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Interview über Migranten in Südtirol

„Italien ist rassistisch“

Ermira Kola hat täglich mit Menschen auf der Flucht zu tun. Die Sozialarbeiterin über das Schicksal von Migranten in Südtirol.

Im Frühling 2015 steckten etliche Migranten, die lange und gefährliche Wege hinter sich gebracht hatten, um nach Europa zu gelangen, am Bozner Bahnhof fest. Sie hatten keine Chance, in staatliche Aufnahmestrukturen integriert zu werden, weil sie autonom nach Südtirol gekommen waren, anstatt vom Staat durch Quoten verteilt. Ihnen drohte, auf der Straße zu landen. Als Antwort darauf schloss sich eine Gruppe Freiwilliger zur Bürgerbewegung Binario 1 zusammen. Sie setzt sich seitdem für Menschen auf der Flucht ein. Zu ihren Initiativen gehört auch das Projekt Schutzhütte, das bedürftigen Menschen Unterschlupf gewährt.

Ermira Kola

Bild: Ermira Kola

Ermira Kola ist Sozialarbeiterin für das Projekt Schutzhütte. Sie hat tagtäglich mit Menschen auf der Flucht zu tun. Im Interview erzählt sie von der aktuellen Lage der Asylbewerber, von ihrem Weg nach Südtirol und davon, was nach ihrer Ankunft passiert. 

Über welche Route kommen aktuell die meisten Migranten nach Südtirol? 
Wir haben eine neue Kategorie an Migranten, die im Moment am häufigsten zu uns kommen. Das sind Afghanen, die schon seit einigen Jahren in Deutschland leben. Weil Deutschland Afghanistan als „sicheres Herkunftsland“ eingestuft hat, droht ihnen nun die Abschiebung in ihr Heimatland. Italien hingegen kategorisiert Afghanistan nicht als „sicher“, daher können afghanische Migranten ein Aufenthaltsrecht auf Basis des sogenannten Subsidiär-Schutzes beantragen. Zurzeit kommen sicherlich ein bis zwei Afghanen pro Woche über den Brenner an. Über die Balkanroute kommen hingegen kaum Migranten zu uns. Mal abgesehen davon, dass die meisten sowieso nicht nach Italien wollen, ist die Balkanroute weitestgehend geschlossen. Die Migranten stecken in Bosnien-Herzegowina fest und versuchen, über die Grenze nach Kroatien zu kommen. Sie nennen den Versuch der Grenzüberquerung „The Game“. Aber es ist kein Spiel, denn die Polizei geht mit Schlagstöcken gegen die Menschen vor. 

Es gibt kaum mehr Boote, die bezeugen können, wie viele Menschen im Meer sterben.

Was ist mit Migranten aus dem Mittelmeer: Ist die Anzahl an Bootsflüchtlingen zurückgegangen, seit Italien seine Häfen für private Seenotrettungsschiffe geschlossen hält?
Seit 2017 haben wir keine offiziell vom Staat verteilten Migranten mehr bei uns empfangen, weil die Bootsankünfte enorm zurückgegangen sind. 

Hatte Matteo Salvini also Recht, als er sagte, eine Schließung der Häfen führe zu weniger Toten im Mittelmeer?
Nein. Es ist einfach zu sagen: „Es gibt keine Toten mehr“. Die Wahrheit ist: Es gibt kaum mehr Boote, die bezeugen können, wie viele Menschen im Meer sterben. Die europäische Rettungsmission Frontex wurde eingestellt. Die Juventa zum Beispiel, ein Rettungsboot der Organisation Jugend Rettet ist immer noch beschlagnahmt. Daher wissen wir nicht, wie viele Tote es gibt.

Wie läuft so ein Asylverfahren für Menschen ab, die autonom nach Bozen migrieren, ohne vom Staat verteilt zu werden? 
Zunächst muss die Person sich an die Quästur wenden und warten, bis sie einen offiziellen Termin für den Asylantrag bekommt. Wenn sie Glück hat, bekommt sie ihn in einem Monat. Manche warten aber auch vier Monate. Jeder hat das Recht, internationalen Schutz zu beantragen, aber dieser Prozess ist mit einigen Hürden verbunden. Zum Beispiel müssen die Asylsuchenden eine Stempelmarke und vier Fotos mitnehmen. Nicht alle haben das Geld dazu. Bis die Menschen Antwort erhalten, können bis zu zwei Jahre vergehen. Im Moment aber erhalten die meisten innerhalb eines Jahres eine Antwort. Ist der Migrant in einem anderen EU-Land zuerst angekommen, so tritt die Dublin-Regulierung in Kraft. Die Regierung schickt ihn dann per Flugzeug in das EU-Mitgliedsland zurück. Aber Rückführungen ins Heimatland macht die italienische Regierung kaum. Denn das ist kompliziert und die Drittländer kooperieren nicht immer. Für jene, die hingegen aus einem „sicheren“ Herkunftsland stammen, geht der Prozess meist viel schneller. Diese Regelung ist meiner Meinung nach aber gefährlich, denn sie reflektiert nicht die Situation der einzelnen Person. Ein Migrant mag zwar aus einem „sicheren“ Land stammen, aber seine individuelle Situation kann doch lebensgefährlich sein. Das wird nicht berücksichtigt. 

Die Centri di Rimpatrii sind Gefängnisse, in denen Menschen gesteckt werden, die nichts verbrochen haben.

Welche Auswirkungen hat Salvinis Decreto Sicurezza? Merken Sie Veränderungen in Ihrem Arbeitsalltag und der Situation der Migranten, mit denen Sie zu tun haben?
Ich denke da an die Geschichte eines Migranten. Er war eine besonders schutzbedürftige Person, weil er an einer Reihe von Krankheiten litt. Man hatte ihm mit einem Gewehr sämtliche Zähne kaputtgeschlagen, er hat seine Mutter und seinen Bruder in Libyen verloren, konnte nachts nicht schlafen und ging zu einem Psychologen. Er kam letzten Januar zu uns, sein Antrag wurde aber erst dieses Jahr behandelt. Vor etwa einer Woche erhielt er eine Absage. Das war einfach Pech, denn davor hätte er humanitären Schutz erhalten. Diese Art der Aufenthaltsgenehmigung wurde aber durch das Decreto Salvini abgeschafft. Außerdem verlängert das Decreto Salvini die Aufenthaltsdauer für Migranten ohne legale Dokumente in den sogenannten Centri di Rimpatrii von drei auf sechs Monate. Das sind schreckliche Orte. Es sind Gefängnisse, in denen Menschen gesteckt werden, die nichts verbrochen haben. Manchmal setzen sich Anwälte für sie ein und beweisen, dass die Person ein Recht auf Aufenthalt hat. Aber immer wieder sterben Menschen in diesen Zentren, viele begehen Selbstmord. 

Was sind die größten Herausforderungen für Menschen, die auf ihrer Flucht nach Südtirol kommen?
Das größte Problem sind sicherlich die Schlaf- und Wohnplätze. Bei ihrer Ankunft kommen Migranten auf eine Warteliste für die Aufnahmezentren. Da diese nicht über ausreichend Plätze verfügen, kümmert sich der Verein Volontarius um sie. Auch dort gibt es allerdings eine Warteliste für Schlafplätze. Die Migranten schlafen bis dahin draußen –  unter Brücken oder am Bahnhof. Auch später ist es schwer für sie, eine Wohnung zu finden – trotz stabilem Einkommen. Die Leute haben immer noch Vorbehalte. Dabei sind Migranten die sichersten Mieter, denn sie haben am meisten zu verlieren. Zahlen sie ihre Miete zu spät oder tritt sonst ein Problem auf, können sie ihren Aufenthalt verlieren und ohne Wohnung dastehen. Ich bin selbst als Ausländerin nach Bozen gekommen. Einmal erhielt ich einen Strafzettel, als ich auf dem Fahrrad unterwegs war. Ich bin sofort zur Quästur, um ihn zu bezahlen. Der Beamte hat nicht schlecht gestaunt. Das zweite sind die langen Wartezeiten. Erst wenn Migranten offiziell Asyl beantragt haben, dürfen sie arbeiten. Sie wollen aber arbeiten. Das gibt ihnen ihre Würde wieder. Die Menschen, die hierher kommen, spüren großen Druck von zuhause. Teilweise hat die ganze Familie oder sogar das gesamte Dorf gespart, um ihnen die Flucht zu ermöglichen. Sie hoffen, der Migrant könnte das verdiente Geld in die Heimat schicken. Es ist schwer, Migranten davon abzuhalten, sofort alles Geld nach Hause zu schicken und stattdessen auch etwas für sich zu behalten.

Viele der Migranten in Südtirol wollen weiter über den Brenner nach Österreich und Deutschland. Die Grenze wird jetzt schon seit vier Jahren verstärkt kontrolliert. Wie ist die Situation heute für diese Menschen, die weiterziehen wollen?
Früher wurde den italienischen Sicherheitskräften vorgeworfen, sie ließen die Migranten über den Brenner. Daher sollte die deutsche Polizei die italienischen Grenzkontrolleure kontrollieren. Jedenfalls ist es heute schwerer für Migranten, von Südtirol über die Grenze nach Norden zu gelangen. Doch es gibt immer Möglichkeiten. Migration ist ein natürliches Phänomen, das es immer schon gegeben hat und geben wird. Was sich ändert sind der Preis, den Migranten dafür zahlen, und die Gefahren, die sie eingehen müssen. Letztes Jahr zum Beispiel kam ein syrischer Junge in Bozen an. Nach nur zwei Stunden hatte er jemanden gefunden, der ihn für 800 Euro in die Schweiz brachte. Eine andere Geschichte, die mich sehr getroffen hat, ist die von zwei Jungen aus dem Jemen. Sie wurden mit der UNHCR aus Libyen gerettet und nach Italien geflogen. Dort kauften sie ein Ticket für den Flixbus nach München, wurden aber in Bozen aufgehalten. Sie wollten nach Holland, zu ihrer Großmutter. Da beide minderjährig waren, hätten sie laut der Dublin-Regulierung ein Recht auf Familienzusammenführung. Ich brachte sie zur Quästur, wo sie nur die Antwort bekamen, dass sie weiter warten müssten. Einer der beiden sah mich an und sagte zu mir: „Wie lange muss ich noch warten?“. Das werde ich nie vergessen. Zwei Tage später waren sie verschwunden. Diesen Sommer habe ich von zwei Aktivisten erfahren, dass es die Jungen zu ihrer Oma nach Holland geschafft haben. Das war eine wunderschöne Nachricht. Illegaler Menschenhandel ist kein entferntes Phänomen, das nur Schlepper an der libyschen Küste betrifft oder Mafiastrukturen nahe den süditalienischen Häfen. Wir wissen, dass es kriminelle Organisationen gibt, die Migranten aus Mailand hierher holen und ihnen zeigen, wie sie auf einen fahrenden Warenzug springen können, um nach Deutschland zu gelangen. Für diese „Kurse“ bezahlen die Leute viel Geld. Mindestens drei Menschen kamen letztes Jahr auf diese Weise ums Leben. 

Wie ist Ihr Eindruck zum Umgang der Südtiroler mit Migration? 
Südtirol ist nicht rassistischer als andere Orte in Italien. Aber Italien, und das muss ich ganz ehrlich sagen, ist rassistisch. Häufig nehmen die Bedenken ab, sobald Kontakt da ist, besonders in den kleineren Gemeinden. In Mals oder Tisens etwa protestierte die Dorfbevölkerung zunächst dagegen, Migranten aufzunehmen. Am Ende gab es aber keine Probleme. In Mals meldeten sich sogar 40 Freiwillige für 30 Asylbeantragende und halfen ihnen später, eine Wohnung und Arbeit zu finden.

Ein Migrant von heute kann morgen wer auch immer sein. Er könnte mein Chef sein. Oder mein Arzt. Man muss ihnen nur die Möglichkeiten geben, es zu werden.

Wie sehen Sie die Situation am Bozner Bahnhofsgelände, die wegen ihrer Gewalt und Drogenszene kritisiert wird?
Es stimmt, das Bahnhofsgelände ist kein schöner Ort. Aber das ist er eigentlich in keiner Stadt. Das größte Problem ist der Alkohol. Migranten, die ohne Aussicht auf einen Schlafplatz in Bozen landen, gehen natürlich zum Bahnhof, denn dort treffen sie ihresgleichen. Landen sie einmal auf der Straße, enden leider viele mit einem Alkoholproblem oder fangen an, illegal Drogen zu handeln. Gewalt entsteht unter den einzelnen Gruppen, die sich darum streiten, wer welche Droge verkauft. Mittlerweile ist die Anzahl aber stark gesunken. Es wäre wichtig, dass sich Organisationen wie Hands [Kompetenzzentrum für Abhängigkeiten, Anm. d. Red.] für diese Menschen einsetzen. Einen der Jungen konnten wir retten: M. aus Mali war der Boss auf dem Bahnhofsgelände und zirkulierte dort seit zwei Jahren. Letztes Jahr kam er zu Hands. Dort half man ihm, von seiner Alkoholabhängigkeit loszukommen. Er wurde in ein Aufnahmezentrum aufgenommen, machte eine Ausbildung und arbeitet heute in Vicenza in einer Fabrik. Er ist nicht wiederzuerkennen, redet sogar im venezianischen Dialekt.

Welche Rolle spielen die Medien im Umgang mit Migration?
Die italienischen Medien geben ein sehr negatives Bild von Migration. Der Alto Adige etwa berichtet im Hinblick auf Migranten nur von Schlägereien. Wir müssen unser Narrativ über Flüchtlinge positiver gestalten. Wir haben eine sehr kolonialistische Sicht auf Migranten: Wo sie herkommen ist alles schlecht und wir müssen ihnen zeigen, wie die Dinge laufen. Es gibt zum Beispiel in Nigeria jedes Jahr ein Literaturfestival voller nigerianischer Schriftsteller, die sogar den Nobelpreis für Literatur erhalten haben. Solche und viele andere kulturelle Aspekte werden im Zusammenhang mit dem afrikanischen Kontinent nie von den Medien beachtet. Wir müssen aufhören, Migranten nur als Opfer darzustellen. Sie sind selbstbestimmte Menschen. Ein Migrant von heute kann morgen wer auch immer sein. Er könnte mein Chef sein. Oder mein Arzt. Man muss ihnen nur die Möglichkeiten geben, es zu werden.

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