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Kommentar zum Tag der Frau

Endlich wählbar

Am morgigen Tag der Frau werden sich manche Südtirolerinnen Schnauzer ins Gesicht kleben. Was es damit auf sich hat, erklärt dieser Kommentar.

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Bild: Jörg Oschmann

Tag der Frau also wieder in einer Welt der Männer. Ich sag’s gleich: Behaltet euch eure Mimosen und Nelken. Wir wollen weder eure Blumen noch Lippenbekenntnisse zu den erbärmlichen Statistiken, die jedes Jahr gleich aussehen: Gender Pay Gap, Gender Data Gap, Altersarmut, keine Wertschätzung von Erziehungs- und Pflegetätigkeiten, kaum Führungspositionen, dafür alle drei Tage eine tote Frau in Italien. Wir wollen nicht mehr erklären, dass Feminismus keine Kampfsportart, sondern zuallererst ein Menschenrecht ist: Dass Menschen nicht aufgrund ihres Geschlechts und auch nicht aufgrund irgendeiner anderen Willkür diskriminiert werden. Nein, es reicht uns nicht „mitgedacht“ zu werden, nicht in der Sprache, nicht beim Geld, nicht bei der Wertschätzung der care-Arbeit, nicht in der Gesetzgebung. Und wir wollen auch nicht häufiger bei Verkehrsunfällen sterben müssen, weil die Crashtest-Dummys und damit dann die Sicherheit der Autos nur auf Männer geeicht ist.

Frauen sind den Männern ebenbürtig und stehen ihnen in nichts nach. Außer in der Gesichtsbehaarung. Wissenschaftlerinnen in der Paläontologie haben’s vorgemacht: Genervt davon, immer unsichtbar zu sein und von der Tatsache, dass dieselbe Aussage mehr Gewicht bekam, wenn von einem männlichen Kollegen gemacht, klebten sie sich demonstrativ Bärte ins Gesicht. Endlich erstgenommen! Zum Tag der Frau bringen wir dieses Projekt nach Südtirol und setzen damit ein Zeichen: Feiert uns nicht als Frau, wenn es dann doch a man’s world bleibt und selbst kleine Schritte, wie die Bemühung darum, dass auch Frauen in den Gemeinderatskommissionen vertreten sind, hierzulande nicht möglich scheinen. Dass die Frauen nicht in die Kommissionen kommen, läge daran, dass „sie daraus eine grün-alternative Yoga-Gruppe machen wollen“ mussten wir uns dann noch anhören (danke, Sven).

Nein, Frauen sind nicht besser als Männer, aber sie sind genauso gut und im Zweifelsfall eben auch nur genauso schlecht. 

Auch wenn ich nicht mehr Nachhilfe bei überholten Weltbildern geben möchte und schon gar nicht am Tag der Frau: Frauen sind qualifiziert, sie haben inzwischen sogar mehr Uniabschlüsse als Männer und neueren Studien zufolge haben sie sogar die besseren Führungsqualitäten als Männer. (Richtig, die Profilierungssucht, die Vetternwirtschaft und die Endlosdiskussionen einer männlichen Monologkultur sind nicht unbedingt das Förderlichste für eine Gesellschaft.) Natürlich ist nicht jede Frau eine gute Politikerin, und einige treten ganz schön oft ins Fettnäpfchen. Nein, Frauen sind nicht besser als Männer, aber sie sind genauso gut und im Zweifelsfall eben auch nur genauso schlecht.

Trotzdem gibt es sehr viele Gründe, warum wir Frauen seltener in den Kommissionen und der Politik finden. Weil ihr Äußeres, ihr persönlicher Lebenswandel und ihr Auftreten in der Politik strenger beurteilt wird als das ihrer männlichen Kollegen etwa. Weil sie in sozialen Medien mehr angegriffen werden. Weil Sitzungen meist am frühen Abend beginnen und sich über mehrere Stunden hinziehen zum Beispiel – mit kleinen Kindern kaum eine Option. Weil Mütterdiskriminierung überall eine Realität ist. Deswegen geht es weniger ums Wollen als ums Können: Letztlich haben nicht alle die gleichen Chancen beim Rennen, wenn ich der Hälfte der Teilnehmer (nämlich den Innen) Knüppel zwischen die Beine werfe. Sie finden Quote aber blöd? Finde ich auch. Ich möchte, dass wir die Quoten nicht mehr brauchen. Aber solange die Welt schief hängt zugunsten einer patriarchalen Übermacht, solange in Machtstellungen das Männliche normal und das Weibliche die Ausnahme ist, brauchen wir sie. Leider. Südtirol hat elf Bürgermeisterinnen und 105 Bürgermeister. Das sind nicht einmal 10, sondern nur 9,5 Prozent. De facto fehlen sie überall in den oberen Etagen, die Frauen, aber in der Kommunalpolitik ganz besonders. Dabei profitiert die Politik nicht nur von Frauen, sie braucht sie schlichtweg auch, um ihren demokratischen Anspruch überhaupt erfüllen zu können: Denn wie wollen die Obrigen in der Demokratie ihr Volk repräsentieren, wenn die Hälfte des Volkes nicht vertreten ist, weil sie gerade dem Kind den Popsch abwischen oder dem Schwiegervater die Suppe eingeben und andere existenzielle Dinge tun, die unsere Gesellschaft am Laufen halten?

Komplexe gesellschaftliche Probleme löst keine Gruppe alleine, sondern nur der Pluralismus. Wir brauchen Diversität in den Rängen der EntscheidungsträgerInnen, damit wir nicht nur eine Weltsicht auf die Dinge haben, sondern unterschiedliche Zugänge finden – sonst finden wir auch keine Lösungen, die für alle funktionieren. Deswegen gehören mehr Männer in die Kindererziehung und mehr Frauen in die Politik, deren Rahmenbedingungen so gestaltet werden müssen, dass Frauen teilnehmen können. Von einer gerechteren Aufteilung würden alle profitieren – der Mann wie die Frau. Aber jedes Jahr müssen wir uns am 8. März eingestehen, dass wir davon noch weit entfernt sind. Und wir sind der Blumen und der Bemühungen überdrüssig und kleben uns deswegen am Tag der Frau demonstrativ einen Schnauzer ins Gesicht und fragen: Gangets iaz?

#endlichwählbar #finalmenteeleggibile

#endlichernstgenommen #barbabigliettodingresso

Eine Aktion der SUSIs („Südtirols Sisters“) und dem Südtiroler Frauennetzwerk „Wnet" zum Tag der Frau 2020.

 

Nachtrag vom 9. März: So bärtig zeigten sich am Tag der Frau 2020 die Südtirolerinnen.

 

Bild: SUSIs Facebook

Bild: SUSIs Facebook

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