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Ich brauche keinen Zirkushund!

Hunde brauchen Erziehung. Vor allem, weil man unsere lernfähigen Begleiter gar nicht nicht erziehen kann.

Sitz!, Platz!, Bleib!, Hier!, Halt!, Bei Fuß!, Aus!, Bring!, Pfote!, Männchen!, Rollen!, Rückwärts!, Spring! – es gibt unzählige Kommandos, die man Hunden beibringen kann (und zum Teil auch unbedingt beibringen sollte: Die ersten sieben, die ich genannt habe, halte ich für essentiell). Das ist mit einem gewissen Aufwand verbunden, macht aber zugleich auch Spaß und verstärkt die Bindung zwischen Hund und Mensch. Ich höre aber immer wieder den Spruch: „Mich interessiert das nicht. Ich brauche keinen Zirkushund.“ Dieser Satz wertet nicht nur gut erzogene Hunde ab, sondern relativiert insgesamt den Wert der gezielten Hundeerziehung. Dabei besteht diese natürlich nicht nur darin, dem Hund irgendwelche „Zirkustricks“ beizubringen. Hunde lernen normalerweise mit großer Freude und zeigen auch einen gewissen „Stolz“, wenn sie etwas können. Ihnen die Erziehung im Sinne einer vertieften Auseinandersetzung und eines gemeinsamen Spiels (denn als solches empfinden Hunde das Lernen) zu verweigern, nimmt ihnen daher auch die Chance, besser mit ihrem Menschen zusammenzuleben.

Hunde tun viel, um es uns recht zu machen. Ihre Familie ist für sie alles. Das ist auch kein Wunder, ihre ganze Existenz hängt ja davon ab, dass die Sache mit den Menschen klappt. Wenn ein Hund in eine Menschenfamilie kommt, versucht er also vom ersten Moment an zu verstehen, wie diese funktioniert und wie seine eigene Rolle darin aussieht. Idealerweise haben die Menschen für den Hund einen überschaubaren Rahmen geschaffen, der dem Hund klare Regeln vorgibt. Hunde lieben Regeln und halten sich mit großem Ernst daran. Manche Hunde erfinden sogar ihre eigenen Regeln. Puck zum Beispiel besteht beim Essen auf folgenden Ablauf: Zuerst wird gegessen. Dann wird getrunken. Dann müssen mich meine Menschen streicheln. Dann lege ich mich hin und bin zufrieden. Wenn der Punkt mit dem Streicheln aus irgendeinem Grund nicht funktioniert, dann funktionert auch der Punkt mit dem Sich-zufrieden-Hinlegen nicht. Hier sehen wir also, dass nicht immer der Mensch den Hund erzieht, es klappt auch andersherum ganz gut.

„Es kann vorkommen, dass es den Hundehaltern gar nicht klar ist, dass sie den Hund zu einem Kläffer erziehen oder zu einem „Tyrannen“, weil sie gar keinen konkreten Erziehungsplan verfolgen.“

Übrigens kann man einen Hund gar nicht „nicht erziehen“. Auch wer seinem Hund absolut nichts beibringen will, tut es – denn Hunde lernen sehr viel über Beobachtung. Aha, der Mensch zieht die Jacke an – gleich geht er raus. Ich laufe vorsichtshalber zur Tür. Nimmt er mich mit? Ja, er greift zur Leine! Ich bin schon bereit! So etwas muss man einem Hund nicht bewusst beibringen, das lernt er von alleine. Er lernt auch, welche seiner Verhaltensweisen erwünscht sind und bestärkt werden und welche nicht. Er zieht daraus seine Schlüsse und leitet für sich die erwähnten Regeln ab. So hat Puck gelernt: Solange der Mensch am Laptop sitzt, muss er sich ruhig verhalten. Sobald der Laptop zugeklappt wird, springt er auf, denn er weiß: Jetzt ist der Mensch verfügbar.

Wie man sieht, geschieht das Etablieren von Regeln zwischen Mensch und Hund oft nicht über bewusste Trainingseinheiten. Es kann vorkommen, dass es den Hundehaltern gar nicht klar ist, dass sie den Hund zu einem Kläffer erziehen oder zu einem „Tyrannen“, weil sie gar keinen konkreten Erziehungsplan verfolgen. Wenn man aber nur „aus dem Bauch heraus“ auf den Hund reagiert, verhält man sich aus Sicht des Hundes oft rätselhaft. Vor allem unerwünschtes Verhalten kann dadurch unabsichtlich bestärkt werden. Ein Beispiel: Man möchte bei den Mahlzeiten in Ruhe essen. Der Hund soll brav neben oder unter dem Tisch liegen. Aber Oma füttert den Hund heimlich während des Essens. Der Hund freut sich und legt seinen Kopf auf Omas Schoß, um näher bei der Futterquelle zu sein. Oma freut sich, weil sie die Nähe des Hundes für Zuneigung hält. Der Hund lernt: Wenn gegessen wird, lege ich meinen Kopf auf Omas Schoß, dann regnet es Manna vom Himmel. Durch die ständige Wiederholung wird das zu einer Regel, die er in seine kosmische Weltordnung einbaut.

 „Ohne Regeln, ohne Ordnung geht es nicht, und als Mensch muss man die Autorität über diese Regeln haben.“

Der Hund wird immer dicker. Der Tierarzt mahnt. Oma ist traurig, sieht es aber ein. Sie will den Hund nicht mehr vom Tisch füttern. Bei der nächsten Mahlzeit legt der Hund den Kopf auf Omas Schoß. Kein Manna vom Himmel. Für den Hund bricht eine Welt zusammen. Seine heilige Ordnung, seine unumstößlichen Regeln sind außer Kraft. Er ist irritiert und außer sich. Er bellt und winselt. Das zerreißt Oma das Herz. Sie steckt ihm doch etwas zu. Der Hund beruhigt sich und legt seinen Kopf wieder auf Omas Schoß. Alles ist wieder in Ordnung. Er hat aber etwas Neues gelernt: Um seine Regeln einzufordern, muss er Rabatz machen.

Irgendwann ist der Hund übergewichtig und zuckerkrank. Er braucht teures Diätfutter und darf auf keinen Fall mehr Menschenessen bekommen. Jetzt will sich Oma eisern daran halten, denn sie liebt den Hund ja. Es gibt also diesmal wirklich nichts für den Hund – wieder ist die kosmische Weltordnung gefährdet. Und nach allem, was der Hund gelernt hat, wissen wir, was er jetzt tun wird. Ruhige Mahlzeiten kann man sich jedenfalls abschminken.

Wer also glaubt, Hundeerziehung mit Hundeschule und „exotischen“ Kommandos sei affig, der sollte sich vor Augen halten, dass die vielbeschworene „Schule des Lebens“ erst recht dazu führen kann, dass der Hund sich „affig“ aufführt. Ohne Regeln, ohne Ordnung geht es nicht, und als Mensch muss man die Autorität über diese Regeln haben. Das gibt dem Hund Sicherheit, Geborgenheit und Ruhe. Hunde können das Prinzip der antiautoritäten Erziehung nämlich nicht verstehen, und schon gar nicht können sie „Partner auf Augenhöhe“ sein. Wer sein Tier derart vermenschlicht, der darf sich auf einen wahren Zirkus gefasst machen.

 „Wer seinen Hund prügelt, strahlt nicht Autorität aus, sondern Überforderung.“

Übrigens: Wenn ich „Autorität“ schreibe, meine ich eine gewaltfreie, souveräne Führung. Wer seinen Hund prügelt, strahlt nicht Autorität aus, sondern Überforderung. Solche Menschen sollten sich besser ein Plüschtier anschaffen. Nicht umsonst hört man häufig den Spruch „Das Problem liegt am anderen Ende der Leine“, wenn es Zwischenfälle mit Hunden gibt. Er hat durchaus seine Berechtigung, wenn ich auch nicht völlig überzeugt bin, dass man jedes Problem zwischen Mensch und Hund in den Griff kriegen kann. Wie ich schon beim Thema der Hunderassen beschrieben habe: Manchmal passen Hund und Mensch einfach nicht so gut zusammen. Das geschieht vor allem, wenn sich jemand einen Hund anschafft, von dem er sich etwas erwartet, was dieser nicht bieten kann. Doch das ist ein Thema, über das ich in einem der nächsten Beiträge schreiben werde.

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