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Interview mit Primar Christian Wenter

„Sind wieder voll drin“

Ungute Nachrichten aus den Südtiroler Krankenhäusern und Seniorenheimen: Es fehlt an Betten und Personal. Der Meraner Primar Christian Wenter schildert seine Eindrücke.

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Bild: Artur Tumasjan/unsplash

Seit einigen Wochen ist ein exponentielles Wachstum der täglichen Neuinfektionen in Südtirol sowie im restlichen Italien zu beobachten. In den Krankenhäusern müssen schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden, denn um die Bettenkapazität in den Covid-Stationen auszuweiten, müssen andere Tätigkeiten und Abteilungen in den Spitälern stark zurückgestuft werden. Dies sorgt besonders beim Krankenhauspersonal für Befürchtungen und Ärger. Ein akuter Personalmangel spitzt die ohnehin bereits kritische Situation weiter zu. Dr. Christian Wenter ist Primar der Geriatrie im Krankenhaus Meran und hat die Pandemie seit ihrem Beginn an vorderster Front miterlebt. Wir wollten von ihm wissen, wo wir gerade stehen – und wie lange noch.

Sie sind an vorderster Front im Kampf gegen das Coronavirus, wie sieht die Situation im Krankenhaus Meran aus?
Die Lage ist sehr angespannt. Vor wenigen Tagen mussten wir hier in Meran unseren Notfallplan beinahe bis an die Grenzen ausweiten. Anfang dieser Woche haben wir bereits die vom Notfallplan vorgesehen Maximalzahlen überschritten und dies, obwohl wir am Samstag in wenigen Stunden eine Covid-Station in Schlanders aufgebaut haben, die im Stande ist, Intensivpatienten aufzunehmen. Wenn es diese Woche so weitergeht, kommen wir wirklich an die Belastungsgrenze. Das Krankenhaus Meran kann beim derzeitigen Stand (Gespräch am Mittwoch geführt, Anm. d. R) bis zu 40 Covid-Patienten aufnehmen. Es ist noch ein Platz frei. Morgen (Donnerstag, Anm. d. R) werden wir eine zusätzliche Covid-19-Station aktivieren mit weiteren 19 Betten.

Primar Dr. Christian Wenter: “In Meran ist nur noch ein Platz frei”.

Titel & Urheber des Bildes: 
Christian Wenter
Sollten diese besetzt werden, wo kriegen Sie dann weitere Betten her?
Ein Krankenhaus ist ein enormer Betrieb, es muss immer Reserven geben, denn man muss ständig mit Katastrophen rechnen. Inzwischen ist es aber wirklich so, dass andere Bereiche des Krankenhauses stark eingeschränkt werden müssen. Ein Beispiel: Letzte Woche wurden sechs Covid-Infektionen in einem psychiatrischen Wohnheim bekannt. Es wurde beschlossen, Patienten der Psychiatrie des Krankenhauses Meran nach Bozen und Bruneck zu verlegen und somit in Meran im Bereich der Abteilung für Psychiatrie einen Isolierbereich für Patienten mit Covid-19 zu schaffen.

Das Problem ist also nicht die begrenzte Anzahl an Betten?
Es ist ein Problem, aber unsere große Sorge gilt dem Ärzte- und Pflegermangel, denn Covid-19 hat einen sehr pflegeintensiven Krankheitsverlauf. Dazu kommt, dass sich im Vergleich zum Frühjahr viel mehr Personal ansteckt ...

... in den Covid-Stationen?
Nein, denn dort wir sind gut ausgerüstet. Sie infizieren sich in der Freizeit. Deshalb müssen wir auf Ärzte und Pfleger aus den anderen Bereichen des Krankenhauses zurückgreifen. Und es war jetzt wirklich schwer zu beschließen, dass die programmierbaren Eingriffe in den anderen Abteilungen bis Weihnachten eingeschränkt oder abgesagt werden müssen. Manche Personen warten beispielsweise seit Monaten auf eine Knieprothese, aber diese Eingriffe müssen nun erneut verschoben werden, denn das Personal muss intern umgeschichtet werden. Die Gefahr ist, dass immer größere Bereiche unseres Krankenhaus ausschließlich Covid-Patienten gewidmet werden muss. Das ist eine Tragödie für die Bevölkerung, denn geplante Leistungen werden eingeschränkt und es könnte sogar die Notfallversorgung an ihre Grenzen kommen.

Jeder sollte sich die Frage stellen: Was brauche ich und worauf kann ich verzichten?

Die Zahlen der täglichen Neuinfektionen sind besorgniserregend hoch, doch das Bewusstsein in der Bevölkerung scheint anders zu sein als im Frühjahr…
Die Zahlen sind wirklich sehr hoch. Natürlich wird mehr getestet, aber wir haben zurzeit ein enorm starkes Wachstum, auch hier im Meraner Raum. Das hat uns sehr überrascht. Es handelt sich um eine Welle und wir müssen schauen, dass es kein Tsunami wird, denn eines kann ich täglich beobachten: Wir behandeln in dieser Phase vermehrt Patienten mit einem komplexeren Krankheitsverlauf, die einer intensiven Überwachung bedürfen und schwere Organkomplikationen erleiden.

Das Virus zirkuliert also nicht vermehrt unter jüngeren Menschen?
Es stimmt, dass sich in den letzten Wochen vielfach junge Menschen infiziert haben, die dann das Virus weitertragen, denn diese Altersklasse hat sehr viele Kontakte und Freizeitbeschäftigungen. Allerdings hat diese Generation dann ja auch Kontakt zu Eltern und Großeltern. Unsere Mitarbeiter, die sich um das Kontakt-Tracing kümmern, sind erstaunt, wie viele Kontakte einige Jugendliche haben. Das kann man sich fast nicht vorstellen. Hier braucht es nicht unbedingt strengere Verordnungen, sondern es braucht persönliches Bewusstsein. Jeder sollte sich die Frage stellen: Was brauche ich und worauf kann ich verzichten? Die Politik hat erkannt, was es braucht und was man tun muss, aber man muss das dann auch allen beibringen. Ich selbst bin ein Mensch, der sich nicht immer leichttut, sich an die Regeln zu halten, aber in dieser kritischen Phase müssen wir uns einfach alle daran halten, sowohl jung als auch alt.

Riskiert man hier einen Generationenkonflikt?
In dieser schwierigen Zeit kommen sicherlich gefährliche Ideen zum Vorschein, wie etwa die Überlegung, dass wer für die Wirtschaft nicht wichtig ist, auch weggesperrt werden kann. Damit meine ich den Vorschlag eines Lockdowns nur für Senioren. Ich frage mich, wie man sich dies praktisch vorstellen soll: Wie werden diese Senioren versorgt? Was ist mit jenen, die mit ihren Kindern und Enkelkindern leben? Das würde auch gar nichts bringen, denn die meisten Senioren sind sich sehr bewusst, was hier läuft. Sie sind sehr vorsichtig und schränken sich grundsätzlich vielmehr ein als der Rest der Bevölkerung. Man würde damit also klar am Tor vorbeischießen, auch weil die wirklich schlimmen Krankheitsverläufe und leider auch die Toten, meist Personen sind, die bestimmte Vorbelastungen aufweisen. Diabetiker sind gefährdet, Menschen mit immunsuppressiven Therapien, etwa bei Rheuma oder nach Organtransplantation.

Es gibt wieder sehr viele Neuinfektionen in den Seniorenheimen.

Droht die Situation in den Südtiroler Altersheimen erneut aus dem Ruder zu laufen?
Leider ja. Man dachte, man sei gut vorbereitet, aber es gibt wieder sehr viele Neuinfektionen in den Seniorenheimen und leider auch Todesfälle. In dieser Hinsicht haben wir wenig gelernt, denn die Südtiroler Altersheime haben sich nicht ausreichend vorbereitet. Einige Bilder und Szenen in Südtirol haben mich im Frühjahr zutiefst schockiert und an die Bilder aus der Lombardei erinnert. In den Altersheimen war es zum Teil sehr schlimm und in einigen Einrichtungen sind wir jetzt wieder voll drin. Für die Zukunft sollten wir nicht darüber diskutieren, wie man die Heime besser organsiert, sondern wir sollten darüber nachdenken, welche Wohnformen für Menschen, die Betreuung und Pflege brauchen, am geeignetsten sind. Ein erster Ansatz wäre das System zu dezentralisieren: Viel mehr Leistungen in die Wohnungen der Senioren zu bringen und nur wer rund um die Uhr Pflege braucht, sollte ins Heim. Im Moment gilt es aber die Bewohner und Mitarbeiter der Heime zu schützen.

Bereitet Ihnen die bevorstehende Grippewelle Sorgen?
Die Influenza, die typisch für diese kalte Jahreszeit ist, ist grundsätzlich schon ein Grund zur Sorge. Ich muss aber sagen, dass wir vor November beinahe keine Influenza-Fälle haben und der Höhepunkt dieser Welle meist im Jänner und Februar erreicht wird. In Australien zum Beispiel haben sie den Winter und die Grippe-Welle bereits hinter sich und man konnte feststellen, dass es dieses Jahr deutlich weniger Influenza-Erkrankungen gab.

Warum?
Die gründliche Händehygiene und der Mund-Nasen-Schutz helfen wirklich, Krankheiten vorzubeugen. Das haben wir auch hier in den letzten Monaten beobachten können, es gab eindeutig weniger Magen-Darm-Infekte oder Erkältungen.

Was raten Sie der Bevölkerung?
Ich denke, wir müssen mehr Bewusstsein schaffen, aber grundsätzlich gilt die Maxime: Mund-Nasen-Schutz tragen, Hände waschen, Abstand halten und ganz wichtig, vor allem jetzt im Winter: Lüften.

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