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Südtiroler im Corona-Ausland

„Mehr Sozialkontakt als vorher“

Trotz des Ausnahmezustands sind sie vor Ort geblieben: Fünf Auslandssüdtiroler und -südtirolerinnen berichten aus verschiedenen Teilen der Welt über ihre Erlebnisse.

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Vor der Coronakrise war das Zusammensein auch in den Flüchtlingslagern noch einfacher: die Meranerin Sheila Romen in Zentraldarfur.

Bild: Sheila Romen

Der mediale Blick hat sich auf die unmittelbare Nachbarschaft verengt. Was heute in der Welt passiert, findet nur noch selten und wenn, dann als Randnotiz, seinen Weg in die westliche Berichterstattung. Dabei sind die Zeiten so bewegt wie nie – nicht nur bei uns, sondern überall. Längst schon bringt Corona auch geopolitische Konsequenzen mit sich, im schlechten wie auch im guten Sinne. Das reicht von Autokraten, die den Notstand zur Selbstermächtigung nutzen, bis hin zu Rebellen, die zur gemeinsamen Bekämpfung des Virus einem Waffenstillstand zustimmen.

Genau davon und auch von ihren persönlichen Erfahrungen berichten hier fünf Südtiroler und Südtirolerinnen, die BARFUSS in verschiedensten Teilen der Welt aufgespürt hat: Sudan, Hongkong, Malaysia, Brasilien und USA.

Ivo Drescher (Hong Kong)

Zuerst führte ihn die Liebe nach Hong Kong, jetzt macht er dort Karriere in der Tech-Industrie: Ivo Drescher aus Kaltern.

Bild: Ivo Drescher

Seit fast einem Jahr arbeite ich als Ingenieur für XDynamics, eine Firma für Fotografie-Drohnen mit Standorten in Hong Kong, Festlandchina und den USA. Da unsere Forschung und Entwicklung in China angesiedelt ist, war ich bis vor dem COVID-19-Ausbruch vorwiegend in Shenzhen, der Technologie-Metropole an der Grenze zu Hong Kong. Unter anderem aus Sicherheitsgründen arbeite ich seit Ende Januar in Hong Kong. Die Übersiedelung nach Hong Kong war eine große Aufregung, weil ich ausgerechnet ab 21. Januar, also zwei Tage, bevor die Provinz Hubei abgeriegelt wurde, meinen Urlaub für eine Reise durch China genutzt hatte. Ich war in abgelegenen Regionen unterwegs und bekam von dem Chaos wenig mit. Als ich nach einigen Tagen in die Zivilisation zurückkam, fand ich mich in einem Land im Ausnahmezustand wieder und musste meine „Flucht“ nach Hong Kong organisieren.

Hong Kong fühlt sich in diesen Tagen wie ein sturmerprobter Hafen an (Hong Kong bedeutet auf Chinesisch tatsächlich „Duftender Hafen“). Die Proteste im letzten Sommer und Herbst und der politische Druck aus China haben der Stadt und ihren Bewohnern einiges abverlangt, dafür verläuft die Coronavirus-Epidemie glimpflich, zumindest unter gesundheitlichen Gesichtspunkten. Als die Epidemie in China wütete, schien Hong Kong sicherer zu sein und dasselbe gilt nun auch während der weltweiten Pandemie. Die 7,5 Millionen-Stadt hatte bis dato nur wenig mehr als 1.000 Krankheitsfälle und nach dem Peak von 82 Neuinfektionen am 29. März (was vor allem „importierte“ Fälle waren) ist die Zahl der neuen Fälle bis auf nur zwei neue Fälle pro Tag gesunken.

Hong Kong hat seit Anfang Februar Quarantänen für Ankömmlinge aus Festlandchina eingeführt und seit Ende März, als die Zahl der Neuinfektionen anstieg, für jeden, der einreist. In der Öffentlichkeit, außer beim Essen und teils beim Spazieren oder Joggen an der Küste, werden stets Masken getragen. Die Grundstimmung der Bevölkerung scheint vorsichtig, aber ruhig. Auch auf den Straßen ist es jetzt still geworden, Proteste bleiben aus – für die Regierung vielleicht ein willkommener Nebeneffekt der Epidemie. Manche Firmen halten ihre Angestellten dazu an, von zuhause zu arbeiten, Bars sind seit Februar geschlossen und Restaurants müssen sich an bestimmte Maßnahmen halten. Im Großen und Ganzen scheint mein Alltag hier seit zweieinhalb Monaten fast unverändert.

Sheila Romen (Sudan)

Seit Oktober 2019 kümmert sie sich im Rahmen der UN-AU-Friedensmission in Darfur, Westsudan, um die Versorgung von Binnenvertriebenen: Sheila Romen aus Meran.

Bild: Sheila Romen

Eines war von Anbeginn klar: Sollte Corona den afrikanischen Kontinent erreichen, wäre das für die meisten Länder eine absolute Katastrophe.

In diesem Sinn hat sich die sudanesische Regierung eigentlich vorbildlich verhalten, als sie Anfang März ankündigte, den gesamten Flugverkehr einzustellen. Seitdem geht nichts mehr – alle Landesgrenzen werden ebenfalls strikt beobachtet und Einreisende müssen in eine zweiwöchige Quarantäne. Die Regierung, die letztes Jahr nach einer Revolution gegen die 30-jährige Diktatur von Omar Al Bashir das Ruder übernahm, hat die Bevölkerung noch auf ihrer Seite, aber die wirtschaftliche Situation des Landes ist niederschmetternd. COVID-19 ist für Sudans langen Weg aus der Krise nun ein weiteres Hindernis.

Sollte es COVID-19 von Khartum, der Hauptstadt, bis zu uns nach Darfur schaffen, wäre das desaströs. 1,8 Millionen Binnenvertriebene, die meisten davon in Camps oder informellen Siedlungen wären zweifelsohne die exponiertesten Opfer. Daher hat die Regierung alle Landesgrenzen geschlossen, eine nächtliche Ausgangssperre verhängt und am 12. April zusätzlich ein Notstandsdekret erlassen, mit dem sie jegliche Nachlässigkeit den Maßnahmen gegenüber unter Strafe stellt. Denn eine weitere große Herausforderung hier ist das Nichtbeachten der Vorschriften: Nach der Bashir-Diktatur und einer von der Straße bestimmten Revolution, aber auch aufgrund von kulturellen Praktiken nehmen viele Sudanesen COVID-19 (noch) nicht ernst.

Für mich persönlich hat sich seit dem Beginn der Krise eigentlich nicht viel geändert. Ich lebe und arbeite nach wie vor auf einer Militärbasis in Zalingei, der Hauptstadt von Zentraldarfur. Wir haben gutes Internet, zwei Supermärkte, drei Restaurants und genügend Bewegungsfreiheit, um nach der Arbeit noch Sport zu machen. Unsere Einsätze wurden zwar drastisch an die Präventionsmaßnahmen angepasst; trotzdem fühlt man die Veränderung hier im Camp kaum. Im Gegenteil: Mir kommt es so vor, als hätte sich die Welt eher meiner Lebensweise angepasst, sodass zurzeit Familie und Freunde viel mehr Zeit und Lust haben, abends zu telefonieren oder zu skypen, Zoom-Parties zu veranstalten oder in Gruppen zu chatten. Soviel internationalen Sozialkontakt hatte ich schon lange nicht mehr!

Übrigens gibt es auch hier an der Krise etwas Positives: Die in Darfur aktive Rebellengruppe SLA ist einem von der UN geforderten globalen Waffenstillstand nachgekommen.

(Hinweis d. Red.: Sheila Romen spricht hier als Privatperson, nicht als Vertreterin der UN. Weitere Informationen zur Arbeit von UNAMID in Darfur gibt es hier)

Klaus Stedile (Brasilien)

Nach einem Austausch über die OEW kam er 2005 erstmals nach Brasilien, lernte hier seine künftige Frau kennen und lebt heute als freiberuflicher Reisebegleiter in Salvador da Bahia: Klaus Stedile aus Brixen.

Bild: Klaus Stedile

In Salvador da Bahia, wo ich lebe, hat der Bürgermeister am 18. März die soziale Isolation verordnet. Seit diesem Tag sind die Shoppingcenter, Schulen, Fitnessstudios und nicht notwendige Geschäfte, Restaurants, Strände und so weiter geschlossen. Der Gouverneur von Bahia hat gleich anschließend die soziale Isolation für den ganzen Bundesstaat Bahia ausgerufen.

Die brasilianische Regierung und der Präsident Jair Bolsonaro waren zunächst gegen diesen Schritt. Es gibt nach wie vor verschiedene Meinungen in der aktuellen Regierung und viel Zwiespalt. Auch die Bevölkerung ist gespalten. Bei offiziellen Ansprachen des Präsidenten im Fernsehen gab es Topftrommel-Proteste in ganz Brasilien.

Ich persönlich habe seit der sozialen Isolation leider keine Arbeit mehr als Touristenführer und Reisebegleiter. Der ganze Tourismussektor steht praktisch seit Mitte März still. Ein großes Problem für Brasilien sind die enormen sozialen Unterschiede: Die einen können einen Stillstand der Wirtschaft gut verkraften, den anderen droht der Hunger.

Zumindest in meinem Stadtviertel scheint der Großteil der Bevölkerung den Ernst der Lage noch nicht begriffen zu haben. Viele Leute meinten, dass das Virus ohnehin nicht bis hierher kommen würde. Aktuell gibt es in ganz Brasilien über 37.000 bestätigte Covid-19-Fälle und über 2.300 Todesfälle. Die Zahlen scheinen für ein Land wie Brasilien noch recht niedrig zu sein, das Problem dabei ist aber, dass kaum getestet wird und die Regierung auch nicht daran interessiert ist, das zu ändern. Sie stellt die Pandemie als mediengemacht dar. Der Leitspruch des Präsidenten lautet: Brasilien darf nicht stillstehen, die Wirtschaft muss weiterlaufen.

Zeno Kerschbaumer (Malaysia)

Als Privatier verbringt er sieben Monate im Jahr in Kuala Lumpur, eine Stadt, die ihn mit ihrer hohen Lebensqualität überzeugte: Zeno Kerschbaumer aus Brixen.

Bild: Zeno Kerschbaumer

Malaysias multikonfessionelle Bevölkerung besteht zu knapp zwei Dritteln aus Malaien, ein Viertel sind Chinesen und ein Zehntel Inder. Als gemeinsame Kommunikationssprache fungiert in der ehemaligen britischen Kolonie deshalb die englische Sprache.

Nur wenige Tage nach einem abrupten Regierungswechsel verkündete die neue malaysische Regierung am 15. März die MCO (Movement Control Oder), eine Verordnung, die sich stark an China und Italien orientiert und die Ausbreitung des Virus durch strikte Maßnahmen wie das Herunterfahren aller wirtschaftlichen Aktivitäten außer im Lebensmittelhandel und Gesundheitswesen eindämmen will. Übrigens sind hier auch Gärtner weiterhin im Einsatz: Der hochgeschwindigkeitsähnliche Pflanzenwuchs im äquatorialen tropischen Klima, auch in den Metropolen, macht eine kontinuierliche Eindämmung einfach unabdingbar.

Die Bevölkerung reagiert auf die Verordnungen mit Gehorsam, aber auch mit relativer Gelassenheit. Zum einen liegt es in der Natur dieser Menschen, zum anderen ist das Land immer wieder von unerwarteten Katastrophen heimgesucht worden: Überschwemmungen, Wassermangel, die Finanzkrise von 1997. Aber es liegt auch daran, dass die Regierung relativ zügig die drohende Arbeitslosigkeit mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln hinausgezögert und damit die Bevölkerung beruhigt hat.

Weil das aber natürlich nicht lange so weitergehen kann, weicht auch in der malaysischen Bevölkerung die Covid19-Angst zunehmend der Sorge und Unsicherheit in Bezug auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen der aktuellen Auflagen.

Wohltuend ist zur Zeit, dass man auf dem Weg zum Lebensmitteleinkauf die Melodien der Natur wieder wahrnimmt: das Zwitschern der Vögel, das Quaken der Frösche, das Rascheln der Blätter. Auch der Himmel ist zu seinem ursprünglichen smogfreien Blau zurückgekehrt. Erwähnenswert erscheint mir, dass die Medien keine Effekthascherei betreiben – weder in der sprachlichen Ausprägung der Schlagzeilen noch in Bildern. Dies trägt sicherlich dazu bei, dass von Panikverhalten wenig spürbar ist.

Auch für mich ist seit nunmehr knapp fünf Wochen das Internet in all seinen Ausprägungen das Tor zur Welt. VoIP-Gespräche nehmen dabei den größten Teil ein und an den Wochenenden hat auch das Online-Watten Hochbetrieb. Ansonsten habe ich das Glück, täglich einige Kilometer zu Fuß bewältigen zu können, zum Teil bei schweißtreibenden 36 Grad Celsius, um das für das Immunsystem so wichtige Vitamin D zu tanken.

René Ladurner (Kalifornien)

Lebt mit seiner Familie in Kalifornien, wo er an der Uni Stanford einen Postdoc macht und Grundlagenforschung im Bereich Zellteilung betreibt: René Ladurner aus Naturns.

Bild: René Ladurner

Wegen der schrecklichen Situation in Italien war uns die Bedrohung durch Covid-19 vielleicht ein paar Tage früher bewusst als unseren amerikanischen Kollegen. Als wir unsere Tochter aus dem Kindergarten nahmen, stießen wir auf Unverständnis. Als dann vier Tage später unser Bezirk als einer der ersten in den USA eine „stay at home“-Verordnung erließ, fand unsere ältere Nachbarin das noch überzogen. Vielleicht, weil sie schon viele Krisen erlebt hat in diesem Land, reale wie aufgebauschte. Nicht aber, weil sie Trump Glauben schenkte, der den Virus gerade noch als böswillige Verarschung abgetan hatte. Trump ist diesem Teil der USA verhasst und peinlich.

Die anfängliche Skepsis in Kalifornien hat einen anderen Grund: In einem Land, in dem das Recht auf Arbeit und die persönliche Freiheit zu den höchsten Gütern gehören, würde niemand zuhause bleiben, so dachte man. Besonders nicht hier, im Silicon Valley. Die restriktiven Maßnahmen des Einparteienstaates würden nie funktionieren.

Es hat dann aber doch funktioniert. Mehr oder weniger. Niemand scheint genau zu wissen, ob die Selbstständigen jetzt wirklich arbeiten sollen, besonders die Arbeiter, Gärtner, Putzhilfen mit schwierigem Aufenthaltsstatus. Überlebensnotwendig sind die kleinen Reparaturen am Haus vielleicht nicht. Aber die Einkünfte aus diesen Arbeiten schon. Besonders, weil dieser Teil der amerikanischen Migranten kein Arbeitslosengeld und kein Helikoptergeld bekommen wird.

Bis jetzt gilt unsere Region den USA jedenfalls als Vorzeigemodell. Obwohl die Dunkelziffer der Erkrankten und Rekonvaleszenten wie überall unbekannt ist, wird hier bereits heiß diskutiert, wie eine Wiederöffnung der Wirtschaft und des freien Personenverkehrs ausschauen soll. Wir werden jedenfalls weiterhin auf die Situation in Italien schauen. Und hoffen, dass es hier wie dort bald wieder aufwärts geht. Stay safe.

 

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