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Lindy Hop im Selbstversuch

„Wie auf Droge“

Pettycoats, die sich bei jeder Drehung aufplustern, Hosenträger und Haarpomade. Wer Lindy Hop tanzt, lebt die 30er-Jahre. BARFUSS hat es ausprobiert.

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Im Bersaglio wird geswingt.

Bild: Katharina Zeller

New York Ende der 1920er-Jahre. In einem der größten und schönsten Ballsäle in Harlem schweben Paare aller Bevölkerungsschichten und Hautfarben über den Tanzboden. Sie sind unbeschwert, und das in einer Zeit, in der es nicht alltäglich ist, dass Weiße und Schwarze zusammen tanzen. Sie tanzen den Lindy Hop, den ursprüngliche Swing-Tanz und Vorläufer der Tänze Jive, Boogie-Woogie und Rock 'n' Roll.

Jahrzehnte später lebt er auf Schloss Pienzenau wieder auf. Aus den Lautsprechern ertönt die soulige Stimme von Ray Charles: „Now, baby when you sigh …“ Ein Paar bewegt sich rhythmisch zum Lied. Ihr linker Arm liegt auf seiner Schulter, seine Hand umfasst ihre schmale Taille. Ihre Haltung ist gerade, jeder Schritt sitzt. Es sind Emanuele Margiotta und Katharina Zeller, ein Paar und beide Tanzlehrer für Charleston, Shag, Jive – und Lindy Hop.

Als ich zum ersten Mal von dem Tanz hörte, dachte ich: Lindy was? Dem großen Fragezeichen in meinem Kopf habe ich mit meiner ersten Lindy Hop Tanzstunde abgeholfen und war gleich restlos begeistert.

„Es ist eine ganz andere Welt als die der Standardtänze. Zum Lindy Hop gehört mehr als nur der Tanzschritt“, sagt Katharina Zeller.

Gerade Haltung, Schultern zurück

Der erste Tag des Tanzkurses. Ich stehe im Kreis aus Männern und Frauen von jung bis junggeblieben, gespannt, was auf mich zukommt. Sie alle sind in der Lindy Hop Community von Meran, die immer weiter wächst, obwohl der Tanz hierzulande fast unbekannt ist.

Einige Männer tragen Hosenträger, ihre Haare sind gewachst, die Frauen tragen Absatzschuhe und Vintage-Frisuren. Ich stehe mittendrin, im hüfthohen Rock, mit hineingestecktem Shirt und All Stars – nicht gerade die richtigen Schuhe zum Tanzen. Für Lindy Hop in Ordnung, meint Zeller. Hauptsache, sie würden rutschen. Die 28-Jährige hat mit Ballett und Modern Dance angefangen und ist vor zweieinhalb Jahren in einem Tanzzentrum in Rom zum Lindy Hop gekommen. Liebe auf den ersten Blick, sagt sie heute. Zeller lebt den Lindy Hop. „Es ist eine ganz andere Welt als die der Standardtänze. Zum Lindy Hop gehört mehr als nur der Tanzschritt“, sagt sie. Und das sieht man. Von der Kleidung über die Accessoires bis hin zur Attitüde: alles erinnert an die 30er-Jahre.

Katharina Zeller und Emanuele Margiotta

Bild: Petra Schwienbacher

Haltung gerade, locker in die Knie gehen, Schultern zurück. So lauten die ersten Anweisungen. Und, ganz wichtig: Vergessen sind die Bezeichnungen Frau und Mann. Ab jetzt sind wir leader und follower. Dann bilden wir Paare und legen mit den Grundschritten los. Von jetzt an soll ich nicht mehr nachdenken, sondern mich einfach führen lassen. Leichter gesagt, als getan und wohl das schwierigste, was ich in den nächsten Tagen lernen muss.

Wie eine Droge

Sobald die Musik ertönt, kann ich nicht anders, als mich mitzubewegen. „Cin, sei … cin sei, set, ott“, zählt Margiotta, dann geht der erste Schritt nach hinten. Wir follower starten mit dem rechten, die leader neben uns mit dem linken Fuß. Rock step. Dann folgen weitere vier Schritte. „Rock step. Step. Touch, step“, sagt Margiotta, der seit fünf Jahren Lindy Hop tanzt und den Tanz seit zwei Jahren unterrichtet.

 

 

„Donne, aspettate!“, ermahnt der gebürtige Römer. „Wir follower müssen uns immer führen lassen“, sagt Zeller. „Und nicht nachdenken.“ Aber was macht man, wenn man an etwas nicht denken darf? Richtig, man denkt genau daran. Nach den ersten Tänzen beginne ich zu schwitzen. Das hat nichts mit der Anmut der Tänzerinnen aus den 30er-Jahren zu tun, die scheinbar ohne Anstrengung über den Tanzboden glitten.

Nach der Basis folgen die Variationen. Schritte nach vorn, zurück, seitlich – anstelle eines touchs ein swing. „Die Arme nicht so hängen lassen. Wir sind keine toten Zombies“, sagt Margiotta und alle lachen. Gleich zu Beginn hatte er verkündet, dass alle Lindy Hopper verrückt seien und damit hat er wohl ein bisschen recht. Immer wieder äfft der 32-Jährige scherzhaft unsere Fehler nach. „Nicht ständig auf die Füße sehen“, ermahnt er. „Und immer schön bouncen“, meint Zeller. Das Wippen mit den Knien ist charakteristisch für den Swing-Tanz.

So viele Dinge, die es zu beachten gilt und dabei überfordert mich schon die einfache Grundschrittfolge. An alles zu denken, fällt mir an den ersten Kurstagen schwer, vor allem, weil ich ja nicht nachdenken soll. Doch am vierten und letzten Tag klappt es immer besser.

„Beim Lindy Hop tanzen alle wie auf Droge“, lacht die Meranerin Zeller. „Bei uns sind die Leute gewohnt, viel zu trinken, in dieser Szene ist das überhaupt nicht so, da könnte man auch nicht mehr tanzen“, erklärt sie. „Es wäre schön, wenn die jungen Leute hier merken, dass man auch ohne Alkohol Spaß haben kann.“ Regelmäßig fährt sie mit ihrem Partner auf Swing-Festivals nach München, Barcelona oder Schweden. Dort findet das weltweit größte Lindy Hop Festival statt, das Herräng. Fünf Wochen dauert es.

Die Schritte werden einstudiert.

Bild: Petra Schwienbacher

Während ich noch übe, stelle ich mir vor, irgendwann auch auf so einem Festival zu tanzen. Ein lautes „Cambio“ reißt mich aus den Gedanken und holt mich wieder in den Kurs. Es ist das Zeichen, leader zu wechseln. Neuer Mann, neue Herausforderung. Jeder tanzt ein klein wenig anders und das ist auch gut so, denn jeder soll seine Individualität in den Tanz einbringen.

Wenn Zeller schlecht drauf ist, geht sie tanzen. Dann vergesse sie alles um sich herum, sagt sie. Ich kann sie gut verstehen. Der Tanz macht gute Laune und wenn man einmal anfängt, will man gar nicht mehr damit aufhören.

 

Für alle Interessierten (vor allem Männer werden gebraucht) findet im September der nächste Tanzkurs statt.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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