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Kommentar zum „deutschen“ Kindergarten

Hysterische Identitätshygiene

Genuin deutsche Kindergärten, zu denen deutsche Kinder vorrangig Zutritt haben: Das ist völkische Mentalität – und hat zudem nichts mit der Realität zu tun.

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Das Plakat und die fragwürdige Forderung

Bild: Cornelia Brugger

Dunkelblonde Haare, ein breites, strahlendes Lächeln und natürlich: blaue Augen. Ein deutsches Kind also. Wie es sich gehört. Na gut, streng genommen ist es nicht wirklich ein deutsches Kind, das zurzeit von mehreren Plakaten in ganz Südtirol herunter lacht. Was die Süd-tiroler Freiheit mit der ungenauen Formulierung ihrer bildungspolitischen Forderung meinte, sind wohl eher deutschsprachige Kinder aus Südtirol. Und was ist eigentlich mit den ladinischen Kindern, gehören die auch noch dazu? Aber bei solchen Einzelheiten ganz korrekt zu sein, ist rein werbetechnisch nicht wirklich vorteilhaft, das muss man zugeben.

„Vorrang für deutsche Kinder in deutschen Kindergärten“ – so klingt die Forderung hingegen schön konzis, prägnant – und völkisch. Eine Forderung, die in einem anderen Land, zum Beispiel in Deutschland selbst, nur aus dem rechtsextremen Spektrum vorstellbar wäre. Auch im italienischsprachigen Italien sind es die Faschisten (ausgerechnet), die so sprechen: „Prima gli italiani!“ Das klingt doch von der Grundstruktur ziemlich ähnlich, nicht?

Nun kommt es natürlich gelegen, dass wir in Südtirol einen Autonomiestatus haben und den immerwährenden Schutzanspruch für unsere deutsch- und ladinischsprachige Minderheit. Bekanntlich machen wir mit unseren 300.000 Leuten ja nur ungefähr 0,5 Prozent der gesamten Staatsbevölkerung aus. Und Minderheiten zu schützen und sie mit politischer Autonomie zu versorgen – das weiß doch jeder – ist gut und richtig und musste erst durch jahrzehntelange Bemühungen und Kämpfe errungen werden. Das steht außer Frage. Doch was im Grunde richtig ist, wird sehr gerne hergenommen, um auch Unrechtmäßiges zu rechtfertigen. Man kann sich zum Beispiel fragen: Fällt so eine Forderung wirklich unter „Minderheitenschutz“? Sind unsere deutschsprachigen Kinder bedroht, wenn sie nicht nur unter sich bleiben? Denn darum geht es doch: die sorgfältige Trennung der Sprachgruppen, Ethnien und Kulturen – und das schon im Kindesalter.

Kürzlich erst habe ich mit einer Frau vom Ritten gesprochen, die ihren Kleinen – er heißt Thomas – nicht in einem Kindergarten am Ritten, sondern in Bozen eingeschrieben hat. Warum? „Dort sieht man ein bisschen mehr von der Welt. Ich will nicht, dass meine Kinder isoliert aufwachsen und dann jemanden auslachen, nur weil er Zacharia heißt oder Ahmed.“ Ich kann mir nur zu gut ausmalen, was diese Mutter von solchen Plakat-Aktionen hält. Wenn Ideen wie jene Plakat-Forderung tatsächlich umgesetzt werden, kann sie sich ihre Wünsche von Vielfalt in einem deutschen Kindergarten künftig abschminken. Denn Kinder wie Zacharia, Ahmed oder auch Giovanni hätten nur noch beschränkten Zugang.

Worum es bei solchen Kampagnen aber wirklich geht, ist gar nicht die gezielte Diskriminierung der Anderen – ob es nun Italiener, (richtige) Deutsche oder von mir aus Pakistaner seien. Worum es der Süd-tiroler Freiheit und ihren Gesinnungsgenossen eigentlich geht, ist nichts weiter als eine paranoid-heimatliebende Identitätshygiene. Früher eifrig von der SVP vorangetrieben, wird diese Art von Politik heute zunehmend vernachlässigt.

Ich kann mich zum Beispiel noch gut erinnern, an die schönen, alten Zeiten, als ich noch selbst ein kleiner Hosenscheißer war. Damals saß ich im Hof meines italienischsprachigen Kindergartens und baute im Sandkasten der Reihe nach Mini-Vulkane, um dann ein zusammengeknülltes Taschentuch in den Krater zu legen und es anzuzünden. Oft hab ich mich damals gefragt, warum die Kinder aus dem oberen Stock, die deutschsprachigen Kinder, nicht mit uns Kindern aus den italienischsprachigen Klassen im Hof spielen durften. Es gab nämlich separate Pausenzeiten für jede Sprachgruppe. Jetzt weiß ich es besser: So wurde verhindert, dass die Kinder miteinander in Kontakt kamen.

Nun, wo solche politischen Praktiken langsam aufgeweicht werden, fühlt sich die Süd-tiroler Freiheit umso mehr berufen, dem alten Credo zu dienen und deutschsprachige Südtiroler Kinder weiterhin unter sich zu halten. „Vorrang für deutsche Kinder“, nennt sich das dann.

Doch wie Julia Dalsant, die selbst seit vielen Jahren Kindergärtnerin ist, in Bezug auf die Kampagne anmerkte, bedeutet das hübsche Adjektiv „vorrangig“ automatisch auch „nachrangig“ für Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Ich als zweisprachig aufgewachsenes Kind frage mich gerade: Hätte ich in so einem System zu den Privilegierten gehört oder zu den Benachteiligten? Man weiß es nicht.

Aber so grausam hätte mich eine solche Bildungspolitik wohl doch nicht behandelt. Dank der „deutschen“ Abstammung meiner Mutter wäre ich am Ende bestimmt doch noch als „vorrangig“ durchgegangen. Und zwar, um dafür zu sorgen, dass meine (wenigstens zum Teil noch) deutsche Identität durch den Kontakt mit den Nicht-Deutschen nicht noch weiter verunreinigt wird.

Teseo La Marca

studiert in München und perfektioniert dort die Kunst der Prokrastination. Liebt die Freiheit, in anderen Worten: hat Bindungsängste gegen alles, außer gegen Südtirol, wohin er immer wieder gerne zurückkehrt.
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