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Digital entgiften light – eine Anleitung

Wir starren zu oft auf den Bildschirm. Doch anstatt uns zurück in die Steinzeit zu katapultieren, sollten wir die Zeit im Netz sinnvoller nutzen. Und uns dazwischen einfach mal langweilen.

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Lizenz: CC0
Bild: Ambar Simpang, Unsplash

Wer zu lange Zeit in einen Bildschirm starrt, kriegt nicht nur irgendwann rote Augen. Sondern auch – wie im vorigen Teil beschrieben – Depressionen. Zudem kann ein zu langer und intensiver Aufenthalt in virtuellen Räumen dazu beitragen, dass man eine sehr verzerrte Wahrnehmung der Welt bekommt. Dazu später noch mehr. 

Wie aber entzieht man sich den Sirenengesängen einer heiteren, geradezu elysischen Welt, die mit Abwechslung, Spaß, Neuigkeiten, guter Laune lockt, während uns der graue Alltag nur modrigen Morgenmundgeruch, verkochte Pasta und nervige Mitmenschen zu bieten scheint? Der Tipp, das Handy einfach nicht einzuschalten oder nicht mitzunehmen, ist ebenso gut gemeint wie utopisch. Wir sind längst der „aber es könnte doch etwas Wichtiges sein“-Logik unterworfen. Ohne Handy fühlen sich die meisten von uns nackt. 

Die Zauberformel heißt denn auch nicht „zurück in die Steinzeit“, sondern „time well spent“. Dieser Slogan des ehemaligen Google-Mitarbeiters Tristan Harris gilt einer Technologie, die sich in den Dienst des Menschen stellt, statt den Menschen zu unterwerfen. Mittlerweile gibt es einige Maßnahmen, die von den Tech-Konzernen selbst eingeleitet wurden, und die Harris‘ Vorschläge teilweise umsetzen. Sogar Mark Zuckerberg hatte sich als Neujahrsvorsatz 2018 „time well spent“ auf die Fahnen geschrieben.

Wir sollten aber nicht den Fehler machen, es den Konzernen zu überlassen, an unserer Stelle zu entscheiden, wie viel Zeit im Internet gut für uns ist. Das kriegen wir auch selbst hin. 

Aber was macht man sonst, wenn grade nichts läuft? Wenn man keine Ideen mehr hat, wenn man müde ist, wenn man sich langweilt?

Klar, es ist verlockend, „nur mal eben“ auf seine Socials zu gehen. Dort ist immer etwas los. Und die Timeline ist wortwörtlich endlos – man kann sie nicht zu Ende scrollen. Zugleich befördert das stupide Weiterscrollen einen Leerlauf, der das Versprechen nach sinnvoll genutzter Zeit pulverisiert. Sicher, man muss nicht jede Minute des Tages effizient nutzen, man darf auch Pausen machen und einfach mal nichts tun, doch das Verweilen auf beispielsweise Facebook ist ein Hybrid: Weder ist man wirklich beschäftigt, noch kann man wirklich entspannen. Stattdessen verharrt man in einem Zustand der schwebenden Erwartung – gleich, gleich kommt etwas Tolles, ein unerwarteter Witz, ein Cartoon, ein Wortspiel, eine Weisheit, ein Foto, eine Katastrophe. In Wirklichkeit sind die Inhalte austauschbar und hinterlassen kaum einen bleibenden Eindruck. 

Besser wäre: bei Müdigkeit wirklich ruhen. Sich hinlegen oder, wenn das nicht geht, einen kleinen Spaziergang machen – am besten irgendwo im Grünen. Man kann auch entspannende Musik hören und die Augen schließen. Auf den eigenen Herzschlag achten, wenn auch nur für eine Minute. Danach fühlt man sich deutlich erfrischter als nach zehn Minuten auf Facebook – versprochen. 

Wer also auf der Suche nach dem zündenden Einfall ist: im Internet ist er eher nicht zu finden. Dann lieber in der Nase bohren. 

Auch kreative Ideen kommen einem nicht unbedingt dann, wenn man sich anschaut, was andere zu Mittag gegessen haben. Besser ist es, einen Gegenstand in die Hand zu nehmen – nein, nicht das Smartphone. Einen Bleistift, ein Blatt Papier, ein Taschentuch, einen Kiefernzapfen, eine Vogelfeder oder einfach nur nasse Erde. Menschen sind haptische Wesen, sie lieben es, irgendwelche Dinge anzugrabbeln – und dabei kommen sie auf Ideen. Wer also auf der Suche nach dem zündenden Einfall ist: im Internet ist er eher nicht zu finden. Dann lieber in der Nase bohren. 

Und was die Langeweile betrifft: Sie hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Erst in der Langeweile kann man sein Potenzial so richtig entfalten. Langeweile macht erfinderisch. Das weiß jede Mutter, die ihre Kinder nicht ständig mit Peppa Pig-Videos kaltstellt. 

Wir sollten lernen, uns der Langeweile auszusetzen und sie zu durchdringen. Langeweile ist gut für uns. Wo sie ständig vermieden wird, herrscht nur noch sinnloser Aktionismus, der tausend Dinge anfängt, ohne etwas zu Ende zu bringen. Denn das weiß jeder kreative Mensch: Irgendwann wird auch das vielversprechendste und abenteuerlichste Projekt langweilig. Dann kann man sein Strickzeug in die Ecke schleudern, den Wanderstock übers Knie brechen oder auf der Fahrt über den Ozean kehrtmachen – oder man zieht es durch. 

Also: nein zum Handy bei Langeweile. Nein zum Handy bei Müdigkeit. Nein zum Handy bei Ideenlosigkeit. 

Damit das klappen kann, sollte man alle Push-Benachrichtigungen auf seinem Handy deaktivieren. Das Handy sollte überhaupt so wenig blinken, piepsen oder vibrieren wie möglich. Wer Whatsapp stumm schaltet, tut seiner Konzentrationsfähigkeit einen großen Gefallen. 

Das wäre der erste Schritt. Der zweite Schritt: Das Handy gezielt nutzen. Das bedeutet, dass man genau weiß, was man will, wenn man ins Netz geht. Ich will Zeitung lesen. Ich will etwas nachschlagen. Ich will schauen, ob mein Ex neue Urlaubsfotos gepostet hat. Kurz, ich habe ein konkretes Vorhaben. 

Gut verbrachte, man könnte auch sagen, sinnvoll genutzte Zeit im Internet inkludiert, dass diese Zeit begrenzt ist. Statt sich jedes Mal, wenn sonst nichts läuft, ans Handy zu hängen, sollte man sich fixe Zeitfenster vornehmen. Und keine Angst: Wer „nur“ drei-viermal am Tag seine sozialen Netzwerke checkt, läuft nicht Gefahr, etwas Wichtiges zu versäumen.  

Leichter fällt das natürlich, wenn man nicht beruflich vor dem Computer sitzt. Denn sonst ist die Verlockung groß, während kleiner Produktivitätsflauten „mal schnell“ nachzusehen, was sich auf Instagram tut. Man kann sich auch ein Limit setzen, wie lange man maximal zum Beispiel auf Instagram oder Facebook verweilen will. Wenn man selbst keine Inhalte postet (und die meisten tun das nicht), sollte man mit wenigen Minuten am Stück genug gesehen haben. 

Man hat vielleicht das Gefühl, irgendetwas erfahren zu haben, doch in Wirklichkeit ist man desinformiert.

Der letzte Tipp: Weniger schauen, mehr lesen. 

Damit ist gemeint: Nicht einfach nur scrollen und Bilder und Überschriften an einem vorbeiziehen lassen. Man nimmt in kurzer Zeit zwar eine Unmenge an Informationen auf, doch sie bedeuten nichts. Man hat vielleicht das Gefühl, irgendetwas erfahren zu haben, doch in Wirklichkeit ist man desinformiert. 

Wer sich treiben lässt, stößt vielleicht auch auf interessante Dinge. Aber er kann sich allzu rasch verzetteln. Besser: Ich gebe mir fünf Minuten auf Facebook. Ich klicke die Links an, die mich interessieren und speichere sie für später. Nach den fünf Minuten steige ich aus. Falls ich noch Zeit habe, gehe ich auf die Seiten, die ich mir gespeichert habe. Lese die Artikel, die mich interessieren, und zwar wirklich. Von Anfang bis Ende. Und dann mache ich Schluss. 

Allerdings ist es in unserem „Informationszeitalter“ schwierig geworden, wirklich zuverlässige, seriöse und wertvolle Informationen zu erlangen. Wir werden von Falschmeldungen („Fake News“), verkürzten oder verzerrten Darstellungen und glatten Lügen geradezu überschwemmt. Wie soll man hier noch erkennen, was wirklich gut für einen ist?

Darum geht es im nächsten Artikel. 

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