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Sklaven für jedermann!

Ist der technische Fortschritt es wert, all unsere Daten mit dienstbaren Assistenten zu teilen? Über Digitalfeudalismus und Künstliche Intelligenz.

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Lizenz: CC0
Bild: Photo by Rachit Tank on Unsplash

Woran erkennt man Wohlstand? Hätte man die Mehrheit der Menschen in Europa vor hundert Jahren gefragt, wäre die Antwort eindeutig gewesen. Ein eigenes Dach über den Kopf, ein anständiges Bett, sich jeden Tag satt essen können – wer all das hat, der zählt schon zu den „Besseren“ (vor allem, wenn er etwa auch noch Zugang zu einer funktionierenden Toilette hat!). Aus der Sicht einer Tiroler Kleinhäuslerfamilie des 19. Jahrhunderts ist der Lebensstandard, in dem wir uns heute wie selbstverständlich bewegen, geradezu schwindelerregend. Sind wir heute denn alle zu Adeligen, zu den „oberen Zehntausend“ aufgestiegen?

Unsere Antwort auf diese Frage würde die Kleinhäusler wohl überraschen: Von wegen „obere Zehntausend“! Arm sind wir, geradezu bedauernswert! Und wir würden erzählen. Vom Fiskus, der uns unerbittlich schröpft, vom Chef, der uns auspresst wie eine Zitrone, vom Burnout, das hinter der nächsten Ecke lauert, von den Zukunftssorgen und Existenzängsten, die uns plagen. Von den oberen Zehntausend sind wir genauso weit entfernt wie damals, trotz Dach über und Daunenkissen unter dem Kopf, trotz Ernährungssicherheit und Wasserklosett. Denn noch immer fehlt uns etwas zum Glück, etwas, das nach wie vor den „Besseren“ vorbehalten bleibt: Sklaven. Also jemand, der uns alles abnimmt, was lästig, mühselig, aufwendig, langweilig und unerfreulich ist. Der Menschheitstraum, er besteht nicht darin, sein Leben in der Hängematte zu verbringen. Sondern darin, nur noch das zu tun, was einem wirklich Spaß macht. Und alles andere einem willigen, billigen, diskreten Sklaven zu überlassen – aus ethischen Gründen einem nicht-menschlichen; auch wenn sich das Halten von menschlichen Sklaven bis in unsere Zeit weltweit als beste Strategie zur Arbeitsverlagerung („Outsourcing“) erwiesen hat.

Paradoxerweise haben die effizienten Assistenzsysteme nicht dazu beigetragen, dass wir mehr Zeit für uns selbst zur Verfügung haben, ganz im Gegenteil: Die Arbeitslast, die heute auf dem Einzelnen liegt, hat sich erhöht. 

Auf unsere persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Roboter, die schnell und unkompliziert alles erledigen, was uns lästig ist, das war das große Versprechen aller Zukunftsutopien des 20. Jahrhunderts. Immer mehr Maschinen, die für immer mehr Menschen erschwinglich wurden, sollten dieses Versprechen einlösen. Und tatsächlich: Wir sind schon etwas weitergekommen mit unseren Bestrebungen, alles Unangenehme auszulagern. Aber noch immer müssen wir die Spülmaschine selbst ein- und ausräumen, den Staubsauger entleeren, E-Mails selbst beantworten, zur Arbeit gehen. Die erhoffte Erleichterung ist nur zum Teil eingetreten. Paradoxerweise haben die effizienten Assistenzsysteme nicht dazu beigetragen, dass wir mehr Zeit für uns selbst zur Verfügung haben, ganz im Gegenteil: Die Arbeitslast, die heute auf dem Einzelnen liegt, hat sich erhöht. Wer nicht mehr handschriftliche Briefe verfassen muss, von dem kann man ja erwarten, dass er „ganz nebenbei“ die Korrespondenz erledigt, für die man vorher eine eigene Sekretärin hätte einstellen müssen. Und natürlich kann man über zugesandte Dokumente rasch zwischen zwei Arbeitsgängen „drüberschauen“, ist ja keine Sache mehr. Und wer jetzt meint, sich beklagen zu müssen, dem sei zugerufen: Keine Sorge, Hilfe naht! Es wird noch bessere, schnellere, nützlichere Systeme geben, die dich in deinem Alltag unterstützen. Das Auto wird (fast) alleine fahren. Deine Bürokratie wird sich (fast) von alleine erledigen. Und dein Haus wird sich wie von Zauberhand (fast) allein verwalten. Das magische Wort lautet „KI“, also Künstliche Intelligenz.

Fakt ist, dass sogenannte Künstliche Intelligenz im Moment zwar schon einiges kann. Aber mit „Intelligenz“ im herkömmlichen Sinne hat sie nichts zu tun.

Mit kaum einem Begriff unserer digitalen Ära wird dermaßen viel Schindluder getrieben wie mit diesem. Er ist ja auch zu verführerisch. Wer wird in Zukunft meine Mails beantworten? KI. Wer wird künftig mein Auto fahren? KI. Wer wird die Heizung in meinem Haus regeln, wer wird erkennen, was ein Museumsbesucher im Schilde führt, wer wird die Sportartikel zur Fußball-WM schreiben, wer wird die Schüler in der Schule individuell auf sie zugeschnitten unterrichten, motivieren und prüfen? KI, KI, KI!

Für alle diese Funktionen gibt es mittlerweile Technologien, die mit aufgeblasenen Versprechen überhöhte Erwartungen nähren. Fakt ist, dass sogenannte Künstliche Intelligenz im Moment zwar schon einiges kann. Aber mit „Intelligenz“ im herkömmlichen Sinne hat sie nichts zu tun – nicht umsonst ist der Begriff „KI“ (oder auf Englisch AI) daher umstritten und wird oft durch „Machine Learning“ oder „Deep Learning“ ersetzt.

Vorerst wird wohl nichts aus der immer wieder angekündigten Roboter-Apokalypse. Dafür sind die Funktionen der Sprachassistenten doch noch zu überschaubar.

Wenn wir von „Intelligenz“ sprechen, stellen wir uns unwillkürlich ein denkendes Wesen vor, das über Verstand, Charakter, Persönlichkeit verfügt. Genau das soll uns ja auch bis zu einem bestimmten Grad vorgegaukelt werden. Nehmen wir als Beispiel die immer beliebteren Sprachassistenzen wie Alexa oder Siri. Ihre Spracherfassung ist für gewisse Sprachen zwar schon recht anständig. Aber noch immer sind sie weit davon entfernt, so locker-flüssig zu plaudern wie J.A.R.V.I.S. mit Tony Stark in den Iron Man-Filmen (die Abkürzung steht übrigens für „Just A Rather Very Intelligent System“). Was tatsächlich stattfindet, sind zwar komplexe, aber eben doch sehr mechanische Rechenprozesse, die aus einem Input einen Output generieren, der sich aus schablonenhaften Sprechvorlagen zusammensetzt. Das ist zwar immer noch recht beeindruckend, aber vorerst wird wohl nichts aus der immer wieder angekündigten Roboter-Apokalypse. Dafür sind die Funktionen der Sprachassistenten doch noch zu überschaubar. Musik spielen, Termine in den Kalender eintragen, eventuell noch eine Mail schreiben (wobei es da schon kompliziert wird) – für diese doch eher dürftigen Hilfestellungen nehmen es Menschen in Kauf, ihr Haus faktisch zu verwanzen. Denn damit Alexa funktionieren kann, muss das System zuhören. Und zwar die ganze Zeit. Sonst merkt es ja nicht, wenn es angesprochen wird. Dass Alexa zwischendurch auch Gespräche mitschneidet und „zu Schulungszwecken“ Amazon zur Verfügung stellt, ist vielen nicht bewusst. Zwischendurch kann es durchaus auch zu „Unfällen“ kommen, bei denen dann plötzlich aus dem Tischgespräch ein Live-Stream für Außenstehende wird.

Doch auch wenn man sich keiner Assistenzsysteme bedient oder bedienen möchte, kann es ungewollt zu geradezu unheimlichen „Zwischenfällen“ mit unseren allgegenwärtigen smarten Geräten kommen. Es ist schon einige Monate her, dass ich einen Artikel gelesen habe, in dem der Autor Damián Diez schildert, wie er nach einem Gespräch mit seinem Cousin über ein gewisses Produkt kurz darauf genau zu diesem Produkt Werbung auf Instagram gesehen hat. Damals war ich beeindruckt, dachte mir aber, na gut, er nutzt Instagram und hatte die Mikrophon-Berechtigung aktiviert, eventuell ist das die normale Funktionsweise von Instagram (das ich selbst nicht nutze).

Und dann geschah mir vor wenigen Tagen Folgendes: Ich telefonierte mit meiner Mutter (über Festnetz, ja, sowas Altmodisches gibt es bei mir zu Hause noch), mein Handy lag daneben. Wir redeten über dieses und jenes, ich erwähnte, dass ich mich für ein Geburtstagsgeschenk nach Hausschuhen („Patschen“) umsehen wolle, und ich sagte wörtlich „tipo Birkenstock“. Ich erwähnte sonst keine Marken. Später öffnete ich Facebook und bekam Werbung für Birkenstock-Sandalen zu sehen. Ich muss zugeben, da ist mir kurz das Blut in den Adern gefroren.

In erster Konsequenz habe ich den Facebook-Messenger deinstalliert und mir geschworen, Facebook auf dem Handy nie wieder zu öffnen (die App hatte ich vorher schon nicht installiert). Das mögen manche paranoid finden. Es kann sich natürlich wie im Artikel von Damián Diez um einen Zufall handeln. Allerdings glaube ich nicht so recht an diese Art von Zufällen.

Und natürlich kann man mir nun auch sagen: „Was regst du dich auf? Durch diese umfassende Beobachtung kann dir dein soziales Medium genau die Werbung zeigen, die dich tatsächlich interessiert. Das ist doch nur zu deinem Besten.“

Ist es das tatsächlich?

Im Namen von Fortschritt und angeblicher verbesserter Lebensqualität liefern wir uns dienstbaren Assistenten aus, die bis zum Schluss mehr über uns wissen als wir selbst.

Im Grunde haben wir noch nicht ansatzweise verstanden, was genau die mittel- und langfristigen Konsequenzen der digitalen Revolution sind, aber wir geben weiterhin Vollgas. Das erstaunt mich immer wieder. Im Namen von Fortschritt und angeblicher verbesserter Lebensqualität liefern wir uns dienstbaren Assistenten aus, die bis zum Schluss mehr über uns wissen als wir selbst. Möglichkeiten, uns auf demokratischen Wege dagegen zu wehren, fehlen uns.

Als Bewohner des Internets haben wir längst auch so etwas wie eine „Staatsbürgerschaft“ mit allem, was das an Rechten und Pflichten mit sich bringt. Allerdings handelt es sich (zumindest hier bei uns) nicht um Nationalstaaten, die uns als ihre „Bürger“ oder – negativ formuliert – Untertanen betrachten, sondern um gigantische Konzerne, allen voran Google, Amazon, Facebook und Apple, über die ich im ersten Teil dieser Serie ausführlicher geschrieben habe. Das System, das sich etabliert hat, erinnert an die Feudalgesellschaft des Mittelalters: Mächtige Lehensherren verleihen Land (heute in Form von Speicherplatz) an ihre Untergegeben und erwarten sich entsprechende Gegenleistungen (Auswertung der Daten, Verwertungsrechte der hochgeladenen Inhalte usw.). Die Bedingungen werden einseitig diktiert und nicht demokratisch ausgehandelt. Aber der Aufschrei bleibt aus. Wir wissen nämlich, was die Konsequenz wäre: Uns aus dem Netz zurückzuziehen. In einer Zeit, in der sogar unsere Wohnungen mit dem Internet verbunden sind (Stichwort Smart Home), erscheint das doch allzu klösterlich und rückwärtsgewandt. Nicht ins Netz zu gehen, bedeutet nämlich: soziale Verbindungen zu kappen. Für uns Menschen als soziale Tiere ein Albtraum. Ich selbst habe mich beispielsweise entschieden, Whatsapp nicht auf meinem Handy zu installieren, da dieser Dienst zu Facebook gehört. Ich kommuniziere per Signal oder Telegram. Zu einigen Menschen in meinem Umfeld ist der Kontakt daher erschwert. Whatsapp ist so bequem und vor allem schon auf dem Smartphone vorinstalliert, dass sich kaum jemand die Mühe machen will, noch einen weiteren Messengerdienst zu installieren.

Immanuel Kant hat geschrieben: Es ist so bequem, unmündig zu sein.

Eine Demokratie kann sich unmündige Bürger allerdings nicht leisten, sonst stirbt sie. In einer durchkapitalisierten Gesellschaft aber ist Mündigkeit kein sonderlich angesehener Wert. Wir streben nach anderen Dingen. Was das mit den neuen Technologien zu tun hat, darüber schreibe ich im nächsten Teil.

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Das digitale Zeitalter

Wie verändert sich unser Leben in der digitalen Welt? Was geschieht, wenn wir online einkaufen und einigen wenigen Konzernen immer neue Daten von uns liefern? Welche Auswirkungen auf unser Sozialverhalten hat es, wenn wir statt mit gesprochenen oder geschriebenen Worten nur noch über Kürzest-Nachrichten oder Emojis kommunizieren und dabei rund um die Uhr erreichbar sind? 

Die Schriftstellerin, Dramaturgin und Medienkritikerin Selma Mahlknecht greift all diese und viele weitere Themen rund um den Begriff der Digitalisierung auf und unterzieht sie einer kritischen Analyse. Ihr Fazit: Die Technologie verändert uns, unser Sozialverhalten und unsere Welt. Ihr blindlings zu vertrauen, wäre dabei ebenso fehl am Platz wie eine grundsätzlich kulturpessimistische Haltung. Medien und Technologie bedrohen unsere Gesellschaft nicht, sie fordern sie heraus, neue und intelligente Lösungen im Umgang mit ihnen zu erproben.

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