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Interview mit Philipp Blom

„Was ist artgerecht für Menschen?"

Wie gestalten wir die Welt nach Corona? Um darauf antworten zu können, müssen wir zunächst unser Naturverständnis ändern, sagt der Schriftsteller Philipp Blom.

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Autor und Historiker Philipp Blom

Bild: Marijn Smulders

Der Trend, dass Politik hauptsächlich Krisenmanagement ist, lässt sich spätestens seit der Finanzkrise feststellen. Aber erst mit der Pandemie erreichte dieser Modus seinen Höhepunkt. Das mag zwar zielführend sein, um akute Herausforderungen wie die Überlastung des Gesundheitssystems zu meistern; damit sich die Krisen in Zukunft nicht noch weiter häufen, ist jedoch ein langfristiger Kurswechsel gefragt.

Wohin es dann gehen soll, ist die Frage, mit der sich Philipp Blom beschäftigt. Wenn man Blom auf ein Berufsbild festlegen wollte, täte man sich schwer. Blom lebt heute als Schriftsteller, Historiker, Journalist und Übersetzer in Wien. Zudem arbeitet Blom gerade an einem Roman für Kinder. Die Themen? „Eigentlich sehr ähnlich wie in diesem Interview“, sagt Blom. Keine typischen Kinderthemen also. Es sind jedoch Angelegenheiten, die die Kinder von heute sehr bald betreffen werden. Klimawandel, Ressourcenverbrauch, die Zukunft der Demokratie und die alte Frage: Was macht ein Menschenleben zu einem guten Menschenleben?

Herr Blom, wenn man Zeitungen liest und Talkshows anhört, ergibt sich zuweilen der Eindruck, jeder und jede will aus der Zeit der Pandemie etwas gelernt haben. Können wir – als Gesellschaft – aus den Ereignissen des letzten Jahres wirklich etwas lernen?
Können – ja. Ob wir es tun werden, ist eine andere Frage. Man könnte lernen, nicht mehr gegen das Ökosystem dieses Planeten zu leben, sondern darin. Man könnte sehen, dass die Pandemie große soziale Klüfte offengelegt hat, und dass die Gesellschaft besser funktionieren würde, wenn man diese Lücken schließt. Wir haben auch erfahren, dass wir unserer eigenen Sterblichkeit und existenziellen Unsicherheit wieder ein Stück nähergekommen sind. Vor allem haben wir aber etwas erlebt, was bisher undenkbar war. Jeder Mensch, der den globalen Hyperkapitalismus mit seinen zerstörerischen Nebenwirkungen kritisiert hat, hat immer zu hören bekommen, dass wir diese Maschine nicht anhalten können. Dann haben wir sie aber angehalten. Aus politischen und humanitären und nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Die Tatsache, dass dies möglich war, wird auch unsere zukünftigen Debatten prägen.

Dabei ist alles – die staatlichen Hilfen, die Recovery Funds – auf ein Wiederhochfahren der Wirtschaft ausgelegt. Der Stillstand ist nur vorübergehend, während der Klimawandel doch eine langfristige Entschleunigung von Produktion und Konsum verlangt.
Man darf auch nicht vergessen, wie wichtig eine funktionierende Wirtschaft ist. So kritisch ich gegenüber dem globalen Kapitalismus bin, so wichtig ist es einzusehen, dass die Prinzipien, nach denen liberale Gesellschaften formiert sind, nur auf dem Rücken eines erheblichen Wohlstands entstehen konnten. Auch die westeuropäischen Demokratien sind so liberal geworden, weil dank fossiler Brennstoffe ein breiter Wohlstand geschaffen werden konnte. Es wäre naiv zu glauben, dass wir eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft mit weniger Wohlstand errichten können, ohne dass dies politische und soziale Konsequenzen nach sich zieht.

Müssen wir uns also entscheiden – zwischen einer Demokratie, die nach und nach die eigene Lebensgrundlage zerstört, und einem ökologisch nachhaltigen Autoritarismus?
Das Problem an der zweiten Variante ist, dass sie den guten König voraussetzen würde. Das wäre naiv: Der weise Öko-Diktator stellt sich oft als nicht so weise heraus, wie er selbst zu sein glaubt. Und noch schwieriger ist das Problem seiner Nachfolge. Ein britischer Parlamentarier, der aus sozialistischer Überzeugung seinen Adelstitel aufgegeben hat, hat mir einmal gesagt: Entscheidend ist für die Demokratie nicht, wie wir einen Machthaber wählen, sondern wie wir ihn wieder loswerden, ohne Blut zu vergießen.

Eine Idee, die ursprünglich vom Philosophen Karl Popper stammt.
Und eine sehr wichtige Idee. Die Öko-Diktatur darf und kann keine Antwort sein. Wir erleben zwar, wie schwierig es ist, einen demokratischen Konsens zu schaffen, um globale und drängende Herausforderungen angehen zu können. Zur demokratischen Grundstruktur darf es aber keine Alternative geben. Es kommt darauf an, die Strukturen und Prozesse, die wir jetzt haben, so zu verändern, dass sie partizipativer, kleinteiliger und unmittelbarer werden. Aktuell haben sie eher die Tendenz, zu einem Demokratie-Theater zu werden, wo eine Elite in erster Linie wirtschaftliche Interessen, die dem Gemeinwohl entgegenstehen, vertritt und so dem Wahlvolk ein Aufregungspotential bietet, das populistische Parteien ausnutzen.

Jeder Mensch, der den globalen Hyperkapitalismus mit seinen zerstörerischen Nebenwirkungen kritisiert hat, hat immer zu hören bekommen, dass wir diese Maschine nicht anhalten können. Dann haben wir sie aber angehalten.

Wenn Sie die aktuellen Herausforderungen – Klimawandel, Artenschwund, Pandemien, Demokratiedefizit – als Historiker betrachten: Gab es schon einmal vergleichbare Krisen in der Geschichte oder hat die Zeit, in der wir leben, etwas Einzigartiges?
Ich denke, dass es tatsächlich eine in der Geschichte sehr einzigartige Situation ist. Das heißt nicht, dass es nicht schon oft eine ähnliche Rhetorik gegeben hat. Endzeitmomente gab es immer wieder. Jetzt wird diese Endzeitrhetorik aber zum ersten Mal durch fundierte Wissenschaft und Forschung untermauert. Zum ersten Mal haben wir es mit einer existenziellen Herausforderung für die ganze Spezies Mensch zu tun. Es ist nicht so, dass die Römer oder auch sämtliche Naturvölker behutsamer mit ihrer Umwelt umgegangen sind; aber sie hatten schlicht nicht die Mittel, Zerstörungen anzurichten, deren Auswirkungen global spürbar sind. Diese Möglichkeit ergab sich erst durch die Verwendung fossiler Brennstoffe.

Damit wir dieses Zerstörungspotential nicht weiter missbrauchen – so fordern Sie – brauchen wir ein neues Naturverständnis. Was für ein Naturverständnis?
Es ist eigentlich kein neues, sondern ein sehr altes Naturverständnis. Um es mal ganz brutal zu sagen: Ich glaube, es ist an der Zeit, mit 3.000 Jahren Kulturgeschichte Schluss zu machen. Diese 3.000 Jahre sind geprägt von der gesellschaftlichen Ambition, die Natur zu dominieren. Dafür steht der biblische Satz: Macht euch die Erde untertan. Davor war das menschliche Verhältnis zur Natur bildhaft durch eine Vielzahl von Göttern ausgedrückt. Was immer der Mensch tat, ob er in See stach oder einen neuen Acker bewirtschaftete, er musste sich mit den zuständigen Göttern arrangieren. Im Grunde sagt das nichts anderes aus, als dass der Mensch Teil eines natürlichen Systems und in eine Vielzahl von Interessen verstrickt ist. Was immer Menschen taten, es hatte Auswirkungen auf andere Bereiche der Natur, die durch Götter und Dämonen verkörpert waren, und umgekehrt. Mit diesen Kräften galt es, einen Ausgleich zu finden.

Dann kam mit der Aufklärung die Wissenschaft…
Und das biblische Bewusstsein der Naturbeherrschung bekam ein säkulares Kleid. Die Idee der Welt- und Naturbeherrschung war während der Aufklärung sehr stark – was sich auch im Kolonialismus ausdrückte. Die Vorstellung, dass wir außerhalb der Natur stehen und die Natur kontrollieren sollen, bleibt bis heute prägend. Pandemien und der Klimawandel zeigen jetzt aber: Das war eine bronzezeitliche Illusion, die mit einem Naturverständnis des 21. Jahrhunderts nicht mehr zu vereinen ist. Wir begreifen langsam, dass wir mitten in der Natur stehen, dass alles miteinander verbunden ist. Wir sind nur ein Teil eines Ganzen – und nicht einmal ein besonders wichtiger Teil: längst nicht so wichtig wie Plankton oder Ameisen zum Beispiel.

Woher kommt diese Erkenntnis?
Über die Sprache der Wissenschaft entdecken wir jetzt wieder, was wir früher intuitiv oder durch die Metapher von Gottheiten und Dämonen begriffen haben. Wir verstehen zum Beispiel, dass der menschliche Organismus im Schnitt mehr nicht-menschliche als menschliche Zellen in sich hat. Weil er ein Mikrobiom in sich hat, welches nicht nur ein wenig bei der Verdauung hilft, sondern ein komplexes Kommunikationssystem im menschlichen Körper darstellt, das über verschiedenste Aspekte unserer Persönlichkeit, unserer Fähigkeiten und unseres Krankheitsgeschehens Einfluss hat. In anderen Worten: Wir verstehen langsam, dass wir nicht die über der Natur erhabene Krone der Schöpfung sind, sondern dass wir Primaten sind, die aus bestimmten Gründen besonders erfolgreich wurden und nun dabei sind, den eigenen Erfolg durch Übererfolg umzukehren.

In der Natur ist eigentlich alles darauf ausgerichtet, die Situation, wo eine Spezies über alle anderen dominiert, zu vermeiden. Sind wir ein Betriebsfehler der Evolution?
Naja, dieser Betriebsfehler dauerte bislang nur 70 Jahre oder, wenn wir großzügig sind, 500 Jahre. Für die Natur ist das kein ernstzunehmender Zeitraum. Sie wird das wieder regulieren. Die Bevölkerungsentwicklung, der Ressourcen- und der Energieverbrauch können nicht so weitergehen, wie sie es zurzeit tun. Und die Natur hat da eine relativ einfache Art, mit solchen überflorierenden Spezies umzugehen.

Wir verhalten uns exakt wie Hefe, das heißt, wir fressen alles, was wir vorfinden, bis wir alle Ressourcen aufgebraucht haben und an den eigenen Ausscheidungen ersticken.

Sie vergleichen den industrialisierten Menschen mit Hefe. Was haben wir mit diesen Mikroorganismen gemeinsam?
Als Gesellschaften und Individuen sind wir zweifellos komplexer und aufregender als Hefepilze, wir hatten Platon, Marie Curie und Beethoven. Und doch verhalten wir uns als Spezies exakt wie Hefe, das heißt, wir fressen alles, was wir vorfinden, bis wir alle Ressourcen aufgebraucht haben und an den eigenen Ausscheidungen ersticken. Bei der Hefe genießen wir das Resultat des darauffolgenden Populationskollapses übrigens als Brot oder Wein.

Und es gibt wirklich nichts, was wir besser als die Hefepilze machen können?
Ehrlich gesagt, der Vergleich mit der Hefe ist für mich eine intellektuelle Beleidigung. Ich hatte gehofft, dass wir nach 300 Millionen Jahren Evolution ein bisschen was dazugelernt hätten. Ich habe den Gedanken einmal mit einer befreundeten Biologin besprochen und sie meinte, der Vergleich müsste ja eigentlich noch weitergehen, denn die Hefezellen, die den Kollaps überleben, ändern ihren Metabolismus, um in der neuen Umgebung leben zu können. Als Menschen kommt es nun darauf an, dass wir unseren Metabolismus – also unsere Wirtschaft, unsere Kultur, unseren Lebensstandard – schon vor dem Kollaps ändern. Die große Frage der nächsten Jahrzehnte ist: Können wir unseren  Ressourcenverbrauch anpassen, bevor es zum großen Zusammenbruch kommt?

Können wir das?
In erster Linie hängt alles, was wir tun werden, an unserem Naturverständnis. Wenn wir uns wieder als Teil eines größeren Systems begreifen, werden wir lernen, auch ganz anders über Wirtschaft und Wohlstand zu denken. Die klassische Wirtschaftswissenschaft sprach über Rohstoffe, Kapital, Logistik, Investitionen, hat sich aber nie mit den natürlichen Grundlagen beschäftigt. Sauberes Wasser, atembare Luft und Biodiversität haben in den Rechnungen der Ökonomen bislang keine Rolle gespielt. Der Prozess wurde immer außerhalb der Natur gedacht. Jetzt begreifen wir aber, dass sie der entscheidende Teil der Gleichung ist und wir sie in unsere Rechnungen miteinbeziehen müssen.

Ist die Angst vor dem Virus, und damit die Angst vor dem Tod, die in der Pandemie unser wirtschaftliches und soziales Leben lahmgelegt hat, möglicherweise auch ein Ausdruck dieses gestörten Verhältnisses zur Natur?
Ja, natürlich. Der Beherrschung der Natur liegt die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur zugrunde. Die hat es auch möglich gemacht, zwischen verschiedenen Klassen von Menschen zu unterscheiden. Jene, die der Natur näherstanden, mussten im Namen der Zivilisation gezähmt und beherrscht werden. Diese Machtausübung macht Menschen aber auch einsam. Sie drängt außerdem den Tod an den Rand, der Tod ist nur noch ein weiteres Problem, das mit Technik gelöst oder wenigstens aufgeschoben werden kann.

Wie äußert sich das?
Etwa dadurch, dass Alte tendenziell am Rand der Gesellschaft leben; dass wir kaum noch Rituale haben, um mit dem Tod umzugehen; dass unsere ganze Werberhetorik davon ausgeht, dass wir ewig jung und ewig cool sind. Wir haben uns von der Akzeptanz der Zerbrechlichkeit des Lebens sehr entfernt. Und nun kommt dieser Gevatter Tod, den wir eine Zeit lang erfolgreich weggesperrt hatten, plötzlich wieder um die Ecke und ist so stark präsent in unserem Alltag. Das entspricht nicht dem Anspruch der Beherrschbarkeit, der gewissermaßen ja auch immer ein Anspruch der Unsterblichkeit war.

Im letzten Jahrzehnt hat man den Eindruck haben können, jegliches politisches Handeln sei nur noch Krisenmanagement – jetzt mit Corona umso mehr. Ist es an der Zeit, dass die Politik wieder Visionen entwirft?
Visionen können etwas Wunderschönes sein, sie können aber auch das mit Abstand Todbringendste sein. Interessanter wäre für mich ein wissenschaftlicher Zugang: Wir wissen sehr viel über die artgerechte Haltung jeder Tierart, die uns bisher untergekommen ist – außer Homo Sapiens. Weil wir uns so ungern selbst als Tierart verstehen. Wir haben uns über Jahrhunderte damit beschäftigt, Gesellschaftssysteme zu entwerfen, die wir für ideal halten, und haben dann versucht, die Menschen diesem Ideal anzupassen – anstatt es umgekehrt anzugehen. Wir wissen im Grunde nicht, was wir als Tierart brauchen, um einigermaßen friedlich und solidarisch miteinander leben zu können. Auf Grundlage dieses Wissens sollten politische Zukunftsentwürfe aber gestaltet werden.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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