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Interview mit Monika Hauser

„Afghanistans Frauen wurden verraten“

Mit medica mondiale hat Monika Hauser einen Beitrag geleistet, das Leben afghanischer Frauen zu verbessern. Nun droht alles zunichtegemacht zu werden.

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Afghanische Frauen registrieren sich zur Wahl 2004. Mit den Taliban an der Macht: undenkbar.

Lizenz: CC by-nd
Bild: The Advocacy Project

Die Frauenrechtlerin und Ärztin Monika Hauser hat nur wenig Zeit, ein Telefonat aus Kabul folgt dem nächsten. Ihren Urlaub musste Sie kurzerhand abbrechen. Was im Land gerade geschieht, das Vorrücken der Taliban, die Angst ihrer afghanischen Kolleginnen, die Sorge um die Zukunft, duldet keine Aufschiebung. Seit 20 Jahre arbeitet Hauser mit ihrer Frauenrechtsorganisation „medica mondiale“ daran, das Leben für afghanische Frauen lebenswerter zu machen.

Die Ereignisse in Afghanistan stellen gerade auch Ihr Leben auf dem Kopf. Was verbindet Sie persönlich mit dem Land?
Seit 2002 war ich sehr, sehr oft vor Ort. Wir haben eine große Organisation aufgebaut, mit über 70 afghanischen Kolleginnen an den Standorten Kabul, Mazar-e Scharif und Herat. Mit ihnen haben wir gemeinsam dafür gekämpft, dass afghanische Mädchen und Frauen ihre Rechte bekommen. Ich liebe dieses Land sehr, habe enge Freundschaften geschlossen und finde es unglaublich, wie die internationale Gemeinschaft Afghanistan verraten hat.

“Ich liebe dieses Land”, sagt Monika Hauser nach zahlreichen Reisen durch Afghanistan.

Bild: stephan Roehl/medica mondiale

Die Machtergreifung durch die Taliban nach dem Abzug der internationalen Truppen erfolgte unfassbar rasant – haben Sie sich das erwartet?
Im Nachhinein müssen wir sagen: Wir wären naiv, wenn wir uns das nicht erwartet hätten. In der Tat haben uns das Tempo, die militärische Schlagfertigkeit alle überrascht.

Woher kommt diese Übermacht? Und wie konnte sie derart unterschätzt werden?
Das gehört in den Bereich der Spekulation. Es gibt Vermutungen über mögliche Deals, die abgeschlossen worden sind. Sicher ist, dass die Streitkräfte der Regierung dem Vorrücken der Taliban nicht viel entgegenzusetzen hatten. Die offizielle Regierung ist stark korrupt und ihre Soldaten sind nur unzureichend ausgebildet. Eine große Verantwortung sehe ich aber auch bei der internationalen Gemeinschaft mit ihrem überhasteten Truppenabzug. Das hat den Taliban die Tür geöffnet.

Wie ergeht es den Frauen in den von den Taliban eroberten Gebieten?
Die Lebensbedingungen der Frauen waren schon vorher nicht gut. Auf der anderen Seite haben wir viel erreicht, vor allem in den Städten und in bestimmten Provinzen.  medica mondiale und die afghanische Partnerorganisation haben für schwer traumatisierte Frauen Angebote der psychosozialen Betreuung aufgebaut.  Afghanischen Juristinnen haben Frauen, die wegen sogenannter moralischer Verbrechen inhaftiert waren, aus den Gefängnissen herausgeholt und ein sehr wichtiges Gewaltschutzgesetz erreicht. Auch die Zivilgesellschaft vor Ort wurde dadurch gestärkt.

Steht all das jetzt auf dem Spiel?
Das ist schwer zu sagen. Wir müssen bedenken, dass in den letzten 20 Jahren eine junge Generation herangewachsen ist, für die es selbstverständlich ist, soziale Medien zu benutzen, lesen zu können und sich einzumischen. Für diese Generation ist es selbstverständlich, ein freieres Leben als ihre Eltern zu führen. Das werden sie sich nicht einfach so nehmen lassen. Der rohen Gewalt hat niemand etwas entgegenzusetzen, aber auf lange Sicht, wenn die Taliban eine funktionierende Verwaltung aufbauen wollen, werden sie mit der Zivilgesellschaft Schwierigkeiten haben. Seit ihrer letzten Herrschaft ist etwas Neues und Starkes herangewachsen.

Wieweit wird das Frauenbild der Taliban von einer breiten afghanischen Bevölkerung mitgetragen?
Keine Frau, kein Mädchen auf der Welt wird gerne zwangsverheiratet, ins Haus gesperrt, von der Bildung ausgeschlossen. Sie wollen lernen und selbständig einen Beruf ausüben. Das ist in Afghanistan nicht anders als in anderen Weltregionen. Wir müssen wirklich nicht befürchten, dass wir den Afghanen westliche feministische Werte aufzwingen, es gibt genügend afghanische Feministinnen, die dasselbe denken, dasselbe wollen.

Für diese Generation ist es selbstverständlich, ein freieres Leben als ihre Eltern zu führen. Das werden sie sich nicht einfach so nehmen lassen.

Was hindert sie – abgesehen von den Taliban – daran, diese Forderungen umzusetzen?
Die arrogante Frage „Warum sind die noch nicht weiter?“ wäre hier fehl am Platz. Es sind in der Tat hochtraditionelle, konservative Stammesgesellschaften, da brauchen Veränderungen Zeit, genauso wie sie in unseren Breiten, vor allem in den konservativen Gesellschaften der Alpenregionen, auch Zeit gebraucht haben. In Afghanistan hätte es für diese Entwicklung noch ein paar Generationen Frieden gebraucht. Diese Gelegenheit wird dem Land jetzt wieder genommen.

Wie reagiert medica mondiale auf den Vormarsch der Taliban?
Für uns ist im Augenblick das Wichtigste, unsere afghanischen Kolleginnen in Sicherheit zu bringen. Sie haben teilweise 20 Jahre lang advokatische und feministische Arbeit geleistet und sind jetzt hoch gefährdet. Viele mussten in den Untergrund gehen. Die Kolleginnen aus Mazar-e Scharif und Herat sind samt ihren Familien komplett nach Kabul geflohen. Die afghanische Hauptstadt ist zurzeit ein einziges riesiges Flüchtlingslager.

Was erwarten Sie sich noch von der internationalen Gemeinschaft, von der EU, von Deutschland?
Das Kind ist schon in den Brunnen gefallen, es wurden so viele Fehler gemacht – nicht erst mit dem Abzug der Truppen, von Trump beschlossen und von Biden durchgeführt. 2001 wurden die Frauenrechte instrumentalisiert, um einen Einmarsch zu rechtfertigen. Tatsächlich gab es in den darauffolgenden 20 Jahren kaum Unterstützung für die Frauen. Bidens Erklärung, dass das Ziel, Al-Kaida aus dem Land zu vertreiben, erreicht worden sei, beweist, dass es in Wirklichkeit nie um Afghanistan gegangen ist. Dieses Land wurde verkauft und verraten, vor allem die Mädchen und Frauen.

Was wäre jetzt zu tun?
Die Taliban sind auf die Zusammenarbeit mit dem Ausland angewiesen. Das muss man nutzen, um Bedingungen, um möglichst viele Menschenrechte auszuhandeln. Und wir müssen die gefährdeten Menschen da herausholen, die nötigen Visa verteilen und die tödliche Bürokratie aussetzen, die das verhindert oder verzögert.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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