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Eine ruhige Kugel schieben

Müßiggehen war noch nie meine Stärke. Doch in der Schwangerschaft wird Nichtstun plötzlich zur Pflicht.

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Lizenz: CC by-nc (bearbeitet)
Bild: Hanging Shoe Gardens of Eindhoven, Misanthropic One

Mein Bauch zieht sich ruckartig zusammen, wird völlig hart und spitz und fühlt sich angestrengt an. Was mich vor ein paar Wochen noch beunruhigt hat, nehme ich mittlerweile mit einem tiefen Atemzug lässig an: Übungswehen. Eine wirklich schlaue Funktion meines Körpers, mit der sich meine Gebärmutter langsam aber sicher auf die Geburt vorbereitet. Und ich mich augenscheinlich auf das Ende meiner aktiven Tage. Je durchgetakteter mein Alltag gerade ist, desto öfter besuchen mich die schmerzlosen aber doch intensiven Kontraktionen und machen mich mit einem leichten Schulterklopfer darauf aufmerksam, dass ich doch bitte etwas kürzer treten sollte. 

Fühlt sich irgendwie so an, als würde man sich mit Jesus zum letzten Abendmahl verabreden.

Noch nie war es früh morgens so. Wenn ich es mir auf meinem Meditationskissen bequem mache, um Atem und Geist zu trainieren. Doch dann erinnert mich ein Blick aus dem Fenster daran, wie es um mein dynamisches Leben gerade bestellt ist. Jeden Tag zeichnet die Natur zur Morgendämmerung die mächtigen Wände des Schlerns ein klein wenig anders in den Horizont hinter diesem Fensterrahmen und erinnert mich daran, dass ich mich schon gar nicht mehr daran erinnere, wann ich das letzte Mal solch massiven Fels unter meinen Füßen gespürt habe. Meine Bergschuhe habe ich nämlich schon seit ganz schön langer Zeit an den Nagel gehängt. Dorthin, wo seit einigen Wochen nun auch meine Steppschuhe hängen. Leider ist die Kugel mittlerweile auch zu groß, um wie ein verrückter Ire vor einem überdimensionalen Spiegel hin- und her zu springen. Was hingegen noch geht, ist den Bounce aus dem Lindy Hop zu nutzen, um den angespannten Bauch irgendwo zwischen den Übungswehen wieder in die Entspannung zu schaukeln. Also melde ich mich voll motiviert für einen Wochenend-Workshop in Meran an. Fühlt sich irgendwie so an, als würde man sich mit Jesus zum letzten Abendmahl verabreden.

Ein letztes Mal den ganzen Tag durchtanzen, ein letztes Mal dabei die Seele aufwecken und schließlich als letztes Überbleibsel einer langen Partynacht ein letztes Mal völlig erschöpft, durchgeschwitzt und barfuß von der Swing-Tanzfläche gehen. Klingt nach einem guten Plan, der in meinem Zustand zumindest einen Vorteil mit sich bringt: Die handgeschneiderten Kleider-Unikate im Vintage-Markt stellen mit XL-Bauchumfang diesmal sicher keine Verführung dar und mein Geldbeutel bleibt verschont für mehr Babyshopping.

Nichts tun – ich weiß doch gar nicht mehr, wie das geht!

Nun hängen jedenfalls auch meine Tanzschuhe am Nagel und ich muss erstmal tief durchatmen, um all das zu verkraften. Weniger zu tun, bedeutet mehr Zeit für mich und die Vorbereitung auf das Baby, sollte man jetzt meinen. Ist doch prima? Doch für einen aktiven Menschen wie mich, der es liebt, einen vollgestopften Terminkalender zu haben, viel Zeit in der Natur zu verbringen, alles auszuprobieren und immer wieder Neues zu lernen, ist es ein schwieriger Schritt, nach und nach alle Aktivitäten aufzugeben und öfter auch mal nichts zu tun. Nichts tun – ich weiß doch gar nicht mehr, wie das geht!

Den Großteil meines Tages zwischen vier Wänden oder vor dem PC zu verbringen, frustriert, bereitet aber vermutlich auf die erste Zeit mit Kind vor. Vermutlich! Den „du wirst schon sehen“- Weissagungen will ich nämlich noch nicht ganz klein beigeben. Auch wenn mich Sodbrennen, ein schmerzender Rücken oder Krämpfe manchmal in die Knie zwingen, stehe ich zumindest noch regelmäßig auf der Yoga-Matte und versuche auch meinen täglichen Spaziergang in den Arbeitspausen beizubehalten. Doch selbst dabei überholt mich meine Mutter mittlerweile mit jugendlicher Leichtigkeit, während ich wie ein Marathonläufer aus dem letzten Drittel über den feuchten Waldboden hechle.

Was solls, nützt ja nichts. Wenn ein Körper für zwei reichen soll, muss man damit haushalten. Herzmensch soll schließlich in einem wohligen Fruchtwassernest groß werden, das ihn mit all dem versorgt, was er braucht, um zu einem echten Menschen heranzuwachsen. Blinzeln und Tränen weinen kann er jetzt schon, genauso wie tasten, riechen, schmecken, sehen, hören und Erinnerungen in seinem kleinen Gehirn abspeichern. Und vermutlich auch einen 8-count tanzen. Zumindest fühlt es sich so an.

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