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Kommentar zu Frauen in der Politik

Merkels Blazer

Politik ist patriarchal und das zeigt sich auch an der Berichterstattung. Frauen werden häufig trivialisiert – das Blazer-Syndrom eben.

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Lizenz: CC by (bearbeitet)
Bild: Flickr, European People's Party

Wenns wirklich wichtig ist, trägt Angela Merkel grün und drei Knöpfe. Bei Koalitionsverhandlungen trägt sie gern blau und in rot wird sie gewiss keine Gespräche mit der SPD führen. Was die Kanzlerin trägt, weiß man, denn die Kleidung, Frisuren und Falten der deutschen Frontfrau schaffen es regelmäßig in die Berichterstattung. Die karierte Bluse beispielsweise, die sie das fünfte Jahr in Folge bei ihrem Südtirol-Urlaub trug, hat es bis in die englischsprachigen Medien geschafft. Googelt man „Merkel“ und „Blazer“, spuckt die Suchmaschine in 0,4 Sekunden über achteinhalb Millionen Ergebnisse aus. Schäubles Schlips interessiert hingegen niemanden.

Aber kehren wir vor der eigene Haustür: Mehr Frauen in die Politik, fordert ein aktuelles Plakat an den Bushaltestellen in Südtirol. Und „mehr“ wären schon drei, denn aktuell hat Südtirol zwei Landesrätinnen, die sich vordergründig um die Themen Familie, Soziales, Gesundheit kümmern. „Weibliche“ Themen, die zwar maßgeblich eine Gesellschaft formen, aber eben nicht Wirtschaft, Raumentwicklung und Umwelt sind – in Südtirol seit jeher in männlicher Hand. Weil sich an der Expertise und den Hochschulabschlüssen (in Italien haben bei den 30- bis 40-jährigen 30 Prozent Frauen und 19 Prozent Männer einen Hochschulabschluss) keine weiblichen oder männlichen Kernthemen identifizieren lassen, handelt es sich wohl tatsächlich um Zuschreibungen und kulturpolitische Tradition.

Für die bevorstehende Wahl findet sich in der Südtiroler Parteienlandschaft von links bis rechts nur bei den Grünen eine Frau, die die Liste anführt. Selbige fand sich vor kurzem als Karikatur in der landesweiten Sonntagszeitung wieder. Politikerinnen werden bekanntlich gern bildlich dargestellt, also mit viel Aufmerksamkeit auf das Äußere, wobei sich im Politjournalismus einige Darstellungsformen besonders durchgesetzt haben. Der Zeichner besagter Karikatur hatte sich für die Variante „Hexe“ entschieden: Mit spitzem Kinn, langer Nase, gefährlichen Fingernägeln und erhobener Faust steht sie da und man weiß nicht so recht, ist das jetzt nur fantasie- oder schon geschmacklos? Oder kokettiert der Zeichner gern mit Stereotypen und wollte Frau Foppa vielleicht sogar ein ungeschicktes Kompliment machen?

Ganz allgemein sollte es alarmieren, dass in Italien nur 54 Prozent aller Frauen nach der Geburt eines Kindes in den Job zurückkehren.

Neben Hexe erfreuen sich klassisch auch das Liebchen, das Mannsweib, die Mutterfigur und die Streberin internationaler Beliebtheit in der Darstellung von Politikerinnen. Man denke etwa an Hillary, gern als charmlose Streberin beschrieben, oder Margareth Thatcher, deren Charakterzüge bei einem Mann vermutlich kaum Aufsehen erregt hätten, ihr aber den Übernamen „die eiserne Lady“ einbrachten.

Gern würde ich noch weitere Beispiele aufzählen, allein, mir fallen keine bekannten Politikerinnen mehr ein – womit wir wieder beim Grundproblem angekommen sind: Während die paar Politikerinnen der 50er- und 60er-Jahre in der Berichterstattung marginalisiert wurden, also quasi gar nicht oder nur sehr wenig vorkamen, hat sich zumindest in Deutschland und den nordischen Ländern in den 90ern mit wachsendem Frauenanteil in der Politik und etwas später mit der Merkelwende einiges getan. In Italien freilich, dem Land der Cavallieri, deren Sexismus irrtümlich als lustige Marotte belächelt wird, hinkt man dem Gleichberechtigungstrend hinterher. In der Politik sind Frauen nur rar vertreten, mit rund einem Drittel sitzen in Rom noch lange nicht gleich viele Frauen wie Männer in den Politsesseln.

Ganz allgemein sollte es alarmieren, dass in Italien nur 54 Prozent aller Frauen nach der Geburt eines Kindes in den Job zurückkehren. In patriarchalen Arbeitsstrukturen ist es Frauen mit Kindern schlicht nicht möglich, in Teilzeit einzusteigen, bei Kinderkrankheiten auch mal spontan auszufallen und abends eben nicht schon wieder auf eine Netzwerkveranstaltung zu müssen, um ein paar Visitenkärtchen auszutauschen. Italien wird zum großen Teil von alteingesessenen Männern in Machtpositionen gelenkt, die junge Frauen blockieren, las man neulich von Sofia Ventura, Professorin der Universität Bologna. Der brain drain ist dramatisch, jung und weiblich mit Ambitionen ist man aktuell besser nördlich des Brenners.

Ursula von der Leyen etwa hat sieben Kinder und wird regelmäßig vorwurfsvoll gefragt, wer gerade auf ihren Nachwuchs schaut.

Politik ist ganz besonders patriarchal und das schlägt sich in der Berichterstattung nieder. Inzwischen wird von Frauen zwar berichtet, aber sie werden weiterhin häufig trivialisiert. Das Blazer-Syndrom eben: Was tragen sie, wie wirken sie und wo sind eigentlich ihre Kinder? Ursula von der Leyen etwa hat sieben Kinder und wird regelmäßig vorwurfsvoll gefragt, wer gerade auf ihren Nachwuchs schaut. Und ja, natürlich schreiben auch Frauen über Frauen schlecht und es sind oft gerade Frauen, die die triviale Berichterstattung lesen. Und selbstverständlich wird nicht nur über Frauen und ihr Äußeres geschrieben. Bei den Männern erregt zumeist die Modellierung des Haupthaares mittleres Medieninteresse. Das gibt schöne Bilder, wenn die Turbinen der Air Force One Trumps markant modulierte Haarpracht nach hinten klappen wie den ausgeblichenen Buchdeckel eines Reclam-Büchlein oder wenn Guttenberg den Griff in die Pomade vergisst und im gelfreien Büßer-Look vor die Kameras tritt.

Aber, und das ist der springende Punkt, Politiker werden in der Regel nicht darauf reduziert. Wobei wir damit, historisch gesehen, auf hohem Niveau jammern: Bis vor nicht allzu langer Zeit war es völlig undenkbar, dass sich Frauen überhaupt aktiv am politischen Geschehen beteiligen, sogar passiv war man in der Schweiz bis 1971 nicht von weiblicher Partizipation überzeugt. Das hat sich langsam geändert und jetzt darf es nicht stagnieren. Die Sensibilisierung ist geschafft – Frauen dürfen, jetzt sollen sie auch können. Dafür müssen strukturelle Rahmenbedingungen geschafft werden, sonst schieben sich abends weiter immer die Gleichen die Visitenkärtchen zu.

Wäre doch schön, zeitgemäß und würde die Abschlussraten an den Unis widerspiegeln, wenn mehr Frauen ihre Expertise einsetzen und Raum und Gesellschaft mitgestalten können. Aber nicht als Alltagsheldin im Kindergarten und im Altenheim sondern mal ganz vorne, an den Hebeln. Und dann könnten sie Arno Kompatscher auch mal fragen, wer eigentlich auf seine sieben Kinder schaut.

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