Loslassen. Jeder Abschied braucht eine Geschichte, in die er eingebettet werden darf und die Geschichte muss akzeptabel und tröstlich für uns sein. Für das, was heuer an den Sterbebetten passierte, müssen wir den Trost noch finden.

Gerade in einer Katastrophe ist unser Handeln auf das Koordinatensystem der Menschlichkeit und Würde angewiesen.

Der Kampf gegen das Virus ist ein Lernprozess, in dem die Dinge gleichzeitig passieren müssen: Therapien müssen gefunden werden, in die Versorgungs- und in die Grundlagenforschung muss investiert werden, und die richtigen Fragen müssen gestellt werden, damit wir nicht wieder die falschen Schlüsse ziehen. Wenn aus der Coronakrise eine Krebskrise, eine Totgeburtenkrise und eine Herzinfarktkrise wird, sind falsche Entscheidungen getroffen worden, die man besser treffen muss.

Und wenn aus der Coronakrise eine Wertekrise wird, in der bisherige Prinzipien der Pflege, der Menschlichkeit und des Umgangs unter kopflosem Aktionismus begraben werden, ist man in die falsche Richtung unterwegs. Dabei geht es nicht darum, Schuldige zu suchen oder das Virus zu bagatellisieren, sondern darum, den Kontext einer Katastrophe in die Verhältnismäßigkeit seiner Realität zu setzen. Gleichzeitig muss die Gesellschaft einen Umgang mit den Fehlern finden, die bisher passiert sind und vor allem muss sie einen Umgang mit jenen Menschen finden, die in dieser Zeit gestorben sind und noch sterben werden. Das können wir nicht aufschieben, damit können wir nicht warten, bis ein Impfstoff gefunden ist und wir wieder ohne Handschuhe Händchen halten können.

Wir können unsere palliativen Standards und unser Verständnis von Würde nicht bei der ersten Bewährungsprobe über Bord werfen. Wenn Grundwerte nur in Schönwetterzeiten und nicht in der Krise gelten, wird es Zeit, den Stellenwert seines Wertesystems zu hinterfragen. Denn gerade wenn eine Katastrophe die üblichen Handlungsräume verschiebt, BRAUCHEN wir das Koordinatensystem der Menschlichkeit und Würde, um durch die Dunkelheit zu navigieren. Beides, Menschlichkeit und Würde gibt’s Gottseidank auch in hygienischer, viruzider und abwaschbarer Ausführung und stellt kein Infektionsrisiko dar.

Man ist auf die Endlichkeit der anderen vielleicht noch weniger als auf die eigene vorbereitet.

Im Grunde glaubt niemand an seinen eigenen Tod, sagte Freud. Der Tod hat eine unbegreifliche Dimension, die wir in unserer menschlichen Kleinheit kaum begreifen können. Sogar wenn man einen Toten vor sich hat, scheint es unglaublich. Dass der jetzt wirklich tot ist und für immer tot bleiben wird. Dass er nicht mehr bei der Tür hereinkommen wird, seine Tasche in die Ecke stellt und „bin wieder da!“ ruft. Manchmal höre ich ihn nachts noch neben mir atmen, sagt meine Tante, die ihren Mann nach vielen Ehejahren verloren hat. Es ist unfassbar, dass die Menschen, die wir lieben, plötzlich ernsthaft verschwunden sein sollen. Man ist auf die Endlichkeit der anderen vielleicht noch weniger als auf die eigene vorbereitet.

Und ich verstehe sie, die Esoteriker, die Schreier, die Wütenden und die Leugner. Der Weg hin zur Vergänglichkeit führt über die Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit, aber wer will schon kapitulieren? Lebensbejahender scheint auf den ersten Blick das Leugnen von Bedrohungen, ein statistisch unrealistischer Optimismus, dass es einen selbst schon nicht treffen wird, das Virus nicht, das schreckliche Bild auf der Kippenpackung nicht.

Sie sind weggebrochen, die alten Strategien, den eigenen Schmerz und die Unsicherheit mit dem Leben durch die Religion in eine Geschichte einzubetten, die größer ist als man selbst und die alles irgendwie erträglicher macht. Dabei ist paradoxerweise gerade die Vergänglichkeit die ultimative Lebensbejahung: Nur weil das Leben endlich ist, hat jeder Augenblick unendlichen Wert. Wäre das Leben unendlich, wäre jeder Augenblick nur das beliebig austauschbare Glied einer Kette wiederholbarer Momente, die in ihrer Endlosigkeit belanglos werden. Der Tod, sagte Johann C. Tobler mal, ist nichts anderes als ein Kunstgriff der Natur, um möglichst viel Leben zu haben. Kurzum: Wer am Ende nicht stirbt, hat’s vorher nicht schön.

Der Oberarzt tat etwas, was wir alle für Trauernde tun können: Die Leerstellen aushalten.

An jenem Samstag vor einigen Jahren, als vormittags Herr Paul starb, starb am späten Nachmittag Frau Ella. Frau Ella, die bald entlassen werden hätte sollen. Die halbfertig gehäkelte Decke für das neugeborene Enkelchen, auf das sie sich so gefreut hatte, lag noch auf ihrem Bett. Frau Ella, die uns immer Kekse zugesteckt hatte und nach Kölnisch Wasser roch. Eine Krankenschwester weinte, ich kochte vor Wut und fand das ganze Sterben unverzeihlich. Beim Verlassen der Klinik trat ich im menschenleeren Foyer wütend den Schirmständer um.

„Was ist mit dir?“, fragte der kettenrauchende Oberarzt der C3 im herbstlichen Halbdunkel vor der Tür. „Ich bin wütend“, sagte ich. „Auf wen?“ „Den Tod.“ Und wie er den letzten Zug nahm, bevor er die Zigarette auf den Boden warf und austrat, sagte er: „Du musst dir und den anderen die Vergänglichkeit verzeihen.“ Und dann stand er noch eine halbe Stunde schweigend neben mir und tat etwas, was wir alle für Trauernde tun können: Die Leerstellen aushalten.

Wir haben heuer so viele Leerstellen auszuhalten. Und so viel zu verzeihen. Verzeihen Sie sich, dass Sie sich von Ihrer Mutter nicht verabschieden konnten. Dass Sie Ihrem Vater nicht mehr sagen konnten, dass Sie ihm nicht mehr böse sind. Dass Sie nicht mehr auf den letzten Kaffee mit Ihrem Freund gehen konnten. Dass Sie die Hand Ihres Mannes nicht halten konnten, als er für immer einschlief. Dass Sie Ihrer Frau nicht mehr sagen konnten, dass Sie in Frieden gehen darf, weil Sie und die Kinder zurechtkommen werden. Verzeihen Sie sich und ihnen, dass ihnen das verwehrt blieb. Nicht, weil diese Fehler unerheblich sind, sondern weil die Toten Ihnen längst verziehen haben und weil wir verzeihen müssen, um weiterleben zu können.

 

Wenn Sie jemanden während des Covid-19-Notstandes verloren haben und mit der Trauer nicht zurechtkommen, bitte melden Sie sich beim psychologischem Dienst in Ihrer Nähe. Sie sind wichtig, Ihr Schmerz ist es auch — bitte passen Sie auf sich auf und holen Sie sich Hilfe, wenn Ihre Last allein zum Tragen zu schwer ist. Für dringende Fälle ist zudem der landesweite Dienst für Notfallpsychologie rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche unter der Telefonnummer 366 6209403 erreichbar.
Psychologischer Dienst Bozen 0471 435001 Mo- Frei 8.30-17.00
Psychologischer Dienst Meran 0473 251000 Mo-Frei 8.30-17.00
Psychologischer Dienst Brixen 0472 813100 Mo-Frei 8.30-17.00
Psychologischer Dienst Bruneck 0472 586220 Mo-Frei 8.30 - 17.00
Caritas Beratungsstelle Schlanders 0473 621237 Mo bis Frei 8.00-12.00

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