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Wuttext über den Klimawandel

Sorry for my generation

Was wir unseren Kindern mit dem Klimawandel zurücklassen, ist das schwerste Erbe seit Menschengedenken. Wacht endlich auf!

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Bild: Paddy O Sullivan, Unsplash

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Und die Zeiten sind entwicklungsgeschichtlich gesehen sogar sehr besonders: Nie noch war der Ast, auf dem wir sitzen, so sehr angesägt. Nie noch wurde so viel gestorben in Fauna und Flora seit dem Verschwinden der Dinosaurier wie gerade eben. Nie noch sind Permafrostböden aufgetaut, Meeresspiegel angestiegen, Gletscher geschmolzen und Urwälder in diesem Maße abgebrannt.

Auf dem Gipfel des Anthropozän wird die Luft immer dünner für den, dessen Name das Zeitalter trägt: den Menschen. Und jetzt brennt der Amazonas. Der ist weit weg, noch weiter als das Leid der Flüchtlinge in Libyen zum Beispiel, so weit weg, dass er praktisch gar nicht existiert und das ist praktisch für uns. Denn dann betrifft er uns nämlich nicht und wir können weiter unsere heile Welt für Gäste und Geld gestalten.

Der Amazonas wird bekanntlich die „Lunge der Welt“ genannt und wenn er die Lunge ist, dann sind wir geographisch gesehen der kleine Zeh. Und jetzt Rätselfrage: Was passiert mit dem kleinen Zeh, wenn die Lunge sich entzündet und sagen wir, kaputtgeht? Genau. Das überlebt keiner, auch nicht der kleine Zeh, nicht das Superhirn und nicht die fleißige rechte Hand.

Worst-case-Szenario ist, dass die, die heute geboren werden, nicht mehr so alt werden wie wir.

Dass der Amazonas brennt ist übrigens nichts Neues, da brennt’s immer mal wieder, aber dass man die Brände nicht mehr in den Griff bekommt, das nun schon. Und das hat mit der CO2-Emission und der Erderhitzung zu tun. Im Klartext: Dass der Amazonas so schlimm brennt, ist unsere Schuld. Und blöderweise ist ohne Amazonas der Klimawandel nicht mehr aufzuhalten, auch wenn wir hier noch so viel schönen Wald haben. Wenn die Lunge ausfällt, übernimmt deswegen ja nicht plötzlich die Niere oder gar der kleine Zeh das Atmen. Ohne Lunge ist Schicht im Schacht und zwar für alle.

Liebt ihr eure Kinder? Zeigt es ihnen doch mal zur Abwechslung damit, dass ihr sie nicht tötet. Ein Anfang wäre, dass ihr sie nicht mit Zeug überhäuft, dessen Herstellung so viel CO2 verursacht, dass ihnen in fünfzig Jahren die Luft ausgeht und sie elendig zugrunde gehen müssen. Mit ihrem iPhone 57 in der Hand, weil wir sie versehentlich glauben ließen, Status, Konsum und Marktwert wären die Messlatte für irgendwas. Als hätten wir nicht begriffen, dass das Anhäufen von Konsumgütern und Flugmeilen sinnlos ist, denn das letzte Hemd hat keine Taschen.

Worst-case-Szenario ist, dass die, die heute geboren werden, nicht mehr so alt werden wie wir. Das ist kein Witz, das ist Wissenschaft. In Zeiten des postfaktischen Irrsinns, wo Jeder jederzeit jede kleinste und noch so armselige geistige Regung in die Sozialmedienlandschaft hinausposaunen muss, hat sie einen schweren Stand. Weil ihre Statistiken und Tabellen leise sind, weil sich die wissenschaftlichen Paper mit ihrer ewigen Introduction-Methods-Results-Discussion-Leier stinklangweilig lesen, weil sie nicht jeder entschlüsseln kann und weil WissenschaftlerInnen mit ihren Ergebnissen nicht auf WählerInnenfang, sondern auf Konferenzen gehen, wo sie sie einer akademischen Elite präsentieren, die das Drama eh schon begriffen hat.

Hier geht es ums blanke Überleben eurer Scheißspezies.

Wenn dann doch mal eineR der Presse steckt, dass die anthropogene – also menschgemachte – Umweltverschmutzung ein Bumerang für die Menschheit wird, wird er/sie regelmäßig überrannt vom Mob der Uninformierten, der Ungläubigen und der kleinen Hassprediger. Wer wissenschaftliche Untersuchungen zu verstehen weiß, dem geht der Arsch auf Grundeis, wenn die Pole schmelzen und die Wälder brennen. Und ich sage euch: Das hier ist keine Einstellungssache. Das ist keine Gendersternchen-Diskussion und keine Impfzwangdebatte, wo man unterschiedlicher Meinung sein kann. Es geht hier nicht um eure Vermutungen, eure Lebenseinstellungen, eure Bequemlichkeit, eure Komfortzone oder was euer Schwippschwappschwager mal irgendwo gelesen hat. Hier geht es ums blanke Überleben eurer Scheißspezies.

Und man darf jetzt offiziell „Scheiß“ sagen, weil der Mensch als einzige biologische Art bisher das geschafft hat, was sonst nur der Einschlag von Kometen und Asteroiden geschafft hat: Ein Massensterben auszulösen. Für den Kometen spricht, dass er keine Ahnung hatte, der Mensch hingegen weiß Bescheid und stellt fest: Mit 3 bis 130 Arten, die aktuell pro Tag sterben, ist der „Grenzwert für das verkraftbare Aussterben von Arten“ um über 1000 Prozent überschritten. Beschränkt sich dann aber doch darauf zu beharren, dass Schuleschwänzen verantwortungslos und Gretas Regenjacke nicht hundertprozentig klimaneutral sei.

Nein, das verkraften wir nicht. Den bodenlosen Raumanspruch nicht, den turbokapitalistischen Ressourcenverbrauch nicht, das Artensterben nicht, die andauernde Anreicherung der Erdatmosphäre mit CO2-Emissionen nicht, die Intensivierung der Landwirtschaft nicht, den Anstieg der Meere und der Temperatur nicht und vor allem die Blödheit einzelner PolitikerInnen nicht. Die etwa den Wald brennen lassen, den Ernst der Lage nicht verstehen, aus dem Klimaabkommen aussteigen oder ihren WählerInnen immer noch weismachen wollen, dass die wahre Gefahr ein paar Schiffe sind, die man nicht anlegen lassen darf. Dabei steht uns ALLEN das Wasser bis zum Halse.

Und wisst ihr was? Es werden noch mehr kommen von denen, die ihr hier nicht haben wollt. Sie werden in Scharen kommen, die Klimaflüchtlinge, deren Lebens- und Existenzgrundlage unwiederbringlich zerstört ist. Sie werden kommen in eure Berge, wo es Mikroplastik auf eure Köpfe regnet und Feinstaub in eure Lungen weht und wo ihr zusammenrücken müsst während Extremwetterbedingungen. Spätestens dann ist egal, wer Tourist war und wer Flüchtling ist.

Was wir unseren Kindern zurücklassen, ist das schwerste Erbe seit Menschengedenken.

So warm wie jetzt war’s zuletzt vor 115.000 Jahren hier bei uns. Damals lebten hier Neandertaler und die haben es bekanntlich nicht bis ins Anthropozän geschafft. Und nein, auch diesmal und auch bei uns digitalen, gebildeten und fortschrittlichen ArtgenossInnen klopft die Katastrophe nicht erst freundlich an die Tür, stellt sich höflich vor und erklärt uns ihren perfiden Schlachtplan, bevor sie uns an den Kragen geht. Die selbstgerechten Ewiggestrigen, die naiven Bequemen und die motivierten Lobbyisten der fossilen Energiegewinnung wollen sie noch nicht gesehen haben. Aber sie ist schon da.

Wir sitzen mit ihr am Fastfoodtisch, löffeln sie als Massentierhaltung in unsere Münder, stopfen sie als eingeschweißte Normgurke in unsere Billighandtaschen, halmen sie uns mit unserem Milchshake-Geschirr ein, reiben sie uns als Micropeeling ins Gesicht, pinkeln sie ins Grundwasser, stecken sie im Supermarkt ins Gemüsesackerl, holzen sie für die Intensivierung der Landwirtschaft ab, fliegen sie zum Wochenende nach London und fahren sie mit unserem Diesel zum Relaxen an den Pragser Wildsee.

Wer glaubt, es sei unbequem, da was zu verändern, dem sei versichert: Richtig unbequem wird’s dann, wenn man keine Wahl mehr hat. Und vielleicht trifft es auch schon uns, aber mit Sicherheit werden die, die heute jung oder noch gar nicht geboren sind, keine mehr haben. Dir doch egal, du bist dann nicht mehr da? Stimmt. Du bist nicht mehr da, dein Dreck aber schon. Jahrhundertelang erzählt er den paar übriggebliebenen Fischen im Ozean noch von deinem schmutzigen Leben, tanzt als Reminiszenz an deinen Konsum in Form von Mikroplastik durch die gute Bergluft, erinnert sogar am einsamsten Strand in der Karibik noch an dein Wegwerfleben.

Was wir unseren Kindern zurücklassen, ist das schwerste Erbe seit Menschengedenken. Dass sie wütend werden, dass sie Angst haben, dass sie Konsequenzen von EntscheidungsträgerInnen einfordern, ist eine logische Konsequenz und dringende Notwendigkeit: Sie werden die erste Generation sein, die sich nicht mehr mit ihrer Selbstverwirklichung, ihrem Marktwert, ihren Verkaufszahlen, ihrem Reihenhaus und ihrem Konsum beschäftigen kann. Sie werden die erste Generation ohne Wahl sein. Sie werden erfinderisch werden müssen, nachhaltige Lösungen suchen müssen, um nicht am katastrophalen Ende des Dominoeffekts zu stehen, dessen erster Stein lange vor ihnen von uns, unseren Eltern und Großeltern ins Rollen gebracht wurde. Und um all das zu tun, werden sie Normen und Regeln, die wir konstruiert haben, hinterfragen und brechen müssen. Sie werden sich weigern müssen, die Karotte mit einem Plastikhandschuh in ein Plastiksackerl zu stecken und es wird jene geben, die sich dadurch angegriffen fühlen, weil sie sich als Teil des Problems vorgeführt fühlen und jene, die begreifen, dass Schuldgefühle kleiner werden, sobald man Teil der Lösung wird.

Die Welt retten wir nur gemeinsam. Oder gehen alle zusammen unter.

Es ist absurd: Je mehr wir für uns und unsere Kinder gekauft, gebaut und gerodet haben, je erfolgreicher wir waren gemessen am neoliberalen Erfolgsmodell, desto weniger haben wir ihnen hinterlassen. Versunken im System der marktwirtschaftlichen Gewinnmaximierung und Selbstoptimierung, das die Welt verschlingt und uns unsere humanistischen Werte und ökologische Weitsicht gekostet hat, haben wir die Zukunft unserer Nachkommen heruntergewirtschaftet. Kein Einzelner ist schuld, aber jeder Einzelne ist dafür verantwortlich. Und jetzt ist die Zeit reif, der Moment da. Unsere Lunge brennt, Arten sterben aus, Extremereignisse nehmen zu.

Wem etwas an der Menschheit liegt und wem noch ein letzter Rest An- und Verstand geblieben ist, der stellt sich hinter unsere Jugend, hinter unsere Kinder, hinter unseren Planeten, hinter seine Zukunft. Und seine menschliche Kleinheit, sein kurzes Dasein auf dieser Erde mit all seinen vermeintlichen und suggerierten Notwendigkeiten und Bedürfnislagen hinten an. Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Das Edelste, wozu wir Menschen fähig sind, ist zugleich das Einzige, was uns und unseren Nachkommen jetzt noch hilft: Länder- und generationsübergreifendes Zusammenhalten. Denn die Welt retten wir nur gemeinsam. Oder gehen alle zusammen unter.

 

*Der Titel entstammt dem gleichnamigen Lied von Doggi „Dor Doggi sing‘“. Dieser Text entstand im Rahmen des vom Liedermacher initiierten Projekts „Sorry for my generation“.

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