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Kommentar zur Quarter-Life-Crisis

Leben statt Lebenslauf

Eigenheim, unbefristeter Job, Pläne, Pflichten. Dabei vergessen wir oft, dass das Leben selbst nur eine Pflicht kennt: das Leben nicht zu verpassen.

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Bild: flickr/paxson woelber

Wenn ich von meiner Großmutter höre, wie sie in meinem Alter schon verheiratet war und Kinder großzuziehen hatte, komme ich mir oft wie ein kleiner Schuljunge vor. Dabei bin ich schon 24. Ich studiere, arbeite nebenher, alles mit einigermaßen zufriedenstellendem Erfolg. Nebenbei habe ich auch schon einen groben Zukunftsplan. Aber für eigene Kinder sorgen, die Verantwortung eines Vaters tragen? Das kann ich mir nicht im Entferntesten vorstellen. Noch nicht. Noch habe ich genug damit zu tun, für mich selbst Verantwortung zu tragen. Das bedeutet: zu erkennen, wer man überhaupt ist; sich den Ängsten zu stellen, die zwischen dem Individuum und seinem Wunschleben stehen; unterscheiden zu lernen, ob man etwas wirklich nicht will, oder ob man lediglich Angst davor hat, obwohl man es eigentlich haben möchte. Und dann dementsprechend zu handeln.

Luxusprobleme. Wer mit Anfang 20 für eine Familie zu sorgen hat, in den nächsten Jahrzehnten eine Wohnung abbezahlen muss oder auf dringender Arbeitssuche ist, der hat für solche Fragen vermutlich gar keinen Kopf. Da gibt es weitaus Wichtigeres, nämlich den konkreten Alltag. Aber vielleicht sind es gar keine Luxusprobleme. Vielleicht sind es richtige, existenzielle, Leben und Tod betreffende Probleme. Der Luxus besteht nur darin, dass man sich ihnen stellen kann.

Das Leben des Menschen kennt nur noch eine einzige Pflicht: gelebt zu werden.

Die sogenannte Generation Y könnte das. Sie ist keine Nachkriegsgeneration, die sich abarbeiten muss, um dem Elend zu entkommen. Viele ihrer Vertreter studieren an der Uni, kennen das Leben in der Großstadt. Sie haben keinen Gott, keine Kirche mehr, die ihnen diktiert, nach welchen Geboten sie zu leben haben. „Sünde“ ist längst ein obsoleter Begriff. Man muss schon selbst wissen, was richtig und falsch ist. Auch die gesellschaftlichen Konventionen brechen nach und nach auf. Es gibt kaum noch ein gewisses Lebensmodell, das unbedingt erfüllt werden muss. Im Grunde ist alles okay – solange man sich selbst verwirklicht. Das Leben des Menschen kennt nur noch eine einzige Pflicht: gelebt zu werden.

Wenn man aber genauer hinsieht, ist die Sache mit der Selbstverwirklichung gar nicht so einfach. Sie ist nicht nur jener Luxus, den man gerne der westlichen Wohlstandsgesellschaft zuschreibt. Es kann auch eine Verdammung sein. Oder um es mit den Worten des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre zu sagen: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Denn nun muss jeder selbst die Frage beantworten: Wie soll ich leben? Diese Frage wenigstens musste sich meine Großmutter nicht stellen. Jedenfalls nicht im selben Maße.

Die Frage, wie man denn leben soll, zu beantworten, ist schwer genug. Doch das eine ist, eine Antwort zu finden. Das andere ist, dann auch danach zu handeln. Zwischen der Frage und der konkreten Antwort steht oft eine große Angst. Es ist jene Art von Angst, die einen daran hindert, zu leben, obwohl man doch die Möglichkeit dazu hätte.

Die Quarter-Life-Crisis

In letzter Zeit habe ich ein paar Beispiele dieser Angst kennengelernt. Serafin, der wie auch die folgenden Personen eigentlich anders heißt, ist ein Freund von mir, er hat sein Studium beendet, um zu arbeiten, und inzwischen hat er einen unbefristeten Vertrag. Der Job passt ihm gut, außerdem verdient er als Einsteiger recht ordentlich, an die 2.000 Euro netto, nun will er für ein Eigenheim sparen. Aber die ständige Routine macht ihn stumpf, außerdem ist er nach vielen Jahren wieder Single. Mit den langen Sonntagen weiß er kaum etwas anzufangen. „Es ist eine graue Zeit“, sagt er. Warum kündigst du dann nicht, fragte ich. Du bist 23 Jahre alt, geh ins Ausland, raus aus Südtirol, mach etwas Anderes und heuere danach wieder an. Für Routine bleibt doch noch genug Zeit. Doch nein. Die Angst, sonst nirgends anzukommen und später einen solch guten Arbeitsplatz nicht mehr zu finden, ist im Augenblick größer.

Corinna hingegen habe ich im Studium kennengelernt. Eine junge Schriftstellerin mit einem Talent, das mich oft in schieres Staunen versetzte. Demnächst will sie heiraten und vielleicht bedeutet dies auch das bürgerliche Ende ihrer literarischen Ambitionen. Nachdem ihre Bewerbungen in der letzten Zeit wenig Erfolg gehabt hatten, wuchsen die Zweifel. Nun drohen sie stärker zu werden als der ursprüngliche Wille, eine Bestimmung und ein großartiges Können zu verwirklichen. Und dann ist da noch Viktoria, eine angehende Grundschullehrerin. Nach ihrem Didaktik-Studium in Brixen möchte sie noch einmal raus aus Südtirol, um irgendwo weiter zu studieren. Auch sie kommt aus einer langjährigen Beziehung, vielleicht wäre das der richtige Moment für einen Aufbruch. Doch dann sind da wieder die Bedenken: Zum Beispiel fällt man in der Rangliste zurück, wenn man als Lehrer nicht früh genug anfängt, mit seinen Unterrichtsjahren Punkte zu sammeln.

Es braucht in der Tat eine gewisse Sicherheit, um die Sorglosigkeit genießen zu können. Andererseits wird es aber gefährlich, wenn das Bedürfnis nach Sicherheit die Freiheit erstickt.

Den Lebensabschnitt, in dem man sich mit solchen Dilemmata konfrontiert sieht, könnte man die Quarter-Life-Crisis nennen. Absicherung oder Freiheit? Karriere oder Selbstverwirklichung? Es ist jedes Mal ein Trade-Off. Denn es braucht ja in der Tat eine gewisse Sicherheit, um die Sorglosigkeit genießen zu können. Andererseits wird es aber gefährlich, wenn das Bedürfnis nach Sicherheit die Freiheit erstickt. Um den Lebenslauf gut zu füllen, wird aus dem Leben dann ein Laufen, ein irres Hetzen und Rennen, anstatt jener individuellen Reise, die es eigentlich sein sollte. Man wird zum Gefangenen des eigenen Alltags, der für den Rest des Lebens derselbe bleibt. Man kann es natürlich eine persönliche Entscheidung nennen und es ist ja auch wahr, dass sich die Freiheit erst im Akt der Entscheidung vollzieht; aber das, was nach außen wie die Entscheidung für ein gewisses Leben aussieht, ist oft in Wahrheit keine Entscheidung, sondern nur ein Festgefahrensein.

Aus welchem Leben wollen wir irgendwann erzählen?

Ich habe zurzeit Glück: Ich hab meinen Bachelor, im Herbst studiere ich weiter und die Zeit und das Geld, die ich bis dahin habe, werde ich in Reisen investieren. Das ist für mich gleichbedeutend mit einer Investition ins Leben. Außerdem bin ich von meiner Anlage her ohnehin eher der Typ, der in den Tag hinein lebt. Was für mein Vorhaben bestimmt nicht hinderlich ist. Doch auch ich bezahle die Rechnung dafür. Zum Beispiel habe ich gerade zum wiederholten Mal eine Absage für die Teilnahme an einem Forum mit wissenschaftlichen Seminaren und Diskussionen bekommen, an dem mir einiges lag. Das war ungefähr eine Stunde bevor ich mich an diesen Artikel setzte. Und vielleicht wäre es ja anders gekommen, wenn mir mein Lebenslauf wichtiger wäre. Da kommt dann der Leichtsinn teuer zu stehen, könnte man sagen. Andererseits: Ich weiß inzwischen, dass gewisse Nächte gar nicht teuer genug sein können. Zum Beispiel die milde Novembernacht unter einem sternenklaren Himmel auf Griechenland, an einem verlassenen Strand. Im Westen leuchtete noch die Abenddämmerung über den Wellen, und das ganze Leben schien in einem Augenblick enthalten zu sein. Alles, was man je haben wollte, erscheint in einer solchen Nacht plötzlich in Greifweite, ohne jegliche Angst mehr.

Eines ist auf jeden Fall gewiss. Irgendwann bringen vielleicht auch wir es dazu, Großeltern zu sein. Wie meine Großmutter es mit mir tat, werden dann auch wir aus unserem Leben erzählen. Die Frage ist nur: Wie sieht das Leben aus, aus dem man eines Tages erzählen will? – Deswegen würde ich meinen Freunden in der Quarter-Life-Crisis gerne sagen: Serafin, kündige! Corinna, schreib dein Buch! Viktoria, beginne noch einmal ein Studium! Franz Kafka, das beste menschliche Beispiel für das Gefangenbleiben, sagte etwas überspitzt: „Dieses Leben ist unerträglich, ein anderes unerreichbar.“ Vielleicht ist es wirklich so. Vielleicht auch nicht. Der Versuch, das herauszufinden, der Versuch der Auflehnung gegen die Angst sind es jedenfalls wert. 

Teseo La Marca

studiert in München und perfektioniert dort die Kunst der Prokrastination. Liebt die Freiheit, in anderen Worten: hat Bindungsängste gegen alles, außer gegen Südtirol, wohin er immer wieder gerne zurückkehrt.
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