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Kommentar zur Virus-Mutation

Wie ein Boomerang

Eine neue SARS-Cov-2-Variante soll Antikörpern widerstehen. Dagegen helfen keine Lockdowns, sondern nur ein neues Menschsein.

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Von den Nerzen, die in Dänemarks Pelzfarmen dicht gedrängt beieinander leben, sprang eine neue Variante des Corona-Virus auf den Menschen über. Dänemark reagierte mit Lockdowns und Schließung aller Pelzfarmen.

Bild: Jo-Anne McArthur/unsplash

Ein Stoiker müsste man sein. Mit Haltung und Charakter, aber doch gelassen genug, um sich von den Ereignissen nicht überrumpeln zu lassen. Mit einem unverwüstlichen Blick für das große Ganze. Stoiker nannte man jene Philosophen des alten Griechenlands, die ihre Seelenruhe – die sogenannte „Ataraxie“ – zum wichtigsten Wert im Leben erhoben. Ich stellte sie mir immer als coole Typen mit gestyltem Lockenbart vor, die vor mehr als 2.000 Jahren in lässiger Chlamys gekleidet (in der Antike ein kurzer Reit- und Reisemantel) Wein tranken, über Götter und die Polis philosophierten und sich dabei weder von eifersüchtigen Partnern, noch von reaktionären Nachbarn aus der Fassung bringen ließen.

In Wirklichkeit war das Leben in der Antike viel härter als in meiner vom Griechenlandurlaub verzerrten Vorstellung. Die Seelenruhe der Menschen wurde immer wieder abrupt von Kriegen, Plünderungen, Pest-Ausbrüchen und unbarmherzigen Tyrannen unterbrochen. Da war eine stoische Grundhaltung kein Gedankenspiel – sondern Überlebensstrategie.

Und heute? In Europa und Nordamerika, also da, wo man sich mit seinem Wohlstand recht erfolgreich vor dem Rest der Welt verschanzt hat, schien es bis letztes Jahr ganz gemütlich zuzugehen. Aber 2020 und vor allem die letzten Tage trugen außergewöhnlich dick auf: Neue Lockdowns, Terror, unbelehrbare Trump-Wähler. Die Seelenruhe stand im Kreuzfeuer der Eilmeldungen.

Eine stoische Grundhaltung wäre in solchen Zeiten hilfreich, sagte ich mir. Einfach mal zurücklehnen, sich in der eigenen Bedeutungslosigkeit baden. Und dann weitermachen, aber im luziden Bewusstsein, dass man eh nichts anderes tun kann, außer ein freundlicher und achtsamer Mensch zu sein. An der Welt zu verzweifeln ist nämlich das Letzte, was ein Stoiker will.

Alle bisherigen Bemühungen, einen Impfstoff herzustellen, könnten umsonst gewesen sein.

Für Anfänger der Ataraxie ist dieses Jahr aber verflucht. Die nächste erschütternde Meldung: Eine Coronavirus-Mutation in den Pelzfarmen Dänemarks. Die Viren haben gelernt, vom Menschen auf die Nerze überzuspringen – und dann wieder zurück auf den Menschen. 1,5 Millionen (!) Tiere und mehr als 200 Menschen haben sich seit Oktober mit der neuen Virus-Variante infiziert. 

Weil die Tiere uns Menschen ohnehin egal sind (sonst würden wir sie nicht für ein entbehrliches Mode-Accessoire in Gitterkäfige sperren und schlachten), kommen wir gleich zum brisanten Teil der Geschichte: Die Nerz-Variante des Virus ist offenbar gegenüber Covid-19-Antikörpern im menschlichen Körper resistenter, das heißt, es könnte sich auch unter bereits immunen oder geimpften Menschen ausbreiten. In diesem Fall wären die bisherigen Bemühungen, einen Impfstoff herzustellen, wohl umsonst gewesen. Die WHO warnt vor übermäßiger Sorge, doch für die dänische Regierung ist das Risiko hoch genug, um die Branche komplett stillzulegen und in diesen Tagen alle 17 Millionen Nerze in Dänemark umgehend keulen zu lassen.

Man muss kein Stoiker sein, damit einen das nicht mehr sonderlich verwundert. Jedes Jahr werden mehr als 700.000.000 Tiere für ihr Fleisch geschlachtet. In Deutschland. Weltweit sind es 60.000.000.000 Tiere. Dazu kommen 100.000.000 bis 300.000.000 Lebewesen, die jährlich als Versuchstiere verwendet und getötet werden. Und für flauschige Pelzkrägen lassen jedes Jahr über 60.000.000 Nerze und 12.000.000 Füchse ihr erbärmliches Leben, außerdem rund 2.000.000 Hunde und Katzen, trotz ihres unter der Spezies Mensch relativ privilegierten Status’. War es da nicht eine Frage der Zeit, bis sich auch das einmal rächt?

Seit Beginn der Pandemie schauen wir auf die Chinesen und ihre virenverseuchten „wet markets“ herab, wo heimische und exotische Tiere lebend gehandelt und vor Ort geschlachtet werden – „So etwas Unzivilisiertes!” – und fragen uns, warum die chinesische Regierung diese hygienischen Todeszonen nicht schon vor langer Zeit reguliert hat. Inzwischen schreddern oder vergasen wir weiter männliche Küken (40 Millionen allein in Deutschland), kaufen billiges Schweinefleisch, obwohl wir wissen, was mit den Ferkeln passiert und wie ihre Mütter gehalten werden, und fliegen nach der Friday4Future-Demo fürs Wochenende kurz nach Lissabon. Reisen macht schließlich weltoffen und tolerant.

Jede Spezies erfüllt im wunderbar ausgeklügelten Ökosystem irgendeine Funktion. Wir sind die einzige Ausnahme.

Das Problem ist nicht die Virus-Mutation an sich. Niemand dürfte behaupten, dass wir einen solchen unangenehmen Twist im Plot nicht verdient hätten. Das Problem ist, wie lange wir schon verächtlich, arrogant und selbstherrlich mit all dem umgegangen sind, was uns bislang am Leben erhielt. Wie ein Boomerang richtet sich die Geringschätzung des Menschen jetzt gegen ihn selbst.

Die Wut die darüber entsteht, ist jene Art von Emotion, die unter Stoikern am verpöntesten war. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen den alten Griechen und uns und den sollte man nicht übersehen: Im Gegensatz zu damals haben wir heute so fantastische Dinge wie das Internet, Medien, Pressefreiheit und immer und überall verfügbare Informationen. Auch mit dem materiellen Lebensstandard des 21. Jahrhunderts können die Menschen der Antike – abgesehen von einer Handvoll Patriziern – nicht mithalten. Wir haben mehr, als wir brauchen, wissen über alles Bescheid und sind trotzdem nicht gewillt, die Gewohnheiten, die unsere eigene Lebensgrundlage zerstören, zu ändern. So blöd war vor uns eigentlich nur der Megaloceros, jene Hirschart, die unter dem Gewicht ihres eigenen Riesengeweihs irgendwann ausstarb.

Wer die preisgekrönten Dokumentarfilme von David Attenborough kennt, weiß um die zentrale Botschaft: Jede Spezies erfüllt im wunderbar ausgeklügelten Ökosystem irgendeine Funktion und trägt so zum Gleichgewicht dieses lebenserhaltenden Systems bei. Der Mensch ist die einzige Ausnahme. Wir füllen unsere Bücherregale mit Ratgebern und hören spirituellen Lehrmeistern zu, die unserem Dasein irgendeinen Sinn anheften wollen, aber in Wirklichkeit sind wir nicht nur absolut bedeutungslos, sondern geradezu schädlich. Für das restliche Leben auf der Erde wäre es besser, wir wären nicht da.

Der Blick für das große Ganze ist uns abhandengekommen. Seuchen, Waldbrände und Vergiftungen sind ein unverhohlener, aber noch recht freundlicher Reminder dafür.

Nun könnte man davon ausgehen, dass wir als intelligenzbegabte Wesen unsere temporäre Allmachtstellung im Ökosystem wenigstens dazu nutzen würden, um es persönlich so richtig krachen zu lassen. Die Nahrungsversorgung ist so gut wie gesichert (in Europa ernähren weniger als 5 Prozent der Bevölkerung den ganzen Rest) und beheizte Wohnungen haben die feuchten Höhlen ersetzt. Jetzt, wo die Überlebenssicherung nur noch einen Bruchteil unserer Zeit beansprucht, könnten wir uns dem widmen, was uns wirklich im Leben bereichert: Freunde treffen, Berge besteigen, reisen, Wein trinken, Bücher lesen, Bücher schreiben und was auch immer. So hätten es die Hedonisten gemacht – wieder eine philosophische Strömung der Antike. Carpe diem.

Stattdessen gehen wir 40-Stunden-Jobs nach, die uns nicht erfüllen, und wenn jemand von einer 20- oder 30-Stunden-Woche spricht, beschimpfen wir ihn als Hippie. Wir verbringen Tage, da ist der Gang zum Supermarkt die einzige Abwechslung. Und anstatt in Augenblicken, wo wir uns lebendig fühlen, einmal innezuhalten und uns zu überlegen, was es ist, das uns gerade so lebendig fühlen lässt, verlassen wir uns lieber darauf, mithilfe von Therapeuten den frühkindlichen Ursprüngen unseres Unglücks nachzuspüren. Sogar dann, wenn wir genau wissen, was eigentlich unser Ding ist, entsprechen wir aus Bequemlichkeit lieber weiterhin den Erwartungen anderer.

Informationsflut hin oder her, es sieht tatsächlich so aus, als wäre uns der Blick für das große Ganze, für das „big picture“, abhandengekommen. Die Seuchen, Waldbrände und Vergiftungen, die nicht zufällig immer dort grassieren, wo wir uns am meisten gegen andere Lebewesen schuldig machen, sind eine unverhohlene, aber relativ freundliche Erinnerung daran. In Zukunft wird es noch schlimmer kommen.

Erst durch Gelassenheit schafft der Stoiker die nötige Distanz, um die eigene Verantwortung wahrzunehmen.

Ataraxie – die Seelenruhe – scheint angesichts dessen ein Egoprojekt zu sein. In Wirklichkeit könnte aber gerade das stoische Ideal die Rettung sein. Den Stoikern ging es um Gelassenheit, aber in welchem Sinne? Den Müllkübel verfehlen und das Papier nonchalant liegen lassen, das ist nicht stoisch. Ein Stoiker hebt das Papier auf, weil er sich als Teil eines großen Ganzen begreift. Er – oder sie – nimmt Haltung an und ermahnt auch den, der neben ihm das Papier liegen lässt. Er schimpft aber nicht auf norddeutsche Art, wenn der Müllkübel überquillt. Denn erst durch Ruhe und Gelassenheit schafft der Stoiker jene Distanz, die es ihm erlaubt, die eigene Verantwortung in der bestehenden Weltordnung wahrzunehmen und den Blick von den kleinen Ärgernissen wie einem Lockdown oder einer Virus-Mutation auf die großen Zusammenhänge – die systematische und mutwillige Vernichtung von Umwelt und Mitlebewesen durch den Menschen – zu richten.

Stoische Gelassenheit ist keine Apathie. Sie ist Anteilnahme, aber ohne Selbstverlust. Engagement, aber ohne Mitleid. Der spätrömische Kaiser Mark Aurel, der selbst Stoiker war und in seiner Amtszeit eine Pestepidemie handhaben musste und für die Verbesserung der Rechte von Frauen und Sklaven im römischen Reich sorgte, begründete die stoische Verantwortung mit zeitlosen Worten:

„Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten. Nahezu nichts ist sich fremd. Alles Geschaffene ist einander beigeordnet und zielt auf die Harmonie derselben Welt. Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, der alles durchdringt, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft, allen vernünftigen Wesen gemein.“

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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