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Kommentar zum Rassismus

Steinewerfende Afrikaner

Die Freiheitlichen beklagen „umgreifende Afrikanergewalt“. Nichts Neues im Inhalt, aber die Offenheit des Rassismus übertrifft alles bisher Gewesene.

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Gewalt als eine "kulturelle" Eigenschaft des Schwarzafrikaners: so zumindest die Sicht der Freiheitlichen.
Lizenz: CC by-sa (bearbeitet)
Bild: "Muhammad Ali fights Brian London on August 6 1966" - PA

„Afrikanergewalt greift um sich”, betitelte Ulli Mair neuerdings eine Presseaussendung. Üblicherweise vermeide ich es, solches Zeug zu lesen, geschweige denn darüber zu schreiben. Aber dieser Titel war nun doch zu krass, zu apokalyptisch, um ihn einfach zu ignorieren. Gewalt, die um sich greift: Werde bald auch ich von einem Afrikaner erschlagen? Unwillkürliche Synapsenschlüsse ergeben sich im Kopf des Lesers, der Titel bedient alle emotionalen Knöpfe und niederen Instinkte, über die man Menschen normalerweise nur im Kino erreichen will: ausufernde Gewalt, Untergangsszenarios, die Bedrohung durch etwas Fremdes und Unbekanntes.

Ich war also neugierig, zu erfahren, was nach einem solchen Titel noch folgt, und habe den Text gelesen. Dabei lag ich mit meiner ursprünglichen Befürchtung gar nicht so falsch: Am Ende fühlt man sich tatsächlich erschlagen. Nicht von einer tollwütigen „Afrikanerbande”, sondern von verschwiegenen Fakten und maßlosen Übertreibungen, die sich in dieser kurzen Pressemitteilung finden. Wer die folgende Presseaussendung geschrieben hat, erhielt bei den letzten Landtagswahlen gute 18 Prozent der Südtiroler Wählerstimmen. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man den Text liest. Hier wird er noch einmal wiedergegeben und abschnittsweise kommentiert.

Afrikanergewalt greift um sich

Die „kulturelle Bereicherung“ kann lebensgefährlich werden.

Die ironische Bemerkung unter Anführungszeichen soll wohl ein Seitenhieb auf die sogenannten Gutmenschen und ihre blinde Willkommenspolitik sein: Was sie als „kulturelle Bereicherung” empfinden, sei eine Bedrohung durch Gewalt und Kriminalität. In Wirklichkeit empfindet niemand Gewalt als kulturelle Bereicherung, aus dem einfachen Grund, dass Gewalt immer zu verurteilen ist und niemals ein kultureller Wert sein kann. Doch die Autorin des Textes macht genau das: Sie setzt hier Gewalttätigkeit mit einer „kulturellen” Eigenschaft der Einwanderer gleich. In anderen Worten: Es gehört zur Kultur des Afrikaners, gewalttätig zu sein.  

Die freiheitliche Fraktionssprecherin im Südtiroler Landtag, Ulli Mair, wurde Zeugin einer gewalttätigen Attacke seitens eines Schwarzafrikaners in Bozen. Der junge Mann, wahrscheinlich unter Suchtmitteleinfluss stehend, warf einen Stein auf das Fenster einer Wohnung, am welchen sich gerade eine Person befand. Derartige Szenen machen deutlich, dass die „kulturelle Bereicherung“ lebensgefährlich für die einheimische Bevölkerung wurde.

Der Vorfall ist sehr bedauerlich. Es ist aber interessant, wie versucht wird, das ohnehin schon schreckliche Geschehen aufzubauschen. Hat Ulli Mair dem Schwarzafrikaner eine Blutprobe entnommen, dass sie auf „Suchtmitteleinfluss” schließen kann? Weiß sie, dass der Mann am Fenster ein Einheimischer ohne jegliche Verbindung zum Steinwerfer war, um von einer Lebensgefahr (!) „für die einheimische Bevölkerung” sprechen zu können? 

„Menschen, die verfolgt wurden, auf der Flucht waren und Schutz gefunden haben, benehmen sich nicht wie die vielen gewaltbereiten Afrikanerbanden in Bozen. Sie verhalten sich asozial, gehen kriminellen Machenschaften nach und haben keine Hemmschwelle für Gewaltausbrüche. Unzählige Male wurden einheimische Bürger Opfer dieser Gruppen  (...)”, kritisiert Ulli Mair in einer Aussendung. „Nicht nur Bozen leidet unter diesen Afrikanerbanden, die marodierend umherziehen und Bürger anpöbeln. Die öffentliche Sicherheit leidet und die Freiheit vieler Bürger wurde aufgrund der illegalen Masseneinwanderung massiv eingeschränkt“, so Mair. „Nur dank des schnellen und effizienten Eingreifens beim Steine werfenden Afrikaner durch die Staatspolizei konnte Schlimmeres verhindert werden. Die Bürger leben in Angst und haben kein Verständnis mehr, dass gewaltbereite Ausländer nicht abgeschoben werden und stattdessen die Polizeikräfte stets aufs Neue herausfordern“, unterstreicht Mair.

Die Forderung, dass jene Minderheit an Immigranten, die gewalttätig auffällt und offenbar wenig Integrationsbereitschaft mitbringt, abgeschoben werden soll, ergibt zunächst Sinn. Doch wie soll das erreicht werden? Solange keine bilateralen Abkommen mit den Herkunftsstaaten existieren, kann nicht abgeschoben werden, allein, weil es rechtlich nicht möglich ist. Solange man nicht regiert oder nur eine kleine Regionalpartei ist, kann man ohne weiteres solche Märchen erzählen. Innenminister Matteo Salvini wird hingegen bald in Erklärungsnot geraten, warum „Mandiamoli a casa” auch für ihn nicht so leicht funktioniert. Statt die eigenen Wähler zu betrügen, wäre es daher angebrachter, sich zu überlegen, wie bilaterale Abkommen zustande kommen könnten und welche realistischen Alternativen es zur sofortigen Abschiebung gibt.

„Besonders Personen aus Afrika und dem arabischen Kulturkreis fallen überdurchschnittlich negativ auf. Diese Situation darf nicht weiter toleriert werden (...)“

Hier werden die statistischen Daten, wahrscheinlich zu manipulativen Zwecken, völlig fehlinterpretiert. Es stimmt, dass in Polizeistatistiken die Kriminalitätsrate unter Immigranten höher als bei Einheimischen ist. Darauf haben viele Faktoren einen Einfluss, die Freiheitlichen nennen aber als einzigen Faktor die Herkunft. Als läge die Kriminalität dort in den Genen (diese Auffassung ist übrigens genau das, was man Rassismus nennt). Dabei ist längst bekannt, dass das „Negativ Auffallen“ weniger mit der Herkunft der Täter und vielmehr mit dem männlichen Geschlecht, dem jungen Alter und vor allem mit schwierigen sozialen Verhältnissen zusammenhängt. Alle diese Faktoren sind unter Immigranten nunmal häufiger anzutreffen als unter der einheimischen Bevölkerung, die älter ist, einen höheren Frauenanteil hat und sozial meist gefestigt und abgesichert ist. Will man kriminelles Potential wirklich bekämpfen, dann geht es also vielmehr darum, den Menschen, die tatsächlich hier bleiben können, eine Perspektive zu geben (z. B. Arbeitserlaubnis, Reduktion der Wartezeiten auf Asylbescheid …).

„Obwohl bereits jetzt die Situation mit den Illegalen, Asylwerbern und Glücksrittern aus dem Ruder läuft, hält die Landesregierung daran fest, die Südtiroler Gemeinden mit weiteren Asylunterkünften zu überziehen. (...) Nach den jüngsten Vorfällen muss vielmehr die Schließung und der Rückbau dieser Strukturen ins Auge gefasst werden, als immer neue Unterkünfte zu eröffnen“, so Mair abschließend.

Und mit den Unterkünften würden dann auch die Insassen verschwinden? Nein, die leben dann auf der Straße und wären obdachlos. Das steht dem selbstgesteckten Ziel, das Land für die Einheimischen sicherer zu machen, in vollem Widerspruch entgegen.

Der aufmerksame Leser mag es vielleicht schon bemerkt haben: In dieser Pressemitteilung wurde an keiner einzigen Stelle eine handfeste Zahl oder ein überprüfbarer Fakt genannt. Stattdessen liest man nur vage Begriffe: „unzählige Male“, „immer wieder“, „zigtausende“. Das ist nicht Zufall, sondern Strategie. Dahinter steckt die bewusste Absicht, eine störende Relativierung durch Fakten zu vermeiden. Es ist einerseits klar, dass hier Probleme genannt werden, die wichtig sind. Es gibt sie tatsächlich, einige Banden, die mit Drogen dealen und deren interne Streitigkeiten in der Vergangenheit bereits in gewalttätigen Auseinandersetzungen untereinander geendet sind. Dass die lokale Verwaltung daran scheitert, diese Probleme zu lösen und gegen die Gewalttäter hart durchzugreifen, spielt den üblichen Rattenfängern in die Hände.

Diese Rattenfänger können jetzt die Ereignisse maßlos überspitzen und die vielbeschworenen Bürgerängste und -sorgen auffangen – mit konkreten, realistischen Lösungsvorschlägen? Nein. Leider nur mit gezieltem, skrupellosem Rassismus.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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