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Gedanken zur Kuh-Debatte

Viele Kühe machen Mühe

Über die Aufregung um Bär und Wolf wird gern vergessen, dass eines der gefährlichsten Tiere unserer Alpenwelt noch immer die Kuh ist. Eine Vorstellung, die uns schwerfällt – mit fatalen Folgen.

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Bild: Robert Bye, Unsplash

Sie gehören zu unserer Bilderbuchidylle: Sanfte Rinder mit lieblich bimmelnden Glocken, die auf saftigen Almwiesen weiden. Große, freundliche Augen, die entspannt in die Sonne blinzeln, ein dunkles, gemütliches Muhen, das aus tiefster Kehle steigt. Gutmütig, geduldig, lieb, so stellen wir uns Kühe vor. Aber sie können auch anders. Das wissen zuallererst natürlich die, die am engsten mit ihnen zu tun haben: die Viehbauern. Ein kräftiger Huftritt, ein Stoß mit dem großen Kopf, ein Rempler mit dem massigen Körper – schnell hat sich der Mensch ein paar Knochen gebrochen. Wenn es um die Zahl von Verletzten oder gar Toten pro Jahr geht, ist die Kuh gefährlicher als der Weiße Hai. 

Für die meisten von uns bleibt die Begegnung mit Kühen freilich auf jene Tage beschränkt, an denen uns strahlende Wetterverhältnisse in die Berge locken. Zahlreiche Almwege gehen nicht an Weidegründen vorbei, sondern mitten durch sie hindurch. Für viele Wanderer bietet genau dies einen weiteren Anreiz: Kühe sind für viele ein willkommener, ein erfreulicher Anblick. Doch auch in einer scheinbar friedlich grasenden Rinderherde können Gefahren lauern: Manche Muttertiere sehen in den „Eindringlingen“, die ihre Herde durchqueren, eine Bedrohung für ihre Kälber. Das kann für den Wanderer ungemütlich werden – und in seltenen Fällen sogar lebensgefährlich. Die mittlerweile weit etablierte Mutterkuhhaltung hat die Kühe eigenständiger, wilder und unberechenbarer gemacht. Sie gebären allein in der freien Natur und versorgen ihr Neugeborenes selbst. So begrüßenswert diese Entwicklung auch sein mag, sie führt auch zu einem aggressiveren Verhalten der Kühe gegenüber „Bedrohungen“ von außen – oder was sie dafür halten. 

Ich selbst habe vor einigen Jahren in der Schweiz eine beklemmende Erfahrung auf einem Waldwanderweg gemacht. Schon wenige Meter nach dem Holztor, das den Beginn der „Rinderzone“ markierte, stellten sich einige Kühe bedrohlich vor mich hin. Eine stampfte nachdrücklich mit dem Fuß auf. „Keinen Schritt weiter“, sollte das wohl heißen. Es gab aber keinen anderen Weg durch den Wald als diesen. Ich musste mich entscheiden, ob ich die Wanderung abbrechen oder das Risiko auf mich nehmen wollte. Ich kehrte um. Eine befreundete Bäuerin bestätigte mir später, dass dies die richtige Entscheidung gewesen war. 

Seit damals bin ich kaum noch auf Almen unterwegs gewesen. Trotzdem kam es noch einmal zu einer ungemütlichen Begegnung mit Kühen: auf dem Tartscher Bühel. Wir waren zum St. Veits-Kirchlein hinaufspaziert (wandern kann man das nicht nennen), und als wir an der Kirchmauer friedlich auf der Bank saßen, stand plötzlich eine Kuh vor uns und stampfte mit dem Fuß auf – völlig unprovoziert. Falls Sie jetzt bei dieser Vorstellung lachen, zeigt das nur, dass Sie so etwas noch nie erlebt haben. Wenn ein so wuchtiges Tier wie eine Kuh sich frontal vor einem aufbaut und mit dem Fuß stampft, wird einem ordentlich blümerant, das dürfen Sie mir glauben. Wir sind dann langsam den Hügel hinuntergestiegen, den bohrenden Blick dieser bedrohlichen Kuh im Nacken. Passiert ist nichts, aber ich denke bis heute, dass wir Glück hatten. 

Seit wir einen Hund haben, ist das Risiko noch größer geworden. In Zernez, wo wir wohnen, sind die Weidegründe mit Elektrozäunen abgetrennt. Das war schon öfter die Rettung, denn mehr als einmal ist eine Kuh oder sogar eine kleine Gruppe von Kühen auf unseren Hund zugerast und erst kurz vor dem Zaun stehengeblieben. Kurz und gut – ich bin nicht unbedingt scharf auf eine Begegnung mit Kühen. So herrlich die Alpenwelt auch ist: Solange die Wanderwege mitten durch Rinderherden hindurchführen, halte ich mich von ihnen fern. 

Es ist schwer, den Kühen auszuweichen, wenn sie wortwörtlich mitten auf dem Weg liegen.

Vor einigen Jahren war ich mit einer Gruppe von Theatermenschen unterwegs zum Nenzinger Himmel in Vorarlberg. Alle freuten sich auf die bevorstehende Almwanderung – nur mir war mulmig. Ich bekannte, mich vor Kühen zu fürchten. Das Gelächter, das ich für diese Aussage erntete, kränkt mich heute noch. Kühe, belehrte man mich, seien friedliebend und sanft. Ich erwiderte, dass es genügt, wenn in einer Herde von vierzig friedliebenden Kühen nur eine einzige einen schlechten Tag hat. 

Es folgten selbstverständlich all die guten Ratschläge, die man so hört: „Du darfst eben nicht zu den Kühen hingehen“. Als ob ich das jemals getan hätte. Aber es ist schwer, den Kühen auszuweichen, wenn sie wortwörtlich mitten auf dem Weg liegen. Andere meinten, Kühe müsse man nur ansprechen oder mit einem Stock verscheuchen. Ob es tatsächlich so klug ist, als unerfahrener Mensch vor angespannten Kühen mit einem Stock herumzufuchteln, bezweifle ich. 

Für die Wanderung mit dem Hund kam der Tipp: „Du musst ihn von der Leine lassen, dann rennt er schon davon.“ Leider nein! Mein Hund ist ein Angsthase. Wenn Gefahr droht, bleibt er schön da, wo er sich sicher fühlt, nämlich direkt an meiner Seite. Im Übrigen hat man als Hundebesitzer bei Bergwanderungen nur die Wahl zwischen Übeln. Lässt man den Hund an der Leine, riskiert man die Attacke rasender Rindviecher. Lässt man ihn von der Leine, riskiert man die Attacke rasender Rindviecher – in Menschengestalt. Die Wahrheit ist: Der Mensch mit Hund braucht gar nicht erst in die Berge zu wandern, denn dort droht ihm nur Unbill. 

Ich halte mich an diese unausgesprochene Regel und nehme in Kauf, dafür belächelt zu werden. Was mich mehr stört als die selbstgerechte Herablassung einiger selbsternannter Wander- und Kuhexperten, ist etwas anderes. Nämlich das Unausgesprochene. Ich wünsche mir einen ehrlichen Umgang mit wanderwilligen Touristen und Einheimischen. 

Das Image der Kuh ist durch Werbeprospekte und -filmchen so sehr manipuliert worden, dass viele nur noch herzige Kuscheltiere sehen, wenn sie auf die Alm kommen.

Ich halte es für unlauter, den Leuten vorzugaukeln, auf der Alm erwarte sie ungetrübte Bergidylle. Man darf nicht unterschätzen, dass viele weite Anfahrtswege auf sich nehmen, um allein, mit Freunden oder mit der Familie ein schönes Naturerlebnis genießen zu können. Die Internetauftritte der Berggebiete verheißen atemberaubende Aussichten, glitzernde Bergseen, blühende Almwiesen, vielleicht sogar den einen oder anderen Blick auf scheue Wildtiere. Mit keinem Wort wird die Gefahr erwähnt, der man sich aussetzt, wenn man mitten durch Weidegebiete geht.

Dass die Begegnung mit Tieren immer mit Risiken verbunden ist, vor allem wenn sie so groß und wuchtig sind wie Kühe, sollte zwar jedem klar sein, doch das Image der Kuh ist durch Werbeprospekte und -filmchen so sehr manipuliert worden, dass viele nur noch herzige Kuscheltiere sehen, wenn sie auf die Alm kommen. Sollte aber tatsächlich etwas passieren, ist natürlich der Wanderer selbst schuld. Die Frau, die 2014 ihr Leben durch eine Kuhattacke verlor, war sicher der Meinung, es richtig zu machen. Ihr Hund war gewissenhaft angeleint, zur Sicherheit sogar am Körper fixiert – diese Art des Anleinens ist seit einigen Jahren weit verbreitet, da sich so Menschen, die sich vor Hunden fürchten, bei einer Begegnung sicherer fühlen. „Wie soll die kleine Frau den großen Hund halten?“ – Den Spruch haben Sie vielleicht auch schon mal gehört. 

Im Zusammenhang mit der Kuhherde war das Anleinen des Hundes freilich genau das Falsche. Hätte die Frau den Hund losgelassen (loslassen können), wäre das tragische Ende vielleicht zu verhindern gewesen. Aber wer weiß? Wenn der Hund, so wie meiner, sich weiterhin an die Besitzerin gehalten hätte? Wenn die Kühe beim Vorbeirasen die Frau trotzdem erfasst hätten? Spekulationen, die uns nicht weiterhelfen. 

Letztlich wird also alles auf die Eigenverantwortung des Einzelnen geschoben. Das ist nicht redlich. Wieso sollte der Wanderer ein Experte für Nutztiere sein? Wie kann man ernsthaft glauben, mit einem Hinweisschild und einem knackigen Erklärvideo sei alles getan? Aber auch den Bauern den Schwarzen Peter zuzuschieben, ist indiskutabel. Für die Duldung der Wanderer auf ihren Wegen zahlen sie einen zu hohen Preis, wenn sie nun auch noch die Verantwortung für deren Sicherheit übernehmen sollen. Anders steht die Sache freilich, wenn die Kühe sich nicht auf dem Privatbesitz der Bauern, sondern auf öffentlichen Wanderwegen breit machen. Hier sind Konflikte unvermeidlich und müssen ernsthaft angegangen werden (dieses Szenario liegt übrigens auch dem kürzlich ergangenen, umstrittenen Kuh-Attacken-Urteil in Tirol zugrunde). Anders als bei Wildtieren wie Hirsch, Bär und Wolf kann man Kühe sehr wohl eindeutig lokalisieren und so die Risiken bei einer Begegnung minimieren. Denn auch das wird in der Debatte gerne vergessen: Ein Nutz- oder Haustier obliegt der Verantwortung seines Besitzers. Streunende Hunde, die Schafe reißen, mögen ihrem Instinkt folgen – das nimmt aber die Besitzer nicht aus der Pflicht. Wieso sollte es bei Kühen anders sein?

Ich plädiere für Wahrhaftigkeit. Warum scheut man sich davor, die Karten auf den Tisch zu legen? 

Die Kommunikation zwischen Landwirten, Wanderern und Touristikern muss pragmatischer werden.

Liebe Wanderer, auf unseren Almen gibt es wunderschöne Plätzchen. Die Wege zu einigen dieser Plätzchen führen aber teilweise mitten durch uneingezäunte Weidegebiete hindurch. Es gibt keine Möglichkeit, diese zu umgehen. Die Begegnung mit Kühen verläuft meist harmlos, doch es gibt Situationen, die risikoreicher sind. Ziehen Sie in Erwägung, gegebenenfalls umzukehren, falls Sie bemerken, dass die Kühe angespannt sind. Wenn Sie einen Hund haben, sollten Sie diese Wanderwege am besten ganz meiden. Wenn Sie sich auf Privatwegen befinden, benutzen Sie diese auf eigene Gefahr. Wenn Sie irgendwo wandern möchten, wo Sie kein Weidegebiet durchqueren müssen, empfehlen wir Ihnen die folgenden Ausflugsziele …

Zugegeben, sehr charmant ist es nicht, ein Umdrehen kurz vor dem Ziel zu empfehlen, und es mag Touristen geben, die angesichts solcher Aussichten auf einen Ausflug ganz verzichten, aber das wäre zumindest eine aufrichtige, transparente Kommunikation. Das Risiko wird benannt und es werden Alternativen aufgezeigt. 

Stattdessen setzt man weiterhin auf die altbewährte Methode: Die Wanderer mit schönen Versprechungen ködern und dann einfach das Beste hoffen. 

Die Kommunikation zwischen Landwirten, Wanderern und Touristikern muss pragmatischer werden. Nicht Wunschvorstellungen und Verharmlosung, sondern offenes Benennen von Risiken und Interessenskonflikten sollten an der Tagesordnung stehen. 

Vereinzelt gibt es bereits gute Ansätze dazu. Diese sollten verstärkt und erweitert werden. Die derzeit so hitzig geführte Debatte bedarf dringend einer Abkühlung. Dass eine Lösung zur allseitigen Zufriedenheit nicht einfach zu finden sein wird, verstehen schon die kleinen Kinder. Die wissen nämlich im Gegensatz zu manchen Erwachsenen ganz genau: Eine Kuh macht muh. Viele Kühe machen Mühe. 

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