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Kommentar zur Test-Aktion

Testa dura

Testen oder nicht testen? Unsere Autorin Barbara Plagg räumt alle Zweifel aus dem Weg. Und enthüllt endlich den geheimen Sinn der Corona-Kampagnen.

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Bild: Landespresseamt Südtirol

Es gibt ja eine ganze Reihe von Dingen, die seit März unzumutbar sind: Die isolierten Seniorenheimbewohner*innen, das einsame Sterben, die geschlossenen Bildungsinstitutionen, die unterversorgten Krebspatient*innen, die zunehmende häusliche Gewalt — und, und, und. Aber zwischen all diesen unzumutbaren Situationen gibt es eine, die absolut zumutbar ist: Sich mit einem Stäbchen in der Nase popeln zu lassen. Und das Gute an der zumutbaren Sache ist, dass sie bei Erfolg die unzumutbaren Zustände potenziell etwas abpuffern könnte. Der Test wird nämlich nicht gemacht, damit man Ihnen heimlich einen Mikrochip in den Frontallappen schießen und Bill Gates hernach aus Ihrem Popel in einer chinesischen Petrischale COVID-20 ziehen kann, sondern damit Sie — falls Sie positiv sind — nicht munter weiter durch die Weltgeschichte gondeln und versehentlich Ihre Arbeitskollegin ins Grab bringen. Denn dass Sie selbst asymptomatisch sind, ist ja ganz nett für Sie, aber eventuell nicht so nett für die herzkranke Nachbarin.

Ja, ich höre Sie schon, das bringt doch alles nichts, der unklare Ablauf, das rechtliche Bürokratiecasino mit der Selbstisolierung und dem Kontaktpersonensuchen, mittelaussagekräftige Querschnittsaufnahme, der Datenschutz, die Angst, dass der Hintermann seinem Vordermann in der Warteschlange ins Genick niest und ja, Sie haben Recht, das gilt es alles zu bedenken. Aber die Schwachstellen, die kann man im Moment tatsächlich einfach mal hinnehmen: Denn sie stehen in keiner Verhältnismäßigkeit zum Nutzen, den das erfolgreiche Identifizieren von Infizierten bringen kann. Und auf dem Weg zum Erfolg, nun, da ist die größte Schwachstelle nicht der Ablauf oder der Test, sondern tatsächlich SIE selbst. Denn das Testen macht nur Sinn, wenn so viele wie möglich und besonders auch die ganzen Testardi mitmachen, sonst wird’s für alle dura. Wenn nur die mitmachen, die eh schon für die ganze Chose sensibilisiert sind, dann wird ab morgen massenhaft umsonst gepopelt und Müll produziert.

Die Massentestung ist bei Erfolg ein kleiner Win-Win für alle in diesem Lose-Lose-2020.

Das Allerallerbeste am Test ist allerdings, dass er nachgewiesenermaßen sowohl für Coronaleugner*innen („Es gibt gar kein Coronavirus und deswegen stirbt auch keiner.“) als auch bei Coronahardliner*innen („Es gibt nur noch Corona und die Krebskranken sollen gefälligst auf ihre Chemo und die Kinder auf ihre bestmöglichste Entwicklung verzichten, damit ich nicht sterben muss.“) funktioniert: Sind Sie Coronaleugner*in, dann machen Sie diesen Test einfach nicht wegen Corona, sondern wegen der Lockdown-Maßnahmen, damit Sie bald wieder in größerer Gesellschaft legal über die Lügenpresse schimpfen können. Sie brauchen auch keine Quarantäne zu fürchten, Ihr Test wird sowieso negativ sein, weil es Coronaviren ja nicht gibt. Sind Sie hingegen Coronahardliner*in, dann machen Sie den Test wegen des eigenen Infektionsstatus und nicht wegen der Maßnahmen, damit Sie immerhin wissen, dass Sie heute (vermutlich) noch nicht (jedenfalls zumindest nicht an oder mit SARS-CoV-2) sterben werden. Weil der Test schneller und günstiger als das Testamentschreiben ist, gilt es also, das Angebot einer Gratistestung zu nutzen (bis der Hardliner seinen Infektionsstatus stündlich selbst zuhause mit Home-Kits überprüfen kann, wird es vermutlich noch ein bisschen dauern).

Wenn Sie hingegen zu keiner der beiden Kategorien gehören, aber nur mehr mittelmäßig motiviert sind herauszufinden, welche pfiffige Coronakampagne¹ sich das Land wohl in der nächsten Woche wieder für uns ausdenken wird, dann hangeln Sie sich einfach entlang am olympischen Gedanken „Dabeisein ist alles“ zur Teststation hin, und an der alten Südtiroler Bauernregel „Hilft’s nix, schodet’s nix“ nachher wieder zurück nach Hause. Der Gang zum Test ist übrigens verglichen mit dem ganzen Quatsch, den Sie sonst so für Ihre Gesundheit ohne gesicherte Evidenzlage einwerfen, einschmieren und inhalieren, mit einer akzeptablen Sensitivität und Spezifität nicht umsonst.

Kurzum: Die Massentestung, die sich bestimmt keine*r gewünscht hat, ist bei Erfolg ein kleiner Win-Win für alle in diesem Lose-Lose-2020. Und zwar für die, die nur noch Corona sehen, für die, die es nicht tun, für die, denen inzwischen schon alles egal ist und vor allem für all jene, die darauf angewiesen sind, dass wir sie schützen: immunsupprimierte, vorerkrankte Personen und ältere Menschen zum Beispiel. Es wäre außerdem wünschenswert, wenn wir nicht länger Menschen mit Beeinträchtigungen, Kinder und Seniorenheimbewohner*innen wie im dunkelsten Mittelalter wegsperren müssten, weil wir die Kontrolle über Virus und Würde inzwischen komplett verloren haben, deswegen schiebe ich persönlich mir dieses Stäbchen zur Not gerne auch noch ein Dutzend mal mehr freiwillig in meine Nase. Letztlich hat man nämlich besser ein Stäbchen in der Nase, als die Lunge im Arsch — und das ganze gesellschaftliche Leben mit dazu.

 

 

¹ Einzeln betrachtet scheinen die unterschiedlichen Kampagnen möglicherweise stümpferhaft, aber zusammengenommen ergeben sie endlich Sinn – und einen genialen Kinderreim:

Südtirol #holtetzom*
#ibleibvorsichtig, weil i sell konn,
wir #startenneu, doch leider fehl**
und kriegen deshalb den Befehl,
#jetztalle bevor’s erneut #zuspät***
#ibindabei und #teste was geht,
und #resto ansonsten wieder #zuhaus’
– nur Covy tut es nicht,
und Conny kickt dich**** raus.

* an den Händen fassen
** entsetzt die Hände loslassen
*** Hände desinfizieren, auf Abstand gehen und kontrollieren, ob die Maske sitzt
**** mit dem Zeigefinger auf Risikopersonen, Kettenraucher*innen oder verängstigte Kinder zeigen

 

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