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Interview mit Sexworkerin Daisy

„Ich liebe Sex und stehe dazu!“

Feminismus und Porno, geht das zusammen? Sexworkerin Daisy klärt auf und spricht von ihrem Beruf als Escort, Stripperin, Pornodarstellerin und Produzentin.

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Bild: Daisy Diamond

Daisy ist 24 Jahre alt, kommt aus Bulgarien und lebt in Wien. Dort arbeitet sie seit fünf Jahren als Sexworkerin im Escort-Service, als Stripperin im Bordell und Nachtclub Maxim und als Regisseurin und Darstellerin pornographischer Filme. Dass das sogenannte „Sexworking“ mit vielen – besonders sexistischen – Vorurteilen belastet ist, ist der 24 Jährigen bekannt. Trotzdem ist sie von ihrem Beruf überzeugt und sagt, dass ihre feministischen Überzeugungen ihrem Job nicht im Weg stehen.

Kein gewöhnlicher Beruf: Sexworkerin Daisy in Wien.

Bild: Daisy Diamond
Wie kam es zu deiner beruflichen Laufbahn im Escort-Service, als Stripperin bis hin zur Pornodarstellerin?
Mich hat das Sex-Business schon immer sehr interessiert. Als ich vor einigen Jahren Geldprobleme hatte, habe ich an Silvester beschlossen, das neue Jahr als Escort-Dame zu beginnen. Mein Beruf war also eine Hangover-Entscheidung, die ich bis heute nicht bereue. Als Escort Girl treffe ich Männer, die mit mir zu Veranstaltungen gehen, ein schönes Abendessen planen oder einfach ein paar schöne Stunden mit einer Frau verbringen wollen. Immer wieder neue und so facettenreiche und unterschiedliche Leute kennenzulernen, macht mir unglaublich viel Spaß. Kurz darauf habe ich als Stripperin im Nachtclub Maxim begonnen und konnte dabei zusätzliche Erfahrungen sammeln. Letztes Jahr habe ich beschlossen, all die Erfahrungen, die ich in meiner beruflichen Laufbahn sammeln durfte, zu kombinieren und sie zu filmen! Das Drehen von Pornofilmen ist für mich nicht nur Vergnügen, sondern auch künstlerisches Schaffen.

Wie reagiert dein Umfeld auf deinen Beruf?
Meine Freunde unterstützen mich zu 100 Prozent. Ich habe großes Glück so offene Freunde zu haben, weil ich mich im Gegensatz zu vielen schüchternen Frauen in meinem Beruf, die ihren Job geheim halten, nicht verstecken möchte. Da die meisten meiner Freunde auch als „Swinger“ leben, können sie mein Leben komplett nachvollziehen. Die meisten meine Freunde gehen allerdings „normalen“ Berufen nach, sie zeigen sich nicht in Pornofilmen.

Welchen Einfluss hat dein Beruf auf dein privates Leben?
Einen großen, weil ich da keinen Unterschied mache. Die meisten Menschen trennen ihre Arbeit vom Privatleben. Sie kommen gelangweilt und gestresst vom Büro nach Hause und sind einfach nur müde. Ich habe mich gegen ein solches Leben entschieden und arbeite eigentlich die ganze Zeit, weil mir das Freude bereitet. Mein Job kann nicht mit einem gewöhnlichen Berufsleben verglichen werden, weil mein Job ein Lebensstil ist.

Wie verdient man in deiner Branche? Verdienen Männer und Frauen in deiner Branche gleich viel?
Ich verdiene ziemlich gut und kann gut von meinem Beruf leben. Es gibt sicherlich viele sogenannte High-Class-Escort Girls, die um Einiges mehr verdienen als ich, aber ich bin zufrieden. Im Escort- und Porno-Business lässt sich nicht sagen, welches Geschlecht mehr verdient. Es kommt immer darauf an, in welchem Zweig der Branche man tätig ist. Im Allgemeinen ist die Branche aber sicher von gut verdienenden Frauen dominiert.

Das Drehen von Pornofilmen ist für mich nicht nur Vergnügen, sondern auch künstlerisches Schaffen.

Gibt es für dich und deine Kunden Regeln?
Ja. Ich mach alle sechs Wochen einen kompletten Gesundheitscheck für meinen Beruf als Escort. Ähnlich ist es beim Pornodreh, da müssen alle Darsteller zwei gültige Gesundheitstests auf jegliche Geschlechtskrankheiten mitbringen.

Was bedeutet für dich Sexualität?
Sexualität bedeutet alles für mich. Sexualität ist mein Leben. Sexualität ist Daisy. Ich liebe es, dass ich meine Sexualität zu meinem Lebensstil gemacht habe und mich über sie ausdrücken kann. Immer Neues über mich und meine Bedürfnisse zu lernen ist großartig. Sexualität ist ein Prozess des lebenslangen Lernens.

Arbeitest du in einer sexistischen Branche?
Sexismus ist in der Sexwork-Branche sehr präsent. Dagegen habe ich mich eigentlich immer aufgelehnt und habe versucht, dagegen anzukämpfen, weil ich mich selbst als Feministin bezeichne. Die Frauen in dieser Branche sind stigmatisiert und bei ganz vielen Leuten mit einem Etikett behaftet. Es gibt so viele Frauen, die ihr soziales Umfeld aufgrund der sexistischen Vorurteile gegenüber dem Beruf belügen. Sie haben Angst, abgelehnt zu werden. Ich kämpfe gegen den Sexismus in unserer Branche an, indem ich immer ehrlich zu meinem Beruf stehe. Ich erhalte fast immer nur positives Feedback zu meiner Ehrlichkeit. Die Leute finden meinen Job zwar manchmal lustig, aber auch cool.

Sexualität ist ein Prozess des lebenslangen Lernens.

Feminismus und Porno – geht das zusammen?
Natürlich! Frauen haben genauso Sex und die Macht über ihre sexuelle Selbstbestimmung wie Männer, nur dass das seltener gezeigt wird. Warum sollten nur Männer Pornos drehen und ihre Fantasien zeigen? Wir Frauen haben genauso gerne viel Sex und sollten das auch zeigen. Ich liebe Sex und stehe dazu. Keine Frau sollte sich dafür schämen.

Verzerren Pornos das reale Sexleben?
Ja und nein. Ich denke, dass Pornographie „richtig“ gemacht werden muss und genau darin liegt die Schwierigkeit. Letztlich ist ein Porno wie jeder Film eine perfekte Fantasie, die die Aufmerksamkeit der Zuschauer ködern soll. Wenn alles richtig gemacht wird, kann ein Porno aber auch dem privaten Sexleben dienen und beispielsweise eine lange Ehe, in der zehn Jahre vielleicht nichts Sexuelles mehr passiert, retten. Ich lege viel Wert darauf, dass die Pornos so real wie möglich gedreht werden, weshalb ich meinen Schauspielern immer die Möglichkeit gebe, gemeinsam mit ihren Partnern zu drehen, damit sie nicht schauspielern müssen. 

Gibt es etwas, das dir an deinem Beruf nicht gefällt?
Tatsächlich mag ich alles an meinem Job. Ich bin der Boss und bestimme, was mir gefällt und was nicht. Wenn ich etwas nicht tun will, mir etwas missfällt oder ich einen Kunden nicht will, dann habe ich darüber völlige Entscheidungsfreiheit, weil ich in einem professionellen Umfeld arbeite.

Wie arbeitest du während der Corona-Krise?
Die Auswirkungen der Pandemie sind in meiner Branche verheerend. Das Sexworking via Webcam oder Telefon ist nichts für mich. Deshalb arbeite ich derzeit jeden Tag an den Marketingstrategien meines neuen Start-Up. Ich möchte ein neues Erotik-Magazin mit dem Titel „Diamonds Production“ gründen.

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