Anzeige
Interview zur Viertagewoche

„Arbeit nimmt zu viel vom Leben“

Ein Unternehmerpaar revolutioniert die Arbeitswelt: „Wir bezahlen 100 Prozent Gehalt für 80 Prozent der Arbeit und steigern dadurch die Produktivität.“ Ist die Viertagewoche realistisch?

Charlotte Lockhart Andrew Barnes.jpg

Bild: Charlotte Lockhart, Andrew Barnes

Zeit ist ein kostbares Gut. Das spürt man spätestens als Berufseinsteiger, wenn man nach acht Stunden im Büro noch einkaufen, kochen und Wäsche aufhängen muss. Am Abend fällt man kaputt auf die Couch. Energie für anregendes Philosophieren mit Freunden oder die freiwillige Mitarbeit im Obdachlosenheim fehlt dann. Die neuseeländische Anwältin Charlotte Lockhart und ihr Mann Andrew Barnes wollten den Mitarbeitern ihres Unternehmens Perpetual Guardian das schenken, was in ihren Worten „das größte Geschenk des 21. Jahrhunderts ist“: Zeit.

Mit ihrer 4-day-week-Bewegung wollen sie dieses neue Arbeitskonzept global verbreiten. Und es stößt auf breites Interesse: Bereits in 85 Ländern hielten sie Vorträge über die Viertagewoche, zuletzt beim Global Forum an der Eurac Research in Bozen. BARFUSS wollte von Charlotte Lockhart wissen: Wie funktioniert dieses Konzept? Wie wirkt es sich auf Mitarbeiter aus? Und bringt es Vorteile für gewinnorientierte Unternehmen?

Wie kamt ihr auf die Idee der Viertagewoche, bzw. wann habt ihr entschieden, eure Mitarbeiter für 32 statt für 40 Stunden in der Woche arbeiten zu lassen?
Charlotte Lockhart: Mein Mann Andrew hat im Economist einen Artikel gelesen. Darin stand, dass Menschen in Großbritannien bei der Arbeit nur zwei bis drei Stunden am Tag produktiv sind. Folgestudien haben das bestätigt. Wir haben uns gewundert, ob die Produktivität in unserem Unternehmen auch so niedrig ist, und uns gefragt, wie wir das verbessern können. 2018 starteten wir einen Versuch: Wir wollten unsere Mitarbeiter dazu bringen, ihre Arbeitszeit besser zu nutzen. Im Gegenzug schenkten wir ihnen einen zusätzlichen freien Tag pro Woche. Dieses Modell war sehr erfolgreich, sodass jetzt alle unsere Angestellten in reduzierter Zeit arbeiten. Wir nennen es zwar Viertagewoche, aber im Grunde kann jeder und jede selbst entscheiden, ob sie die acht wegfallenden Stunden an einem ganzen freien Tag aufbrauchen, oder ob sie lieber zwei Nachmittage oder Vormittage frei nehmen. Wie auch immer es in den individuellen Alltag am besten reinpasst.

Dieses Arbeitsmodell orientiert sich also an der Produktivität eines Angestellten, anstatt an der Arbeitszeit.
Richtig. Das Modell richtet sich nach dem Prinzip: 100-80-100. Wir bezahlen den Leuten 100 Prozent ihres Gehaltes für 80 Prozent der Arbeitszeit. Voraussetzung ist, dass die Produktivität ebenso bei 100 Prozent bleibt.

Ist es denn realistisch, in weniger Zeit die gleiche Arbeit zu erzielen?
Im Grunde ist es nicht weniger Zeit, wenn man bedenkt, dass die Leute nur drei Stunden am Tag produktiv arbeiten. Unsere Studie im eigenen Unternehmen hat ergeben: Das Stresslevel der Angestellten ist um 15 Prozent gesunken. Unsere Mitarbeiter gaben an, ihre Arbeit in vier Tagen besser zu erledigen wie in fünf. Wir haben ihnen nämlich auch die Möglichkeit gegeben, effizienter zu arbeiten. Durch die innovative Gestaltung der Arbeit kann die Produktivität sogar gesteigert werden.

Charlotte Lockhart und ihr Mann Andrew Barnes beim Global Forum an der Eurac Research in Bozen

Bild: Global Forum Bozen

Wie sieht das aus?
Wir wissen aus Studien: Wird man bei der Arbeit gestört, dauert es 20 Minuten, bis man wieder in die Arbeit reinkommt. Das ist reine Zeitverschwendung, die man vermeiden kann. Unsere Mitarbeiter haben die Möglichkeit, eine sogenannte „konzentrierte Arbeitsstunde“ einzulegen, während der sie nicht gestört werden dürfen. Dafür hängen sie ein Schildchen vor die Tür, das darauf aufmerksam macht. Auch Meetings können Zeitschlucker sein, wenn Mitarbeiter daran teilnehmen müssen, auch wenn sie vielleicht nicht viel dazu beitragen können. Stattdessen können sie wichtigere Aufgaben erledigen. Seit Microsoft seine Meetings auf maximal 30 Minuten und auf nicht mehr als fünf Leute beschränkt hat, stieg die Produktivität ihrer Mitarbeiter um 40 Prozent. Am wichtigsten ist aber: wir geben den Mitarbeitern während der Arbeit auch Zeit, Lösungen für mehr Produktivität zu erarbeiten. Schlussendlich sind es die Angestellten selbst, die am besten herausfinden können, was sie von der Arbeit abhält oder sie verlangsamt und was man dagegen tun kann.

Welche Vorteile bringt das 4-Tage Modell noch, abgesehen davon, dass Menschen mehr Freizeit haben?
Zum einen gibt das Modell dem Unternehmen mehr Resilienz. Wir konnten feststellen, dass die Mitarbeiter so viel stärker im Team und bereichsübergreifend arbeiten. Fahren die Angestellten seltener zur Arbeit, wirkt sich das natürlich auch positiv auf die Umwelt aus. Aber auch gesellschaftliche Verbesserungen zeigen sich: Die Menschen haben mehr Zeit für die Familie. Dies wirkt sich auf die Geschlechtergleichheit aus, weil so auch Väter die Möglichkeit bekommen, sich gleichwertig um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Die gewonnenen Zeitressourcen nutzen viele auch, um durch Ehrenamt einen Beitrag zu leisten. Und zuletzt sorgt reduzierte Arbeit für eine bessere physische und psychische Gesundheit. Arbeit hat bisher viel zu viel von unserem Leben weggenommen. Wir müssen den Menschen wieder die Chance geben, das zu sein, was sie außerhalb der Arbeit sind. Das ist das größte Geschenk des 21. Jahrhunderts an die zukünftige Generation.

Sie erwarten, dass Ihre Mitarbeiter trotz reduzierter Arbeitszeit die gleichen Ergebnisse liefern. Sie erwarten die gleiche, wenn nicht gar eine höhere Produktivität. Ist es nicht dieser Druck, immer produktiv zu sein, der Stress verursacht?
Die Arbeitsleistung eines Menschen wird heute oft anhand der Stunden gemessen: „Oh, er ist jeden Morgen vor der Chefin im Büro, der macht eine gute Arbeit; Sie hat mehr Überstunden wie ich, also leistet sie auch mehr.“ Wenn man sich aber auf die Produktivität konzentriert und jene Aufgaben, die zum eigenen Jobprofil gehören, effizient erledigt, ist das weniger stressig. Wenn man einen erfolgreichen Arbeitstag hatte, in dem man die eigenen Aufgaben effizient erledigen konnte, geht man viel zufriedener nach Hause. War man hingegen den ganzen Tag unproduktiv und auf zu vielen unwichtigen Meetings, dann geht man unzufrieden heim. Das wiederum steigert das Stresslevel.

Die Viertagewoche klingt nach einem inklusiven und angenehmen Arbeitsmodell. Doch hat es sich noch nicht als Standard durchgesetzt. Was hält Unternehmen davon ab, das reduzierte Arbeitsmodell einzusetzen?
Das größte Problem vieler Unternehmer ist wohl Vertrauen. Das Vertrauen darin, dass ihre Mitarbeiter produktiv arbeiten können, trotz Homeoffice oder reduzierter Arbeitszeiten. Doch die Corona-Pandemie hat uns gezwungen, Arbeit kreativer und innovativer zu denken.

Glauben Sie, dass die Pandemie dazu beitragen kann, dass sich diese neue, flexible Form der Arbeit durchsetzt?
Ich bin sicher, dass Covid uns eine Chance gegeben hat, unsere Arbeitswelt zu reformieren. Viele Firmen haben bereits unbewusst zum 4-Tage Modell gewechselt, weil viele Menschen von zuhause aus gelernt haben, effizient zu arbeiten und sich daran gewöhnt haben, nicht mehr jeden Tag ins Büro zu kommen. Diese Flexibilität fordert unsere herkömmlichen Arbeitsmodelle heraus. Ich bin sicher, dass sich diese Entwicklung durchsetzen wird.

Ihr Mann sagte beim Vortrag zum Abschluss: „Das größte Risiko ist nicht, dass du die Viertagewoche einführst, sondern, dass deine Konkurrenz es zuerst tut.“  Was glauben Sie: Wird ein reduziertes Arbeitszeit-Modell früher oder später global eingesetzt?
Absolut! Noch vor zwei Jahren hätte ich das Konzept einer Viertagewoche erklären müssen. Wenn ich es heute anspreche, weiß jeder, worum es geht. Wir bekommen immer wieder Anfragen von überall auf der Welt, zu dem Thema zu referieren. Und anfang des Jahres berichteten internationale Medien über die angebliche Ankündigung der finnischen Premierministerin Sanna Marin, die 4-Tage Woche in Finnland einzuführen. Später stellte sich heraus, dass sie sich nur dafür ausgesprochen hatte, ohne anzukündigen, sie einführen zu wollen. Aber dieses Beispiel zeigt uns, dass der Schritt realistisch erscheint, denn renomierte Zeitungen wie der Guardian haben die Geschichte geglaubt. Noch vor wenigen Jahren hätten Zeitungen diese Nachricht auf Fake News prüfen lassen. Die Viertagewoche wird Teil unserer Zukunft sein.

Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
Phänomen Verschwörungstheorien

„Das ist geistiges Fast Food“

Verschwörungstheorien versprechen klare Antworten auf komplexe Fragen. Florian Aigner, Physiker und Autor, weiß um die Gefahren falscher Erklärungen.
0    

Wannabe

Zwei junge Musiker präsentieren mit Ihrer Debütsingle „Wannabe“ ein Projekt abseits von musikalischen und stilistischen Grenzen.
 | 
Interview mit Anna Gius

Sex hat viele Gesichter

Anna Gius gibt sexuelle Bildungsworkshops jenseits klassischer Sexualkunde. Warum wir uns mit einer vielfältigen Sexualität schwer tun und was der Kapitalismus damit zu tun hat.
0    
 | 
Winterschule Ulten

​Zurück in die Vergangenheit

Weben, Käsemachen, Kräuterkunde: In der Winterschule in Ulten lernen Teilnehmer alte Handwerke, die in keiner Schule mehr auf dem Lehrplan stehen.
0    
Partner
 | 
Interview zum neuen VBB-Stück

Gefährliches Gewähren

Biedermanns Brandstifter sind manchmal mitten unter uns. Regisseurin Mona Kraushaar über die Aktualität von Max Frischs berühmtesten Stück.
0    
Anzeige
Anzeige