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Tabu-Thema Suizid

„Deutschsprachige trifft es eher“

Primar Roger Pycha sieht im Umgang mit Suiziden deutliche Fortschritte. Wie spricht man als Gesellschaft über ein Thema, wo falsch gewählte Worte so schwerwiegen?

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Bild: _LewiZ/Pixabay

Suizide sind eine Realität, die nicht zu leugnen ist. Aufgrund des Werther-Effekts, der besagt, dass mediale Berichterstattung über konkrete Suizidfälle zu Nachahmungen führt, wird dem Thema in den Medien jedoch oft nur am Rande Aufmerksamkeit gewidmet. Zu wenig? Im Interview spricht der Primar der Psychiatrie am Krankenhaus Brixen Roger Pycha über den Suizid als mediales und gesellschaftliches Tabuthema, die Gründe dafür und ob das auch in Zukunft so bleiben soll.

Wie häufig sind Suizide?
Tatsächlich ist er die zweithäufigste Todesursache in der Altersgruppe 15 bis 35 Jahre, nach Verkehrsunfällen. Anderseits betreffen Suizide junge Leute vergleichsweise selten, das Risiko steigt mit zunehmendem Alter, Über-65-jährige sind am gefährdetsten, vor allem wenn männlich, unfreiwillig einsam, psychisch krank und alkoholabhängig. Nicht selten bedingen sich diese Umstände gegenseitig.
Häufiger sind Suizidversuche bei jungen Frauen, seltener bei jungen Männern. Das sind klare Hilfeschreie, mit aufrüttelndem Charakter, die sehr häufig überlebt werden.

Roger Pycha ist Primar der Psychiatrie am Krankenhaus Brixen

Bild: Roger Pycha
Was sind mögliche Gründe und wie häufig steckt eine psychische Krankheit dahinter?
Wir sprechen in der Forschung eher von Risikogruppen als von Gründen. Höheres Risiko tragen alte Menschen, Männer eher als Frauen (in Südtirol 3:1), Ladiner und Deutschsprachige eher als Italienischsprachige. Auch wirtschaftlich Benachteiligte, sozial Isolierte, politisch Verfolgte und Arbeitslose haben ein höheres Risiko. Auch Menschen in schweren psychischen Krisen, Verlassene, Getrennte, Geschiedene, Verwitwete zählen dazu. Das höchste Risiko tragen psychisch Kranke und Suchtkranke. In Südtirol ergab eine Zehnjahreserhebung, dass 55 Prozent der Suizidopfer depressiv waren und 25 Prozent alkoholkrank.

 

Wie gehen momentan die Medien und Öffentlichkeit mit dem Thema Suizid um?
Ich bin da eigentlich sehr zufrieden. 2018 haben wir die europäische Initiative „media help survive“ auch in Südtirol eingeführt. 2019 hat die Europäische Allianz gegen Depression mit den wichtigsten Medien Südtirols einen Pakt über günstige Berichterstattung bei Suiziden abgeschlossen. Diese Allianz ist ein europaweites Netzwerk, das inzwischen der Südtiroler Gesundheitsbetrieb finanziert. Die Medien halten sich sehr genau an die Vereinbarung, die deutschsprachigen noch besser als die italienischsprachigen. Das ist günstig, weil die Suizidrate in Südtirol laut unserer Studie unter Deutschsprachigen ja 1,4-mal so hoch wie unter Italienischsprachigen war. Wir müssen diese Gruppe deshalb auch stärker schützen.

Woran könnte das liegen, dass Deutsch- und Ladinischsprachige in Südtirol stärker betroffen sind als Italienischsprachige?
Es gibt keinen wissenschaftlichen Aufschluss darüber, außer den Hinweis, dass ladinische und deutschprachige Suizidopfer öfter alkoholabhängig waren als italienischsprachige. Eine Hypothese ist: Italiener sind extrovertierter, tragen ihr Leid besser nach außen und werden deshalb eher bemerkt. Deutsche und Ladiner ziehen sich eher schweigend zurück und werden übersehen, deshalb gilt für schwere Krisen: sie ganz deutlich machen, selbst aktiv Hilfe suchen. Dieses Verhalten kann in Südtirol sicher optimiert werden.

Seit 1990 ist die Suizidrate in Südtirol deutlich gesunken.

Wie wird aktuell die Bevölkerung sensibilisiert?
Viele Menschen wissen inzwischen, wie sie Suizidgefährdeten beistehen können. Unser Netzwerk Suizidprävention, das seit 2017 von der Caritas geführt wird, will auch so genannte „Seelische Erste Hilfe Kurse“ für die Bevölkerung anbieten. Dort kann man günstiges Verhalten lernen. Seit 1990 ist die Suizidrate in Südtirol deutlich gesunken, von rund 60 Opfern im Jahr auf rund 40, bei einer Bevölkerung, die von 400.000 auf 530.000 angewachsen ist. Dass das gelingt, ist der Verdienst der gesamten Südtiroler Bevölkerung.

Was ist richtig an dem momentanen medialen Umgang mit Suizid, was sollte man anders machen?
Hilfreich ist es, das Phänomen der Suizide allgemein zu besprechen und mit Hilfe von Experteninterviews klarzustellen, dass in den meisten Fällen behandelbare Krankheiten dahinterstehen. Gefährlich und schädlich ist hingegen, genaue Details über einzelne Suizide, die Methode, Fotos, große dramatische Schlagzeilen und romantische Erklärungen des vermeintlich Unausweichlichen zu publizieren. Das verstärkt nur den Nachahmungseffekt auf Menschen, die in Krise und in ähnlicher Lage sind und sollte unterlassen werden.
Als Haltung in der Bevölkerung ist Nachbarschaftshilfe das Günstigste. Wenn ich erschütterte, abgesonderte Menschen sehe, gehe ich auf sie zu und versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wenn sie zu verstört dazu wirken, hole ich Helfer vom Dienst über 112, Rettung oder Polizei. Die Polizei ist inzwischen psychologisch ganz ausgezeichnet vorbereitet und entschärft viele Krisen oder holt ihrerseits die Sanitäter.

Gibt es Fälle, wo Sie sagen, der Suizid wäre verhinderbar gewesen?
Ja, das macht mich sehr betroffen und traurig. Praktisch bei jedem Opfer finden wir hinterher Möglichkeiten, die genutzt werden hätten können. Etwas, was anders hätte sein sollen. Und doch, am Schluss bleibt die Notwendigkeit, das Geschehene zu akzeptieren, die Entscheidung eines Betroffenen irgendwie anzunehmen. Leider gibt es auch unerträgliches Leid, gerade auch seelisches.

Am Schluss bleibt die Notwendigkeit, das Geschehene zu akzeptieren, die Entscheidung eines Betroffenen irgendwie anzunehmen.

Neue Studien belegen, dass der Werther-Effekt nicht immer zutrifft, falls in den Medien „anders“ berichtet wird und konstruktiv das Thema behandelt wird…
Eine Wiener Forschungsgruppe hat 2010 veröffentlicht, welches Medienverhalten kurzfristig auch vor Suiziden schützen kann. Der Effekt dauert ungefähr eine Woche lang und entsteht, wenn statt spektakulärer Suizidschilderungen sogenannte „Ermöglichungsgeschichten“ publiziert werden. Dabei schildern Betroffene, wie sie schwere suizidale Krisen überlebt und überstanden haben, was und wer ihnen geholfen hat. Dazu sollen Interviews mit Experten gestellt werden, die von behandelbaren und heilbaren Störungen sprechen. Und zusätzlich darf eine Liste wertvoller Anlaufstellen für den Notfall nicht fehlen. Das alles zusammen wirkt schützend. Und genau das haben wir mehrmals bereits in Südtirol versucht.

Südtirols Suizidrate ist im Vergleich zum Rest Italiens dennoch hoch. Würden Sie sich von den Medien und Politik einen anderen Umgang wünschen?
Als in der ersten Juniwoche 2020, gleich nach dem ersten Lockdown, die höchste jemals gemessene Häufung von Suiziden in Südtirol stattfand, hat das Netzwerk PSYHELP, das den psychischen Folgen der Coronakrise begegnet, sofort reagiert und die wesentliche Medien Südtirols dringend gebeten, Ermöglichungsgeschichten zu bringen. Wir, ich bin da auch mit dabei, sind damit auch kurz in die Tagesschau von RAI Südtirol gekommen, in den Rundfunk und in alle großen Zeitungen. Die Suizide sanken sofort von der sechsfachen Häufigkeit auf das Durchschnittsniveau von rund einem Suizid pro Woche. Natürlich wissen wir nicht, ob das unser Verdienst war, ob Zufall, oder sonst eine Einwirkung. Aber geschadet dürften unsere Eingriffe nicht haben. Dafür bin ich den beteiligten Diensten, Vereinen und den Medien sehr dankbar.
Von der Politik wünsche ich mir ein Landesgesetz zur Suizidprävention, Vorbild Österreich. Dort ist die Suizidrate deutlich höher als bei uns. Dort gibt es ein entsprechendes Staatsgesetz SUPRA (Suicide Prevention in Austria), wir könnten es praktisch abschreiben, aber es muss zu unserer Situation passen. Das Gesetz soll garantieren, dass bestimmte grundsätzliche Tätigkeiten der Vorbeugung über die Jahre weiter finanziert werden.

Solltest Du selbst dringend Hilfe benötigen, kannst du dich direkt an die Caritas Telefonseelsorge wenden: täglich rund um die Uhr erreichbar - auch sonn- und feiertags - unter der Nummer 0471 052 052 oder online unter www.telefonseelsorge-online.bz.it (Erstantwort innerhalb von 48 Stunden)

Vertrauliche und kostenlose Beratung für Junge Menschen:

Young+Direct Whatsapp: 345 081 70 56, Tel.: 840 036 366 (Grüne Nummer)

Montag - Freitag: 14.30 - 19.30 Uhr

E-mail: online(at)young-direct.it

Weitere Kontakte zum Downloaden

Auf der Website www.suizid-praevention.it findest du weitere Informationen über das Netzwerk sowie:

- nochmal eine ausführliche Kontaktliste für Menschen in Not (natürlich niemals komplett)
- das Konzept zur sog. „Seelischen Ersten-Hilfe“ (Erkennen und Handeln bei psychischen Krisen)

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