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The Others

Amerikas "Umvolkung"

Mit Gewalt und Krankheiten löschten die Spanier die indigenen Reiche Südamerikas aus. Ähnlich rücksichtslos geht Mexiko auch heute noch gegen indigene Völker vor.

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Mithilfe indigener Verbündeter marschieren die Conquistadores in Tenochtitlan ein.

Bild: Margaret Duncan Coxhead/wikimedia

In diesem Monat werden in Vigo in der autonomen Gemeinschaft Galicien in Spanien mehr als 100 VertreterInnen aus Chiapas erwartet. ZapatistInnen und Angehörige des Indigenen Rates. Sie wollen 500 Jahre nach der Zerschlagung des aztekischen Staates daran erinnern, aber auch an das anhaltende Kolonialisierungsprojekt des mexikanischen und der übrigen lateinamerikanischen Staaten.

In Lateinamerika wird noch immer am spanischen Kolonialisierungsprojekt festgehalten. Die indigene Bevölkerung wird assimiliert, ihre Sprachen, Kulturen und Territorien zerstört. Der Untergang des "roten" Amerika begann mit der Landung von illegalen spanischen Abenteuern und Plünderern in der Karibik. Deren Nachfahren haben die Alteingesessenen restlos enterbt und fast ausgerottet. Die Denkmäler der Eroberer und Massenmörder wie Cortez und Pizarro in vielen lateinamerikanischen Städten erinnern daran.

Mit der Entdeckung Amerikas läutete Christoph Columbus 1492 das Ende der indianischen Selbständigkeit ein. Mit dem siegreichen Marsch des spanischen Eroberers Cortez vor 500 Jahren - im Sommer 1520 - ins Aztekenreich in Zentral-Mexiko begann die Zerschlagung indianischer Stadtstaaten und der eigenständigen Kulturen. 500 Jahre danach hält der linke mexikanische Präsident am spanischen Kolonisierungsprojekt fest. Präsident Obrador drückt der indigenen Bevölkerung im Süden des Landes Großprojekte auf. Im Schatten der Bajonette seiner verrufenen Militärs und Sicherheitskräfte.

Die indigene Bevölkerung wurde von den illegalen Einwanderern, die sich als Entdecker und Eroberer in Spanien feiern ließen, ausgerottet.

Columbus und seine goldgierigen kastilischen Soldaten und "Edelleute" landeten mit ihren drei Segelschiffen auf den heutigen Bahamas. Columbus erklärte das "entdeckte" Land zum Eigentum der spanischen Krone. Columbus folgten viele weitere königstreuer Spanier nach. Nach und nach kamen die karibischen Inseln allesamt unter spanische Herrschaft. Die "Entdecker" und Eroberer machten sich das Land untertan. Die indigenen Menschen wurden versklavt, die Frauen vergewaltigt, es gab Massenmorde.

Kastilische Kolonialisierung

Columbus machte es vor. Auf seinem Hauptquartier Hispaniola sank die Zahl der indigenen Bevölkerung von einer Million Menschen innerhalb von zehn Jahren auf 100.000. Ein Völkermord unter dem Zeichen der katholischen spanische Krone. 50 Jahre später gab es nur mehr 200 Tainos. Nach der erfolgreichen Plünderung der Inseln und der Abschlachtung der indigenen Menschen setzte Columbus die Suche nach weiterem Reichtum fort, in Mittelamerika und am nördlichen Rand Südamerikas.

Die Karibik-Insel wurden "indianerfrei", die indigene Bevölkerung wurde von den illegalen Einwanderern, die sich als Entdecker und Eroberer in Spanien feiern ließen, ausgerottet. Die Politik der verbrannten Erde und Menschen war äußert erfolgreich. Als Cortez von Kuba westwärts segelte, folgte er Erzählungen von unglaublichen Reichtümern in Meso-Amerika. Er und seine Mit-Eroberer, sie verstanden sich als Vertreter der hohen spanischen Zivilisation, staunten über die indigenen Städte und Dörfer und deren Landwirtschaft an der mexikanischen Küste. Sie lobten die Architektur und den landwirtschaftlichen Reichtum, trotzdem zerstörten sie Städte, Tempel und Bewässerungsanlagen, weil heidnischer Herkunft, in ihrem Interesse stand ausschließlich die Suche nach Gold.

Die indigenen Partner wollten ihre Unterdrücker loswerden, wehrten sich damit gegen den aztekischen Totalitarismus.

Bereits auf seinem ersten Zug 1519 ins mexikanische Landesinnere, nach Technotitlan - der Hauptstadt der Azteken oder Mexica – verbündeten sich die von Aztekten unterworfenen indigenen Stadtstaaten mit den spanischen Eroberern. Die indigenen Verbündeten waren ausschlaggebend für die erfolgreiche Niederschlagung des aztekischen Staates. Die indigenen Partner wollten ihre Unterdrücker loswerden, wehrten sich damit gegen den aztekischen Totalitarismus und den Menschenopfern. Es gab aber keine Befreiung. Nach der Eroberung begann das große Projekt der totalen Unterwerfung der indigenen Völker nicht nur in Meso-Amerika.

Europäische Krankheiten gegen Indigene

Bereits vor dem Fall von Technotitlan am 13. August 1521 starb an den eingeschleppten Krankheiten aus Spanien und Europa fast die Hälfte der mesoamerikanischen Bevölkerung. Kriegsführung mit Viren. Die von den Krankheiten geschwächte Bevölkerung war einer brutalen militärischen Eroberung ausgesetzt. Die Spanier und ihre indigenen Helfer terrorisierten Land und Leute, massakrierten, vergewaltigen und versklavten die Überlebenden. Technotitlan, von Cortez als die schönste Stadt der Welt verherrlicht, wurde zerstört, von den 300.000 Einwohnern starben 250.000 während der Angriffe auf die Stadt.

Die Eroberung zog sich über ein Jahr hin, erst im August 1521 – nach 75-tägiger Belagerung – fiel die Azteken-Hauptstadt in die Hände der Eroberer. Mit dem spanisch-indigenen Sieg und der aztekischen Niederlage begann in Mexiko der Untergang des indigenen Amerika. Alle übrigen Hochkulturen fielen der spanischen Eroberungswut zum Opfer, die Maya, später in den equadorianischen, peruanischen und bolivianischen Anden die Inka. Die Spanier waren erfolgreich, weil ihre indigenen Verbündeten das Joch der jeweiligen indigenen Reiche abschütteln wollten und die tödliche Drecksarbeit für die Spanier erledigten.

Aus den ehemaligen Partnern wurden rechtlose Untertanen. 

Während die indigenen Hochkulturen den unterworfenen Völkern Sprache, Kultur und Land ließen, eigneten sich die neuen Herren das gesamte Land an. Aus den ehemaligen Partnern wurden rechtlose Untertanen. Ihre Kulturen gingen unter. Die spanischen Eroberer vernichten die indigene Architektur, ganze Städte mit ihren Tempeln. Auf den Grundmauern der indigenen Reiche entstand das spanische Kolonialreich. Nichts erinnert mehr in Cuzco an die Inka-Architektur. Die Eroberer hatten wohl einen Generalplan West im Kopf, die vollständige Vernichtung und Eroberung der "Neuen Welt". Die spanischen Eroberer legten eine Blaupause über den Kontinent. Dörfer und Städte waren Kopien der spanischen Vorbilder.

In Lateinamerika sollen zur Zeit der sogenannten Entdeckung Amerikas durch Columbus mehr als 40 Millionen Menschen gelebt haben. Am Ende des 19. Jahrhunderts war die indigenen Bevölkerung Lateinamerikas auf zwei Millionen geschrumpft. Columbus, Cortez, Pizarro, und so weiter: große Entdecker? 2017 sagte der Präsident des öffentlichen spanischen Fernsehens RTVE, José Antonio Sanchez, dass die spanische Eroberung des Aztekenreiches keineswegs als kolonialistischer Akt, sondern vielmehr als zivilisatorische und missionarische Leistung zu werten sei (Zitat aus: Stefan Rinke, Conquistadoren und Azteken, Cortes und die Eroberung Mexikos). Schließlich hätten die Spanier Kirchen, Schulen und Krankenhäuser in die Neue Welt gebracht sowie ein barbarisches und blutrünstiges Staatsgebilde besiegt.

Verratene Revolutionen

Erst spät wehrten sich die entrechteten indigenen Völker. Sie waren die Träger der Revolution von Benito Juarez 1854. Trotzdem gingen sie leer aus. Betrogen. Bei der Revolution von Emiliano Zapata und Pancho Villa 1910 spielten die indigenen Kämpfer eine herausragende Rolle. Die an die Macht gekommene Partei der Institutionellen Revolution hielt sich auch nicht an die Versprechen Grund und Boden an die indigenen Bauern, Anerkennung ihrer Sprache und Kultur sowie Autonomie der indigenen Gemeinschaften.

Formal erkennt der mexikanische Staat 62 indigene Sprachen als „Nationalsprachen“ an. Laut der Volkszählung von 2010 sprechen sechs Millionen Mexikaner oder 7 Prozent der Bevölkerung indigene Sprachen. Den elf Sprachfamilien gehören 68 linguistische Gruppen und 364 Dialekte an.  Es gibt insgesamt 16 indigene Sprachen mit mehr als 100.000 Sprechern in Mexiko, mehr als in jedem anderen Land Amerikas. Den größten Anteil an Sprechern gibt es im Süden Mexikos in den Staaten Oaxaca, Yucatán und Chiapas.

In diesen drei Staaten ist der indigene Widerstand – ziviler Ungehorsam, staatliche Verweigerung, freiwillige Isolierung – noch immer lebendig. In Chiapas verwalteten die Zapatisten und der Indigenen-Rat gemeinsam Gebiete und Regionen mit indigenen Bevölkerungsgruppen. Mit einem theatralisch inszenierten bewaffneten Aufstand 1994 demonstrieren die Zapatisten ihren Willen zur Autonomie. Der mexikanische Staat und die weiße Elite in Chiapas, Großgrundbesitzer und ihre Killer, jagen die Zapatisten, vertreiben sie aus ihren Dörfern, ermorden Wortführer, bedrohen das Leben der indigenen Menschen. Wie schon vor 500 Jahren.

Chiapas wird heute im Zeichen der angeblichen Entwicklung militarisiert.

Der angeblich linke Präsident will die Zapatistenhochburg Chiapas knacken. Er verlegte Soldaten und Polizisten in diesen Bundesstaat, die mit den bewaffneten Schergen der Großgrundbesitzer das Land terrorisieren. Präsident Obrador will gleichzeitig mit teuren Großprojekten die Autarkie aufbrechen, das Land modernisieren, kündigte er an, um die Menschen aus der Armut zu befreien. In Planung sind große Infrastrukturprojekte wie eine Ölraffinierie im Südosten Chiapas und der „Tren Maya“ durch Yucatan, der Touristen ins südliche Land der Maya bringen soll. Die indigenen Zapatisten lehnen diese Politik strikt ab.

Der deutsche Soziologe, Heinz Dietrich, berät die linke mexikanische Regierung in ihrer Wirtschafts- und Entwicklungspolitik. Für Dietrich, der als geistiger Vater des autoritär-sozialistischen Modells in Venezuela gilt, ist die zapatistische Position einer öko-sozialen genossenschaftlichen und selbstverwalteten Entwicklung eine Blockade für den gesamten südöstlichen Raum Mexikos und ein Hindernis für den Fortschritt in der Region.

Und was macht Präsident Obrador mit dieser kaltschnäuzigen Analyse? Er beauftragte das Militär mit der Durchführung der Großprojekte. Chiapas wird im Zeichen der angeblichen Entwicklung militarisiert. Das vereinfacht den schmutzigen Krieg der mexikanischen Sicherheitskräfte gegen die indigenen Zapatisten.

Diese sind Ende April mit Schiffen in Richtung Europa aufgebrochen. 500 Jahre nach der Zerstörung und Unterwerfung des aztekischen Staates unter die spanische Krone besuchen ZapatistInnen und Angehörige des Indigenen Rates von Chiapas Europa. In Erinnerung an den Untergang des indigenen Amerika.

Mehr Infos unter:
EINE ERKLÄRUNG … FÜR DAS LEBEN. – Enlace Zapatista 
Hola Compas ⋆ Ya Basta Netz - Zapatista Reise Deutschland EZLN

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The Others

Geschichten und Erzählungen aus der anderen Welt

In der kanadischen Provinz British Columbia wird auf dem Gelände einer ehemaligen katholischen Internat-Schule ein Massengrab entdeckt. Indigene Kinder wurden dort vergraben. Im Amazonas-Regenwald in Brasilien töten Covid und Goldsucher indigene Menschen. In Rojava in Nord-Syrien wehren sich Kurden gemeinsam mit Arabern und Aramäern gegen türkische und syrische Islamisten. Die Sami in Skandinavien, politisch unkorrekt Lappen, halten stur an ihrer Rentierhaltung fest. Es gibt eine andere Welt hinter den globalen Glitzer-Fassaden, die sich gegen das Plattmachen sträubt, Menschen die darauf beharren, eine eigenständige Existenz zu haben.

Ihre Geschichten tauchen nicht oder nur selten in den großen Medien auf.  Über diese Menschen spricht niemand oder kaum jemand. In der Reihe „The Others“ kommen jene zu Wort, die nicht gehört werden, die keine Stimme haben.

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