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Alleine mit Kind

Die Zahl der Alleinerziehenden nimmt zu. Vor welchen Herausforderungen und Problemen sie stehen, erzählt eine betroffene Mutter im ersten Teil.

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Bild: Flickr, Over Potent

Mutter, Vater, Kind – das klassische Familienbild ist längst nicht mehr die Durchschnittsfamilie. Auch nicht im konservativ geprägten Südtirol. Immer mehr Kinder wachsen heute bei nur einem Elternteil auf, vor allem wegen steigender Scheidungs- und Trennungsraten. Bei rund drei Viertel aller Scheidungen sind Kinder betroffen, etwa 25.000  leben in Südtirol in sogenannten Teilfamilien, also mit alleinerziehenden Müttern oder Vätern, sagt die Präsidentin der Plattform für Alleinerziehende, Ida Lanbacher. Der Verein unterstützt die Einelternfamilien und versucht, die Gesellschaft dafür zu sensibilisieren, dass sie zwar keine klassischen, aber dennoch richtige Familien sind. Deshalb fordert Lanbacher beispielsweise einen Familienpass, der auch für Alleinerziehende gilt.

Probleme Arbeit zu finden

Nachteile bei Familienangeboten ist allerdings nur ein Problem von alleinerziehenden Eltern. Neben der seelischen Belastung haben sie vor allem finanzielle Sorgen und sind besonders stark von Armut gefährdet. Auch weil sie größere Probleme haben einen Job zu finden. Diese Sorgen kennt Bettina M. aus Bozen. Sie trennte sich vor sieben Jahren von ihrem Mann und lebt seitdem mit ihrem Sohn alleine. Jedes zweite Wochenende verbringt der 15-Jährige bei seinem Vater – geteiltes Sorgerecht wird das genannt. Seit August ist Bettina arbeitslos und schickte bereits mehrere Bewerbungen raus – bisher ohne Erfolg. Dass sie alleinerziehende Mutter eines Sohnes ist, verheimlicht die 45-Jährige nicht. Obwohl sie die Skepsis der Arbeitgeber spürt. „Wenn ich erzähle, dass ich einen Sohn, aber keinen Mann habe, stutzen sie erst mal und sagen: Wir melden uns dann bei ihnen. Machen sie aber nicht.“ Alleinerziehende Mütter seien noch unflexibler als verheiratete, denn die hätten immerhin noch einen Mann Zuhause, der sich um die Kinder kümmern könnte, so die Meinung vieler Arbeitgeber.

Bettina ist gelernte Modetechnikerin, hat bereits im Gastgewerbe, im öffentlichen Dienst und im Eltern-Kind-Zentrum gearbeitet. In den vergangenen Jahren hatte sie immer eine Vollzeitbeschäftigung. Die Betreuung ihres Kindes ist eine organisatorische Meisterleistung, das schlechte Gewissen ständig da. Nur mit einem Teilzeitjob wäre sie finanziell aber nicht über die Runden gekommen. Ein Mietbeitrag wurde mehrmals abgelehnt. Bis auf 375 Euro Unterhaltszahlung im Monat für ihren Sohn, bekomme sie kaum finanzielle Unterstützung. Unterhaltszahlungen sind in Italien verpflichtend und müssen von jenem Elternteil gezahlt werden, das nicht ständig beim Kind wohnt. Wieviel der Unterhaltspflichtige zahlen muss hängt unter anderem von Einkommen und Vermögen beider Eltern ab und wird vom Landesgericht festgelegt. Wird der Unterhalt nicht gezahlt, kann bei der Unterhaltsvorschussstelle der Provinz um eine Vorschusszahlung angesucht werden. 

Zu wenig geschützter Wohnraum 

Bettina M. wirkt kämpferisch. Auf ihren Unterhalt, der ihr als Geschiedene zustehen würde, hat sie freiwillig verzichtet, damit ihr Ex-Mann in die Scheidung einwilligt. Häusliche Gewalt war der Grund für die Trennung. „Bei mir kamen deshalb noch ein paar Probleme mehr dazu“, sagt die 45-Jährige. Nachdem sie vor sieben Jahren Hals über Kopf und mitten in der Nacht mit ihrem Sohn abgehauen ist, versuchte sie in einer geschützten Wohnung unterzukommen. „Kein Platz, alles voll. Mieten Sie sich doch eine Ferienwohnung“, war die Antwort. Von der Ferienwohnung landete sie schließlich in einer 50-Quadratmeter-Wohnung, mehr hätte sie sich nicht leisten können. Ihr Sohn bekam ein eigenes Zimmer, sie selbst schlief im Wohnzimmer auf der Ausziehcouch. Hilfe kam vor allem aus dem Bekanntenkreis: „Wenn man nicht von außen, auch unerwartete Hilfe bekommt, dann ist es am Anfang fast nicht zu schaffen“, sagt die 45-Jährige und versucht in Worte zu fassen, wie es sich anfühlt, wenn man mit einem Kind plötzlich alleine dasteht: Es ziehe in die Richtung und es ziehe in die andere Richtung und gleichzeitig solle man auch noch der Ruhepol sein. 

Enttäuschende Sozialdienste

Enttäuscht ist Bettina von öffentlichen Stellen und den Sozialdiensten. Statt Hilfe kommen oft Vorwürfe: „Warum haben sie das nicht so und so gemacht, warum haben sie nicht die Zweisprachigkeitsprüfung und hätten sie mal den Kurs oder die Weiterbildung absolviert.“  So und so ähnlich hören sich die Ratschläge an, die sie in den Ämtern schon häufiger gehört hat, erzählt die gebürtige Deutsche. „Aber wie soll ich als Alleinerziehende, die Vollzeit arbeitet auch noch Kurse und sonst was alles machen?“ Wenn sie abends nach der Arbeit nach Hause kommt, müssten die Hausaufgaben mit dem Sohn und die Hausarbeit erledigt werden.

Klagen über die Sozialdienste kennt auch Ida Lanbacher. „Sie funktionieren eigentlich gut“, sagt sie. Es gebe aber den Eindruck, dass die Sozialdienste etwa beim Ausstellen von Gerichtsgutachten oft Schwierigkeiten hätten. Außerdem bedauert sie, dass die Mitarbeiter der Sozialsprengel oft zu jung seien, direkt aus der Schule kämen, selber keine Kinder hätten und den alleinerziehenden Müttern dann erklären wollen, wie sie was zu machen haben. „Da hapert's manchmal", sagt sie. Schlechte Erfahrungen mit den Sozialdiensten machte auch Hubert Haller. Er ist einer von rund 9.500 alleinerziehenden Vätern in Südtirol, die etwa ein Drittel aller Alleinerziehenden ausmachen.

Wie es einem alleinerziehenden Vater in Südtirol geht, gibt es im zweiten Teil zu lesen.

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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