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Interview mit Flüchtlingshelfer

„Moria existiert nicht mehr“

Olivier Manzardo aus Bozen erlebte die Folgen des Brandes im Flüchtlingslager Moria vor Ort mit. Was kann er als Helfer tun und was geschieht mit den Menschen im Winter?

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Olivier Manzardo ist vor Ort, um zu helfen. Er sagt: Die Menschen sind jetzt noch prekärer untergebracht als zuvor. 

Bild: Olivier Manzardo

Anfang September blickte alle Welt nach Moria, dem Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos, das in einer windigen Nacht durch einen Großbrand beinahe vollkommen zerstört wurde. Die Bilder von den circa 12.000 Flüchtlingen, die aus dem brennenden Lager flohen und eng beieinander auf den Straßen neben dem Lager schliefen, gingen um die Welt. Sie zeugen von einer Krisensituation, in der die Corona-Pandemie beinahe zweitrangig wirkt. Und dies, obwohl das Coronavirus auch das Lager auf Lesbos erreicht hat. Einige Hunderte Flüchtlinge wurden in Moria positiv auf Covid-19 getestet.

Der 25-Jährige Bozner Olivier Manzardo arbeitet seit Juni auf Lesbos für die Hilfsorganisation „Refugee4refugees“ und hat die letzten Wochen an vorderster Front miterlebt. Seit Jahren ist der Bozner in nichtstaatlichen Hilfsorganisationen (NGOs) tätig, die Flüchtlingspolitik liegt ihm bereits seit den Oberschuljahren im „Rainerum“ in Bozen am Herzen. An seinem freien Tag meldet er sich aus Lesbos.

Hat mit 25 Jahren schon einiges gesehen: Olivier Manzardo.

Bild: Olivier Manzardo
Die letzten Wochen in Moria waren bestimmt nicht einfach. Wie kam es dazu, dass du den Weg der Freiwilligenarbeit, des Flüchtlingshelfers eingeschlagen hast?
Die internationale Politik und vor allem das Thema rund um die Flüchtlinge beschäftigt mich schon lange. Ich habe bereits während meiner Oberschuljahre in Südtirol als Freiwilliger bei „Volontarius“ mitgeholfen. In diesen Jahren, es war 2015 und 2016, sind sehr viele Flüchtlinge von Süditalien nach Norden gereist, um von hier aus nach Deutschland zu kommen. Doch Österreich machte damals die Grenzen dicht und es saßen relativ viele Flüchtlinge in unserer Region fest. Während meines Studiums der internationalen und diplomatischen Beziehungen in Forlì habe ich bei der Organisation „Forlì città aperta“ als Freiwilliger gearbeitet. Dort habe ich mich für die Integration der Flüchtlinge in die Stadtgemeinschaft eingesetzt. Es waren sozusagen meine ersten Schritte im Bereich der Freiwilligenarbeit.

Und wie ging es nach der Uni weiter?
Nach der Uni bin ich 2018 nach Südamerika gereist. Sechs Monate „backpacking“ durch Ecuador, Peru und Bolivien. Ich habe dann als Freiwilliger in einer Jugendherberge in Ecuadors Hochgebirge gearbeitet. Nach einigen Monaten bekam ich dort ein Jobangebot und habe diese Jugendherberge ein Jahr lang verwaltet. Es hatte zwar nichts mit meinem Interesse für die Flüchtlingspolitik zu tun, aber der Job gefiel mir sehr, denn ich arbeitete im engen Kontakt mit der lokalen Bevölkerung und setzte mich für einen fairen Tourismus ein. Bevor ich die Jahresstelle in Ecuador angenommen habe bin ich für vier Monate zurück nach Europa und da habe ich dann meine ersten Erfahrungen auf Lesbos gemacht.

Auf der griechischen Insel, die wegen ihrer Nähe zur Türkei das „Tor Europas“ genannt wird, herrscht nach wie vor eine humanitäre und sanitäre Notlage. Die Insel ist zum zentralen Flüchtlingshotspot im östlichen Mittelmeer geworden. Während der letzten Wintermonate kam es zu heftigen Protesten und teils gewaltsamen Ausschreitungen seitens der lokalen Bevölkerung. Diese richtete sich vor allem gegen die NGOs und deren Mitarbeiter. Daraufhin haben viele freiwillige Helfer und Mitarbeiter der NGOs die griechische Insel verlassen.

Welche Aufgaben hast du dort übernommen?
Ich habe an der nördlichen Küste der Insel gearbeitet. Dieser Teil der Insel ist der Türkei am Nächsten und aus diesem Grund kommen hier sehr viele Flüchtlinge an. Als Freiwilliger der Organisation Lighthouse Relief habe ich hier „emergency response“, also Notfalleinsatz betrieben. Das bedeutet, die Flüchtlinge an Land zu holen, sie zu empfangen und zu helfen, wo es gerade nötig ist. Ich habe intensive Erinnerungen an diese Zeit. Es waren Wintermonate und deshalb kamen nicht allzu viele Flüchtlinge an. Ich erinnere mich allerdings, dass jedes Schiff, das Lesbos erreichte, einen Notfall darstellte. Die meisten Menschen litten stark unter der Kälte, sie waren verzweifelt und gleichzeitig erkannte man die Erleichterung auf ihren Gesichtern. Sie setzen ihren ersten Schritt auf den europäischen Kontinent und sie denken, das Schlimme sei vorbei. Doch schon bald wird ihnen klar, dass sie erstmal in ein Lager gesteckt werden. Dort müssen sie ausharren, bis ihr Asylantrag angenommen wird. Das dauert oft Jahre. Bei meinem ersten Notfalleinsatz holten wir eine schwangere Frau an Land, die in diesem Moment ihr Kind verlor. Dies mitzuerleben war schwierig und hat mich sehr geprägt.

Es waren Boote, die wir für einen Nachmittag auf dem Kalterer See benutzen würden. Nicht zur Überquerung eines Meeres.

Wer sind die Flüchtlinge, die in Lesbos ankommen, und wie erreichen sie die Insel?
Ein Großteil der Flüchtlinge kommt aus Afghanistan. Diese Menschen flüchten vor einem inoffiziellen Krieg und das macht es umso schwieriger für sie, Asyl in einem europäischen Land zu erhalten. Andere Flüchtlinge sind Syrer, die vor dem Bürgerkrieg fliehen. Auch sehr viele Somalier und Kongolesen erreichen Lesbos. In diesen Ländern kommt es immer wieder zu Verletzungen der Menschenrechte. Sie kommen auf „Schiffen“, die eigentlich aufblasbare Boote sind. Es handelt sich um Boote, die wir für einen Nachmittag auf dem Kalterer See benutzen würden, aber niemals für die Überquerung eines Meeres. Erst recht nicht mit so vielen Personen an Bord. All diese Personen müssen irgendwo untergebracht werden und werden deshalb in die Flüchtlingslager weitergeleitet, wie etwa Moria.

Das Flüchtlingslager Moria war vor dem verheerenden Brand Anfang September Europas größtes Flüchtlingslager. Obwohl das Lager eigentlich für „nur“ 2.800 Personen konzipiert war, lebten darin bis zu 21.000 Personen. Dies führte zu katastrophalen humanitären und hygienischen Verhältnissen. Als Olivier im Juni dieses Jahres nach Moria kam, lebten dort 14.000 Menschen.

Nach dem Brand: improvisierte Zelte entlang der Straßen.

Bild: Olivier Manzardo
Wie waren die Bedingungen im Camp?
Als ich mit der Organisation „Refugee4refugees“ die Arbeit in Moria aufgenommen habe, waren die hygienischen Verhältnisse bereits sehr schlimm. Doch richtig schlimm wurde es, als die erste Covid-19-Infektion im Lager festgestellt wurde. Daraufhin haben wir mit den Corona-Tests begonnen und es wurden bis zu 300 Corona-Infektionen entdeckt. Das Problem war, dass wegen der Pandemie die griechische Regierung das Lager abgeriegelt hat. Die Flüchtlinge in Moria haben angefangen, sich gegen diese Entscheidung, gegen die Qualität der Nahrungsmittel, gegen das mangelnde Wasser aufzulehnen. Und dann kam das Feuer. Ich bin am Morgen  aufgewacht und halb Moria existierte nicht mehr.

Was war deine erste Reaktion?
Ich wusste, dass es sich um eine Notfallsituation handelte. Die Flüchtlinge flohen auf die Straßen, sie wollten die nahegelegene Stadt Mytilini erreichen, doch die Straßen wurden gesperrt.  Die anderen Mitarbeiter und Freiwilligen der Hilfsorganisationen und ich haben sofort angefangen, die unbegleiteten Minderjährigen zu identifizieren und dafür zu sorgen, dass sie aufs Festland verlegt werden, denn sie sind die schwächsten und schutzlosesten unter den Flüchtlingen. Eine weitere Priorität war es, eine Lebensmittelversorgung garantieren zu können. Vor allem an Wasser mangelte es, es musste mit LKWs hertransportiert werden.

Das griechische Militär soll auf Lesbos ein neues Lager aufbauen, dieses ist aber noch schlimmer als Moria.

Und wie geht es jetzt weiter?
Die griechische Regierung hat das Militär nach Lesbos geschickt, um ein neues Lager aufzubauen, dieses ist aber noch schlimmer als Moria.  Moria war zwar prekär, aber es war immerhin ein organsiertes Lager, es ähnelte einer Stadt, es gab beispielsweise einen Markt. Doch jetzt mussten wir improvisieren. Aus diesem Grund bin ich sehr besorgt, was den Winter betrifft, denn die Zelte, die wir aufgebaut haben, sind nicht für den Winter geeignet. Zurzeit kümmere ich mich um das, was wir „winterization“ nennen. Das bedeutet, dass die Zelte an die kalten Monate angepasst werden, so gut es geht.

Nach der Notfallsituation durch den Brand und der Errichtung des neuen Lagers bist du zurzeit also mit der „winterization“ beschäftigt?
Ja, unter anderem. Es gibt keinen klassischen Ablauf meines Arbeitstages. Ich stehe am Morgen auf und sehe, wo ich helfen kann. Grundsätzlich bin ich für die Koordinierung der Projekte im neuen Lager verantwortlich. Ich verfolge die Projekte, wie eben etwa die „winterization“, aber auch die Einrichtung sogenannter „safe zones“, die den schwachen und älteren Flüchtlingen vorbehalten sein soll, vom Anfang bis zur Fertigstellung. Ich kümmere mich um den Verwaltungsteil und versuche, die Projekte stets zu verbessern.

Wie können wir helfen?
An Hilfsorganisationen zu spenden ist bestimmt der schnellste Weg, aber dies kann sich nicht jeder leisten, das ist mir klar. Man kann in den Freiwilligendienst eintreten, dies ist meist sehr einfach. Auch hier auf Lesbos brauchen wir stets Unterstützung und es ist auch wirklich jeder gefragt. Ärzte, Ingenieure, Psychologen, Lehrer und, und, und. Das wichtige ist, dass einem die Sache am Herzen liegt, denn wir können hier wirklich jede Hilfe gebrauchen.

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