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Interview mit Heroinsüchtigem

„Mein bester Feind“

Sich wegballern, um (nichts) mehr zu fühlen: Daniel war abhängig von Heroin. Sieben Jahre nach dem Entzug berichtet er von seinem Leben mit der Sucht.

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Bild: Michael Longmire/unsplash

Daniel heißt nicht Daniel, er möchte anonym bleiben. Er arbeitet in der Filmbranche und war über mehrere Jahre heroinabhängig. Heroin ist ein Rauschgift mit hohem Abhängigkeitspotential und zählt, ähnlich wie Morphium, zu den starken Opiaten. Heute lebt der 32-Jährige in Wien und ist schon seit sieben Jahren clean. Auch wenn er inzwischen nichts mehr konsumiert, gesteht Daniel, dass ihn seine Heroinsucht ein Leben lang begleiten wird.

Wann hast du das erste Mal Drogen genommen?
Ich habe mit 14 angefangen, Gras zu rauchen und mich dann im Laufe meiner Jugend einmal quer durch alle Drogen getestet. Mein Ziel war es, Dinge zu erleben und zu fühlen, die ich im nüchternen Zustand nicht erfahren konnte. Probiert hab ich alles Mögliche: Kokain, Ecstasy, Pilze, Ketamin und nach meinem Studium dann auch Heroin. Im Nachhinein war mein Drogenkonsum aber in erster Linie ein Akt der Rebellion gegen meine Eltern.

Wieso das? Wie war dein Verhältnis zu ihnen?
Eigentlich hatte ich ein gutes Verhältnis zu meiner Familie und war nie ein typisch rebellierendes Problemkind. Ich komme aus einer sehr wohlhabenden Familie, wodurch mir mehr oder weniger die Welt offen stand. Ich kannte keinen Ernst des Lebens oder finanzielle Probleme. Meine Eltern haben mich immer unterstützt und genau das war das Problem. Ich habe begonnen, leise zu rebellieren. Ich wollte endlich etwas Echtes erleben, etwas machen, das gar nicht den Vorstellungen meiner Eltern entsprach und auch negative Erfahrungen sammeln. Ich wollte diesem vorbestimmten Leben entfliehen. In mir hat sich so ein großer Hass gegenüber meinen Eltern aufgebaut, weil sie genau das darstellten, was ich nie sein wollte.

Gibst du deiner Familie die Schuld für deine Drogenabhängigkeit?
Nein. Auch wenn ich die Drogen als Möglichkeit wahrgenommen habe, anders als sie zu sein, habe ich genau das, was mich an ihnen störte, nämlich das Geld, die Kontakte und das Wissen, dass sowieso alles gut wird, für meine Sucht genutzt. Ich musste erst erkennen, dass ich nicht sie, sondern mich und meine Lebensweise hasste. Im Nachhinein erkenne ich, dass sie nichts falsch gemacht haben, weil sie ja nur das Beste für mich wollten. Meine Geschichte zeigt, dass nicht nur arme – und oft  als „asozial“ bezeichnete – Menschen zu Heroin greifen, sondern auch Leute, wie ich, Menschen, die alles haben oder, besser gesagt, hatten.

Ich habe mich nach einem neuen Risiko gesehnt und dort, in der Wohnung eines Fremden, das erste Mal Heroin geraucht.

Wie bist du zum Heroin gekommen?
Irgendwann hat mir der Rausch am Wochenende durch bewusstseinserweiternde Drogen nicht mehr gereicht, weshalb ich mir auch vermehrt unter der Woche irgendwelche Drogen bei meinem Dealer am „Gürtel“ besorgt habe. Einmal habe ich dabei einen Streit mitbekommen, weil ein Junkie kein Geld für Heroin hatte. Dieses Problem kannte ich nicht, weshalb ich einfach das Heroin für ihn gekauft habe und mit ihm nach Hause gegangen bin. Ich weiß jetzt, wie gefährlich das alles war, nicht zuletzt deshalb, weil kaum jemand aus meinem damaligen Bekanntenkreis heute noch lebt. Ich habe mich nach einem neuen Risiko gesehnt und dort, in der Wohnung eines Fremden, das erste Mal Heroin geraucht.

Wann hast du gemerkt, dass du abhängig bist?
Das war mit meiner ersten richtigen Injektion. Ich habe zwei Monate lang das Heroin nur geraucht und durch die Nase gezogen. Als mir das nicht mehr reichte, setzte ich mir den ersten Schuss. Dieses pure Glück und das Unbeschwerte, das ich durch das Heroin fühlte, war unglaublich. Mit dem Herointrip habe ich etwas gefunden, von dem ich gar nicht wusste, dass es mir fehlt.

Hatte deine Sucht Auswirkungen auf deinen Job?
Zum Zeitpunkt meines ersten Schusses hatte ich gerade mein Studium an der Filmfachhochschule beendet und bei meinem ersten Projekt mitgearbeitet. Die Arbeit in der Filmbranche ist unglaublich stressig, weil du zu jedem Zeitpunkt perfekt funktionieren musst, egal ob Tag oder Nacht. Während meine Kollegen noch am Überlegen waren, wie sie diesem Stress standhalten können, kannte ich bereits mein „Wundermittel“. So habe ich auch unter enormem Druck funktioniert, weshalb ich sehr schnell weiter aufgestiegen bin. Dadurch entstand allerdings noch mehr Stress und Druck, weshalb ich mir irgendwann mehrmals die Woche die Droge injizierte. Heroin war in dieser Zeit mein bester Feind.

Meine Freunde waren nie böse auf mich, sondern haben mit mir den kalten Entzug durchgestanden.

Wusste dein Umfeld von deiner Sucht?
Meine Familie wusste lange Zeit nichts, weil ich mich sehr stark von ihnen distanziert und eine eigene Wohnung im Stadtzentrum hatte. Ich habe die Sucht auch vor meinen engen und guten Freunden geheim zu halten versucht, weil sie im Gegensatz zu mir ihr Leben im Griff hatten und ich mich unglaublich schämte. Von den Drogenfreunden aus meiner Jugend habe ich mich aus anderen Gründen schnell distanziert, weshalb von meiner Sucht lange Zeit niemand wusste.

Wann bist du aufgeflogen?
Bei der Kindergeburtstagfeier von der Tochter meines besten Freundes. Ich hatte parallel ein sehr aufwendiges Projekt am Laufen. Wir hatten am Tag zuvor einen Nachtdreh. Meine Erschöpfung von der Arbeit, die Trennung von meiner damaligen Freundin und dann noch diese Geburtstagsfeier mit den ganzen glücklichen jungen Familien waren zu viel für mich. Ich habe mir daher auf der Feier im Badezimmer Heroin gespritzt. Die Frau meines besten Freundes hat mich dann mit einer Überdosis aufgefunden und ich wurde ins Krankenhaus eingeliefert.

War das der Moment, an dem du beschlossen hast aufzuhören?
Ja. Es gab schon vorher viele Momente, an denen ich beschlossen habe, clean zu werden. Da bin ich aber immer nach wenigen Tagen rückfällig geworden. Das auf der Feier war und ist mir bis heute immer noch peinlich. Die Tatsache, dass mich auch eines der Kinder hätte finden können, werde ich mir nie verzeihen. Meine Freunde waren, was ich bis heute nicht verstehen kann, nie böse auf mich, sondern haben mich super unterstützt und mit mir den kalten Entzug durchgestanden.

Wie war der Entzug?
Furchtbar. Es ist so, dass ich die Therapie, die ich machen wollte, erst antreten durfte, nachdem die Droge meinen Körper verlassen hatte. Meine Freunde haben sich auf meinen Wunsch hin gemeinsam mit mir für acht Tage in meiner Wohnung eingesperrt. Bereits nach den ersten Stunden habe ich meine Freunde angefleht, mich doch gehen zu lassen, kurz darauf kamen erste Entzugserscheinungen. Vier Tage lang habe ich mich angekotzt, mir in die Hosen gemacht, geweint, geflucht und nur gezittert. Ein Freund von mir, der nahezu dauernd bei mir war, musste später selbst in Therapie gehen, um meinen Entzug zu verarbeiten.

Was ist dann passiert?
Nach dem achten Tag ohne Heroin durfte ich meine sechsmonatige Therapie antreten. In der Therapie habe ich durch verschiedene Formen wie Verhaltenstherapie, Psychotherapie, Gesprächstherapie usw. gelernt, ohne die Droge zu leben. Einen Monat war ich stationär untergebracht. Dann habe ich vier Monate in einer betreuten WG gelebt. Im letzten Monat durfte ich alleine in meiner Wohnung wohnen. Ich musste wirklich alles wieder neu lernen: Einkaufen, Wäsche waschen, mit Menschen sprechen. All das konnte ich davor nur noch unter dem Einfluss von Heroin. Das war 2013. Seitdem bin ich clean.

Ich werde immer süchtig nach Heroin, dem Rausch und dem Risiko sein. Aber ich bin nicht mehr von der Droge abhängig.

Das ist jetzt sieben Jahre her. Hast du die Sucht also überwunden?
Nein. Ich werde immer süchtig nach Heroin, dem Rausch und dem Risiko sein. Aber ich bin nicht mehr von der Droge abhängig. Ich habe ein Leben ohne Rausch akzeptiert. Dieses Leben ohne Heroin ist jeden Tag ein Kampf aufs Neue. Aber das schulde ich mir selbst und meinen Freunden.

Wie ist dein Verhältnis zu Drogen und anderen Suchtmitteln heute?
Trotz meiner Heroinsucht und Erfahrungen mit anderen Substanzen, bin ich immer noch der Meinung, dass Alkohol die größte Droge ist. Der einzige Grund, weshalb ich damals heroinabhängig war und nicht zum Alkoholiker wurde, war, dass ich funktionieren musste. Heute halte ich mich von allen Drogen, Alkohol und anderen Substanzen, fern. Ich traue mir selbst nicht. Nicht einmal Hustensaft mit Codein trau ich mich zu nehmen, weil ich weiß, dass ich immer süchtig sein werde und mich nur einen Schritt entfernt vor einem Rückfall befinde.

Wie geht es dir jetzt? Wie sieht dein Leben aus?
Mir geht es wirklich gut. In den Jahren der Therapie habe ich gelernt, ein gesundes Verhältnis zu meiner Familie aufzubauen. Nach meiner erfolgreichen Therapie hat mich auch die Filmfirma wieder für neue Projekte engagiert. Zusätzlich unterstützt die aktuelle Corona-Situation meinen Weg ohne die Droge, weil die Beschleunigung und der Stress gezwungenermaßen ein bisschen wegfallen. Derzeit bin ich weniger Situationen ausgesetzt, wie etwa Partys und aufwendigen Projekten, die einen Rückfall begünstigen könnten.

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