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"Plogging"

So geht Politik

Mit Müllsäcken und Gartenhandschuhen laufen sie durch Bozen und säubern die Stadt: Die "Ploggers" von Bozen. Solche Menschen sind es, die zum Gemeinwohl beitragen.

Plogging

Bild: Julia Tappeiner

Ich kann mir Schöneres an einem Wochenende vorstellen, als in der Bozner Altstadt Zigarettenstummel aufzusammeln. Trotzdem kroch ich letzten Samstag um 10 Uhr morgens vor der Universität Bozen auf dem Boden herum und tat genau das.

Den Schubs gegeben hat mir der Vorwurf von Eitan Hersh gegen Leute wie mich, die der Politikwissenschaftler in seinem Buch als „Politik-Hobbyisten“ bezeichnet und für komplett nutzlos verklärt. Seine These: die meisten Menschen, die sich als „politisch interessiert“ bezeichnen, beschäftigen sich mit Politik meist aus intellektueller Freude, ohne dabei konkret an einem Ziel zu arbeiten, etwa die Regierung zu beeinflussen oder etwas für die Gemeinde zu tun. Statt nur Nachrichten zu lesen, sich auf Twitter über die Peinlichkeiten von Donald Trump auszulassen oder über den Israel-Palästina-Konflikt zu philosophieren, sollten Menschen sich lieber politisch engagieren, sagt Hersh – eine Demo organisieren, als Freiwillige in einem Obdachlosenverein aushelfen, oder bei einem Aufforstungsprojekt mitmachen.

Eiskalt fühlte ich mich als nutzlose „Politik-Hobbyistin“ ertappt und entschloss mich dazu, mit der zivilgesellschaftlichen Gruppe „I Ploggers di Bolzano“ Müll von den Straßen sammeln zu gehen.

Helden leben am Rande der Gesellschaft

Erstaunlicherweise gibt mir die Tätigkeit ein gutes Gefühl. Es hat fast schon etwas Meditatives, die Zigarettenstummel aus den gleichmäßigen Rillen zwischen den Pflastersteinen herauszupulen, und an nichts anderes zu denken. Links und rechts von mir gebeugte Körper, insgesamt etwa drei Dutzend Paar Hände, die den Universitätsplatz säubern. Wie ein Bienenschwarm, der von Blume zu Blume zieht, arbeiten wir uns von Pflasterstein zu Pflasterstein, und gemeinsam ist der Platz binnen weniger Minuten gesäubert – ein euphorisches Gefühl, das die schwitzenden Hände unter den dicken Gartenhandschuhen vergessen lässt.

Dann packen wir unsere Müllsäcke und joggen weiter, zum nächsten Ort, der einer Säuberung bedarf: Die Talferwiese. Auf dem Weg dorthin fallen wir manchen Passanten auf. „Bravi ragazzi!“, rufen sie uns zu und man fühlt sich wie ein Held.

Wie ein Bienenschwarm, der von Blume zu Blume zieht, arbeiten wir uns von Pflasterstein zu Pflasterstein, und gemeinsam ist der Platz binnen weniger Minuten gesäubert.

Der Trend, während des Laufens Müll aufzusammeln, stammt aus Schweden und breitet sich gerade in ganz Europa aus. In Bozen hat das Plogging Papadam Diop eingeführt. Der Senegalese kam vor 19 Jahren als Migrant nach Italien und gehört heute zu den engagiertesten Aktivisten in Bozen. Neben der Plogging-Gruppe hat er die Black-Lives-Matter-Proteste in Bozen organisiert, gibt freiwillig Sport-Kurse für Kinder und Asylbewerber und veranstaltet regelmäßig Integrationsprojekte.

Helden leben oft am Rand der Gesellschaft: Papadam Diop (rechts) mit seiner Plogging – Truppe.

Bild: Papadam Diop

Das bestätigt die These von Hersh, bei Polit-Hobbyisten handele es sich hauptsächlich um weiße Männer mit akademischem Abschluss, während Frauen und Minderheiten politisch aktiver seien. Der Grund: Jene, die am Rande der Gesellschaft leben, verspürten einen stärkeren Drang, die Ungerechtigkeiten umzukrempeln, und engagierten sich daher für die Gemeinde. Auch am Samstag ergibt sich dieses Bild: den Körper der engagierten Gruppe bilden hauptsächlich Obdachlose, Migranten, Sozialarbeiterinnen, die Jugend von Fridays-For-Future-, Kinder und Pensionisten. So sehen sie also aus, die Helden unserer Gesellschaft, diejenigen, die wirklich was bewegen. Kein Anzug, keine prestigereiche Anerkennung im Bücherregal, kein Aperitivo im Sheraton Freitagabend.

Dorthin schauen, wo niemand hinschauen will

Am Flussbett der Talfer wird es eklig. Entlang des Wassers türmen sich Glasflaschen, Plastiksäckchen, Werbezeitschriften, To-Go-Essensverpackungen und Taschentücher. „Bozen ist eigentlich eine saubere Stadt“, sagt Papadam. Zumindest im Vergleich zu anderen italienischen Städten, wie Brescia etwa, wo er eine Weile lebte und ploggte. Doch man merke, dass der Sommer beginnt, stellt der Aktivist fest: „Jetzt, wo es warm wird, liegt mehr Müll herum, weil die Leute mehr raus gehen, unterwegs im Freien essen und trinken.“ Eine Vorliebe der unbewussten Müllentsorger für Red Bull und Bier wird ersichtlich.

Nicht wegschauen: die Ecken der Gesellschaft, die ignoriert werden, sind oft jene, wo Engagement am dringensten notwendig ist.

Bild: Julia Tappeiner

Doch noch eine Erkenntnis nehme ich aus diesem Tag mit. Oder besser gesagt: Eine neue Perspektive. Denn die Erfahrung schärft den Blick auf die Ecken der Stadt, von denen gerne weggeschaut wird: die Zelte, in denen obdachlose Migranten schlafen, gehören genauso dazu, wie das versteckte Flussbett voller Müll, von dem ein paar Meter entfernt junge Leute ihr Frisbee auspacken und Familien mit ihren Kindern spielen. Vor wenigen Jahren stand ich auf der anderen Seite des Zigarettenstümmels, den ich heute aufhebe: ich war diejenige, die ihn auf den Boden warf. Schon nach einem Wochenende Plogging überkommt mich automatisch der Impuls, das Snickers-Papier aufzuheben, das der Wind an mir vorbeibläst. Schon nach einem Wochenende, hat sich mein Blick geschärft, auf die Dinge, die zählen; auf die Ecken, die gerne ignoriert werden, weil es schwer ist, die Veränderung hineinzubringen, die dringend nötig ist.

Vor wenigen Jahren stand ich auf der anderen Seite des Zigarettenstümmels, den ich heute aufhebe: ich war diejenige, die ihn auf den Boden warf. 

Den Aufruf des Politikdozenten Hersh, sich mehr aktiv zu engagieren, kann ich jetzt besser nachvollziehen. Engagement schenkt nicht nur einen Sinn und ein Gemeinschaftsgefühl. Es schenkt einen wertvollen und bewussten Blick auf die Welt, in der wir alle leben.

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