Anzeige
Phänomen Verschwörungstheorien

„Das ist geistiges Fast Food“

Verschwörungstheorien versprechen klare Antworten auf komplexe Fragen. Florian Aigner, Physiker und Autor, weiß um die Gefahren falscher Erklärungen.

photo-1562447000-d15dfa7ec822 (1).jpg

Bild: Dustin Belt/unsplash

Die Erde ist eine Scheibe, Corona eine Erfindung von Bill Gates und der Klimawandel frei erfunden: Wer kennt sie nicht, die großen Verschwörungstheorien im Jahr 2020. Verunsichernde Umstände wie die Corona-Pandemie sind der Nährboden für Verschwörungstheorien, Pseudowissenschaft und Esoterik. Fakten von Fake News zu unterscheiden, wird immer schwieriger. Denn in schwierigen Zeiten sehnen wir uns nach einfachen Antworten. Doch was individuelle Erleichterung verspricht, birgt Gefahren für die ganze Gesellschaft. In seinem neuen Buch „Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl“ berichtet Florian Aigner, Physiker und Wissenschaftsredakteur der Technischen Universität Wien, vom Zerstörungspotential alternativer Fakten und legt eine Liebeserklärung an die Wissenschaft vor.

Was ist der Unterschied zwischen wissenschaftlichen Fakten und alternativen Fakten?
In den meisten Alltagssituationen haben wir ein gutes Bauchgefühl dafür, was richtig und was falsch ist. Damit fahren wir überwiegend gut. Allerdings genügt dieses Gefühl nicht in allen Situationen, weshalb wir die Wissenschaft benötigen. Der wesentliche Unterschied zu „alternativen Fakten“ besteht darin, dass Wissenschaft auf mehr als einem Beweis oder einer Meinung beruht. Wenn etwas als wissenschaftlich erwiesen gilt, existiert eine unüberblickbar große Vielzahl an Beweisen, Indizien und Belegen. Es gibt Erkenntnisse, Beobachtungen, Theorien und Experimente.

Und dann?
Erst wenn sich alles stimmig zusammenfügt, können wir von wissenschaftlicher Sicherheit reden. Die Wissenschaft ist somit ein Netz aus Fakten und ein Netz aus vielen Menschen. Eine Person alleine kann niemals Wissenschaft machen, auch wenn das in den Medien gerne so dargestellt wird. Wir leben in einer Kultur der Popstars. Das bedeutet, dass häufig als Argument oder Beleg einer Position auf die Aussage eines einzigen Virologen oder Experten verwiesen wird. Wissenschaft ist aber nie die Einzelmeinung eines Menschen, egal wie klug er auch sein mag. Wissenschaft ist das, was viele Menschen weltweit auf konstruktive Art erarbeiten.

Durch Krisenzeiten wie Corona wird klar: Wissenschaft ist nicht gleich Wissenschaft.

Während der Corona-Krise haben sich Studien ständig widersprochen und ältere Erkenntnisse wurden laufend revidiert. Gibt es in der Wissenschaft so etwas wie hundertprozentige Gewissheit?
Hundertprozentige Gewissheit gibt es nur in der Mathematik. Der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper wusste aber, dass es in der Wissenschaft nicht um die letztgültige Wahrheit, sondern um die Falsifizierbarkeit geht.

Florian Aigner ist Wissenschaftler aus Überzeugung. 

Bild: Gregor Hofbauer

Falsifizierbarkeit ist das grundlegende Prinzip der Wissenschaft. Was kann man sich darunter vorstellen?
Die Wissenschaft ist bereit, ihre eigenen Theorien aufzugeben, wenn neue Erkenntnisse der alten Theorie widersprechen. Ziel der Wissenschaft ist, Dinge immer wieder zu hinterfragen und zu widerlegen. Dadurch scheint Wissenschaft unsicher und vorläufig. Das ist nicht der Fall, da Wissenschaft durchaus Erkenntnisse erzielt, auf die wir uns im Alltag zu hundert Prozent verlassen können.

Das war bei wissenschaftlichen Erkenntnissen rund um Covid-19 aber nicht immer der Fall ...
Durch Krisenzeiten wie Corona wird klar: Wissenschaft ist nicht gleich Wissenschaft. Es gibt Bereiche, die noch nicht „fertig“ erforscht sind, wie Corona, und es gibt Bereiche, über die es sich nicht mehr streiten lässt. Wenn heute noch jemand behauptet, dass die Erde eine Scheibe ist, dann hat derjenige einfach nicht recht. Solche Verschwörungstheorien sind Blödsinn, weil unzählige Beweise von einem Netz aus Fakten und vielen Menschen existieren, die beweisen, dass die Erde eine Kugel ist. Daran zu zweifeln, ist dasselbe wie zu behaupten, dass zwei plus zwei fünf ergibt.

In Ihrem Buch sprechen Sie von „esoterischer Geschäftemacherei“. Bedeutet das, dass Verschwörungstheoretiker nur auf Profit abzielen und gar nicht an ihre alternativen Fakten glauben?
Sicherlich gibt es einige Geschäftemacher, die gezielt Menschen anlügen. Allerdings bin ich mir sicher, dass die meisten Verschwörungstheoretiker an ihre eigenen Theorien glauben. Diesbezüglich ist die menschliche Psyche eigenartig: Wir können uns selbst unglaublich viel einreden, solange wir damit Erfolg erzielen. Wenn jemand wissenschaftlich unhaltbare Thesen vertritt, aber mit Büchern und über Social Media viel Geld verdient, wird dieser selbst in seinem Glauben bestärkt und von seinen Theorien überzeugt.

Werden alternative Fakten als politische Strategie genutzt?
Ja. In vielen Fällen gelten Pseudowissenschaft, Esoterik und Verschwörungstheorien als politisches Instrument. Wie bewusst oder unbewusst diese Strategie in der Politik eingesetzt wird, ist unklar. Ich bin mir sicher, dass sogar ein Trump durch den vielen Zuspruch und die große Macht bis zu einem gewissen Grad selbst an seine Theorien zum  Klimawandel und Corona glaubt.

Jeder darf glauben, dass die Erde eine Scheibe ist. Aber keiner hat das Recht darauf, damit ernst genommen zu werden.

Stellen alternative Fakten für unsere Gesellschaft eine Gefahr dar?
Alternative Fakten sind demokratiegefährdend. Demokratie kann nur dann funktionieren, wenn wir uns auf einige anerkannte Fakten einigen. Wenn jeder seine eigenen Fakten erfindet und auf Basis dieser argumentiert, endet das im Chaos. Es müssen ungeschriebene Gesetze gelten, welche Argumente akzeptabel sind und welche nicht. In vielen Fällen ist das einfach.

Zum Beispiel?
Wenn ich mit jemandem darüber rede, wie schnell wir auf der Landstraße fahren dürfen und dort gilt die 70 km/h Beschränkung und dieser behauptet, er dürfe 100 km/h fahren, ist uns allen klar, wer richtig und wer falsch liegt. Dies gilt auch, wenn jemandem im Traum offenbart wurde, dass er 100 km/h fahren dürfe und wieder ein anderer die erlaubte Geschwindigkeit mit einem Zauberpendel herbeipendelt. Es muss eine Richtlinie geben, die zwischen Fakt und Meinung unterscheidet. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens darüber, welche Argumente gültig sind und welche nicht.

Apropos Meinung: Wer Fake News verbreitet, beruft sich gerne auf die Meinungsfreiheit. Liegt da ein Missverständnis vor?
Ja. Es ist keinesfalls so, dass die Wissenschaft versucht, die Meinungsfreiheit einzudämmen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung besitzt jeder und das ist zentral für unsere Demokratie. Wenn jemand wirklich glaubt, dass die Erde eine Scheibe ist, soll derjenige seine Meinung behalten. Jeder hat das Recht, sich auf die Straße zu stellen und sich zu blamieren. Nur hat keiner das Recht darauf, damit ernst genommen zu werden.

Verschwörungstheorien sind geistiges Fast Food. Es schmeckt kurz gut, aber wenn man sich lange davon ernährt, bekommt man Probleme.

Ist es ein Versagen des Bildungssystems, dass so viele Menschen nicht zwischen Meinung und Fakt unterscheiden können?
Verschwörungstheorien sind keine Phänomene unserer Zeit. Unsinn gab es schon immer. Was sich geändert hat, ist die Medienlandschaft. Durch soziale Medien ist es viel einfacher, Unsinn zu verbreiten. Wer früher nur ein durchgeknallter Idiot war und Fakten erfand, besitzt heute einen Youtube-Kanal und erreicht pro Tag tausende Menschen. Hier muss die Schule ansetzen, weil das Problem mit alternativen Fakten nur über Bildung lösbar ist. Das Erkennen von Fake News gilt als zentrale Kompetenz unserer Zeit. Jugendliche müssen lernen, verlässliche von unverlässlichen Quellen zu unterscheiden. Dafür gibt es keine einfache Anleitung. Diese Kompetenz muss schrittweise, wie etwa das Klavierspielen, erlernt werden. Die Schulen sollten dabei den Raum fürs Üben schaffen.

Weshalb finden Pseudowissenschaft, Esoterik und Verschwörungstheorien so viel Zuspruch?
Anhänger sehnen sich nach einfachen Antworten. Deshalb finden Verschwörungstheorien gerade in bedrohlichen und unsicheren Zeiten wie heute viel Zuspruch. Das ist emotional nachvollziehbar, weil wir in einer Zeit leben, wo wir nicht wissen, wie es mit dem Klimawandel und Corona weitergehen wird. Verschwörungstheorien sind geistiges Fast Food. Es schmeckt kurzzeitig gut, aber wenn man sich langfristig davon ernährt, bekommt man Probleme.

Gibt es bestimmte Charaktereigenschaften, die einen für Verschwörungstheorien anfälliger machen?
Verschwörungstheoretiker können nicht einfach als dumm oder ungebildet abgestempelt werden. Es wäre banal zu behaupten, dass kluge Menschen an Fakten und dumme Menschen an Fake News glauben. Die Eigenschaft, Dinge zu hinterfragen, ist prinzipiell super und eine Eigenschaft, die von Mündigkeit und Bildung zeugt. Dabei ist es aber wichtig, dass das Hinterfragen auf wissenschaftlicher Basis mit klarer Trennung zwischen Fakt und Verschwörungstheorie erfolgen muss.

Politik lässt sich nicht durch Wissenschaft ersetzen.

Kennen Sie Tipps und Tricks, Verschwörungstheorien zu entlarven?
Man sollte immer nachfragen: Woher weißt du das und ist das eine Einzelmeinung oder wissenschaftlicher Konsens? Es ist ein riesiger Unterschied, ob ein Virologe als Einzelperson die Welt erklärt oder ob er berichtet, was unter Virologen allgemein akzeptiert und diskutiert wird. Der Konsens vieler Wissenschaftler ist viel verlässlicher als eine Einzelmeinung. Ein weiterer Tipp ist, nicht ausschließlich nach Indizien für die eigene Meinung zu suchen, sondern auch zu deren Widerlegung.

Während des Corona-Lockdowns kam es zu einer wesentlichen Annäherung zwischen Politik und Wissenschaft. Einige Länder wie Österreich haben sich dabei stark auf den Rat von Experten verlassen. Wäre eine wissenschaftliche Politik wünschenswert?
Zwischen Politik und Wissenschaft muss klar unterschieden werden. Politik lässt sich nicht durch Wissenschaft ersetzen, da in der Politik Entscheidungen getroffen werden müssen, die wissenschaftlich nicht beantwortet werden können. Entscheidungen zu Problemen wie „Wie ist die Abwägung zwischen Gesundheit und ökonomischen Schäden zu rechtfertigen“ oder „Ist es besser, dass wenige Leute einen großen Nachteil oder viele Leute einen kleinen Nachteil haben“, sind politisch. Sie lassen sich nicht ausrechnen, sondern müssen abgewogen und daraufhin entschieden werden. Die Wissenschaft findet auf politische Fragen keine allgemein gültige Antwort. Allerdings muss sich gute Politik immer auf wissenschaftliche Fakten stützen. Nur wer wissenschaftliche Fakten kennt und nutzt, kann gute Politik machen.

Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
"(All)täglich gehörlos"

Gehörlose in Südtirol

Gebärdensprachdolmetscherin Julia Gamper über ihren neuen Dokumentarfilm "(All)täglich Gehörlos" und die fehlende Anerkennung der Gebärdensprache in Südtirol.
0    

Knapp am Tod vorbei

Der 59-jährige Bruno ist erst vor wenigen Monaten in Rente gegangen. Dann landete er auf der Covid-19 Intensivstation in Bozen.
 | 
Interview zu Greenwashing

Fair-arscht?

Gunde Bauhofer von der Verbraucherzentrale weiß: Ein grüner Anstrich steigert bei Unternehmen die Verkäufe. Ist das ökologische Bewusstsein eine Farce?
0    
 | 
Interview mit Philipp Blom

„Was ist artgerecht für Menschen?"

Wie gestalten wir die Welt nach Corona? Um darauf antworten zu können, müssen wir zunächst unser Naturverständnis ändern, sagt der Schriftsteller Philipp Blom.
0    

Achterbahn

Wenn sich das Leben wie eine Achterbahn anfühlt: Der Sänger und Songwriter Philipp Trojer veröffentlicht einen energiegeladenen Rocksong.
Anzeige