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Kriegsgesänge und Stammesfehden

Wie wir im Internet wieder Cowboy und Indianer spielen und was „digitale Stammeszugehörigkeit" mit Fake News zu tun hat.

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Lizenz: CC0
Bild: Photo by Michał Kubalczyk on Unsplash

Die meisten Fake News können relativ leicht als solche enttarnt werden. Oft genügen wenige Klicks und eine simple Google-Recherche, um die Lüge auffliegen zu lassen (meine Tipps hierzu: mimikama.at und snopes.com – neben vielen anderen Seiten, die sich auf das Aufdecken von viralen Internetlügen spezialisiert haben).

Aber warum versuchen die Erfinder der Fake News nicht, bessere Geschichten zu lancieren, die nicht so leicht durchschaubar sind?

Weil es gar nicht nötig ist. Die allermeisten Menschen machen sich nicht die Mühe, Inhalte zu überprüfen, bevor sie sie teilen, auch nicht, wenn diese Mühe sehr klein ist. Aber warum ist das so?

Hier greift ein Phänomen, das zu den faszinierendsten des Internet-Zeitalters gehört: der digitale Tribalismus. Schauen wir uns zunächst das Wort „Tribalismus“ an. Ursprünglich bezeichnet es das Zusammengehörigkeitsgefühl in afrikanischen Stämmen, oder mit der Definition des Dudens: „stärkeres Orientiertsein des kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Bewusstseins auf den eigenen Stamm in afrikanischen Staaten“. Es geht also darum, sich mit dem eigenen Stamm (englisch „tribe“) stärker zu identifizieren als mit einem übergeordneten Staatsgebilde. 

Wir können uns heute jenseits unserer Herkunftsfamilie oder unseres Kulturkreises zu Online-Communities zusammenschließen, in denen Themen verhandelt werden, die uns interessieren oder für die wir uns einsetzen möchten.

Diesen Tribalismus kann man aber längst nicht nur in Afrika beobachten. Er betrifft auch uns „aufgeklärte Westler“ und ist ganz allgemein gesprochen ein nur allzu menschliches Phänomen: Wir halten zu den „Unseren“. Allerdings ist der „Stamm“, auf den wir uns beziehen, in der heutigen Zeit nicht mehr unbedingt unsere unmittelbare Sippe oder Dorfgemeinschaft. Wir können uns heute jenseits unserer Herkunftsfamilie oder unseres Kulturkreises zu Online-Communities zusammenschließen, in denen Themen verhandelt werden, die uns interessieren oder für die wir uns einsetzen möchten. Das ist ein großer Fortschritt, wenn man bedenkt, dass man noch in den 80er Jahren beispielsweise als Fan japanischer Animationsfilme in einem verlorenen Bergdörfchen eher einseitige Gespräche führen musste, während man heute mit wenigen Klicks Gleichgesinnte aus der ganzen Welt finden kann. Diese „digitalen Stämme“ werden zuweilen zu einer Art Ersatz- oder zumindest Nebenfamilie. Man kennt und schätzt einander, es gibt Hierarchien, man versorgt sich gegenseitig mit Streicheleinheiten in Form von Morgen- und Abendgrüßen, aber auch immer wieder geäußerter Wertschätzung – die Gemeinschaft ist weit mehr als nur ein loser Austausch zu gemeinsamen Hobbys oder Werthaltungen.

Entsprechend ist die Bindung zum digitalen Stamm keineswegs auf Rationalität und Sachlichkeit aufgebaut, sondern wie auch im analogen Leben auf Emotionen. Stellen wir uns nun eine Gruppe eingeschworener Fußballfans vor. Wird einer aus dieser Gruppe attackiert, schlägt die ganze Gruppe zurück. Und zwar unabhängig davon, warum dieser eine aus der Gruppe angegriffen wurde. Man hält zusammen, sowohl im Gesang als auch im Kampf. Wenn ich nun beispielsweise dem „Stamm“ der Impfgegner angehöre, dann habe ich dort meine Schamanen, meine Häuptlinge und Stammesältesten, denen ich vertraue und die ich in Schutz nehme, und zwar egal, was kommt. Die Gesandten anderer Stämme sehe ich mit Misstrauen – prinzipiell ist für mich jeder Außenstehende ein potentieller Agent des bösen Sheriffs Big Pharma. Für sachliche Debatten, Analysen und Fakten bin ich nicht mehr empfänglich, denn es geht um weit mehr als nur um die Frage, was stimmt und was nicht. Es geht um meine Identität.

Nun können wir natürlich mehreren digitalen Stämmen angehören. Ich kann mich beispielsweise in einer LGBT-Community engagieren UND beim Tierschutz UND bei den Fans von Disney-Freizeitparks. Ich habe also mehrere Bezugsgruppen – und nicht in allen bin ich gleichermaßen stark involviert. Gut möglich, dass ich Kritik an Disney-Freizeitparks noch an mich heranlasse. Aber bei Tierschutz hört sich’s dann auf, da habe ich meine festen Glaubenssätze und Überzeugungen und will keine Relativierungen mehr hören. Dort nämlich habe ich meine wichtigsten Bezugspersonen und habe auch einige erschütternde persönliche Erfahrungen gesammelt, die mich geprägt haben. Dass persönliche Erfahrungen in einem allgemeinen Diskurs allenfalls als „anekdotische Evidenz“ gelten, ist mir verständlicherweise nicht mehr beizubringen.  

Wenn ich im Netz auf Inhalte stoße, die bestätigen, was ich sowieso schon glaube, dann teile ich es umso lieber.

Es gibt also durchaus Reizthemen, die wir sehr eng an unsere Identität binden. Stehen meine Glaubenssätze in Frage, dann stehe ich selbst in Frage. Umgekehrt stärkt alles, was meine Überzeugungen stärkt, auch mich. Wenn ich also im Netz auf Inhalte stoße, die bestätigen, was ich sowieso schon glaube, dann teile ich es umso lieber. „Seht her, ich hab’s euch ja immer schon gesagt.“ Eine Hintergrundrecherche erscheint mir überflüssig, da mein eigenes „Weltwissen“ zu diesem Thema mir sagt, dass der Inhalt richtig ist, und zwar wenn nicht wörtlich, dann zumindest prinzipiell. Um bei der vergewaltigten Tiffany von meinem vorherigen Artikel zu bleiben: Mag sein, dass die Geschichte mit Tiffany nicht stimmt. Aber prinzipiell stimmt es in meinem Weltbild, dass Einwanderer Frauen vergewaltigen. Und dann ist es mir auch egal, ob der Artikel im Einzelfall eine Lüge ist. Ganz nach dem Motto: Stimmt gar nicht? Hätte ich aber für möglich gehalten! Also stimmt es doch irgendwie. 

Der digitale Tribalismus ist ein harter Gegner. Man kommt ihm nicht leicht bei – denn er ist tief in uns verwurzelt. Loyalität und unerschütterlicher Zusammenhalt zeichnen uns als soziale Wesen aus. Dennoch ist in unserem digitalen Zeitalter auch unser Menschenbild im Wandel. Was das bedeutet und warum Sex auch im virtuellen Raum die Mutter aller Probleme ist, darüber schreibe ich im nächsten Artikel.

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Das digitale Zeitalter

Wie verändert sich unser Leben in der digitalen Welt? Was geschieht, wenn wir online einkaufen und einigen wenigen Konzernen immer neue Daten von uns liefern? Welche Auswirkungen auf unser Sozialverhalten hat es, wenn wir statt mit gesprochenen oder geschriebenen Worten nur noch über Kürzest-Nachrichten oder Emojis kommunizieren und dabei rund um die Uhr erreichbar sind? 

Die Schriftstellerin, Dramaturgin und Medienkritikerin Selma Mahlknecht greift all diese und viele weitere Themen rund um den Begriff der Digitalisierung auf und unterzieht sie einer kritischen Analyse. Ihr Fazit: Die Technologie verändert uns, unser Sozialverhalten und unsere Welt. Ihr blindlings zu vertrauen, wäre dabei ebenso fehl am Platz wie eine grundsätzlich kulturpessimistische Haltung. Medien und Technologie bedrohen unsere Gesellschaft nicht, sie fordern sie heraus, neue und intelligente Lösungen im Umgang mit ihnen zu erproben.

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