Anzeige
Kommentar zur Brasilien-Wahl

Was die Presse verschwieg

Jair Bolsonaro, Brasiliens Wahlsieger, ist ein Faschist. Doch wer war es, der ihn erfolgreich machte? Ein Lehrstück über die Verfehlungen der Linken.

antifa-aus-angst-bolsonaro-276861.jpg

Junge Frau bespuckt ein Bolsonaro-Plakat

Bild: Pexels

Er liebt Gott, aber nicht dessen Schöpfung. Jair Bolsonaro, Brasiliens nächster Präsident, gibt sich religiös. Gleichzeitig will er Umweltagenturen schließen lassen und neue industrielle Großprojekte im Regenwald starten. Der indigenen Bevölkerung will er weniger Land überlassen. Er preist die Militärdiktatur und fordert mehr Waffen für die Bevölkerung. Die Folter will er wieder einführen. Und seine Kinder habe er gut erzogen, damit sie nicht schwul werden oder sich in eine schwarze Frau verlieben.

Die Liste der radikalen Pläne Bolsonaros ließe sich noch weiterführen. In der Presse herrscht weitgehend Konsens, dass der zweite Wahlgang am vergangenen Sonntag in einer Katastrophe geendet hat. Mit 55 Prozent, also durchaus knapp, setzte sich Jair Bolsonaro von der rechtspopulistischen Sozialliberalen Partei (PSL) in der Stichwahl gegen seinen Gegenkandidaten Fernando Haddad von der gemäßigt linken Arbeiterpartei (PT) durch. Somit wird Bolsonaro bis 2022 die Geschicke seines Landes bestimmen. Wahrscheinlich noch darüber hinaus. Sein Versprechen, das Schicksal Brasiliens zu ändern, löst bei vielen Brasilianern – vor allem bei Homosexuellen und bei Indigenen – allerdings düstere Befürchtungen aus.

Jeder Bericht liefert neue Fakten als Bestätigung dafür, dass Jair Bolsonaro ein schrecklicher Mensch ist und Brasilien Böses antun wird.

Die Frage ist nur: Wie konnte es so weit kommen? Die zuletzt vielpublizierten Ansammlungen an Horrorzitaten, die Bolsonaro zugeschrieben werden, können darauf keine Antwort geben. Lange musste ich recherchieren, die Presselandschaft durchforsten, um nicht nur auf Betroffenheit und Verurteilungen, sondern auch auf Hintergründe und Analysen zu stoßen. Die Ergebnisse der Suche waren spärlich. Jeder Bericht, jeder Kommentar liefert neue Fakten als Bestätigung dafür, dass Jair Bolsonaro ein schrecklicher Mensch ist und Brasilien Böses antun wird. Umso drängender wird dabei die Frage: Warum haben die Brasilianer ihn gewählt? Welche Brasilianer waren das?

Aus Mangel an journalistischen Alternativen wandte ich mich an brasilianische Bekannte. Sie leben schließlich dort und wissen aus erster Hand zu berichten. Was ich erfuhr, erklärte nicht nur das Rätsel, warum Bolsonaro so erfolgreich war, sondern vermutlich auch, warum es so schwierig ist, in unserer linksliberalen Presselandschaft Berichte darüber zu finden. Die schwierige Praxis der Selbstkritik wäre dann notwendig.

Jair Bolsonaros unaufhaltsamer Aufstieg begann schon 2014, als er noch gar nichts davon wusste und seine jetzige Partei eine bedeutungslose Mikropartei war. Damals begann Brasiliens Staatsanwaltschaft, einen beispiellosen Fall struktureller Korruption aufzudecken. Die Operation „Lava Jato“ (Operation Autowäsche) enttarnte ein System von Korruption und Geldwäsche, das alle damals mächtigen Parteien involvierte und bis in die Spitzenpositionen der brasilianischen Politik reichte. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff wurde ihres Amtes enthoben. Ihr Vorgänger Lula Da Silva kam hinter Gitter. Ebenfalls Freiheitsstrafen erhielten mehrere Minister. Und auch gegen Rousseffs Nachfolger Michel Temer, der bis jetzt Regierungschef war, wurden Korruptionsvorwürfe erhoben.

Die Korruptionsaffäre nahm ein ungekanntes Ausmaß ein und ist wahrscheinlich nur mit der Operation „Mani Pulite“ vergleichbar, die Anfang der 90er-Jahre in Italien das berüchtigte Korruptionssystem „Tangentopoli“ aufdeckte. Ähnlich wie in Brasilien waren alle traditionellen Parteien involviert, von Democrazia Cristiana bis zum Partito Socialista Italiano. Beide Parteien verschwanden im Zuge des Skandals, sie hatten sich selbst ausgelöscht. Es war das Ende der sogenannten Ersten Republik, und was dann folgte, war Berlusconi.

Generell wurde die Wahl als eine Entscheidung zwischen Teufel und Satan wahrgenommen.

Eine ähnliche Selbstauslöschung der traditionellen Parteien vollzieht sich gerade in Brasilien. Mit dem Unterschied, dass die Folgen weitaus schlimmer als Berlusconi sein könnten. Gleichzeitig sind viele Brasilianer, auch die gemäßigten, davon überzeugt, dass Bolsonaro gar nicht das schlimmste Übel sei. Generell wurde die Wahl als eine Entscheidung zwischen Teufel und Satan wahrgenommen. Fernando Haddad, der Gegenkandidat der gemäßigt linken Arbeiterpartei, hat sich nie für die Verfehlungen seiner Parteikollegen entschuldigt. Stattdessen verteidigt er die zerstörerische Politik Maduros in Venezuela und setzt auf ein Wahlmotto, das in seiner Naivität und angesichts der Korruptionsaffäre fast schon zynisch wirkt: O povo feliz de novo (Das brasilianische Volk wieder glücklich).

Doch die abgehobene Weltfremdheit, die Arroganz der politischen Elite und die Blindheit für die eigenen Verfehlungen strafen viele aufgebrachte Brasilianer nun ab. Dass viele korrupte Politiker ins Gefängnis kamen, war ein Sieg des demokratischen Rechtsstaats. Dass die korrupten Parteien nun ganz verschwinden, soll als Errungenschaft der brasilianischen Wähler gelten.

Dass dies auf Kosten eben jenes Rechtsstaates geht, wenn ein Mann wie Bolsonaro an die Macht kommt, ist vielen noch nicht klar. Offensichtlich sieht ein Großteil der Brasilianer in ihm die Zukunft des Landes. Man kann es sich auf vielerlei Weise erklären: die Zerstörungswut der hintergangenen Bürger, die fehlende Bildung, der Frust über die zunehmende Armut, der Konservatismus der brasilianischen Gesellschaft. Aber ein Hauptgrund ist in jedem Fall das Betragen der bisher herrschenden Parteien. Ihre abgehobene Sprache. Ihr Unvermögen zur Selbstkritik. Ihre Entfernung zu den realen Bedürfnissen der Menschen. Elemente, die einen daran denken lassen, warum auch hierzulande die traditionellen Parteien – vor allem das Mitte-Links-Lager – weiter an Glaubwürdigkeit und Wählerstimmen verlieren.

Anstatt Verantwortung zu übernehmen und selbstkritische Fragen zu stellen, zeigt man jetzt wieder auf den grobschlächtigen Faschisten, der eine Wahl gewonnen hat. Und der Zeigefinger muss sich gar nicht erst weit strecken. Matteo Salvini hat keine Minute gezögert, um an Bolsonaro seinen herzlichsten Glückwunsch auszurichten: Auch das brasilianische Volk habe die Linken endlich nach Hause geschickt.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

Drown

Ihre Musik erinnert an die 70er- und 80er-Jahre. Im neuen Video singen Madax über das Gefühl, in den Sorgen des Alltags zu ertrinken – und legten dafür sogar einen Tauchgang hin.
 | 
40 Wochen

Willkommen in Neuland

Mit Mutterpass, Youtube und einer Hebamme breche ich auf zur längsten Reise meines Lebens.
0    
 | 
Nachhaltiger Tourismus

Urlaub mit Idealen

Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet? Muss nicht sein. Wie nachhaltiger Tourismus gelingen kann.
0    

Rise up

Reggae-Sounds und Feuerkünstler: Das neueste Musikvideo von Shanti Powa Sänger Berise wurde zu Neujahr in London aufgenommen.
 | 
Interview mit Karl Friedrich von Pfeil

Das Erbe eines Völkermords

Karl Friedrich von Pfeil denkt in seiner Drittheimat Südtirol an seine Zeit in Namibia zurück. Ein Interview übers Schafezüchten in einem durch Kolonialismus geprägten Land.
0    
Anzeige
Anzeige
Anzeige