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Interview zum Islamismus

„Wir Muslime müssen Extremisten isolieren“

Ist der Islam eine Religion des Friedens? Oder eine Ideologie der Unterdrückung? Der Islamforscher Ahmad Milad Karimi plädiert für einen differenzierten Blick.

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Bild: Rumman Amin/unsplash

Irak, Iran, Mali, Syrien, Libyen, jetzt wieder Afghanistan: Es gibt kaum ein muslimisches Land, in dem die Menschen in den letzten Jahrzehnten nicht die rückwärtsgewandte und gewalttätige Seite ihrer eigenen Religion zu spüren bekamen. Islamische Fundamentalisten weltweit berufen sich auf den Propheten, wenn sie Ungläubige töten, Frauen einsperren und Andersdenkende verfolgen.
Wie ist das möglich? Gehört Gewalt etwa doch zum Islam? Oder lässt sich diese Religion leichter als andere von Tyrannen vereinnahmen? Ahmad Milad Karimi, Religionsphilosoph und Professor an der Universität Münster und selbst Muslim, stellt sich im Interview dringenden und unbequemen Fragen.

Oft wird der Islam als „Religion des Friedens“ bezeichnet. Fakt ist, dass der Islam von Staaten und Individuen aber auch dazu verwendet wird, um die Tötung von Menschen zu rechtfertigen, so etwa in Fällen von Apostasie. Gehört auch das zum Islam?
Die Behauptung, dass der Islam eine Religion des Friedens sei, ist genauso schwierig annehmbar, wie die Aussage, dass der Islam eine Religion der Gewalt oder Unterdrückung sei. Ich glaube, dass solche Zuschreibungen zu vereinfachend sind, um eine Religion, die über 1.400 Jahre alt ist und so viele verschiedene Auslegungen und Realitäten kennt, adäquat zu beschreiben.

Warum gehen diese Interpretationen teils so extrem auseinander?
Weder Gott noch der Koran noch die Prophetenüberlieferung sind handelnde Subjekte, die etwas tun oder unterlassen. Es sind immer Menschen, die eine Religion auslegen. Verschiedene Faktoren sind ausschlaggebend: Welches Wissen haben diese Menschen? Über welche Bildung verfügen sie? Und in welchem Kontext leben sie? Die Lebensumstände des 7. Jahrhunderts auf der arabischen Halbinsel sind mit denen im heutigen Europa nicht zu vergleichen. So gesehen, gehört Gewalt unweigerlich zur Geschichte des Islams, im Namen des Islams wurden Menschen getötet, verfolgt und diskriminiert. Aber es wurden im Namen des Islam auch Menschen gerettet, barmherzig behandelt, in ihrem Anderssein toleriert.

Ahmad Milad Karimi, geb. 1979 in Kabul, ist Professor für islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster. 2019 erhielt er den Voltaire-Preis für „Toleranz, Völkerverständigung und Respekt vor Differenz“.

Titel & Urheber des Bildes: 
Elif Kücük

Und wer steht dem „wahren Islam“, den ja jeder für sich beansprucht, näher?
Das ist eine theologische Frage. Und in theologischer Hinsicht muss man klar sagen: Eine aktive Gewaltausübung, eine diskriminierende und menschenversachtende Religionsausübung sind im Islam inakzeptabel. Wer dennoch eine solche Auslegung des Islam praktiziert, könnte sie argumentativ nicht durchsetzen.

Angesicht der Machtübernahme der Taliban haben Sie in einem Interview gefragt, wo der Aufschrei in der muslimischen Welt bleibt. Zweifellos genießen die Taliban auch Sympathien, nicht nur unter militanten Islamisten. Wie weit haben es heute extremistische Positionen bis in die Mitte der muslimischen Gesellschaften geschafft?
Die Taliban sind im Gegensatz zum IS oder Al-Qaida eine lokale Gruppierung, die keine globalen Machtansprüche stellt. Vielleicht gab es auch deshalb keinen Aufschrei, weil sich niemand direkt bedroht fühlte? Das Bedauerliche an diesem lauten Schweigen ist ja, dass so viel Raum für Spekulationen bleibt. Sehen einige Muslime etwa ihre eigenen Fantasien in Afghanistan verwirklicht? Solche Gedanken kommen auf, weil islamische Institutionen noch immer keine klare Haltung gegenüber menschenverachtenden Tendenzen gefunden haben.

Was steckt Ihrer Ansicht nach hinter dem Schweigen?
Es ist ein Sammelsurium von allem: Sympathien, Opportunismus, aber auch Überforderung. Die islamische Welt liegt ohnehin geistig und kulturell brach. Die islamische Religion hat ihre Hochkultur in der Gegenwart verloren.

Derzeit fällt es den Fundamentalisten allzu leicht, sich als Muslime zu verkaufen.

Woran liegt das? In der Vergangenheit, vor allem in der Zeit zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert, brachte die islamische Welt noch berühmte Philosophen, Dichter und Wissenschaftler hervor.
Unter anderem hat die Kolonialzeit zu diesem Niedergang beigetragen. Die europäischen Kolonialherren haben die arabische Welt nicht nur selbst beherrscht, sondern auch lokalen Despoten zur Macht verholfen und willkürlich Grenzen gezogen, ihre materiellen und geistigen Schätze ausgeplündert, mit gravierenden Folgen bis heute. Das hat viel Selbstbewusstsein und Entwicklungspotenzial zerstört. Der Kampf um Selbstbestimmung äußerte sich zunächst in sozialistischen Widerstands- und Nationalbewegungen. Sobald auch die zerschlagen wurden, kam die extremistische, die totalitäre Variante.

Müssen sich Muslime überhaupt distanzieren, wenn irgendwer in ihrem Namen einen Anschlag verübt oder Menschen unterdrückt?
Mir geht es nicht um Distanzierung – wenn man von mir erwartet, dass ich mich distanziere, unterstellt man mir dadurch automatisch schon eine gewisse Nähe zu den Terroristen und das wäre beleidigend – sondern um eine Isolierung. Das ist etwas völlig anderes. Die Taliban zu isolieren, bedeutet klarzumachen, dass das, was sie im Namen des Islams tun – die Verachtung menschlichen Lebens, drakonische Körperstrafen, Unterdrückung der Frauen – nicht auch eine Lesart des Islams ist, sondern gar kein Islam mehr. Der Vorteil einer Isolierung ist, dass die Fundamentalisten wie die Taliban nicht mehr behaupten könnten, sie seien auch Muslime. Derzeit fällt es ihnen aber allzu leicht, sich als Muslime zu verkaufen.

Die Taliban sind nur eines von vielen Beispielen. Es gibt heute kaum ein muslimisches Land, in dem eine institutionelle Trennung zwischen Staat und Religion praktiziert wird. Warum?
Indem wir diese Länder als islamisch bezeichnen, durchbrechen wir schon die Trennung zwischen Staat und Religion. Wobei ein politischer Islam nicht per se schlecht sein muss. Ein Mensch, der sich aus religiöser Überzeugung politisch engagiert und sich um das Gemeinwohl sorgt, ist für die Gesellschaft eine Bereicherung. Der Missstand entsteht, wenn die Religion zum Mittel der politischen Machtergreifung pervertiert wird. Mir ist zum Beispiel auch nicht verständlich, weshalb auf der afghanischen Flagge das muslimische Glaubensbekenntnis steht. Es geht doch nicht um den Islam, sondern um die Menschen in Afghanistan. Dazu gehören auch Hindus, Sikhs und Christen und Juden.

Muslime haben kein Recht – und davon hat auch der Prophet nie Gebrauch gemacht – aggressive Gewalt auszuüben. 

Wenn man die Religionsgründer miteinander vergleicht, dann war Jesus ein radikaler Pazifist, der seine Mission von Anfang an jenseits irdischer Politik gesehen hat, während Mohammed ein Feldherr war; nicht umsonst beziehen sich einige Passagen im Koran auf konkrete historische Begebenheiten, etwa die Feindschaft zwischen Mekka und Medina. Ist die Vermischung von Religion und Politik eine Art Geburtsfehler des Islam?
Ich glaube nicht, dass man Jesus und Mohammed vergleichen kann, schon allein wegen des Kontexts, in dem sie gelebt und gewirkt haben. Da vertauschen Sie Jahrhunderte miteinander. Hätte Jesus im selben Zusammenhang wie Mohammed gelebt, wäre er mit seiner ganzen Gemeinde von Feinden militärisch angegriffen worden, dann wäre es sein menschliches Recht gewesen, sich zu verteidigen.

Es ist mir nicht darum gegangen, die beiden Religionsgründer moralisch zu vergleichen. Aber wenn der eine Religionsgründer sagt „Du sollst beide Wangen hinhalten“ und der andere Tötungsbefehle gibt, hat das auf die jeweiligen Glaubensgemeinschaften doch bestimmte Auswirkungen.
Denken wir an die Kreuzzüge, an das Unheil, das damals im Namen des Christentums gestiftet wurde; da hat man wohl auch nicht sonderlich an Jesus gedacht. Oder vielleicht doch, sagte er nicht: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien (…).“ (Matthäus 10, 34-39) Der Vergleich ist also nicht ganz einsehbar, weil man es sich damit bequem gemacht hat, ein viel zu glattes und historisch nicht einsehbares Bild des Christentums zu zeichnen. Wie fatal wäre es denn, zu fragen, ob die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche nicht ein „Geburtsfehler“ des Christentums überhaupt seien, weil sie eine verfehlte und lebensferne Sexualmoral offenbaren, die Leid produziert?
Mit der Religion ist das alles nicht einfach erklärbar. Und es ist genauso wenig erklärbar, wenn ich als Muslim heute in eine Schlacht gegen Ungläubige ziehe, nur weil der Prophet selbst auch an Kriegen beteiligt war. Die Frage nach dem Wesen des Islams oder des Christentums ist hier fehl am Platz. Es geht vielmehr um die Frage: Wie kann man verhindern, dass Menschen mit Religion Aggressionen rechtfertigen? Muslime haben kein Recht – und davon hat auch der Prophet nie Gebrauch gemacht – aggressive Gewalt auszuüben. Gewalt ist im Islam nur zur Verteidigung legitim.

Verteidigung kann aber auch sehr weit gefasst werden.
Ja, das ist ein Problem. Extremisten wie Osama bin Laden interpretieren ihre Gewalt als verteidigende Gewalt: Wenn ich nicht alle Amerikaner töte, werden sie uns töten. In diesem Weltbild gibt es keine Zivilisten, es gibt nur Freunde und Feinde, die vernichtet werden müssen. Wer so eine Indoktrination schon hat – was soll man dagegen machen?

Wer glaubt, die Scharia „einführen“ zu müssen, begeht in Wirklichkeit Blasphemie, weil er oder sie sich anmaßt, den Willen Gottes genau und absolut zu kennen.

In der Regel berufen sich solche Fundamentalisten auf die Scharia – ein Wort, das auch bei uns mittlerweile für eine rückständigen islamistische Gesellschaftsordnung steht. Was ist die Scharia?
Die eine Scharia gibt es nicht. Es gibt viele Schariaverständnisse. Ich habe noch nie ein Buch namens „Scharia“ gelesen. Scharia bezeichnet lediglich das Urteil Gottes über menschliches Handeln und Verhalten. Das heißt, ich als Mensch kann niemals die Scharia einführen, die Scharia lesen oder die Scharia erreichen. Ein Muslim kann nur versuchen, jeder für sich, nach bestem Wissen und Gewissen, mit seiner Lebensführung so nahe wie möglich an die Scharia heranzukommen. Wer aber glaubt, die Scharia „einführen“ zu müssen, begeht in Wirklichkeit Blasphemie, weil er oder sie glaubt, den Willen Gottes genau und absolut zu kennen und sich das Recht anmaßt, ihn mit Zwang durchzusetzen.

Was geschieht, wenn die Scharia, als die Richtlinien, die man als Muslim wählt, um gottgefällig zu leben, mit dem Grundgesetz zusammenstoßen?
Der Grundgedanke der Scharia besteht darin, Frieden zu stiften. Wenn auch Ideen zu einer friedlichen Gesellschaft beitragen, die nicht aus einer genuin islamischen Tradition stammen, dann warum nicht? Die Scharia bezieht sich aber in erster Linie auf das Verhältnis zwischen dem einzelnen Menschen und Gott und nicht darauf, wie eine Gesellschaft aussehen soll. Wenn mich also jemand fragt „Lebst du nach der Scharia oder nach dem Grundgesetz?“, dann würde ich antworten, dass die Frage an sich falsch gestellt ist, weil sie zwei getrennte Ebenen miteinander vermischt. Für mich ist in Deutschland die Verfassung bindend. Ohne Wenn und Aber. Aber die Verfassung reguliert nicht meine religiöse Selbstbestimmung, d.h. auch meine Haltung.

Was schätzen Sie persönlich am Islam?
Ich schätze, dass der Islam kein Lehramt kennt. Es gibt keine offizielle Instanz, die mir vorschreibt, wie ich meine Religion zu leben habe. Ich schätze auch, dass der Islam eine offene Religion ist, eine Religion des Streites und der argumentativen Auseinandersetzung, wo man nie von vorneherein weiß, was das Richtige ist. Im Islam gibt es niemanden, der über die Wahrheit verfügt. Eine Religion, in der Gott nicht verfügbar ist, nimmt mich als Einzelnen selbst in die Verantwortung, durch meine Vernunft das Gute und Gerechte zu erkennen und dafür einzustehen.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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